30.05.2023

„Ich konnte Fellners Firma klagen, weil ich versichert war“: Raphaela Scharf über sexuelle Belästigung und was passiert, wenn man sich wehrt

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist eine Belastung. Die Angst vor Konsequenzen, wenn man sich wehrt ebenso. Raphaela Scharf hat es dennoch gemacht.
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Die Journalistin Raphaela Scharf spricht im #growrespect-Interview über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und was man beachten muss, wenn man dagegen vorgeht © Diana Kopaihora
Die Journalistin Raphaela Scharf spricht im #growrespect-Interview über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und was man beachten muss, wenn man dagegen vorgeht © Diana Kopaihora

Die Journalistin und Moderatorin Raphaela Scharf hat ein paar intensive Jahre hinter sich. Mehr oder weniger freiwillig hat sich davon auch einiges auf den Seiten diverser Tageszeitungen wiedergefunden. Nachdem sie ihrem Vorgesetzten, Wolfgang Fellner, 2019 sexuelle Belästigung vorwarf, reagierte dieser mit einer fristlosen Kündigung. Scharf klagte die Kündigung ein, Fellner reagierte mit einer Gegenklage. 

Als die Wochenzeitung “Zeit” vom folgenden Gerichtsprozess Wind bekam und über die Belästigungsvorwürfe schrieb, kam die Geschichte auch bei einigen österreichischen Medien auf die Agenda. Der Beginn einer #metoo-Debatte in Österreich? “In dieser Alpenrepublik” nicht nur verspätet, sondern auch besonders schwierig umzusetzen, findet Raphaela Scharf. 

Der Gerichtsprozess mit Wolfgang Fellner endete im Sommer 2022 mit einem Vergleich. Das Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bleibt für die Moderatorin aber auch nach diesem persönlichen Kapitel eine Angelegenheit, die sie beschäftigt. Heute arbeitet sie als freischaffende Journalistin, moderiert unter anderem auf Krone.TV und geht als Speakerin in Unternehmen, um über Gleichbehandlung und Anti-Diskriminierung am Arbeitsplatz aufzuklären.

Raphaela Scharf spricht über sexuelle Belästigung im Job. So auch im Interview für #growrespect. Sie resümiert über Grenzüberschreitungen durch den eigenen Arbeitgeber, über Machtverhältnisse und wie schnell sie ausgenutzt werden und über ihre Entscheidung, einen Anwalt zu kontaktieren. Und sie hat eine Botschaft: “Wenn du ungerecht behandelt wirst und schon auf dem Weg zur Arbeit zum Heulen anfängst, dann zeig es trotzdem auf”.


2019 hat alles begonnen. Noch bevor der Fall Fellner vs. Scharf in den Medien diskutiert wurde. Wie hast du diese erste Zeit vor der Publikmachung erlebt?

Ich habe damals sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nach dem österreichischen Gleichbehandlungsgesetz erlebt. Nach dem Pograpscher meines Vorgesetzten wurde mir endgültig klar, dass ich mir das nicht mehr gefallen lassen kann.

Ein Problem ist aber, dass wir in Österreich kaum Anlaufstellen für derartige Fälle haben. Es ist toll, dass es Einrichtungen wie die Gleichbehandlungsanwaltschaft gibt. Doch den wenigsten ist sie ein Begriff.

Ich wusste damals auch nichts davon und bin mit meinem Anliegen direkt zu meinem Betriebsrat und der Programmdirektorin gegangen. Dort wurde mir dann zu verstehen gegeben, dass ich bei gewissen Dingen mitspielen muss, wenn ich diesen Job haben möchte. Dass man doch wisse, dass der Chef besonders bei jungen Frauen ein bisschen ‘touchy’ ist. Ich solle mich doch nicht so anstellen. 

Besonders schlimm war die anschließende Eskalation. Fellner hat mich mit dem Betriebsrat und der Programmdirektorin konfrontiert, mich beschimpft und bedroht. Er meinte, dass es für mich lebensgefährlich werde, wenn ich die Sache nach außen tragen würde. Am nächsten Tag hatte ich dann die fristlose Entlassung mit Hausverbot in meinem Postfach. 

Warum hast du dich dazu entschieden, den Rechtsweg zu gehen?

Für mich war es inakzeptabel, dass ich von einem Tag auf den anderen keinen Job mehr habe, weil ich aufzeige, was intern falsch läuft. Deshalb habe ich mir einen Anwalt gesucht und bin rechtlich dagegen vorgegangen. Und es folgte eine Gegenklage. In meinem Fall hat mein Vorgesetzter mit einer Unterlassungsklage reagiert.

Was waren deine anfänglichen Sorgen, als du dich entschieden hast, gegen deinen Vorgesetzten vorzugehen? Hattest du Angst vor Konsequenzen?

Ich wollte immer Journalistin und Moderatorin werden. Schließlich bekommt man als junge, ambitionierte Moderatorin endlich so einen Job und dann kommt dieser Chef und durchkreuzt alles. Plötzlich lernt man von diesem ungeschriebenen Gesetz innerhalb des Hauses, wonach du gewisse Dinge einfach machen musst. Ansonsten bist du weg vom Fenster. Zum Beispiel wenn du nicht mit ihm essen gehst. 

Da habe ich mich in einer Zwickmühle befunden. Denn natürlich ist es nicht normal, wenn der Chef etwas sagt wie: “Du kannst sowieso Karriere machen, wenn du dich an mich hältst, aber das besprechen wir alles beim Abendessen.” Es ist auch nicht normal, dass er dir Privatnachrichten und Bilder mit Herzchen und Küsschen via Whatsapp schickt. Oder dass er nach deiner Hüfte greift und dich an sich heranzieht. Mit dem Pograpscher, stand für mich fest, dass ich es dort nicht mehr aushalten kann.

Für mich hat sich aber nicht die Frage nach Konsequenzen gestellt. Ich wusste, dass ich etwas erlebt habe, das ich melden muss. Ich wusste, dass ich in dem Moment im Recht bin. Natürlich war mir auch klar, dass er viele Menschen kennt, viel Geld hat und wahrscheinlich versuchen wird, mich zu diskreditieren. Aber in dem Moment war mir das ehrlich gesagt egal. 

Hast du deine Entscheidung an irgendeinem Punkt in den drei Jahren bereut?

Die Anfangszeit war eine sehr intensive Zeit für mich. Damals hatte ich das Gefühl, als wäre ich in ein schwarzes Loch gefallen. Ich habe mit einer Psychotherapie begonnen, wo ich unter anderem mit einer posttraumatischen Belastungsstörung diagnostiziert wurde. 

Ich hatte keine Arbeit mehr, saß zuhause herum und hatte Angst. Ich wusste ja nicht, ob dieser mächtige Mann seine Drohungen wahr macht, nachdem er mir gesagt hatte, dass es “für mich lebensgefährlich wird.” Ich hatte Zukunftsängste, aber Zweifel, ob ich die Klage zurückziehen sollte, hatte ich nie. Ich wusste, ich bin im Recht.

Was waren letztendlich die Konsequenzen für dich, nachdem der Fall bekannt wurde?

Ich denke nicht, dass diese Geschichte meiner Karriere geschadet hat. Ich habe letztendlich etwas Positives daraus gemacht. Inzwischen gehe ich als Beraterin in Unternehmen und gebe meine Expertise zu Diskriminierungsschutz, sozialer Nachhaltigkeit, Diversität und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz weiter. Zusätzlich arbeite ich gemeinsam mit einigen anderen Menschen aktuell an einer Vereinsgründung. Dieser soll eine Anlaufstelle in Fällen von sexueller Belästigung und Machtmissbrauch innerhalb der Medienbranche werden. 

Allerdings frage ich mich bei Jobabsagen manchmal schon nach den Gründen. Ich arbeite aktuell auf selbstständiger Basis und liebe meine Arbeit. Dennoch bewerbe ich mich manchmal auf Jobs mit Festanstellung. Wenn die Jobbeschreibung wie die Faust aufs Auge zu meinen Qualifikationen passt und dennoch eine Absage kommt, denke ich mir, dass manche Leute eventuell annehmen: ‘Eine Scharf ist ein bisschen schwierig. Bei der müssen wir aufpassen.’

Es kam auch schon vor, dass ich eine Absage erhielt, mit der Begründung, dass man sich für eine andere Person entschieden hat. Von Bekannten habe ich dann erfahren, dass die Stelle noch immer nicht besetzt ist. 

Was würdest du Betroffenen mitgeben, die in einer ähnlichen Situation sind wie du damals, aber Angst vor den Folgen haben?

Man muss sich immer gut beraten lassen, damit man genau weiß, was die eigenen Rechte sind und wie man gegen die Belästigung oder Diskriminierung vorgehen kann. Außerdem rate ich allen Betroffenen, das Erlebte schriftlich zu protokollieren. 

Es muss nicht immer das Worst-Case-Szenario eines Gerichtsprozesses eintreten. Wenn man das möchte, muss man sich aber darüber im Klaren sein, dass es lange dauern kann, dass es eine emotionale Belastung mit sich bringt und die Frage besteht, ob es finanziell überhaupt stemmbar ist. Ich hätte den Rechtsstreit zum Beispiel nicht einfach so durchziehen können. Zum Glück hatte ich eine Rechtsschutzversicherung, sonst wäre das nicht gegangen.

Deshalb kann ich nur jeder und jedem Betroffenen sagen: Lass es dir nicht gefallen. Auch wenn es hart ist. Wenn du ungerecht behandelt wirst, wenn du schon auf dem Arbeitsweg oder kurz vor der Eingangstür zum Heulen anfängst, dann zeig es trotzdem auf. 

Hol andere ins Boot. Denn nur wenn man sich solidarisiert und als Gemeinschaft auftritt, kann man den Täter identifizieren und dazu bringen, dass er damit aufhört. Wenn alle immer nur schweigen, machen diese Menschen weiter wie bisher. Dann wird sich nie etwas ändern.

Hast du den Eindruck, dass sich beim Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in den letzten Jahren gesellschaftlich etwas verändert hat?

Ich habe den Eindruck, dass Österreich die #metoo-Bewegung nur ein bisschen angekratzt hat. Das liegt auch an den Strukturen, die wir in dieser Alpenrepublik haben. Jeder kennt jeden, Politik und Medien sind eng verstrickt. Man fragt sich immer, ‘Wer kennt wen? Habe ich vielleicht keinen Job mehr, wenn ich darüber spreche?’. Das macht es noch einmal schwerer. Insgesamt glaube ich aber, dass sich auch durch die jüngeren Generationen ein paar Dinge zum Positiven verändern.

Dennoch ist beim Thema Gleichberechtigung noch einiges zu tun. Ich glaube, dass ich einen guten Beitrag für die Gesellschaft leiste, indem ich über diese Thematik aufkläre. Es ist wichtig, dass man immer dran bleibt und die eigenen Werte vertritt. Das werde ich auch weiterhin machen. Ich glaube, die Leute wissen, wofür ich stehe und was mich ausmacht. Wenn deshalb jemand Angst vor mir hat, dann ist das sein Problem und nicht meines.

Ich war von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche verschwunden. Dabei ist für mich die Tatenlosigkeit der Szene ein zusätzlicher Skandal. Denn die österreichische Medienlandschaft ist winzig, jeder kennt so gut wie jeden. Oft weiß man, was in manchen Medienhäusern passiert. Niemand hat sich an meine Seite gestellt und etwas gesagt. Und zunächst hat auch niemand darüber berichtet. Letztendlich war es die deutsche Zeit, durch die alles publik wurde. Dieser Artikel ist dann eingeschlagen wie eine Bombe.


Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz: Bis heute fehlt in Österreich das Wissen und die Aufklärung darüber, dass Betroffene von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz zivilrechtlich geschützt sind. Hier könnt ihr euch informieren und kostenlos beraten lassen.


Disclaimer: Mit unserer Inititative #growrespect möchten wir für die Themen Sexismus und auch sexuelle Belästigung im Arbeitsalltag sensibilisieren. Dabei wollen wir investigativen Journalismus leisten und sowohl als Informationsplattform, als auch als Austauschplattform für betroffene Personen auftreten.

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Keba-CEO Knogler: „Die Hyperscaler brauchen uns genauso wie wir sie“

Österreichs Industrie liegt bei der AI Maturity unter dem EU-Schnitt. Für Keba-CEO Christoph Knogler, der die KI-Taskforce der Industriellenvereinigung mit leitet, ist das kein Grund zur Resignation: „Verlieren ist gar keine Option.” Im Interview spricht er über digitale Souveränität, Europas Rolle als Enabler der Hyperscaler und seine Pläne mit Keba Digital.
/artikel/christoph-knogler
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/artikel/christoph-knogler
Christoph Knogler führt Keba als CEO und steht gemeinsam mit A1-CEO Thomas Arnoldner der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung vor. © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen

28 Standorte in 16 Ländern, drei Geschäftsbereiche von der Industrie- über die Handover- bis zur Energy-Automation, dazu seit Kurzem eine eigene KI-Einheit: Keba aus Linz baut Steuerungen für Maschinen und Anlagen und steckt über Trumpf mit einer Komponente in den Lithografiemaschinen von ASML. Christoph Knogler führt das Unternehmen als CEO und steht gemeinsam mit A1-CEO Thomas Arnoldner der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung vor, die bis Sommer 2027 die AI Maturity der heimischen Industrie messen und steigern soll. Der erste Befund: Österreich liegt unter dem EU-Schnitt. Warum das ein Leadership-Thema ist und kein technologisches, wieso die Hyperscaler die europäische Industrie dringender brauchen als umgekehrt – und was Industrial Intelligence von einem Hype-Begriff unterscheidet.


Die österreichische Industrie liegt bei KI unter dem EU-Schnitt – das zeigt die McKinsey-Studie „State of AI in Austria 2025″, die im Rahmen der Taskforce entstanden ist, der du vorsitzt: ein AI-Quotient von 30 gegenüber 34 im EU-Schnitt. Wie kam es zu diesem Befund?

Ein wesentlicher Aspekt unserer KI-Taskforce ist, dass wir die AI Maturity unserer Mitglieder und so auch der gesamten österreichischen Industrie quantitativ messbar machen, mit je einem Assessment zu Beginn, zur Mitte und zum Ende der Laufzeit, pro bono begleitet von McKinsey. Mit dem ersten Assessment im vergangenen Jahr hat sich die Vermutung der Industriellenvereinigung bestätigt: Wir liegen in Österreich unter dem Niveau des EU-Durchschnitts und damit auch des weltweiten Durchschnitts. Das zweite Assessment wurde nun im Juli dieses Jahres abgeschlossen, die Veröffentlichung ist für Anfang Oktober geplant. Wir sind schon gespannt, ob wir das schaffen, was wir uns vorgenommen haben – nämlich eine konsequente Steigerung der AI Maturity der österreichischen Industrie.

Warum gibt es diesen Rückstand?

Es gibt ihn sicher auch, weil es uns als Industrie schon sehr gut gegangen ist und so der Veränderungsdruck in vielen Unternehmen nicht groß genug war, KI konsequent einzusetzen. Wir haben als Industrie den Startschuss verpasst. Es gibt aber auch in Österreich Frontrunner; in der Studie sieht man etwa die Telekommunikationsunternehmen vorne. Aber im produzierenden Bereich und im Maschinenbau waren wir überrascht, dass selbst hoch innovative Unternehmen bei der Nutzung von KI im internationalen Vergleich nicht vorne mit dabei sind. Wenn man genauer hineinschaut, ist es weniger ein technologisches Thema, sondern sehr oft ein Leadership-Thema: Dort, wo die strategische Aufmerksamkeit des C-Levels ist, fließt auch die Energie hin. KI war zu Beginn oft ein IT-Thema statt ein strategisches Positionierungsthema. Das hat sich im ersten Jahr unserer Taskforce aber massiv gedreht. Andritz hat beispielsweise aufgezeigt, wie KI die Automatisierung einer Anlage so weit optimiert, dass eine Art Dark Factory vorstellbar wird; Voestalpine hat anhand umgesetzter Use Cases gezeigt, wo ganz konkrete Einsparungseffekte gehoben wurden; und Miba hat gezeigt, wie KI als übergreifendes Thema in der Unternehmensgruppe verankert wurde.

© Antje Wolm

Regeln und Ausblick

Bremst der AI Act die Industrie?

Für Branchen, in denen der AI Act tatsächlich wie ein Korsett wirkt, kann er dazu führen, dass man im Sinne des Risikomanagements sehr zurückhaltend wird. Der Ruf nach Regulatory Sandboxes ist dort laut; ich denke beispielsweise an Life Sciences und an das Bankenwesen. Bei Produktionsunternehmen und im Maschinenbau – dazu zählen wir uns als Keba – gibt es diese Einschränkungen aus eigener Erfahrung weniger. Ich habe es bisher nicht so wahrgenommen, dass der AI Act ein wesentlicher Technologie-Showstopper wäre. Deswegen plädieren wir auf Selbstwirksamkeit: nicht die Rahmenbedingungen bekämpfen, sondern sich fragen, wie man innerhalb dieser vernünftig arbeitet. Aber viel wichtiger war: mit KI losstarten, es zum Leadership-Thema machen, sich um Daten und Legacy-Systeme im Unternehmen kümmern und vor allem die Menschen auf diese Innovationsreise mitnehmen.

Die Taskforce läuft bis Sommer 2027. Was kommt danach?

Anfang 2027 werden wir entscheiden: Braucht es weiterhin eine Taskforce für KI, die Eintrittsbarrieren abbauen und zur wertschöpfenden Nutzung anregen will? Oder braucht es dann ein anderes Format? Unabhängig vom Format ist für uns wichtig, dass die bisherigen Erkenntnisse und Best Practices weitergetragen werden; da spreche ich auch für meinen Co-Vorsitzenden Thomas Arnoldner. Dazu kommt, dass sich immer mehr kleinere Industrieunternehmen mit KI beschäftigen, für die so eine Plattform hilfreich sein kann.

Was Europa in der Hand hat

Blicken wir über Österreich hinaus: Europa habe das Rennen um generative KI verloren, heißt es. Bleibt Industrial Intelligence als zweite Chance?

Ich habe dazu eine sehr klare Meinung: Die amerikanischen Unternehmen, die in diesem Rennen die Nase vorn haben, brauchen wertschöpfende Prozesse, um ihren eigenen Business Case abzusichern. Auch KI macht nur dann wirtschaftlich Sinn, wenn man sie verkaufen kann. Schaut man sich Europa an – 450 Millionen Konsumenten, eine sehr starke Industrie, im DACH-Raum besonders stark –, dann sind wir der Enabler für die Business Cases der Hyperscaler. Deswegen werden wir auch stark umworben, von genau diesen global denkenden Unternehmen. Sie brauchen dringend Anwendungsfälle für ihre KI-Modelle am Shopfloor, damit der Value Stream entsteht, der die Mega-Investitionen rechtfertigt. Bleibt der aus, wird man die laufenden Infrastruktur-Investitionen über eine kleinere Menge an Anwendern verteilen, was Tokenpreise in die Höhe treiben wird und die Anwendung somit unattraktiver macht. Auf Basis dieser Logik dürfen und müssen wir als europäische Industrie schon selbstbewusst sein.

Also ist das Rennen nicht verloren?

Was für ein Rennen? Wir müssen als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig sein, um Wertschöpfung zu generieren und unsere Sozialsysteme am Laufen zu halten. Da haben wir noch gar nichts verloren. Verlieren ist gar keine Option! Ich frage mich oft, was aus unserem Selbstbewusstsein in Europa geworden ist. Das sehe ich viel optimistischer, und Industrial Intelligence ist das Schlagwort. Aber dann kommt natürlich die Folgefrage: Wie geht es uns mit den eigenen KI-Unternehmen, mit der Infrastruktur, mit den eigenen europäischen Modellen? Da stehen wir, wie generell im Thema Software, nicht besonders gut da. Es braucht jemanden, der investiert, und jemanden, der das dann auch nutzt, bevorzugt gegenüber Infrastruktur, die vielleicht günstiger ist und anfangs mehr kann. Damit das gelingt, braucht es wohl fast so etwas wie einen Orchestrator im europäischen KI-Konzert. Klug wäre ein progressiver Impuls der EU, aber nicht als weiterer Zwang, sondern indem die Nutzung europäischer Infrastruktur, beispielsweise für die öffentliche Beschaffung, besonders attraktiv wird. Ohne einen Masterplan wird das aber schwierig; die Hyperscaler sind bestens positioniert, brauchen die europäischen Kunden und werden nicht tatenlos zusehen, wie sich Europa plötzlich verselbstständigt.

Wo hängt umgekehrt die Welt an Europa?

Wir reden viel über die Abhängigkeit von den USA, China bzw. Asien. Wir reden leider ganz wenig darüber, dass diese Regionen genauso von uns abhängig sind. Bestes KI-Beispiel: ASML. Das niederländische Unternehmen hat das Herstellen von Mikroelektronik mit einem speziellen Lithografieprozess perfektioniert, im Zusammenspiel mit zwei weiteren europäischen Playern, Trumpf und Zeiss. Wir sind als Keba stolz, dass wir für Trumpf eine Subkomponente dieser faszinierenden Maschinen beisteuern dürfen. Ohne diese gäbe es keinen KI-Chip, keine Hochleistungs-GPUs. Was wir oft nicht am Radar haben: dass wir als europäische Hightech-Unternehmen mit unseren Technologien vieles möglich machen. Allerdings finden dann die Produktion und die Wertschöpfung leider zu oft in anderen Ländern statt.

Keba ist auch Teil der Initiative Digitale Souveränität. Was heißt Souveränität für ein Unternehmen mit 28 Standorten in 16 Ländern?

Für mich war letztes Jahr in Alpbach Hermann Hauser besonders inspirierend. Er hat die digitale Souveränität mit einer Zwiebel verglichen: Die globalen Tech-Giganten sind weltweit fest in Unternehmen und Prozessen verankert; es ist unrealistisch und naiv, sie komplett aus der Gleichung zu nehmen. Und sie sind für die äußere Zwiebelschicht auch in Ordnung. Doch je näher wir ins Innere der Zwiebel vorstoßen – und das können für jedes Unternehmen andere kritische Prozesse sein –, desto stärker muss man sich bei der aktuellen geopolitischen Lage fragen, in welcher Abhängigkeit man tatsächlich steht. Wir schauen uns unsere Prozesslandschaft an und entscheiden Fall für Fall. ERP zum Beispiel wandert in die Cloud, und da stellt man sich natürlich die Frage, auf welcher Infrastruktur Kernprozesse laufen sollen. Für unser Produktportfolio haben wir entschieden, weitestgehend agnostisch ins Rennen zu gehen, also technologisch offen zu bleiben und je nach Markt und Bedarf die passende Lösung zu wählen. Keba braucht auch Antworten für unsere amerikanischen und asiatischen Kunden.

Was Industrial Intelligence wirklich heißt

Industrial Intelligence steht inzwischen in jedem Wirtschaftsprogramm, vom Bund bis zur Stadt. Was ist damit gemeint?

Ja, das stimmt, Industrial Intelligence ist momentan in aller Munde, sogar im Wirtschaftsprogramm der Stadt Linz. Ich glaube, dass es jetzt etwas braucht, das den Begriff einordenbar macht, denn er darf nicht der nächste Hype-Begriff werden. Industrial Intelligence heißt ja nicht einfach, dass die Industrie irgendwo KI anwendet – es geht darum, mit KI Industriestandards zu erfüllen. Das bedeutet, hochverlässliche, wiederholbare Prozesse zu schaffen, in denen die KI nicht einfach „irgendetwas” tut, sondern kontrolliert in einem definierten Rahmen Arbeitsschritte besser, sicherer, schneller, günstiger oder einfach anders ermöglicht, als das bisher mit normalen Rechnern möglich war. In einer industriellen Produktion muss ein Prozess auch beim tausendsten Durchlauf noch stabil, sicher und reproduzierbar funktionieren. Genau dieser Anspruch unterscheidet Industrial Intelligence von vielen anderen KI-Anwendungen, bei denen ein gewisser Spielraum in den Ergebnissen eher akzeptabel ist.

. © Antje Wolm

Viele KI-Projekte, auch von Startups, sterben nicht am Algorithmus, sondern beim Produktionsleiter. Warum?

Weil man mit Daten, die gerade verfügbar sind oder gemacht werden, schnell einmal etwas bauen kann. Wenn man aber nachhaltig in die wertschöpfenden Prozesse hineinwill, dann wird das kein Produktionsleiter zulassen, solange nicht klar ist, dass es verlässlich funktioniert. Wenn ich KI so baue, dass sie mit verlässlich verfügbaren Daten arbeitet, also mit Daten, die im System entstehen oder zugeliefert werden, und daraus ein konkreter Nutzen erzeugt wird, etwa ein effizienteres Produktionssystem oder ein besserer Qualitätsprozess, dann habe ich verstanden, was die Industrie braucht. Heute werden für nette Prototypen oft eigens Daten zusammengestellt, die im späteren Betrieb so nicht zur Verfügung stehen. Das Verständnis dafür, wie die Industrie tickt, differenziert einen Industrial-AI-Anbieter von einem regulären IT-Unternehmen. In der Industrie braucht es wahre Domänenexpertise, sonst ist man in Prozessen nicht anknüpfungsfähig und kann KI nur zum Drüberstreuen verwenden. Und das mag kein Produktionsleiter.

Wo ist KI bei Keba bereits im laufenden Betrieb im Einsatz?

Beispielsweise in der Elektronikfertigung, das heißt, in der Bestückung von Leiterplatten zu Flachbaugruppen. Wir prüfen dort seit vielen Jahren jedes einzelne Produkt am Ende der Linie mittels AOI, also Automated Optical Inspection, und gleichen es mit einem definierten Sollbild ab. Das war früher ein statischer Prozess: War die Toleranz eng eingestellt, wurde alles aussortiert, was auch nur ein bisschen anders als das Sollbild aussah, und ein Mensch musste sich die Baugruppe noch einmal genauer ansehen. Das System hat dabei nicht dazugelernt. Heute lernt unser System über Machine Learning laufend dazu. Seit wir vor eineinhalb Jahren gestartet haben, sparen wir uns mittlerweile bis zu 70 Prozent unserer Qualitätsaufwendungen in diesem Prozess. Hätten wir aber niemanden gehabt, der zwischen unserem Produktionsleiter – hochkompetent in der Produktion, aber eben kein KI- oder IT-Experte – und unserem IT-Team übersetzt hätte, dann hätte die Produktion wohl gesagt: Lasst uns mit diesem Thema besser in Frieden. Ich bin stolz, dass wir diese Übersetzer- und Katalysator-Expertise im eigenen Unternehmen aufgebaut haben. Das macht vieles leichter; und schneller.

Vom Startup zur Keba Digital

Wann war KI bei Keba erstmals Thema?

Das ist schon lange her. Bereits Anfang der 90er-Jahre haben wir drei wissenschaftliche Kollegen in Hagenberg beschäftigt, die das Thema neuronale Netze für unsere Industriesteuerungen einsetzen wollten. Nach zwei Jahren haben wir es damals allerdings wieder beendet. In der Theorie war damals schon viel möglich, aber die Rechnerleistung war noch viel zu gering. Wir waren viel zu früh.

Der zweite Impuls kam vor rund neun Jahren von meinem Vorgänger, dem damaligen CEO Gerhard Luftensteiner: Wäre es nicht sinnvoll, Machine-Learning-Technologie direkt in unseren Steuerungen Cloud-unabhängig „on device” laufen zu lassen? Daraus ist unser erstes KI-Produkt entstanden, eine „On-Device-AI”-Erweiterung für unsere Industriesteuerungen; kurz darauf unser zweites KI-Produkt namens Kebob, ein KI-basiertes Überwachungs- und Assistenzsystem für Bankfoyers. Als dann der ChatGPT-Hype kam, war KI bei uns offen gesagt gar nichts besonders Aufregendes. Wir haben eher gesagt: Das ist jetzt das nächste Level.

Ihr habt mit Keba Digital eine eigene Einheit gegründet und dafür ein Linzer KI-Startup übernommen. Wie kam es dazu?

Was wir in allen unseren Business Units sehen, in der Industrial Automation, in der Handover Automation und auch in der Energy Automation, ist, dass der große technologische Differenzierungsfaktor zunehmend in der Software liegt. Deshalb war es der nächste logische Schritt, unsere jahrzehntelang aufgebaute Softwarekompetenz mit unserer über Jahre aufgebauten und mit dem Startup-Zukauf 7LYTIX verstärkten KI-Expertise zu verbinden und das Ergebnis im Rahmen eines neuen digitalen Businessmodells unter dem Titel Keba Digital auf den Markt zu bringen. Für Keba Digital haben wir Leute mit Erfahrung in softwarebasierten Geschäftsmodellen ins Unternehmen geholt, Positionierung und Strategie gemeinsam erarbeitet und sind nun mitten in der Umsetzung.

Und wohin soll sie?

Sie wird solide auf drei Säulen stehen: Nach innen als unternehmenseigenes KI-Kompetenzcenter für Keba-Produkte und -Prozesse, mit dem Anspruch „Keba als erster Industriekunde”. Das bringt Erfahrung und Glaubwürdigkeit. Nach außen gehen wir als zweite Säule mit industrieller KI in Branchen, die wir als Keba schon kennen, wo wir bereits Domänenwissen haben; oder auch in neue, wo wir mit KI einen Mehrwert generieren werden. Die dritte Säule ist eine KI-Plattform, mit der wir die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, also HMI, ganz neu denken, hardwareunabhängig und somit hochskalierbar.

Es war vom ersten Tag an klar, dass hier etwas entsteht, das auch die drei angestammten Geschäftsbereiche nutzen können; und daher ist das in Bezug auf Industrial AI auch so authentisch: Wenn ich zu einem Industriekunden gehe und der fragt mich: „Was habt ihr denn selbst im Qualitätswesen gemacht?”, dann kann ich sagen: „Bei unserem Shopfloor laufen seit 18 Monaten KI-Modelle operativ.” So positionieren wir uns mit Keba Digital als erfahrener industrieller KI-Partner.


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