26.04.2021

„Höhle der Löwen“: Schaumdrucke, Schokocreme und Stabilität der Fotomacher

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um einsetzbare Pflanzentöpfe, palmölfreie Nusscreme und Kindergesundheit. Zudem zeigte ein Startup, wie man Motive auf Schäume druckt, während ein anderes die Stabilität von von Fotografen im Sinn hatte.
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Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Frank W. Hempel - Antonia und Alexander Cox (Foto) zeigten Inevstor Carsten Maschmeyer ihren Pottburri.
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Die ersten die sich in die Höhle der Löwen wagten – die es online auf TVNOW und immer Montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – waren die Geschwister Antonia und Alexander Cox. Beide sind mit einem grünen Daumen auf die Welt gekommen. Seit über sechzig Jahren führt ihre Familie eine Gärtnerei und auch sie haben eine große Leidenschaft für Blumen. Genervt hat die beiden aber immer wieder der Abfall, der durch Einweg-Plastikblumentöpfe entstanden ist. Deshalb haben sie Pottburri entwickelt: einen biologisch abbaubaren Blumentopf, der mit eingepflanzt werden kann. Er besteht zu großen Teilen aus Sonnenblumenschalen, die ein Abfallprodukt der Lebensmittelproduktion sind. Mirko-Organismen zersetzen den Topf unter den natürlich gegebenen Bedingungen in der Erde zu Biomasse. Am Ende soll er vollständig biologisch abgebaut sein und keinerlei Schadstoffe oder Mikroplastik in der Erde hinterlassen. Die Forderung: 150.000 Euro für 12,5 Prozent Beteiligung.

Geringe Marge

Den Pitch führte der männliche Part des Gründerpaars in einem Sonnenblumenkostüm, was gleich zu Beginn zu einer guten Stimmung unter den Investoren sorgte. Diese hielt als Alexander Cox vorführte, wie einfach die Einpflanzung mit einem Pottburri sei. Medieninvestor Georg Kofler meinte danach, wüsste man es nicht, man würde den Topf des Startups für einen aus Plastik halten. Multi-Investor Carsten Maschmeyer strich nach Nachfrage heraus, dass der Topf in den b2b-Bereich gehöre. Dies bestätigten die Gründer und erklärten, dass sie ihr Produkt für 28 Cent das Stück an den Profigartenbau – allerdings bei rund 21 Cent Produktionskosten – verkaufen würden. Dies traf die Löwen – allerdings bloß kurz.

Potburri, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Frank W. Hempel – Antonia und Alexander Cox aus Straelen präsentierten mit „Pottburri“ einen Pflanzentopf aus Sonnenblumenschalen zum Eingraben.

Die Investoren erfuhren von bisher eine Million verkauften Stück, was einen Umsatz von 280.000 Euro ergab. Man rechne mit einem Umsatz von 20 Millionen Euro in drei Jahren. Diese Behauptung unterlegte Alexander Cox mit Zahlen: Er plane in den nächsten drei Jahren 2,7 bis drei Prozent des gesamten Marktes abzugreifen. Und das mithilfe eines Löwen, der sie in den Handel bringen solle, um den Endkunden zu erreichen. Danach stieg Kofler als selbsternannter Pflanzen-Amateur, aber mit Lob, aus.

Die Power der Löwen

Klug war, dass die Gründer herausstrichen, dass es „etwas anderes wäre, wenn ein Löwe in Verhandlungen mit dabei säße“, als wenn nur seine Schwester und er es täten. Man bräuchte starke Überzeugungs-Power. Nach dieser Aussage stand Maschmeyer auf und gesellte sich zu Konzernchef Nils Glagau. Währenddessen stieg Beauty-Queen Judith Williams aus – oder besser gesprochen, war kurz davor zu gehen, als sie der Gründer unterbrach. Und euphorisch meinte, mit ihr und ihrem Gesicht könnte man Frische in einen veralteten Markt bringen. Die Investorin blieb aber dabei, und verabschiedete sich, da sie kein Netzwerk in dem Gartenbereich habe.

Abhängigkeiten

Ein kleiner Dorn im Argumentationsfleisch der Gründer wurde die Erkenntnis, dass sich Potburri in einer Abhängigkeit von einem Entwicklungspartner befand, der ein weltweites Patent auf die Töpfe habe. Spannend wurde es, als Alexander Cox erklärte, dass sie sich (zum Zeitpunkt der Aufzeichnung) in Verhandlungen um eine Verlängerung der Exklusivitätsrechte mit ihrem Partner befänden.

Darauf schüttelte Maschmeyer wieder im Stuhl sitzend in Richtung Glagau den Kopf. Und ein sicher geglaubtes Angebot drohte zu platzen. In der Zwischenzeit hatte Handelsexperte Ralf Dümmel das Gespräch übernommen und gab einen Ratschlag, dass man nicht ständig verhandeln dürfe, sondern den Topf-Entwickler „committen“ sollte, indem man Umsatzziele vertraglich regele – und sich bei Erreichen jener die exklusiven Nutzungsrechte automatisch verlängern.

„Ein Hammer“, aber…

Mit dem Wort „sensationell“ schaltete sich Maschmeyer wieder ein. Die Nachhaltigkeit wäre gut, jedoch die Abhängigkeit weniger. Er stieg daher aus. Glagau sah es nicht ganz so streng, fand den Topf „Hammer“, ging aber dennoch ohne Angebot. Er sei in dieser Welt nicht beheimatet.

Die guten schlechten Nachrichten aus der „Höhle der Löwen“

Dümmel hingegen meinte, er habe schlechte Nachrichten für das Gründer-Duo. Es würde ganz viel Arbeit auf sie warten, wenn sie nur wollen würden. Er bot 150.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung. Nach einer kurzen Beratungsrunde und eigentlich ohne Zweifel sagten die Beiden zu. Deal für Potburri.

Fünf Jahre Bewerbung zahlt sich aus

Die zweite in der Höhle der Löwen war Ebru Erkunt, die es seit fünf Jahren Bewerbung dieses Mal in die Show geschafft hatte. Die Zeit vor der Einladung in die Löwenhöhle hat die Gründerin genutzt, um an ihrem Produkt zu arbeiten. Sie präsentierte ihre HaselHerz-Welt: eine Nuss-Nougat-Creme in Bio-Qualität ohne Palmöl und Industriezucker. Ihre Aufstriche gibt es in drei Sorten und auch zwei verschiedene Schokoriegel sind in ihrem Sortiment. Sie forderte 80.000 Euro für 20 Prozent Anteile.

Höhle der Löwen, haselherz, haselHerz
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Ebru Erkunt hat mit Haselherz Aufstriche für Nussliebhaber entwickelt, die auf Palmöl verzichten wollen.

Die äußerst gerührte Gründerin zeigte offen ihre Freude und weckte besonders jene von Williams, als sie all ihre süßen Produkte vorstellte. Und umgarnte die restlichen Investoren mit ihrem Charme. Dann kam die Kostprobe. Maschmeyer und Kofler meinten, im Vergleich zum Marktführer, würde HaselHerz etwas herber schmecken. Der Multi-Investor sagte aber zugleich, dass es ja mehrere Geschmäcker gebe, während sein Südtiroler Sitznachbar glaubte, die Produkte seien etwas pointierter und in Konkurrenz zum üblichen Verdächtigen der Branche weniger massentauglich.

Umsatz gesunken

Erkunt konterte mit der neuen, bewussten Zielgruppe, die auf Dinge wie weniger Zucker und dergleichen achten würden. Allerdings erklärte die Gründerin danach, dass sie aktuell bei 43.000 Euro Umsatz liegen würde, das Jahr davor aber bereits 83.000 Euro erreicht hatte.

Erste Absagen

Erkunt erklärte, dass sie Probleme mit einem Produzenten gehabt habe, der ihre bestellten Waren nicht geliefert hatte. Danach nannte Williams die Pitcherin resilient. Maschmeyer hingegen stieg aus. Glagau sah beim Preis (über fünf Euro für ein Gläschen) ein Problem. Und ging auch ohne Angebot.

Die Gründerin gab nicht auf, hielt einen kleinen Monolog über ihre Widerstandsfähigkeit und ihr, bis zum Einbruch, organisches Wachstum. Dies lockte Kofler lobende Worte hervor. Er habe jedoch zu großen Respekt vor der Schokoladen-Branche. Ein Löwe weniger.

Doch noch ein Angebot für HaselHerz

Dümmel und Williams zogen sich anschließend zur stillen Besprechung zurück. Williams zeigte nach dem Treff großen Respekt vor der Gründerin, meinte aber, sie wäre die Falsche für HaselHerz. Dümmel ging als Letzter in den Bewunderungs-Modus über, meinte, dass man an einigen Dingen schrauben müsse und bot 80.000 Euro für 25 Prozent. Deal für HaselHerz.

Startup-Gründung als Lichtblick einer schweren Zeit

Die nächsten in der Höhle der Löwen waren Angelo und Sandro Torcia. Die beiden Brüder sind die Gründer von Coffee Colorato. 2017 hatte Angelo die Idee Getränke als Marketing-Tool zu nutzen. Doch dann verstarb die Mutter der beiden mit 49 Jahren an Krebs. Der Schicksalsschlag hat die Brüder zusammengeschweißt. Der Lichtblick in dieser Zeit war die Gründung ihres Startups, wie sie sagten.

Bilder auf Kaffeeschaum drucken

Nach über vier Jahren Entwicklungsarbeit später präsentierten sie den Löwen ihren speziellen Kaffeedrucker für personalisierte Getränke. Die Technologie ermöglicht es jedes Motiv – ob Logo, Foto oder Schriftzug auf den vorgefertigten Kaffee zu drucken. Die Patronen sind gefüllt mit geschmacksneutraler Lebensmittelfarbe, womit jede schaumige Oberfläche individuell gestaltet werden kann. In ihrem Portfolio gibt es einen stationären Drucker namens „Coloranino“ sowie mit dem „Cignature“ eine mobile Variante, an die man per App Bilder senden kann. Zu ihrer Zielgruppe gehören Gastronomiebetriebe, Cateringfirmen, Hotels oder sogar Autohäuser. Für neue Produktentwicklungen sowie Marketing- und Vertriebsaktivitäten benötigten die Gründer-Brüder 175.000 Euro und boten 15 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Höhle der Löwen Coffee Colorato
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Angelo und Sandro Torcia stellten mit Coffee Colorato einen Getränkedrucker vor, mit dem man Kaffee- oder Bierschaum mit gewünschten Motiven bedrucken kann.

Bei der Vorführung im Studio beeindruckte das Founder-Duo mit einem live-gedruckten Kaffee, der den Schrifzug „Deal?“ auf der schaumigen Oberfläche trug. In einer anderen Tasse sah man das Gesicht von Familien-Investorin Dagmar Wöhrl.

Hoher Umsatz überzeugt „Höhle der Löwen“-Juroren

Kofler wollte für den Kaffeeverkäufer den Mehrwert wissen und erhielt als Antwort, dass Kunden heutzutage alles über Social Media teilen und somit Gratis-Werbung machen würden. Den Preis für die mobile Variante von 999 Euro und für die große Version 1.999 Euro empfanden die Löwen zuerst als zu hoch, hörten dann aber von einem Umsatz von 510.000 Euro in knapp 18 Monaten am Markt, bloß mit dem „Coloranino“.

„Marry me“ überzeugt

Kofler stieg dennoch als erster aus, er respektierte die Zahlen, glaubte aber, dass es schwer wäre zu wachsen. Die Gründer erzählten danach von einem Tiramisu und einem Wackel-Pudding, die sie beide bedruckt hatten. Und so Heiratenden auch als mögliche Zielgruppen innehätten. Darauf ging auch Glagau, als sich Wöhrl und Maschmeyer zur Beratung zurückzogen. Dümmel war bereits davor ohne Angebot gegangen. Maschmeyer ließ sich noch einmal bedienen und wollte von den Gründern einen weiteren Druck gezeigt bekommen. Nachdem er und die Löwin Wöhrl im Studio „marry me“ im Kaffee lasen, boten beide insgesamt 175.000 Euro für 25 Prozent Anteile. Deal für Coffee Colorato.

Der älteste Gründer der „Höhle der Löwen“

Der vorletzte in der „Höhle der Löwen“ war der 83-jährige Fotograf Gert Wagner. Der Filmemacher hat im Auftrag internationaler Marken und Magazine die ganze Welt bereist. „Eine Grundvoraussetzung für ein gelungenes Foto ist, dass es scharf ist“, erklärte der Erfinder des flexiblen Autofokus. Diese Technik findet sich heute in allen Kameras und Smartphones wieder. Doch das ist nicht die einzige Erfindung des 83-Jährigen. Gemeinsam mit seinem Sohn Tobias gründete er 2016 die Firma Swift Design, und sie entwickelten verschiedene Gadgets für Filmemacher und Fotografen.

Steadify
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Gert (l.) und Tobias Wagner haben mit Steadify_einen Kamerastabilisator für Film und Fotografie entwickelt.

Jetzt präsentieren der älteste Gründer in der Geschichte von „Die Höhle der Löwen“ und sein Spross ihren Kamerastabilisator Steadify. Ein übliches Stativ ist schwer und umständlich in der Handhabung. „Ehe man es aufgebaut hat, ist manch goldener Moment schon vorbei und dann funktioniert es auch nur auf festem Untergrund. Von all diesen Nachteilen wollten wir uns nicht mehr plagen lassen und haben eine Lösung entwickelt“, führte Tobias Wagner aus. Steadify – ein Stabilisator im Taschenformat – ist mit dem Gurt an der Hüfte anzulegen. Damit soll die Kamera stabil bleiben und scharfe Fotos und weiche Videoschwenks bei voller Beweglichkeit und viel Raum ermöglichen. Um ihr Produkt auf dem Markt zu etablieren, benötigten Vater und Sohn ein Investment von 350.000 Euro für 20 Prozent der Firmenanteile.

Kein Geld mehr…

Nach dem Pitch testete Hobby-Fotografin Wöhrl Steadify und zeige sich zufrieden mit der Handhabung. Bisher wurden innerhalb von eineinhalb Jahren am Markt rund 6.000 Stück verkauft. Nach einer Kickstarter-Kampagne wurde allerdings bei 200.000 US-Dollar an Einnahmen kaum etwas an den Kunden gebracht. Ein Werbepartner hatte einige Vorleistungen erbracht und ihnen eine „dicke Rechnung“ präsentiert. Zudem hatten sie bei ihrem chinesischen Produktionspartner bei 1.500 verkauften Stativen insgesamt 5.000 Stück bestellt. Das Problem sei jetzt der große Warenbestand bei sehr wenig Geld fürs Marketing.

Keine Zahlen, kein Investor

Da die Gründer keine genauen Umsatzzahlen nennen konnten, stieg Maschmeyer aus. Jene erklärten danach ihre Pläne für eine riesige Marketing-Kampagne. Was aber wenig half. Nico Rosberg meinte, er habe kein komplettes Vertrauen im betriebswirtschaftlichen Bereich der beiden Gründer. Dümmel hob das Produkt als sinnvoll und neuartig hervor, die Zielgruppe des Startups wäre jedenfalls nicht die seine. Auch er war weg.

Wöhrl sagte, dass es noch zu viele offenen Fragen gebe. Sie würde Kundin werden, aber wollte nicht investieren. Auch Williams strich die Wichtigkeit von Zahlen hervor, möchte man Investoren begeistern und blieb auch ohne Angebot. Kein Deal für Steadify.

Meditations-App für Kinder in der „Höhle der Löwen“

Die letzten auf der „Höhle der Löwen“-Bühne waren Jean Ochel, Ideengeber von Aumio, und seine Freunde Simon Senkl, Felix Noller und Tilman Wiewinner (30). Laut aktueller Studien zeigen rund ein Viertel aller Kinder psychische Auffälligkeiten. Das sind etwa sechs Kinder pro Schulklasse und in der Corona-Krise ist diese Zahl noch mal gestiegen. Leider bekommen aber nur die wenigsten Unterstützung, um mit Stress, Ängsten und Schlafproblemen umzugehen, wissen die Gründer. Daher haben sie eine App zur Entspannung und Meditation für Kinder entwickelt.

Spielerisch lernen

„Mit Aumio lernen Kinder in spielerischen Geschichten, Übungen und Meditationen, wie sie mit mentalen Herausforderungen umgehen können“, erklärte Jean Ochel. Es gibt verschiedene Kurse und Hörspiele, die speziell zur Linderung von Symptomen von ADHS, Einschlafproblemen oder Angstzuständen entwickelt wurden. Alle Kurse und Übungen basieren auf wissenschaftlich fundierten Methoden, die so auch in der Psychotherapie verwendet werden. Damit in Zukunft Kinderärzte und -therapeuten die App auf Rezept verschreiben können, soll die App auch als Medizinprodukt zertifiziert werden. Aumio ist eine Weltraumfigur, die erscheint, sobald die App gestartet wird. Ein Kurs besteht aus einer Reihe an Übungen, die zwischen fünf und sieben Minuten lang ist. Das Angebot: 150.000 Euro für zehn Prozent der Firmenanteile.

Aumio, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – V.l.: Felix Noller, Jean Ochel, Tilman Wiewinner und Simon Senkl sind die Entwickelr von Aumio, einem digitalen Coach für Kinder mit psychischen Problemen.

Die Löwen machten mit den Gründern nach dem Pitch eine kurze Achtsamkeitsübung, die ein wenig an eine Fantasiereise aus Schulzeiten erinnerte. Glagau komplimentierte anschließend das Founder-Team und die sanfte Alternative im Vergleich zu Medikamenten für Kinder, wie früher Ritalin. Bei Aumio handelt es sich um ein Freemium-Modell, mit möglichem Monats-Abo um zehn bis 15 Euro pro Monat.

Als Medizinprodukt zertifizieren

Die Gründer betonten nochmal, dass sie kurz davor wären, ihre Medizinzertifizierung abzuschließen. In Deutschland gebe es eine gesetzliche Änderung, die den Namen „digitales Versorgungsgesetz“ trägt. Das erlaube Medizinern „Apps“ zu verschreiben. Nach dieser Info gesellte sich Glagau zu Maschmeyer, wurde aber auch von Wöhrl interessiert angesprochen.

Ein, zwei oder drei…?

Kofler lobte die Idee, meinte aber das Thema wäre außerhalb seines Investment-Horizonts. Er ging ohne Angebot. Dümmel zeigte sich vom Thema berührt und hielt einen Monolog darüber, wie sehr er seine vorab gegen Apps kritische Gefühlslage im Lauf des Pitches geändert habe. Währenddessen lief Wöhrl zwischen den Löwen herum und wollte ein Investoren-Triumvirat schaffen. Während Maschmeyer Interesse signalisierte, meinte Glagau, drei Löwen wären im zu viel. Er würde es auch alleine machen.

Ein Doppel-Angebot

Nachdem Dümmel weg war, eröffnete Glagau das Finale. Der Löwe pitchte und stellte seine Fähigkeiten als Investor vor. Er betonte, er würde es alleine machen, würde aber auch mit Maschmeyer kooperieren, der ihnen die Brücke in die USA schlagen würde. Jener meinte, drei Leute wären tatsächlich zu viel und schlug mit Glagau folgenden Deal vor: 150.000 Euro für 20 Prozent. Wöhrl ließ es dann bleiben.

Das Gegenangebot

Nach der Beratung kamen die Gründer mit einem Gegenangebot zurück. Sie würden für die genannte Summe zwölf Prozent Anteile abgeben. Glagau, der sich kompromisslos gezeigt hatte, würde bei diesem Vorschlag nicht mitmachen. Maschmeyer bediente sich diverser Metaphern, was das Wachsen des Startups betraf und bat die Gründer sich nochmal zu beraten.

Löwen bessern nach

Jene kehrten erneut zurück und lehnten wieder ab. Daraufhin gab es doch Bewegung aufseiten der Investoren. Sie erhöhten für 20 Prozent Beteiligung auf 200.000 Euro. Während der dritten Beratung schaltete sich Wöhrl wieder ein und schlug Maschmeyer vor, dass sie fünf Prozent Anteile kaufen würde, während der Multi-Investor seine zehn haben könnte. Vorausgesetzt die Gründer würden sich in dieser Hinsicht gesprächsbereit zeigen. Die Gründer lehnten Glagau und Maschmeyer ab. Daraufhin fragte die Familien-Investorin nach, ob ihre Idee von 15 Prozent möglich wäre. Auch das wurde abgelehnt, was Maschmeyer aussteigen ließ. Kein Deal für Aumio.

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

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