09.05.2022

„Höhle der Löwen“: Österreichisches Startup bekommt Geld geschenkt

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" gab es märchenhaftes Superdfood, Musik für blinde Personen und Hunde-Marmelade. Zudem fiel ein österreichisches Startup besonders auf.
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Höhle der Löwen, Netzbeweis, Hass im Netz,
(c) RTL/Bernd-Michael Maurer -(v.l.n.r.) Michael Lanzinger, Katharina Bisset, Philipp Omenitsch und Thomas Schreiber können mit Netzbeweis rechtswirksame Screenshots gegen Hass im Netz generieren.

Die ersten in der „Höhle der Löwen“ waren Stefan Sube und Frederik Podzuweit. Sie haben ein Audiogerät entwickelt, mit dem gehörlose Menschen in der Lage sind, Musik wahrzunehmen: deep.one.

Deep.one in der „Höhle der Löwen“

„Dafür muss man Musik in starke Vibration übersetzen. Besonders wichtig ist es, wo sie sich am Körper befindet. Nämlich am Nacken und im Brustmuskel“, erklärten sie ihr Produkt. Gemeinsam baute das Founder-Duo einen inzwischen serienfähigen Prototyp, der den Bass fühlbar macht.

Dafür wird der Tieftonanteil eines Audiosignals auf Vibration-Pads im Nacken und auf der Brust überspielt. Per Bluetooth ist deep.one dann mit einem Ausgabegerät gekoppelt.

Höhle der Löwen, deep.one, Gehörlose, Musk für Gehörlose, Musik für taube
(c) RTL/Bernd-Michael Maurer – V.l.: Stefan Mittnik, Frederik Podzuweit und Stefan Sube präsentierten mit deep.one einen werablen Subwoofer.

Neben gehörlosen Menschen haben die Gründer auch weitere Zielgruppen im Auge: „Gerade für Gamer ist der deep.one ein tolles Device, denn sie können so noch tiefer in ihre Spielwelt eintauchen. Das Gleiche gilt fürs Filme schauen“, strich Sube hervor.

Um den Entertainment-Markt zu erobern, benötigten die drei Gründer ein Investment von 200.000 Euro und boten dafür zehn Prozent Firmenanteile.

Ein Löwe ist anders…

Nach dem Pitch war Judith Williams hin und weg von dem Gerät, Carsten Maschmeyer meinte, man würde von 2D auf 3D wechseln und Musik spüren. Auch Ralf Dümmel zeigte sich hoch beeindruckt und dachte bereits an den Gaming-Markt. Nico Rosberg legte gar eine Tanzeinlage ein und nannte deep.one sensationell. Am Ende meinte jedoch Wunsch-Investor Georg Kofler, dass er gar nicht so „geflasht“ sei, wie seine Kollegen. Ließ sich aber überzeugen, dass es besonders für Gamer eine Weiterentwicklung des Spiel-Erlebnisses sei.

Nach einer kurzen lauten Gedankenwelt bot der Südtiroler 200.000 Euro für 25 Prozent. Dies war den Gründern zu viel und sie schlugen 16 Prozent vor. Kofler allerdings blieb bei seiner Forderung. Die Gründer gaben sich einen Ruck. Deal für deep.one.

Hundemarmelade für die Löwen

Als nächstes schritt Stevi Page mit ihrer Dalmatiner-Hündin Schnücks in die „Höhle der Löwen“. Sie möchte mit ihrer Hundemarmelade Menschen und Hunde noch viel näher zusammenbringen. Als vor zwei Jahren ihr Hund Quintus verstarb, verließ die Marketing-Expertin und Grafikerin die Lebensfreude.

Dann allerdings zog Welpe Schnücks ein und ist seitdem nicht mehr aus dem Leben der Gründerin und ihrem Mann wegzudenken. Ihre Produkte sind deswegen die logische Konsequenz aus dieser neuen Beziehung, wie sie sagt.

Höhle der Löwen
(c) RTL/Bernd-Michael Maurer – Stevi Page hat mit Stevi & Schnück´s Frühstück für Hunde entwickelt.

„Ich habe das Frühstück für den Hund erfunden. Mit Kaffee, Brot und Marmelade“, erklärte sie beim Auftritt im TV. Beim gemeinsamen Erdbeermarmelade-Einkochen vor zwei Jahren fiel der Founderin auf, dass sie diesen süßen Brotaufstrich mit Zucker nicht mit ihrem Hund teilen kann. Deshalb die Idee zur Hundemarmelade.

Einhorn & Bratwurst

Sie entwickelte Rezeptur, Design und Marke für ihre Produkte, dabei war ihr besonders wichtig, dass es gesund und ökologisch ist. Stevi & Schnücks Hundemarmelade gibt es in vier Sorten (Einhorn, Bratwurst, Weißwurst & Liebe) und sie kommt ohne Zucker, Salz oder Konservierungsstoffe aus.

Neben der Marmelade bietet Page zudem eine glutenfreie Hundebrotbackmischung im Glas und den Instant-Hundekaffee „Wau Cino“, „Latte Wuffiato“ oder „Chai Bello“ aus Fleischknochenmehl und gemahlenem Kürbis an. Für ihre Produktion benötigte sie neben einem Investment von 60.000 Euro einen Löwen mit Verhandlungsgeschick und Netzwerk. Dafür bot sie 20 Prozent ihrer noch zu gründenden Firma.

Da die Gründerin meinte, auch Menschen könnten das Futter essen, kosteten die Löwen und zeigten sich wenig begeistert. Kofler hatte zudem ein Problem mit der Vermenschlichung des Hundes. Auch der Rest wollte sich nicht in den Tierfuttermarkt wagen. Kein Deal für Stevi & Schnücks.

Netzbeweis aus Wien in der Startup-Show

Die nächsten in der „Höhle der Löwen“ waren die Rechtsanwält:innen Katharina Bisset, Michael Lanzinger sowie die Techniker Philipp Omenitsch und Thomas Schreiber. Die vier Österreicher wollen Hass im Netz gerichtlich keine Chance geben.

So ziemlich jeder ist heutzutage auf den Social-Media-Kanälen unterwegs, jedoch gibt es dabei einen Makel: „Hasskommentare sind die dunkle Seite des Internets. Wir stehen vor dem Problem, dass Leute in einem vermeintlich anonymen Raum Dinge schreiben und posten, die sie in der Realität niemals schreiben oder sagen würden“, warnten die Juristen.

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(c) RTL/Bernd-Michael Maurer – Michael Lanzinger (l.), Katharina Bisset, Philipp Omenitsch und Thomas Schreiber haben einen merkwürdigen Auftritt in der Löwenhöhle hingelegt.

Die aktuellen Beispiele aus dem Web, die die Gründer:innen dafür mitgebracht haben, zeigten sich erschreckend: Hasskommentare, Cybermobbing und darüber hinaus. Der Hass im Netz sei allgegenwärtig.

Ein Viertel der User erlebt Hass im Netz

„Rund ein Viertel der Internetnutzer waren Hass bereits einmal ausgesetzt“, erklärte Omenitsch. „Das hat schlimme Folgen: Es kann Schlafstörungen auslösen, bis hin zu dem Gedanken, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.“

Betroffene würden regelmäßig die Anwälte konsultieren, jedoch: „In der Praxis haben wir ein Beweisproblem“, erklärte Bisset. „“Sie kommen mit Screenshots, auf denen z.B. nicht die ganze Konversation zu sehen ist. Oder auch nicht, wann und wo diese rechtswidrigen Postings getätigt wurden. Aber das sind oft genau die wichtigen Informationen, die wir vor Gericht brauchen, um Beweise durchzusetzen.“

Als Konsequenz kommen die Täter häufig davon. Und genau hier setzt ihr Startup NetzBeweis an, denn die Software sichert Beweise von Hass im Netz, die somit leichter vor der Polizei oder dem Gericht durchgesetzt werden können. Alles, was der oder die Betroffene dafür tun muss, ist den Link des zu meldenden Posts zu kopieren und auf der Website einzufügen.

Alle relevanten Infos

NetzBeweis generiert einen Screenshot, der in einem Bericht mit weiteren rechtlichen relevanten Informationen festgehalten wird und per Mail an den User geht. „Das Dokument ist elektronisch signiert und kann deswegen im Nachhinein nicht verändert werden“, erklärt Thomas. Für ihr Unternehmen benötigten die Gründer ein Investment von 90.000 Euro für 15 Prozent Firmenanteile.

„Stirb du fette Sau“

Während dem Pitch wurde Williams gebeten, ein paar der realen Hasskommentare vorzulesen, um einen Eindruck zu vermitteln, worum es den Gründern geht. „Stirb du fette Sau“, „So wie du rumläufst, willst du doch begrapscht werden“, „Kann der Alten nicht wer in den Kopf schießen?“, „Ich bin dafür, die Gaskammern zu eröffnen und die Brut wieder reinzustecken“ waren einige der Zeilen, die User tatsächlich im Netz geschrieben haben.

Für die Löw:innen wurde bei allem Lob und Zustimmung zum Problem, dass die vier Founder:innen meinten, dass sie weiterhin Anwälte bleiben würden, selbst, wenn Netzbeweis erfolgreich werden würde. Als mit Nils Glagau sich der vierte Löwe zu verabschieden drohte, nahm ihn Maschmeyer mit nach hinten zur Beratung.

Danach meinte jener, Netzbeweis wäre zwar kein Investment-Case für VCs, aber wenn man nur einen Suizid oder eine Depression verhindern könnte, wäre das lohnend. Deshalb überreichte er den Wienern gemeinsam mit Glaugau einen Scheck über 90.000 Euro für 15 Prozent. Danach spendete Rosberg 10.000 Euro. Deal für Netzbeweis.

Uready in der Löwenhöhle

Es folgt der gelernte Industriemechaniker Oguzhan Albayrak in der „Höhle der Löwen“. Er ist leidenschaftlicher Sportler und wurde u.a. in der Saison 1997/98 als Running Back im American Football Meister. Außerdem entwickelt und tüftelt der 44-Jährige gerne.

„Ich bin mit einem Erfindergeist gesegnet. Ich habe eine enorme Fantasie, und dank meiner sportlichen Erfahrung und technischen Ausbildung kann ich innovative Produkte auf den Markt bringen“, sagte er. Ein Beispiel: das Lauf-E-Trike uready.

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(c) RTL/Bernd-Michael Maurer – Oguzhan Albayrak zeigte in der „Höhle der Löwen“ mit uready seine Version eines Lauf-E-Bike-Hybrids her.

„Vor der Geburt meines Sohnes 2020 habe ich etwas zugelegt“, gestand Albayrak den Löwen. Um wieder fitter zu werden, begann er wieder zu laufen. „Aber wieder ins Training zukommen war schwer, und nach kurzer Zeit haben mir die Gelenke und Sehnen weh getan. Und wenn das schon mir als Sportler so geht, wie geht es dann erst untrainierten Menschen?“, fragte er sich.

Mehr Spaß beim Joggen

Als Erfinder wollte er deshalb das monotone Joggen etwas leichter und zugleich spannender, abwechslungsreicher und schneller machen. Das Trainings-Trike für Profis und Anfänger kombiniert eine Laufhilfe mit dem Spaß der E-Mobilität, wie der Gründer erklärte. Das Dreirad bietet mit einer Abstützfläche für die Unterarme die Möglichkeit, das eigene Gewicht um bis zu 50 Prozent zu reduzieren. Die Gelenke werden weniger belastet, das Laufen und vor allem das Beschleunigen fällt leichter, sodass eine längere Laufzeit im aeroben Bereich erzielt werden kann.

Durch die Trittvorrichtung am unteren Rahmen ist es zudem möglich, sich etwas breitbeiniger auf das Bike zu stellen und dank des eingebauten, elektrischen Motors am Vorderrad bis zu 20 km/h schnell zu fahren. Um sein Startup erfolgreich ins Ziel zu bringen, benötigte der Gründer ein Investment von 200.000 Euro und bot dafür 20 Prozent Firmenanteile.

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Albayrak lud nach seiner Vorstellung Rosberg und Glagau vor dem Studio dazu ein, sein Gerät zu testen. Danach gab es unterschiedliche Meinungen. Das Fahren machte dem Formel 1 Weltmeister sichtlich Spaß, Glagau hingegen fühlte sich beim Laufen extrem unwohl.

Danach stiegen die Löw:innen nacheinander aus. Einerseits, weil das Sportgerät zu teuer sei (5.000 Euro), andererseits, weil sie keine richtige Zielgruppe erkennen konnten. Kein Deal für uready.

Hans Ranke: Ein Hülesnfrucht-Fertiggericht

Am Ende betrat Torsten Schuh die „Höhle der Löwen“. Der ehemalige BWL-Masterstudent hat sich bei seiner Idee von dem Märchen „Hans und die Bohnenranke“ inspirieren lassen.

„In der Geschichte geht es um den armen Hans, der seinen letzten Besitz gegen fünf magische Hülsenfrüchte tauscht, wodurch er ins Land der Riesen gelangt und sich sein Leben grundsätzlich ändert“, erklärte er den Löwen. Mit Hans Ranke will der Founder seine ganz eigene Variation des Märchens schreiben, denn auch in seinem Leben spielen Hülsenfrüchte eine große Rolle.

„Ich bin Flexitarier, d.h. ich verzichte nach Möglichkeit auf Fleisch. Um meinen Eiweißbedarf decken zu können, greife ich gerne auf rote Linsen und Kichererbsen zurück. Denn beide haben märchenhafte Eigenschaften: Sie bieten einen hohen Anteil an pflanzlichen Proteinen und versorgen den Körper zudem mit Eisen und Magnesium.“

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(c) RTL/Bernd-Michael Maurer – Torsten Schuh und sein Startup Hans Ranke produzieren ein Fertiggericht aus Hülsenfrüchten.

Da aber die Zubereitung von „Superfood“ viel Zeit in Anspruch nimmt, entwickelte er mit Hans Ranke ein Fertiggericht. Die Basis bietet Couscous, der aus roten Linsen und Kichererbsen hergestellt wird. Hinzu kommen ins Glas große getrocknete Gemüsestücke aus biologischem Anbau und ausgewählte Gewürze. In der Sendung stellte er drei Sorten vor: Steinpilz-Chili, Mediterran und Curry-Mango.

Zwei kämpfende Löwen

Die Mahlzeit kann direkt im Glas zubereitet werden, wie Schuh zeigte: „Deckel aufdrehen, 275 ml heißes Wasser zugeben, kräftig umrühren, drei Minuten quellen lassen. Um sich mit seinem Produkt auf den Markt der Handelsriesen zu wagen, benötigte er Kapital in Höhe von 75.000 Euro. Dafür bot er 20 Prozent Unternehmensanteile.

Mit dieser Forderung zeigte sich Glagau zufrieden – auch Dümmel wollte zur selben Bewertung einsteigen. Daraufhin versprach Glagau 4.000 Filialen, in denen er Hans Ranke hineinbringt. Er würde bis dahin nur zehn Prozent nehmen, erst dann den Rest der Anteile. Dümmel zog erneut nach. Und bekam den Deal.

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(V.l.) Manuela Mohr-Zydek (Salesforce Österreich) und Isabella Tomás (Open Austria) in San Francisco. © brutkasten

Zwei Perspektiven, ein Hotspot: San Francisco. Isabella Tomás sitzt seit vier Jahren an der Schnittstelle zwischen Österreich und dem Silicon Valley. Als Konsulin und Co-Direktorin von Open Austria leitet sie das gemeinsam von Außenministerium (BMEIA) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO) betriebene Außenwirtschafts- und Innovationsbüro und vernetzt heimische Gründerinnen, Gründer und Unternehmen mit dem wohl dichtesten Innovationsökosystem der Welt. Manuela Mohr-Zydek blickt aus der Unternehmensperspektive darauf: Seit eineinhalb Jahren verantwortet sie als Country Leaderin das Österreich-Geschäft von Salesforce und begleitet heimische Betriebe dabei, den Schritt von der digitalen Transformation zur produktiven Skalierung autonomer KI-Agenten zu schaffen.

Im exklusiven Gespräch mit brutkasten ziehen die beiden Bilanz: Wie steht es um Österreich in Sachen KI-Anwendung? Was können heimische Unternehmen von der Risikobereitschaft und Umsetzungskraft des Silicon Valley lernen und wo sollte man mit dem KI-Einsatz trotz allem Potenzial vorsichtig bleiben? Von der Rolle des Kapitals bis hin zu den Stärken österreichischer Ingenieure, Tomás und Mohr-Zydek liefern einen ehrlichen Blick auf zwei Innovationswelten, die einander viel zu sagen haben.


Brutkasten: Ihr seid beide viel zwischen Österreich und San Francisco unterwegs. Welche Learnings möchtest du von hier sofort mit nach Österreich nehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Man kann viel Innovation und Inspiration mit nach Österreich nehmen. Wobei ich auch sagen muss, dass wir in Österreich bereits unglaublich viel Innovation und viele neue Ideen haben. Ich bin nun seit eineinhalb Jahren als Country Leaderin für Salesforce in Österreich tätig und sehe das täglich. Was man aus dem Silicon Valley mitnehmen kann, ist die enorme Umsetzungskraft und die Pionierarbeit. In Österreich befinden wir uns in manchen Bereichen gefühlt noch ganz am Anfang – vor allem beim Thema künstliche Intelligenz. Wir haben viele Kunden, die sich bereits damit auseinandersetzen oder KI skalierbar im Einsatz haben. Im Silicon Valley ist man vermutlich schon ein Stück weiter, und genau dieses Mindset können wir mitnehmen. Wir müssen weg von „Wir probieren aus“ hin zu „Wir setzen künstliche Intelligenz skalierbar im Unternehmen ein“. Damit lässt sich einerseits der Fachkräftemangel adressieren und andererseits dem wirtschaftlichen Kostendruck begegnen. Die Strategie sollte aus unserer Sicht aber nicht sein, Arbeitsplätze abzubauen. Im Gegenteil: Wir sehen viele Chancen für junge Menschen, sich im Bereich KI weiterzubilden, umzuschulen und eine klare Zukunftsperspektive aufzubauen.

Isabella Tomás: Ich kann bestätigen, was Manuela gesagt hat. Ich bin für Open Austria seit vier Jahren im Silicon Valley. Ein wesentlicher Unterschied ist die höhere Risikobereitschaft. Gründerinnen und Gründer werden hier ermutigt und unterstützt, mutig zu agieren. Die Menschen haben keine Angst vor Innovation. In Österreich haben wir sehr viele innovative Köpfe, aber man hat oft das Gefühl, dass sie nicht immer optimal gefördert werden, um sich voll zu entfalten – das beginnt an den Universitäten und setzt sich in den Unternehmen fort. Der zweite Punkt ist die Skalierbarkeit: Hier steht eine enorme Menge an Risikokapital zur Verfügung, mit dem Startups viel schneller skalieren können. Zudem spielt der US-Markt eine entscheidende Rolle: Wer sich hier etabliert, kann relativ leicht in andere Märkte vorstoßen und weltweit skalieren. Das ist in Österreich und auf EU-Ebene aufgrund der Marktstrukturen leider noch nicht ohne Hürden möglich.

Salesforce-CEO Marc Benioff hat in seiner Eröffnungs-Keynote ein eher verhaltenes Bild von Europa in Bezug auf KI gezeichnet. Wie beobachtest du die Adaption von KI-Applikationen bei österreichischen Unternehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Über die letzten Monate hat sich eine sehr positive Dynamik entwickelt. Wir führen nahezu mit jedem Kunden Gespräche zum Thema künstliche Intelligenz. Es geht nicht mehr nur um erste Pilotprojekte oder Proofs of Concept, sondern darum, wie Unternehmen tatsächlich mit autonomen Agenten arbeiten können – Hand in Hand zwischen Mensch und Agent. Wir sehen eine große Offenheit dafür, Geschäftsprozesse agentenbasiert zu unterstützen. Wir befinden uns in der nächsten Stufe: weg vom reinen Ausprobieren, hin zum Etablieren einer Kultur im Sinne von „Human in the Loop“. Der Mensch bleibt entscheidungsfähig, wird aber autonom durch Agenten unterstützt.

Welche konkreten Use Cases beobachtest du, auch im Vergleich zwischen größeren Unternehmen und Startups?

Manuela Mohr-Zydek: Gerade für kleinere Unternehmen und Startups bietet KI eine riesige Chance, weil Technologie demokratisiert wird. Mit Low-Code- und No-Code-Ansätzen braucht man keine tiefe Coding-Erfahrung mehr, um einen Agenten zu bauen und eine Idee zu verwirklichen. Anfänglich haben wir sehr stark im Servicebereich mit autonomen Agenten begonnen. Über die vergangenen Monate hat sich das stark in Richtung Marketing, Sales und Commerce weiterentwickelt. Es gibt Beispiele wie PayPal oder Anwendungsfälle, bei denen Agenten automatisiert Outbound-Leads generieren, Inbound-Anfragen abarbeiten oder Marketing-Journeys erstellen, bevor der Mitarbeiter übernimmt. Im Commerce-Bereich unterstützen Agenten bei Produktauskünften auf Webseiten. Autonome Agenten befreien Mitarbeiter von wiederkehrenden, maschinellen Aufgaben, sodass sich der Mensch wieder auf seine Kernstärken besinnen kann: Kreativität und soziales Miteinander. Das ist das Schöne am Konzept des „Agentic Enterprise“.

Isabella, was beobachtest du bei österreichischen Gründern, die ins Silicon Valley oder nach San Francisco kommen? Wie sieht dort die KI-Adaption aus?

Isabella Tomás: Die meisten, die herkommen, sind bereits tief im Thema drin oder kommen genau deshalb hierher, weil San Francisco das Mekka der KI ist. Wer das Thema noch nicht mitbringt, arbeitet sich sehr schnell ein. Zu Beginn gibt es meist einen gewissen Wow-Effekt. Das Beispiel der autonomen Autos verdeutlicht das gut: Für meine Volksschulkinder ist es mittlerweile völlig normal, sich in ein fahrerloses Auto zu setzen. Europäer, die das erste Mal in San Francisco sind, sind davon meist fasziniert. Der Unterschied liegt darin, dass die Menschen hier eine ausgeprägte Early-Adopter-Mentalität haben. Sie sind überdurchschnittlich bereit, etwas völlig Neues auszuprobieren, und haben weniger Berührungsängste. Das verhilft innovativen Ideen schneller zum Durchbruch und schafft einen ersten Use Case, mit dem man zeigen kann, dass es in der Praxis funktioniert.

Welche Stärken bringen Gründerinnen und Gründer aus Österreich mit, die man im Silicon Valley schätzt?

Isabella: Man schätzt auf jeden Fall die hervorragende Ausbildung an unseren Universitäten und Fachhochschulen. Die Ausbildung steht den Top-Universitäten in den USA in nichts nach. Auch das technische Fundament, etwa von Ingenieuren im Industriebereich, wird sehr geschätzt. Die Leute wissen genau, wovon sie sprechen, und arbeiten extrem solide. Wenn sich dieses Fachwissen mit der innovativen Dynamik vor Ort verbindet, entsteht eine hervorragende Kombination. Österreicher sind vielleicht nicht immer diejenigen mit den verrücktesten Ideen, aber sie sind extrem stark darin, diese Ideen pragmatisch und erfolgreich umzusetzen.

Überspitzt gefragt: Haben Gründer:innen aus Europa im Silicon Valley einen Nachteil, weil das Vorurteil herrscht, Europäer hinkten bei KI hinterher?

Isabella Tomás: Nein, nicht unbedingt. Das Silicon Valley ist ein großer Schmelztiegel mit Menschen aus aller Welt. Österreichische Gründerinnen und Gründer, die sich gut präsentieren, haben keineswegs einen Nachteil, nur weil sie aus Europa kommen. Einen Nachteil hat man nur dann, wenn man sich schlecht präsentiert oder nicht fachkundig wirkt. Wer zeigt, dass er seinen Bereich beherrscht und etwas Interessantes auf die Beine stellt, wird hier sehr schnell anerkannt.

Manuela, Salesforce hat sich ja spätestens mit AIforce der künstlichen Intelligenz verschrieben. Was ist für Geschäftsführer:innen, die KI im Unternehmen umsetzen wollen, deiner Meinung nach der beste erste Schritt?

Manuela Mohr-Zydek: Wir setzen sehr stark bei Schulungen an – und zwar sowohl auf Führungsebene als auch auf Mitarbeiterebene. Eine Zusammenarbeit von Mensch und Agent („Agentic Enterprise“) muss von Führungskräften vorgelebt werden, was ein grundlegendes technologisches Verständnis voraussetzt. Es geht auch um die Frage der ethischen Verantwortung und darum, wo die Grenzen der Technologie liegen, damit der Mensch in der Entscheidung verbleibt. Auf Mitarbeiterebene dienen Schulungen dazu, Inspiration und Ideen zu generieren. Wir veranstalten dazu auch Hackathons mit Kunden, um Ideen in eine Roadmap zu gießen und rasch in die Umsetzung zu bringen. So entsteht sowohl Top-down als auch Bottom-up die Innovationskraft, die es für die Zukunft braucht.

Gibt es Bereiche, in denen man KI konkret noch aussparen sollte, obwohl sie viel Potenzial birgt?

Isabella Tomás: Es gibt sehr sensible Bereiche, bei denen große Vorsicht geboten ist – etwa wenn es um Gesundheitsdaten oder hochgradig personenbezogene Daten geht. Aus Sicht der öffentlichen Verwaltung gelten hier höchste Anforderungen an Datenschutz und Regelkonformität. Solange nicht zu hundert Prozent sichergestellt ist, dass alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, kann KI dort nicht ohne Weiteres eingesetzt werden. Wenn es hingegen um Recherchen oder Entwürfe für Präsentationen geht, ist das unbedenklich. Grundsätzlich gilt: Je besser man sich selbst in einem Fachgebiet auskennt, desto eher kann man KI sinnvoll nutzen, weil man das Ergebnis fachlich beurteilen kann. Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, sollte man KI-Ergebnisse nicht blind übernehmen, sondern verifizieren.

Welche Hoppalas oder Fehler konntest du im Silicon Valley beobachten, von denen Unternehmen in Österreich lernen können?

Isabella Tomás: Die Fehler sind ähnlich wie überall. Das reicht von Anwälten, die vor Gericht erfundene Präzedenzfälle zitiert haben, über Fehldiagnosen bei medizinischen Bildanalysen bis hin zu falschen Wirtschaftsdaten auf Präsentationsfolien. Wenn man Ergebnisse ungeprüft übernimmt, kann das peinlich werden. Man darf sich nicht blind auf die KI verlassen, wenn man die Fakten nicht selbst verifizieren kann.

Manuela, wie verändert sich die Arbeit in Unternehmen konkret durch den Einsatz von Agenten?

Manuela Mohr-Zydek: Wir gehen davon aus, dass sich letztlich nahezu jeder Job verändern wird. Es geht längst nicht mehr nur darum, ein Large Language Model als Assistenten einzusetzen, sondern darum, einzelne Prozessabschnitte im Unternehmen messbar und autonom abzuarbeiten. Bei Salesforce messen wir das in „Agentic Work Units“ – hier gab es von Q1 auf Q2 einen Anstieg von 97 Prozent. Um ein Unternehmen verlässlich zu führen, braucht man valide Daten, funktionierende Prozesse, Governance und Compliance. Das LLM dient als kreatives Interface nach oben, aber darunter braucht es ein solides Fundament aus Daten, Applikationen und Sicherheit.

Isabella Tomás: Das ist auch der Vorteil von spezifischen, maßgeschneiderten Modellen, die auf den konkreten Unternehmensdaten basieren. Dort ist das Risiko von Halluzinationen oder fehlerhaften Ausgaben deutlich geringer als bei rein generischen Sprachmodellen.

Manuela Mohr-Zydek: Wie Marc Benioff in seiner Keynote hervorgehoben hat, muss man zwischen wahrscheinlichkeitsbasierten und deterministischen Ergebnissen unterscheiden. Die Kombination aus beidem liefert sowohl kreative Möglichkeiten als auch die nötige Verlässlichkeit für Unternehmensentscheidungen


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten zur Dreamforce wurden von Salesforce übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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