25.04.2022

„Höhle der Löwen“: Michael Ballack zähmt Investoren mit Dünger

In dieser Folge bekamen die Löwen prominenten Besuch, wurden zu Tellerwäschern und sahen, wie zwei Gründerinnen das Problem des Fachkräftemangels angingen.
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Höhle der Löwen, Lucky Plant, Dünger, Pflanzungsstärkungsmittel
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer - Bernhard Unger, Michael Ballack (Foto) und Thomas Hüster präsentierten das Pflanzenstärkungsmittel Lucky Plant.

Die ersten in der „Höhle der Löwen“ waren Leonie Eißele und Niklas Heinzerling. „Wir haben in unserem Haushalt immer wieder probiert, Sachen gegen nachhaltige Produkte auszutauschen“, erklärte der Gründer die Idee hinter Le Gurque. Bei einer Sache wollte ihnen das aber einfach nicht gelingen: dem Spülschwamm.

Dieser besteht aus nicht recyclebaren Kunststoff und landet meist am Ende auf der Mülldeponie: „Fünf Millionen Kilogramm Plastikmüll werden jährlich durch Spülschwämme erzeugt“, sagte Eißele.

Le Gurque in der „Höhle der Löwen“

Mit Le Gurque will das Gründer-Duo für mehr Nachhaltigkeit und weniger Plastik in Küchen sorgen – oder wie die Hamburgerin es ausdrückte: „Dank uns spülen sie in Zukunft mit Gemüse“. Denn, Le Gurque besteht zu 100 Prozent aus Luffa-Gurke, einem Kürbisgewächs, das natürlich wächst und eine andere besondere Eigenschaft hat: Wenn sie reif wird, bildet sie im Inneren eine schwammartige Faserstruktur.

Le Gurque ist waschmaschinenfest, laut Gründer:innen langlebig und kann auf dem Kompost entsorgt werden. „Wir sind die ersten und die einzigen, die die Luffa-Gurke in Deutschland in größerem Stil kultivieren. In unserem Gewächshaus in Süddeutschland wächst sie genauso gut wie in ihrer Heimat in Asien“, berichtete der Founder.

Le Gurque
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Niklas Heinzerling und Leonie Eißele haben mit Le Gurque den ersten Luffa-Schwamm aus regionalem, deutschem Anbau entwickelt.

Die erste Ernte und 2.500 Schwämme waren innerhalb weniger Wochen ausverkauft. Um ihr Produkt konkurrenzfähig am Markt zu platzieren, benötigte das Paar ein Investment von 100.000 Euro und bot dafür 15 Prozent am gemeinsam gegründeten Unternehmen „The Closest Loop“.

Nach dem Pitch und einem Teller-Abwasch-Test zeigte sich Carsten Maschmeyer vollauf begeistert, meinte aber der Name wäre „eine Katastrophe“. Man würde nicht erkennen, worum es gehe. Deswegen kam von ihm kein Angebot. Anders bei Ralf Dümmel, der 100.000 Euro für 20 Prozent.

Auch Judith Williams hatte Ambitionen, einzusteigen. Ihr Angebot: ebenfalls 100.000 Euro für 20 Prozent. Ihr folgten Gast-Investorin Sarna Röser, Bundesvorsitzende von „Die jungen Unternehmer“, gemeinsam mit Dagmar Wöhrl mit dem gleichen Vorschlag. Daraufhin meldete sich Dümmel und zog seine Offerte plötzlich zurück. So wie auch Williams.

Beide Löwen hatten etwas vor. Ihr letzter gemeinsamer Deal war exakt fünf Jahre her. Dies wollten sie ändern und boten als Duo 150.000 Euro für insgesamt 40 Prozent. Allerdings kam es am Ende zum Deal mit Röser und Wöhrl.

Read-O pitcht Buchfinder-App

Es folgten Jonathan Mondorf, Ben Kohz, Andreas Weise, Michael Pomogajko und Simon Farshid in der „Höhle der Löwen“. Sie gründeten ihr Startup Read-O vor zwei Jahren.

Die Idee zu der emotionsbasierten Buchfinder-App kam Mondorf vor drei Jahren als sein Vater aus Passion angefangen hatte, Romane zu schreiben. Nach Fertigstellung des Buches haben beide festgestellt, wie schwierig es sei, an die passende Leserschaft zu kommen. Denn:, in Deutschland gibt es jeden Tag 200 neue Bücher. Das sind 70.000 Bücher im Jahr.

Read-O, Buch-App, Höhle der Löwen
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – V.l.: Andreas Weiser, Michael Pomogajko, Simon Farshid, Ben Kohz und Jonathan Mondorf von Read-O.

Bei ihrer App können User:innen im ersten Schritt unter verschiedenen Emotions-Parametern auswählen und bekommen – basierend auf Rezensionen – ein auf sie zugeschnittene Buchempfehlungen. Mithilfe einer Künstlichen Intelligenz, die Buchrezensionen von Leserinnen und Lesern analysiert.

„Bereits jetzt haben wir mit unserer KI 1,6 Millionen Buchrezensionen analysiert und konnten so über 300.000 Buchtiteln ein emotionales Profil zuweisen“, erklärte Weiser. Um mit Read-O den weltweiten Büchermarkt zu revolutionieren, benötigten die Gründer ein Investment von 600.000 Euro und boten dafür 15 Prozent Unternehmensanteile.

Ein bisheriger Umsatz von 15.000 Euro und erst zu realisierende Pläne eines Onlineshops, in dem man dann auch die empfohlenen Bücher kaufen könne, wurden zu den zwei Gründen, warum die Löw:innen ausstiegen. Auch die hohe Bewertung spielte eine Rolle. Einzig Carsten Maschmeyer als starker Leser und Autor forderte von den Gründern ein neues Angebot. Es kam: 600.000 Euro für 20 Prozent. Der Löwe allerdings wollte 25,1 Prozent. Deal für Read-O.

Promi-Besuch: Michael Ballack

Der nächste in der „Höhle der Löwen“ war Ex-Fußballer Michael Ballack. Er hat gemeinsam mit Bernhard Unger und Thomas Hüster Lucky Plant gegründet, das ein biologisches Pflanzenstärkungsmittel erzeugt.

„Ich habe ein gutes Netzwerk im Fußball, aber wenn man so ein Produkt an den Markt bringen will, ist das nicht so einfach“, erklärte der Ex-Nationalmannschaftskapitän die Motivation für seinen Besuch in der Löwenhöhle. „Dafür braucht man einen professionellen Partner, der über das nötige Know-how und Netzwerk verfügt, und dafür ist diese Show eine tolle Plattform.“

(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Bernhard Unger, Michael Ballack und Thomas Hüster tranken sogar ihr Pflanzenstärkungsmittel Lucky Plant.

In der Vergangenheit beschäftigte sich Ballack intensiv mit den Produkten, die auf Rasenplätzen zum Einsatz kommen. „Schnell bemerkte ich, dass diese hohe chemische Anteile haben“, erklärte er. „Zusammen mit meinem Freund Bernhard, der seit vielen Jahren einen Blumen- und Pflanzenhandel betreibt, suchten wir nach einer Alternative – und zum Glück lernten wir Thomas kennen.“

Agrarwissenschaftler Hüster befasst sich seit über 20 Jahren mit der Pflanzenforschung und stieß dabei auf die Pechnelke: „Jene produziert besondere sekundäre Pflanzenstoffe, die das Wachstum und die Entwicklung von Pflanzen und die Aufnahme von Nährstoffen fördern. Das Besondere an ihr ist: Das macht sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Pflanzen, die in ihrer Nähe wachsen. Dieses Wissen wollten wir für unser Produkt nutzen“, sagte er.

Lucky Plant aus sechs Wildkräutern

Das Ergebnis ist ein biologisches Pflanzenstärkungsmittel aus sechs Wildkräutern, das es als Brausetablette oder Pulver fürs Gießwasser gibt. Den Wirkmechanismus haben die Gründer bereits patentieren lassen.

„Der Einsatz von Lucky Plant führt zu mehr Blütenbildung und einer längeren Blühphase. Rasenflächen werden robuster, Ernteergebnisse höher“, erklärte Hüster. Die Forderung für den „Energydrink für Pflanzen“: 100.000 Euro für 20 Prozent Firmenanteile.

Die drei Gründer überraschten die Löwen mit einem deutlichen Statement im Studio: Sie tranken ihr Produkt, um zu beweisen, dass Lucky Plant gesund und nachhaltig ist. Dies hinterließ Eindruck, vor allem bei Maschmeyer, der die 100.000 Euro für 20 Prozent bot.

Es folgten erneut Röser und Wöhrl als Kombi-Packet, die auch das gleiche wie ihr Vorredner offerierten. Am Ende tat es ihnen auch Ralf Dümmel gleich. Lucky Plant nahm den Deal mit Dümmel an.

Startup mit „Zero Bullshit“

Die nächsten in der „Höhle der Löwen“ waren Lisa Berger, Sandra Ebert und Pascal Moll. Die Doktoranden im Bereich Lebensmitteltechnologie von der Uni Hohenheim wollen mit dem Retter Kräcker der Lebensmittelverschwendung den Kampf ansagen. Ihr Fokus findet nicht nur ausschließlich auf den Haushalt statt, sondern auch bei der Produktion.

„Die Industrie nimmt Sonnenblumen- oder Kürbiskerne, um daraus Öl zu pressen“, erklärte Moll. „Dabei entsteht nicht nur ein Drittel Öl, sondern auch zwei Drittel Trester (Anm.: feste Rückstände, die nach dem Auspressen des Saftes von Obst, Gemüse oder Pflanzenbestandteilen überbleiben). Der landet meistens in der Biogasanlage oder im Futtertrog.“

Retter Kräcker, Zero Bullshit
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Lisa Berger (l.), Sandra Ebert und Pascal Moll von Retter Kräcker, einem Snack aus geretteten Rohstoffen.

Dabei sei der Trester reich an Proteinen und Ballaststoffen. Der Retter Kräcker enthält mit Kürbiskern, Sonnenblumen und Apfeltrester gleich drei davon. Lisa Berger dazu: „Aufgrund der tollen Nährwertzusammensetzung hat der Kräcker 30 Prozent Protein und über zehn Prozent Ballaststoffe.“

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Die Retter Kräcker gibt es derzeit in drei Geschmacksrichtungen, sie sind biozertifiziert, vegan, glutenfrei und enthalten keinerlei künstliche Zusätze oder Aromen. Die Forderung: 100.000 Euro für zehn Prozent Firmenanteile an ihrem Startup „Zero Bullshit Company“.

Die Geschmacksprobe kam nicht bei allen Löwen gut an. Maschmeyer meinte, Zwiebel-Kräuter schmecke wie Staub, anderen war die Paprika-Variante zu scharf. Die Meersalz-Version schien den meisten jedoch zu schmecken.

Am Ende blieben zwar drei sympathische Gründer:innen über, die aber keine Löw:innen geschmacklich vollends überzeugen konnten. Kein Deal für Retter Kräcker.

Xeem: Ein Startup das Fachkräftemangel angeht

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildeten Janine Weirich und Géraldine Ulrichs. Sie wissen, dass Frauen in der Startup-Welt vor allem im Tech-Bereich selten zu finden sind. Mit Xeem wollen die beiden Gründerinnen zeigen, dass es anders geht.

Die Idee zu der digitalen Plattform stammt aus ihrer gemeinsamen Bachelor-Arbeit (Studiengang „Interacitve Media Design“), die beide während ihres Master-Studiums Schritt für Schritt weiterentwickelt haben.

Xeem, Höhle der Löwen, Géraldine Ulrichs, Janine Weirich
(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Géraldine Ulrichs (l.) und Janine Weirich präsentierten mit Xeem eine Recruiting-Challenge-Plattform.

„Stellen Sie sich vor, sie als Unternehmen möchten ein neues Produkt auf den Markt bringen, und brauchen dafür eine Marketingstrategie“, erklärte Ulrichs die Motivation hinter ihrer Website. Aber wie kommt man an externe Ideen und junge Talente? Die Antwort liege auf der Hand, setzte Weirich im Studio fort: „Die Talente sitzen häufig noch in den Unis. Als wir noch studiert haben, waren wir schon hungrig nach Praxiserfahrung, um Kontakte zur Wirtschaft zu sammeln.“

Mit ihrer digitalen Plattform bringt das Gründer-Duo Unternehmen und junge Talente durch sogenannte Challenges zusammen. Wie etwa die Aufgabenstellung, „Wie vermarkte ich ein neues Produkt?“ Junge Talente hätten die Möglichkeit, gemeinsam in einem Team ihre Lösungen vorzustellen.

Unternehmen laden Herausforderungen hoch

Die konkrete Idee: Auf ihrer Website können Unternehmen Challenges hochladen. Das Team wird dann in einem virtuellen Raum bei Xeem zusammengebracht und arbeitet in einem integrierten Videocall an der Aufgabe. Für eine bessere Visualisierung können zudem Bilder und Skizzen hochgeladen werden.

Nach der Challenge werden die Ergebnisse gespeichert und mit den Team-Daten an das Unternehmen übermittelt. Neben der Möglichkeit, in verschiedene Bereiche reinzuschnuppern und direkte Kontakte in die Wirtschaft zu knüpfen, gibt es dabei für die jungen Talente, meist Studierende, einen weiteren wichtigen Punkt: das Preisgeld.

Und auch die Unternehmen würden profitieren, wie Géraldine erläuterte: „Sie können neue Mitarbeiter scouten und bekommen innovative Ideen. Deutsche Top-Unternehmen nutzen die Challenge-Plattform bereits, um junge Talente von sich zu begeistern und mit ihnen gemeinsam Zukunft zu gestalten.“

Harte Verhandlungen mit Investoren

Um die Plattform auszubauen, benötigten die beiden Gründerinnen ein Investment von 250.000 Euro und boten für ihr soziales Recruiting-Netzwerk zehn Prozent Firmenanteile.

Nach dem Pitch loteten die Löw:innen potentielle Synergien aus. Am Ende boten Röser, Wöhrl und Maschmeyer 300.000 Euro für insgesamt 30 Prozent Anteile. Die Gründerinnen kehrten mit einem Gegenvorschlag zurück und waren bereit 18 Prozent für 250.000 Euro abzugeben. Jene wollten daraufhin 25,1 Prozent für 300.000 Euro. Deal für Xeem.

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(V.l.) Manuela Mohr-Zydek (Salesforce Österreich) und Isabella Tomás (Open Austria) in San Francisco. © brutkasten

Zwei Perspektiven, ein Hotspot: San Francisco. Isabella Tomás sitzt seit vier Jahren an der Schnittstelle zwischen Österreich und dem Silicon Valley. Als Konsulin und Co-Direktorin von Open Austria leitet sie das gemeinsam von Außenministerium (BMEIA) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO) betriebene Außenwirtschafts- und Innovationsbüro und vernetzt heimische Gründerinnen, Gründer und Unternehmen mit dem wohl dichtesten Innovationsökosystem der Welt. Manuela Mohr-Zydek blickt aus der Unternehmensperspektive darauf: Seit eineinhalb Jahren verantwortet sie als Country Leaderin das Österreich-Geschäft von Salesforce und begleitet heimische Betriebe dabei, den Schritt von der digitalen Transformation zur produktiven Skalierung autonomer KI-Agenten zu schaffen.

Im exklusiven Gespräch mit brutkasten ziehen die beiden Bilanz: Wie steht es um Österreich in Sachen KI-Anwendung? Was können heimische Unternehmen von der Risikobereitschaft und Umsetzungskraft des Silicon Valley lernen und wo sollte man mit dem KI-Einsatz trotz allem Potenzial vorsichtig bleiben? Von der Rolle des Kapitals bis hin zu den Stärken österreichischer Ingenieure, Tomás und Mohr-Zydek liefern einen ehrlichen Blick auf zwei Innovationswelten, die einander viel zu sagen haben.


Brutkasten: Ihr seid beide viel zwischen Österreich und San Francisco unterwegs. Welche Learnings möchtest du von hier sofort mit nach Österreich nehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Man kann viel Innovation und Inspiration mit nach Österreich nehmen. Wobei ich auch sagen muss, dass wir in Österreich bereits unglaublich viel Innovation und viele neue Ideen haben. Ich bin nun seit eineinhalb Jahren als Country Leaderin für Salesforce in Österreich tätig und sehe das täglich. Was man aus dem Silicon Valley mitnehmen kann, ist die enorme Umsetzungskraft und die Pionierarbeit. In Österreich befinden wir uns in manchen Bereichen gefühlt noch ganz am Anfang – vor allem beim Thema künstliche Intelligenz. Wir haben viele Kunden, die sich bereits damit auseinandersetzen oder KI skalierbar im Einsatz haben. Im Silicon Valley ist man vermutlich schon ein Stück weiter, und genau dieses Mindset können wir mitnehmen. Wir müssen weg von „Wir probieren aus“ hin zu „Wir setzen künstliche Intelligenz skalierbar im Unternehmen ein“. Damit lässt sich einerseits der Fachkräftemangel adressieren und andererseits dem wirtschaftlichen Kostendruck begegnen. Die Strategie sollte aus unserer Sicht aber nicht sein, Arbeitsplätze abzubauen. Im Gegenteil: Wir sehen viele Chancen für junge Menschen, sich im Bereich KI weiterzubilden, umzuschulen und eine klare Zukunftsperspektive aufzubauen.

Isabella Tomás: Ich kann bestätigen, was Manuela gesagt hat. Ich bin für Open Austria seit vier Jahren im Silicon Valley. Ein wesentlicher Unterschied ist die höhere Risikobereitschaft. Gründerinnen und Gründer werden hier ermutigt und unterstützt, mutig zu agieren. Die Menschen haben keine Angst vor Innovation. In Österreich haben wir sehr viele innovative Köpfe, aber man hat oft das Gefühl, dass sie nicht immer optimal gefördert werden, um sich voll zu entfalten – das beginnt an den Universitäten und setzt sich in den Unternehmen fort. Der zweite Punkt ist die Skalierbarkeit: Hier steht eine enorme Menge an Risikokapital zur Verfügung, mit dem Startups viel schneller skalieren können. Zudem spielt der US-Markt eine entscheidende Rolle: Wer sich hier etabliert, kann relativ leicht in andere Märkte vorstoßen und weltweit skalieren. Das ist in Österreich und auf EU-Ebene aufgrund der Marktstrukturen leider noch nicht ohne Hürden möglich.

Salesforce-CEO Marc Benioff hat in seiner Eröffnungs-Keynote ein eher verhaltenes Bild von Europa in Bezug auf KI gezeichnet. Wie beobachtest du die Adaption von KI-Applikationen bei österreichischen Unternehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Über die letzten Monate hat sich eine sehr positive Dynamik entwickelt. Wir führen nahezu mit jedem Kunden Gespräche zum Thema künstliche Intelligenz. Es geht nicht mehr nur um erste Pilotprojekte oder Proofs of Concept, sondern darum, wie Unternehmen tatsächlich mit autonomen Agenten arbeiten können – Hand in Hand zwischen Mensch und Agent. Wir sehen eine große Offenheit dafür, Geschäftsprozesse agentenbasiert zu unterstützen. Wir befinden uns in der nächsten Stufe: weg vom reinen Ausprobieren, hin zum Etablieren einer Kultur im Sinne von „Human in the Loop“. Der Mensch bleibt entscheidungsfähig, wird aber autonom durch Agenten unterstützt.

Welche konkreten Use Cases beobachtest du, auch im Vergleich zwischen größeren Unternehmen und Startups?

Manuela Mohr-Zydek: Gerade für kleinere Unternehmen und Startups bietet KI eine riesige Chance, weil Technologie demokratisiert wird. Mit Low-Code- und No-Code-Ansätzen braucht man keine tiefe Coding-Erfahrung mehr, um einen Agenten zu bauen und eine Idee zu verwirklichen. Anfänglich haben wir sehr stark im Servicebereich mit autonomen Agenten begonnen. Über die vergangenen Monate hat sich das stark in Richtung Marketing, Sales und Commerce weiterentwickelt. Es gibt Beispiele wie PayPal oder Anwendungsfälle, bei denen Agenten automatisiert Outbound-Leads generieren, Inbound-Anfragen abarbeiten oder Marketing-Journeys erstellen, bevor der Mitarbeiter übernimmt. Im Commerce-Bereich unterstützen Agenten bei Produktauskünften auf Webseiten. Autonome Agenten befreien Mitarbeiter von wiederkehrenden, maschinellen Aufgaben, sodass sich der Mensch wieder auf seine Kernstärken besinnen kann: Kreativität und soziales Miteinander. Das ist das Schöne am Konzept des „Agentic Enterprise“.

Isabella, was beobachtest du bei österreichischen Gründern, die ins Silicon Valley oder nach San Francisco kommen? Wie sieht dort die KI-Adaption aus?

Isabella Tomás: Die meisten, die herkommen, sind bereits tief im Thema drin oder kommen genau deshalb hierher, weil San Francisco das Mekka der KI ist. Wer das Thema noch nicht mitbringt, arbeitet sich sehr schnell ein. Zu Beginn gibt es meist einen gewissen Wow-Effekt. Das Beispiel der autonomen Autos verdeutlicht das gut: Für meine Volksschulkinder ist es mittlerweile völlig normal, sich in ein fahrerloses Auto zu setzen. Europäer, die das erste Mal in San Francisco sind, sind davon meist fasziniert. Der Unterschied liegt darin, dass die Menschen hier eine ausgeprägte Early-Adopter-Mentalität haben. Sie sind überdurchschnittlich bereit, etwas völlig Neues auszuprobieren, und haben weniger Berührungsängste. Das verhilft innovativen Ideen schneller zum Durchbruch und schafft einen ersten Use Case, mit dem man zeigen kann, dass es in der Praxis funktioniert.

Welche Stärken bringen Gründerinnen und Gründer aus Österreich mit, die man im Silicon Valley schätzt?

Isabella: Man schätzt auf jeden Fall die hervorragende Ausbildung an unseren Universitäten und Fachhochschulen. Die Ausbildung steht den Top-Universitäten in den USA in nichts nach. Auch das technische Fundament, etwa von Ingenieuren im Industriebereich, wird sehr geschätzt. Die Leute wissen genau, wovon sie sprechen, und arbeiten extrem solide. Wenn sich dieses Fachwissen mit der innovativen Dynamik vor Ort verbindet, entsteht eine hervorragende Kombination. Österreicher sind vielleicht nicht immer diejenigen mit den verrücktesten Ideen, aber sie sind extrem stark darin, diese Ideen pragmatisch und erfolgreich umzusetzen.

Überspitzt gefragt: Haben Gründer:innen aus Europa im Silicon Valley einen Nachteil, weil das Vorurteil herrscht, Europäer hinkten bei KI hinterher?

Isabella Tomás: Nein, nicht unbedingt. Das Silicon Valley ist ein großer Schmelztiegel mit Menschen aus aller Welt. Österreichische Gründerinnen und Gründer, die sich gut präsentieren, haben keineswegs einen Nachteil, nur weil sie aus Europa kommen. Einen Nachteil hat man nur dann, wenn man sich schlecht präsentiert oder nicht fachkundig wirkt. Wer zeigt, dass er seinen Bereich beherrscht und etwas Interessantes auf die Beine stellt, wird hier sehr schnell anerkannt.

Manuela, Salesforce hat sich ja spätestens mit AIforce der künstlichen Intelligenz verschrieben. Was ist für Geschäftsführer:innen, die KI im Unternehmen umsetzen wollen, deiner Meinung nach der beste erste Schritt?

Manuela Mohr-Zydek: Wir setzen sehr stark bei Schulungen an – und zwar sowohl auf Führungsebene als auch auf Mitarbeiterebene. Eine Zusammenarbeit von Mensch und Agent („Agentic Enterprise“) muss von Führungskräften vorgelebt werden, was ein grundlegendes technologisches Verständnis voraussetzt. Es geht auch um die Frage der ethischen Verantwortung und darum, wo die Grenzen der Technologie liegen, damit der Mensch in der Entscheidung verbleibt. Auf Mitarbeiterebene dienen Schulungen dazu, Inspiration und Ideen zu generieren. Wir veranstalten dazu auch Hackathons mit Kunden, um Ideen in eine Roadmap zu gießen und rasch in die Umsetzung zu bringen. So entsteht sowohl Top-down als auch Bottom-up die Innovationskraft, die es für die Zukunft braucht.

Gibt es Bereiche, in denen man KI konkret noch aussparen sollte, obwohl sie viel Potenzial birgt?

Isabella Tomás: Es gibt sehr sensible Bereiche, bei denen große Vorsicht geboten ist – etwa wenn es um Gesundheitsdaten oder hochgradig personenbezogene Daten geht. Aus Sicht der öffentlichen Verwaltung gelten hier höchste Anforderungen an Datenschutz und Regelkonformität. Solange nicht zu hundert Prozent sichergestellt ist, dass alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, kann KI dort nicht ohne Weiteres eingesetzt werden. Wenn es hingegen um Recherchen oder Entwürfe für Präsentationen geht, ist das unbedenklich. Grundsätzlich gilt: Je besser man sich selbst in einem Fachgebiet auskennt, desto eher kann man KI sinnvoll nutzen, weil man das Ergebnis fachlich beurteilen kann. Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, sollte man KI-Ergebnisse nicht blind übernehmen, sondern verifizieren.

Welche Hoppalas oder Fehler konntest du im Silicon Valley beobachten, von denen Unternehmen in Österreich lernen können?

Isabella Tomás: Die Fehler sind ähnlich wie überall. Das reicht von Anwälten, die vor Gericht erfundene Präzedenzfälle zitiert haben, über Fehldiagnosen bei medizinischen Bildanalysen bis hin zu falschen Wirtschaftsdaten auf Präsentationsfolien. Wenn man Ergebnisse ungeprüft übernimmt, kann das peinlich werden. Man darf sich nicht blind auf die KI verlassen, wenn man die Fakten nicht selbst verifizieren kann.

Manuela, wie verändert sich die Arbeit in Unternehmen konkret durch den Einsatz von Agenten?

Manuela Mohr-Zydek: Wir gehen davon aus, dass sich letztlich nahezu jeder Job verändern wird. Es geht längst nicht mehr nur darum, ein Large Language Model als Assistenten einzusetzen, sondern darum, einzelne Prozessabschnitte im Unternehmen messbar und autonom abzuarbeiten. Bei Salesforce messen wir das in „Agentic Work Units“ – hier gab es von Q1 auf Q2 einen Anstieg von 97 Prozent. Um ein Unternehmen verlässlich zu führen, braucht man valide Daten, funktionierende Prozesse, Governance und Compliance. Das LLM dient als kreatives Interface nach oben, aber darunter braucht es ein solides Fundament aus Daten, Applikationen und Sicherheit.

Isabella Tomás: Das ist auch der Vorteil von spezifischen, maßgeschneiderten Modellen, die auf den konkreten Unternehmensdaten basieren. Dort ist das Risiko von Halluzinationen oder fehlerhaften Ausgaben deutlich geringer als bei rein generischen Sprachmodellen.

Manuela Mohr-Zydek: Wie Marc Benioff in seiner Keynote hervorgehoben hat, muss man zwischen wahrscheinlichkeitsbasierten und deterministischen Ergebnissen unterscheiden. Die Kombination aus beidem liefert sowohl kreative Möglichkeiten als auch die nötige Verlässlichkeit für Unternehmensentscheidungen


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten zur Dreamforce wurden von Salesforce übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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