11.04.2022

„Höhle der Löwen“: Kofler in Rage wegen Unterhosen-Strahlungs-Startup

Diese Folge der "Höhle der Löwen" hatte ein Startup zu bieten, das Werkzeuge verleiht und ein weiteres, dessen Ursprung mit einem Brand zu tun hatte. Zudem gab es erneut Aufregung um Gründer, die mit ihrem Kleidungsstück gegen Strahlung vorgehen möchten, während ein weiterer Founder mehr Kapital erhielt, als er eigentlich wollte.
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(c) RTL / Bernd-Michael Maurer - Dieses Stück Kleidung, das Nico Rosberg zur Schau trug, sorgte für Aufregung im Studio.

Die ersten in der Höhle der Löwen waren Richard Getz und Constantin Ricken. Sie haben mit Silverton eine Unterhose entwickelt, die den Intimbereich vor Strahlung schützen soll.

„Heute sind wir durch Smartphones, Laptops, WiFi-Router und viele andere elektronische Geräte praktisch rund um die Uhr von elektromagnetischen Strahlungen umgeben“, erklärte Ricken in der Show. „In den letzten Jahren zeigen immer mehr Studien, dass sich das negativ auf unsere Gesundheit auswirken kann. Angefangen bei der Libido, Erektionsstörungen, Energielosigkeit bis hin zum Kraftverlust beim Training durch zu wenig Testosteron. Immer mehr Paare haben auch Schwierigkeiten, Kinder zu bekommen, da sich die durchschnittliche Spermienanzahl des Mannes in den letzten vier Jahrzehnten nahezu halbiert hat.“

Silberfäden in der Short

Er und sein „Partner in Pants“ Getz waren daher auf der Suche nach einer Lösung, die simpel wie funktional sei. Da sie nicht fündig wurden, haben sie mit Silverton etwas Eigenes entwickelt.

Ricken dazu: „Auf der Innenseite befindet sich ein Material aus positiv geladenen Silberfäden. Diese erzeugen ein leitfähiges Feld, welches nachgewiesenermaßen 99,9 Prozent der elektromagnetischen Strahlung abhält.“ Das Angebot der Gründer lautete: 120.000 Euro und 15 Prozent der Firmenanteile.

Kofler legt los: „Ausgemachter Blödsinn“

Nach dem Pitch wurde Nico Rosberg zum Unterhosenmodel, meinte Silverton wäre etwas eng rund um die Oberschenkel, ansonsten aber weich. Anschließend erwischte Georg Kofler die Gründer kalt und machte sie sprachlos. Er wollte zu einer ihrer Behauptungen, genaue Zahlen wissen. Getz und Ricken hatten nämlich wiederholt erklärt, dass eine Bestrahlung, wie vom Handy ausgehend, den Testosteron-Level im Körper um mehr als die Hälfte halbiere.

(c) RTL / Bernd-Michael Maurer – Richard Getz (l.) und Constantin Ricken präsentierten die strahlungsresistente Boxershort Silverton.

Nachdem von den Gründern keine Antwort und nur Ratlosigkeit auf seine Frage gekommen war, erklärte Kofler, dass er die meisten Studien dieser Art für „Hokus Pokus“ halte. Und nannte sie „ausgemachten Blödsinn“.

Formel 1 Weltmeister kennt keine Fakten, aber Beweise…

Wie auch im Vorjahr bei Kopha, einem Papier für Hauswände, das 5G abwehren soll, zeigte sich Formel 1 Weltmeister Rosberg erneut als “ true believer“ solcher „Radiation-Theorien“ und nannte sie relevant. Er behauptete, dass es keine 100-prozentigen Fakten, aber immer mehr Beweise gebe, dass gewisse Strahlung nicht gut für den Menschen sei.

Dem wiederum entgegnete Kofler, dass hunderte von Gesundheitsbehörden sich weltweit mit dem Thema genau beschäftigen und eine Dosierung dieser Strahlung niemals zulassen würden, wäre sie gesundheitsgefährdend. Da säßen Tausende von Wissenschaftler am Thema, bevor eine 5G-Frequenz genehmigt werde. Zudem sei Testosteron von vielen Faktoren abhängig. Etwa Ernährung, Zustand oder Alter. Und die Behauptung der Gründer, dass mit ihrer Unterhose das Testosteronniveau nicht beschädigt werden kann, wäre eine steile These, so der Südtiroler.

Rosberg anfällig für „Strahlungsgefahr“

Glagau und Ralf Dümmel meinten zudem, dass eine derartige Werbung – Schutz vor Strahlung – gar nicht erlaubt sei. Auch für Dagmar Wöhrl war die Nachweisbarkeit der Behauptungen von den Gründern nicht gegeben.

Daraufhin wollte Rosberg, der sich anfällig auf Strahlungsthematiken zeigte, von den Gründern genau wissen, welche Studie die relevanteste wäre. Getz und Ricken konnten jedoch nur das Gesagte wiederholen, nicht aber den Namen der Studie noch des forschenden Institutes nennen, das die Erkenntnisse herausgebracht habe. Zum Schluss gab es keinen Deal für Silverton.

Vom Varieté und Zirkus zur Löwenhöhle

Die nächste, die sich in die „Höhle der Löwen“ wagte, war Sandra Fischer. Nach ihrer dreijährigen kaufmännischen Ausbildung hat die 35-Jährige in verschiedenen Jobs in Hotels, auf dem Bauernhof, bis hin zur Webdesign-Agentur und NGOs gearbeitet. Als Varietékünstlerin und Kinder-Trainerin hat sie außerdem in einem Zirkus gelebt, eine Ausbildung zur Bäuerin in einem Kloster absolviert und schließlich Wirtschaft studiert.

Shea Yeah, Höhle der Löwen
RTL / Bernd-Michael Maurer – Sandra Fischer hatte ihre Idee zu Shea Yeah in Ghana.

Zu ihrer eigenen Marke Shea Yeah ist die Schweizerin durch einen heftigen Sonnenbrand im Urlaub in Ghana gekommen: „Zur Linderung haben mir die Frauen vor Ort unraffinierte Sheabutter gegeben. Für mich und meinen Sonnenbrand bescherte diese Pflanzenbutter Wunder. Ich war so begeistert, dass ich einen riesigen Klumpen Sheabutter im Koffer mit nach Hause nahm, damit zu experimentieren begann und meine bestehenden Naturkosmetik-Rezepturen ergänzte“, erklärte sie den Löwen.

Shea Yeah mit schweizer Kräutern

Fischer mischte schweizer Kräuter und kaltgepresste Öle mit der Sheabutter und aus dieser Kombination entstand Shea Yeah. Aktuell umfasst das Sortiment zehn Produkte – von Balsamen, Bodybutter bis hin zu Body Scrubs.

„Sie sind multifunktional und für alle Hauttypen geeignet. Das Besondere an den Produkten ist, dass sie komplett ohne Wasser hergestellt sind. Dadurch hochkonzentriert und sehr ergiebig, frei von Emulgatoren und Konservierungsstoffen“, so die Gründerin weiter. Um ihr Produkt auch außerhalb der Schweiz zu vertreiben und weiter wachsen zu können, benötigte Fischer 110.000 Euro und bot dafür 15 Prozent ihrer Firmenanteile.

Zwei Angebote für Fischer

Nachdem drei Löwen abgesprungen waren, offerierte Dümmel 110.000 Euro, aber für 25 Prozent. Judith Williams trat in Konkurrenz zu ihrem Kollegen und bot die gleiche Summe für 40 Prozent. Sie meinte, das Produktkonzept sei noch nicht ausgereift. Die Gründerin führte dann einen Gegenvorschlag ins Feld und wollte von der Löwin wissen, ob sie mit 30 Prozent zufrieden wäre.

Williams kam ihr entgegen und sagte, sie wäre mit 35 Prozent einverstanden. Am Ende nahm Fischer aber Dümmel ins Boot. Deal für Shea Yeah.

Audory in der „Höhle der Löwen“

Der nächste, der sich in die „Höhle der Löwen wagte, war audory-Gründer Max Rose. „Ich möchte Autoren in das 21. Jahrhundert bringen“, lautete sein Ziel. Konkret hat er eine Plattform für interaktive Hörbücher erschaffen.

„Bei unseren Hörbüchern entscheidet der Nutzer, wie die Geschichte weitergeht. Er kann aktiv in das Spielgeschehen eingreifen und so den Verlauf der Handlung ändern“, konkretisierte Rose.

Nach wenigen Minuten der Geschichte bekommen die Nutzer:innen eine erste Frage gestellt und je nachdem, für welche Antwort sie sich entscheiden, geht es entsprechend weiter. Dafür braucht es die audory-App, in der Hörer:innen eine Auswahl von interaktiven Hörbüchern aus den Genres wie Krimi, Thriller, Fantasy oder Liebe bereitsteht.

audory, Höhle der Löwen
RTL / Bernd-Michael Maurer – Max Rose hat mit audory eine Plattform für interaktive Hörbücher erschaffen.

Neben den Standardinformationen für Hörbücher (Titel, Länge und eine kurze Inhaltsangabe) sind eine Altersempfehlung sowie die Anzahl der Entscheidungen, die im Verlauf der Geschichte getroffen werden können, zu finden.

70 Prozent für Autoren und Autorinnen

„Das Besondere an audory: Nachdem ich ein Hörbuch zu Ende gehört habe, kann ich es mit verschiedensten Handlungssträngen immer wieder neu anhören“, so Rose weiter. Den Autor:innen stellt der Gründer seine eigens geschriebene Software kostenlos zur Verfügung, mit der sie ihren Entscheidungsbaum entwickeln und die einzelnen Handlungsstränge eintragen können. Jene erhalten 70 Prozent der Einnahmen.

Zudem können professionelle Sprecher:innen aus der audory-Datenbank gebucht werden oder die Autor:innen vertonen ihre Hörbücher selbst. Besonders im Bereich Marketing und Vertrieb suchte Rose Unterstützung. Für ein Investment von 120.000 Euro bot der 23-Jährige 15 Prozent seiner Firmenanteile an.

Der Gründer war nicht bloß souverän bei seinem Pitch, sondern triumphierte vor den Löwen. Dümmel und Williams ärgerten sich, dass audory nicht ihr Bereich sei. Carsten Maschmeyer sagte darauf, dass Invetsoren die Nadel im Heuhaufen suchen, und dass Rose diese Nadel wäre. Er und Kofler, der ebenfalls vor Begeisterung strotzte, boten 150.000 Euro für 30 Prozent.

Dann pitchten die Juroren der „Höhle der Löwen“

Glagau folgte mit 120.000 für 15 Prozent, um es seinen Vorgängern schwerer zu machen. Danach kam es zur Diskussion zwischen den beiden bietenden Parteien, wer der bessere Partner für die Marketing-Pläne des Gründers wäre. Jener hatte vor, sich in Zukunft auf Influncer zu stürzen, die Geschichten selber schreiben und ihre Gefolgschaft mitnehmen könnten.

Daraufhin warb Maschmeyer für die Social Media-Power von Kofler und erhöhte das Doppel-Angebot auf 200.000 für 20 Prozent. Was eine höhere Bewertung darstellte, als der Gründer im Sinn hatte. Dies führte zum Deal für audory.

Ein Quartett, das verleiht

Die nächsten in der „Höhle der Löwen“ waren Jan Gerlach, Christian Lehmann, Mario Drelas und Krispin Schulz. Gemeinsam haben sie toolbot entwickelt – eine automatisierte Verleihstation für Elektrowerkzeuge für alle und rund um die Uhr.

toolbot
RTL / Bernd-Michael Maurer -Krispin Schulz, Mario Drelas, Christian Lehmann und Jan Gerlach präsentierten den Löwen mit toolbot eine Verleihstation für Elektrowerkzeuge.

Die Idee dazu hatte der Industriedesigner Gerlach. Für den Ausbau seines Berliner Studios benötigte er kurzfristig eine Stichsäge. Doch das Ausleihen des Werkzeugs zeigte sich aufwändiger sowie zeit- und kostenintensiver als gedacht und schließlich entschied sich der 39-Jährige zum Kauf eines Billigprodukts.

Nachhaltigkeit im Sinn

„Dabei ist es viel besser, Werkzeug zu leihen als es zu besitzen. Dann hätte man eine größere Auswahl und eine bessere Qualität, als man sich allein leisten könnte zu kaufen oder zu verstauen. Viel nachhaltiger ist es außerdem auch, denn teilen sich 100 Menschen ein Werkzeug, lassen sich 99 Prozent der Emissionen und der Ressourcen sparen“, sagt er.

Und fuhr mit der Beschreibung der Problematik fort: „Leihen ist heute noch teuer. Für eine Tagesleihgebühr bei konventionellen Verleihern kann man ein Billigwerkzeug kaufen, das aber oft nichts taugt und schnell kaputt ist. Die Verleihstationen sind meist weit entfernt am Stadtrand, Öffnungszeiten sind beschränkt und es ist alles sehr umständlich.“

Mit der Verleihstation toolbot präsentierte das Gründerteam den Löwen ihre Lösung: Über die toolboot-Website können sich registrierte User das gewünschte Werkzeug reservieren und an der gewünschten toolbot-Station abholen. Neben dem Werkzeug sind in dem Koffer auch Akkus und Ladegeräte enthalten.

Damit bei der Rückgabe des Koffers auch die Vollständigkeit schnell und einfach gecheckt werden kann, haben die Gründer einen elektronischen Kofferdeckel entwickelt, der durch einen Scan erkennt, ob alle Teile im Koffer komplett sind. Der Leihbetrag wird als Stunden- oder Tagestarif berechnet.

Um den Werkzeugverleihroboter toolbot in ganz Deutschland aufzustellen, benötigten die vier Cottbuser 500.000 Euro und boten dafür zehn Prozent ihrer Firmenanteile ihres Unternehmens thingk.systems an.

Nach der Demonstration, wie man Werkzeuge ausleiht, stiegen alle Löwen aus, da die Bewertung zu hoch war, die Gründer keinen ausgereiften „Business Plan“ vorweisen konnten und die Produktionskosten pro Box um die 24.000 Euro betrugen. Kein Deal für toolbot.

Die Abführpflaume zu Gast in der „Höhle der Löwen“

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildet das Mutter-Sohn-Gespann Kerstin Hansen und Louis Lowe. Beide haben den Investor:innen ihr Produkt laxplum mitgebracht, eine fermentierte grüne Pflaume, die beim Abführen helfen soll.

Als passionierte Fastenwanderer wissen beide um die Wichtigkeit der Darmentleerung vor einer anstehenden Tour. Die bekannten, eher unangenehmen, Methoden seien die Einnahme von Glaubersalz oder Einläufe.

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RTL / Bernd-Michael Maurer – Kerstin Hansen und Louis Lowe mit ihrer laxplum-Abführ-Pflaume.

„Wir haben uns auf die Suche nach einer Alternative gemacht und haben in Südostasien eine Pflaumensorte gefunden, die, wenn sie fermentiert ist, auf natürliche Weise abführend wirken soll“, erkläre Hansen. „Nebenbei ist die Pflaumensorte bekannt dafür, dort seit Jahrhunderten bei Darmproblemen zu helfen.“

Alte chinesische Tradition

Nach der Ernte wird diese bestimmte Pflaume nach jahrhundertealter chinesischer Tradition fünf Monate lang mit Milchsäurebakterien fermentiert und anschließend getrocknet. Dabei entstehen Enzyme und Mikroorganismen, die eine positive Wirkung auf die Darmflora haben können. Zusätzlich erhält die Pflaume des Gespanns eine Ummantelung aus bestimmten Kräutern und Tees, die ihr eine anti-oxidative und Darm-stimulierende Wirkung verleihen sollen.

Doch nicht nur für Fasten-Fans soll laut Gründer-Duo laxplum geeignet sein. „Allein in Deutschland leiden ca. 20 Prozent der Menschen unter Verstopfung, und wir entdeckten, dass gerade für diese Menschen unsere Pflaumen fantastisch sind.“

In Hamburg führen beide ein Einzelhandels-Fachgeschäft, in dem sie verschiedene fermentierte Produkte sowie Kurse und Seminare zu dem Thema anbieten. Die Forderung: 75.000 Euro für zehn Prozent der Firmenanteile.

Mut musste erst gefunden werden

Als es zur Verkostung kommen sollte, zögerten die Löwen, bis auf Nils Glagau, der sich angetan vom Geschmack zeigte. Auch Williams wagte einen Bissen, was auch Dümmel dazu veranlasste, die Pflaume zu testen. Nachdem sich auch Rosberg, der kurz vor einer Zugreise stand, abzubeißen traute, stiegen drei Löwen mit lobenden Worten aus.

Glagau indes bot die 75.000 Euro für 20 Prozent. Williams vereinnahmte das Thema als ihre Expertise und wollte ebenfalls mit dem gleichen Angebot einsteigen. Am Ende gab es dann ein Kombi-Angebot der beiden Löw:innen mit 100.000 Euro für 30 Prozent. Deal für laxplum.

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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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