15.10.2019

Höhle der Löwen Folge 7: Schnellster Deal der Geschichte und naschende Investoren

In der heutigen Folge von "Die Höhle der Löwen" ging es um eine "Step-in" Funktion fürs Snowboard, eine Pfanne, die beim wilden Wenden den Inhalt schützt, einen Beinwärmer-Sack und Marshmellow-Variationen. Neben dem schnellsten Deal seit Sendungsbeginn gab es zudem eine weitere Besonderheit in Folge sieben zu sehen: Ein Investor, der bereits weg war, kehrte mit einem Deal-Angebot zurück.
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Höhle der Löwen, Carsten Maschmeyer, Frank Thelen, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Georg Kofler
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Georg Kofler, Dagmar Wöhrl und Carsten Maschmeyer beim Testen des Performancesacks.
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Die ersten in der siebten Folge von „Die Höhle der Löwen“ waren Sabine und Robert Ackermann mit Mellow Monkey. Hierbei geht es um süße Variationen von Marshmallows. Seit zwei Jahren gibt es die handgemachten Süßigkeiten mit Eiskern am Markt. Aus 20 verschiedenen Sorten können die Käufer im Onlineshop oder im Foodtruck auf Festivals auswählen. Außerdem bieten die beiden Founder Catering an. Sie forderten 100.000 Euro für 10 Prozent Beteiligung.

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Sinnlicher Genuss außerhalb des Höhle der Löwen-Studios

Die Gründer führten die Investoren gleich aus dem Studio zu ihrem Food-Truck und versorgten die Jury mit ihrem flambierten Mellow Monkey Eis. Die Augen der Löwen sprachen dabei Bände und wurden riesengroß. Besonders Judith Williams fiel auf und genoss sichtlich die süße Kostprobe. Multi-Investor Carsten Maschmeyer stibitzte beim Gehen verschmitzt gar noch ein Stück Marshmellow für den Rückweg ins Studio – und das obwohl er vorab behauptet hatte, die Lagerfeuer-Süßigkeit schmecke ihm prinzipiell nicht.

Einzelhandel oder Franchise

Im Studio drinnen ging die Kostprobe und der offen zur Schau gestellte Genuss weiter. Danach kam man aufs Geschäftliche zu sprechen. Die Gründer erzählten vom Wunsch, in den Einzelhandel zu kommen und eigene Stores zu eröffnen. Man wäre auch für ein Franchise-System offen.

Höhle der Löwen, Carsten Maschmeyer, Frank Thelen, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Georg Kofler
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Stephanie und Robert Ackermann präsentierten den Investoren mit „Mellow Monkeys“ geröstete Marshmallows mit Eiskern.

„Das leckerste Produkt der Show“

Maschmeyer nannte das Produkt „das Leckerste, das er in der Show je probiert hätte“. Allerdings war ihm das Geschäftsmodell zu kompliziert und nicht zu Ende gedacht. Er folgte seinem Kollegen Dümmel und stieg aus.

Auch Wöhrl hatte Probleme, das Vorhaben der Gründer zu fassen. Stores, Shop in Shop, Einzelhandel – es fühlte sich für die Familien-Unternehmerin wie „zu viele Puzzle-Teile“ an. Auch Kofler dachte ähnlich und stieg als letzter aus. Kein Deal.

Beine warm halten

Der nächste auf der „Höhle der Löwen-Bühne“ war Bülent Yaman mit seinem Startup Soccer Performancesack. Mit seiner Idee richtet er sich an Fußballer, die die meiste Zeit der Spiele auf der Ersatzbank verbringen. Der Performancesack dient dazu, die Beine vor Wind und Kälte zu schützen. Er ist wind- als auch wasserdicht. Das Innenfutter besteht aus Fleece und Thermowatte, um auch bei Minusgraden die Beine der Fußballer warm und trocken zu halten. Der Gründer wollte für 15 Prozent Firmenanteile 80.000 Euro haben.

Der Founder setzte bei seinem Pitch direkt Kofler, Wöhrl und Maschmeyer auf die Ersatzbank und erklärte seinen Kälteschutz für die Beine. Yaman konnte seinen Fußsack bereits bei sechs Profivereinen anbringen, darunter der FC Ingolstadt, Darmstadt 98, die Damenmannschaft des VFL Wolfsburg und der schweizer Erstligist St. Gallen.

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Danach ging es in der Diskussion um die Zielgruppe fürs Startup. Yaman erklärte, dass er auch Versionen seines Performancesacks habe, die für VIP-Leute und Fans im Stadion geeignet seien. Der hohe Produktionspreis von über 67 Euro schreckte die Investoren jedoch ab. Der nächste „Schock“ für die Jury kam, als der Gründer zugab, dass er in zweieinhalb Jahren „nur“ 150 Stück seines Produkts verkauft hat.

Neue Werbefläche

Für Kofler war schlussendlich die Zielgruppe zu klein. Dümmel lobte indes den starken Auftritt des Gründers, meinte aber, dass der vertriebliche Aufwand zu groß für die potentiellen Verkäufe sei. Beide Investoren stiegen aus. Maschmeyer riet, der Gründer solle das Business-Modell überdenken und seinen „Sack“ als neue Werbefläche anbieten.

Konzern-Chef Nils Glagau erzählte, dass sein Unternehmen Orhtomol zwar bereits als Sponsor aufgetreten sei (Fortuna Düsseldorf). Der Fußball-Bereich sei aber insgesamt ein schwieriger Markt. Er stieg so wie auch Wöhrl aus, die dem Gründer aber abschließend nahe legte, sich auf den Freizeitmarkt (Ausflüge) zu fokussieren.

Schnellster Deal der Höhle der Löwen Geschichte

Bei Easy Pan von Tom Becker und Jan Heimann geht es um eine Pfanne mit Überrollbügel. Die Erfindung der beiden Familienväter soll verhindern, dass Schmutz auf der Herdplatte oder auf dem Tisch landet. Mit dem speziellen Design ist es für jeden möglich, zu schwenken wie ein Profikoch. Beide Männer forderten „bloß“ 25.000 Euro für 20 Prozent Anteile.

Nach dem Pitch offenbarte Dümmel seine große Kenntnis zum Pfannenmarkt und meinte, er wäre der richtige Partner. Er drängte die Gründer dazu, gar nicht mehr auf die anderen Juroren zu warten, er wolle „Das Ding groß machen“ und gleich zur gewünschten Forderung einschlagen. Ohne große Überlegung kam es zum Handschlag. Der schnellste Deal der Show war unter Dach und Fach.

Höhle der Löwen, Carsten Maschmeyer, Frank Thelen, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Georg Kofler
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Tom Becker (r.) und sein Partner Jan Heitmann konnten mit „Easy Pan“ den schnellsten Deal der Show-Geschichte ergattern.

Omega-3 Riegel für Leistungsfähigkeit

Danach öffnete sich die Höhle der Löwen-Bühne für ahead. Philip Brohlburg und Johannes Schröder sind zwei ehemalige Bundeswehroffiziere und stellen einen vegetarischen Omega-3-Riegel her, der der Steigerung der physischen und mentalen Leistungsfähigkeit dienen soll. Die Hamburger boten den Löwen 10 Prozent der Firma für 400.000 Euro.

Der Riegel, der in zwei Geschmacksrichtungen daherkommt – chocolate peanut und lemon cheescake – kam geschmacklich bei den Investoren gut an. Einzig Maschmeyer musste aufgrund seiner Nuss-Allergie auf eine Kostprobe verzichten.

Denkfehler der Gründer

Die Gründer haben neben dem Riegel auch noch Nahrungsergänzungsmittel im Sortiment, mit denen sie 2018 einen Umsatz von 430.000 Euro erwirtschaftet haben. Dennoch war den TV-Investoren die Bewertung zu hoch. Wöhrl zeigte den Gründern ihren Denkfehler auf: Sie nannte die aufgerufene Firmenbewertung von ahead eine für einen normalen Investor. Das Startup brauche aber einen „Löwen“ mit Know-how, der einen langwierigen Weg des Markenaufbau vor sich habe. Sie stieg aus.

Ähnlich agierte Dümmel und schloss sich Wöhrl an. Multi-Investor Maschmeyer sagte daraufhin, dass der Name des Unternehmens eine Katastrophe für den deutschen Markt sei. Mit „ahead“ müsse man zuviel erklären. Auch Glagau meinte, der Riegel schmecke ihm zwar, aber er erkenne keine Innovation. Kein Deal für ahaed.

Pferde App als Management-Tool

Die vorletzten bei „Die Höhle der Löwen“ waren Christina Terbille und Sarah Wendlandt. 2018 gründeten sie die Pferde App. Die App unterstützt dabei, Pferde zu versorgen und alle Daten zu dokumentieren. Vor allem soll die Anwendung die Abstimmung aller Beteiligten untereinander in allen Prozessen rund ums Pferd erleichtern und auch für Mitarbeiter das Schicht-Management ordnen. Verkauft wird sie in einem monatlichen Abo-System, abgerechnet wird nach der Anzahl der Pferde. Die Gründerinnen forderten 150.000 Euro für 15 Prozent Anteile.

Dümmel als Stall-Meister

Der Pitch der beiden Frauen zeigte deutlich auf, was das Problem einer Pferdehaltung ist, die nicht im digitalen Zeitalter angekommen ist. Die Gründerinnen simulierten einen ereignisreichen Tag im Stall, bei dem alle paar Minuten neue Anliegen von Pferdebesitzern und Mitarbeitern des „virtuellen“ Hofs eintrudelten. Daher wurde Ralf Dümmel kurzerhand zum „Pferdehofbesitzer“ befördert, der auf einer Kreidetafel anstehende Aufgaben verteilen und aktuell halten sollte.

Und er hatte viel zu tun: Kranke Pferde, um die man sich unterschiedlich zu kümmern hatte und plötzlich ausfallende Stallgehilfen brachten den Investor gehörig ins Schwitzen. Mit dieser Vorstellung lieferten beide Damen der Jury eine ungefähre Ahnung, warum eine Organisations-App die Arbeit im Pferde-Bereich erleichtern könne.

Zwei Investoren raus

Glagau lobte die Idee, sah sich aber nicht in der Lage zu helfen und stieg aus. Maschmeyer tat es ihm gleich – auch ihm fehlte Erfahrung mit der Materie. Nach dieser Absage merkten die Gründerinnen an, dass man nicht „pferdesport-erfahren“ sein müsse. Sie erklärten, dass die Management-App einen großen Nutzen aufweise, den man nicht nur im Reitsport zur Geltung bringen könne.

Höhle der Löwen, Carsten Maschmeyer, Frank Thelen, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Georg Kofler
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Christina Terbille (l.) und Sarah Wendlandt holten einen bereits „verlorenen“ Investor wieder zurück.

Weitere Investoren gehen

Sie warfen Bereiche wie Altenpflege, Facility-Management und Hotellerie ein, die von der Logik ihrer App profitieren könnten. Auch Wöhrl meinte, die Gründerinnen bräuchten sie als Investorin gar nicht. Dem entgegneten sie, dass sie in Sachen Markenaufbau wenig Erfahrung hätten und schon jemanden benötigten, um sich in solchen Dingen zu entwickeln.

Nachdem Dümmel der nächste war, der sich als potentieller Investor verabschiedet hatte, gaben Terbille und Wendlandt nicht auf. Sie argumentierten in Richtung Marktpotential, was aber Kofler – trotz aller Sympathie für die beiden Frauen – nicht daran hinderte, sich auch zu verabschieden.

Als es bereits nach keinem Deal für die die Pferde App aussah, ergriff Maschmeyer erneut das Wort. Obwohl er bereits abgesagt hatte, meinte er, die Founderinnen wären derart toll, dass man die App nur branchenspezifisch erweitern müsse. Er sprach von einer Mehrbranchenlösung und forderte 24,9 Prozent für 150.000 Euro. Deal.

Handfreie Nutzung mit Clew

Der Abschluss der siebten Folge von „Die Höhle der Löwen“ gebührte Johannes Weckerle, Jakob Schneider und Matthias Albrecht. Mit Clew haben die drei Erfinder ein zweiteiliges System mit Step-in-Funktion fürs Snowboard entwickelt. Die Bindung besteht aus zwei Teilen.

Das erste (Fußteil) kann an jeden beliebigen Softboot geschnallt werden. Das zweite Teil (Base) ist fest auf dem Snowboard montiert. Man kann Beide durch Auftreten und ohne die Hände benutzen zu müssen verbinden. Die Gründer forderten 200.000 Euro für 15 Prozent Anteile.

„Clever und intelligent“

Tech-Guru Frank Thelen probierte mit seiner 46er Schuhgröße den Prototypen im Studio und bewies großes Wissen in Sachen Bindung. Die Gründer betonten, dass es sich bei ihrem Produkt um eine schuhunabhängige Lösung handele. Thelen nannte es daraufhin clever und intelligent.

Auch Dümmel meinte, die Gründer hätten wirklich ein Problem gelöst. Es wäre nur nicht sein Business. Auch Williams stieg in den selben löblichen Tenor ein und verabschiedete sich als Investorinnenkandidatin. Maschmeyer hingegen war hin und her gerissen.

Höhle der Löwen, Carsten Maschmeyer, Frank Thelen, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Georg Kofler
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Jakob Schneider, Johannes Weckerle und Matthias Albrecht wollten mit einer neuartigen Snowboard-Bindung die Jury überzeugen.

„Rockstars“ gesucht

Er meinte, drei Gründer wären viel, wenn man nicht komplementär gleich stark wäre. Es bräuchte „Rockstars“ in den Bereichen Design, Marketing und Finanzen. Er und sein Team müssten im Fall der Fälle Kontakte zur Ski-Szene erst aufbauen und das Gründer-Trio coachen. Die Idee würde ihn reizen, weil es eine „echte Erfindung“ sei, jedoch fehle es ihm an der Team-Stärke. Er ging ohne Angebot. Snowboarder Thelen blieb als letzte Hoffnung über.

Aus Passion ein Angebot

Seine Kollegen wollten den letzten Löwen überzeugen. Und es gelang ihnen. Thelen bot aus Passion am Sport 200.000 Euro für 30 Prozent, obwohl er relativ skeptisch und vorsichtig den potentiellen Markt für das Produkt kalkulierte. Den Gründern war das jedoch zuviel uns sie meinten, mehr als 20 Prozent könnten sie nicht abgeben. Es kam überraschenderweise nicht zum Deal. Judith Williams und ihre Kollegen fassten die Entscheidung nicht und meinten sinngemäß, die Gründer wüssten nicht, was sie tun.


⇒ Mellow Monkey

⇒ Soccer Performancesack

⇒ Easy Pan

⇒ ahead

⇒ Die Pferde App

⇒ CLEW

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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