17.09.2019

Höhle der Löwen, Folge 3: Fisch-Parfüm, Pickerl und Rentier-Snacks

In der dritten Folge von "Die Höhle der Löwen" ging es um geruchsintensive Fischköder, Solar Hubs und ein Gadget, das frisch gezapftes Bier simuliert. Zudem konnte ein schwedisches Startup mit österreichischer Beteiligung den Spieß umdrehen und interessierten Investoren eindringliche Fragen stellen.
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Höhle der Löwen, Taste Hero, Renjer, Die Höhle der Löwen, Bier, frisch gezapft, Carsten Maschmeyer, iCapio, SunCrafter, Georg Kofler, Dagmar Wöhrl, Judith Williams, Frank Thelen, Ralf Dümmel
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Das Team von Taste Hero versuchte Neo-Löwen Nils Glagau mit einem Test vom Produkt zu überzeugen.
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Die ersten bei „Die Höhle der Löwen“ waren Stickerstars. Die Gründer Michael Janek, Fabian Bönsch und Mirko Lauterbauch wollen die allbekannten Stickeralben zu Fußball-Weltmeisterschaften nun auch für kleinere Vereine möglich machen. Der Clou: Neben den Spielern sollen alle Mitglieder, Trainer und Betreuer vorkommen können. Dafür gibt es ein kostenloses Fotoshooting, das vom Startup organisiert wird.

+++So bewertet Florian Kandler die Pitches der aktuellen Folge+++

Das Endprodukt soll anschließend in den regionalen Supermärkten erhältlich sein. Der jeweilige Verein muss für die Sticker keine Kosten übernehmen, darum kümmere sich der jeweilige Geschäftspartner. Zu den teilnehmenden Supermärkten gehören unter anderem Edeka, Rewe, Real und Kaufland. Die Gründer wollten für 10 Prozent Anteile 800.000 Euro.

Stickerstars: Tauschen wie kleine Kinder

Die drei Founder warteten mit einem extra erstellten „Höhle der Löwen“-Sammelalbum auf und brachten jedem Investor drei „Jury-Sticker-Packerl“ mit. Das löste bei Carsten Maschmeyer alte Erinnerungen aus. Es kam zu einer Tauschorgie unter den Investoren, die ihnen sichtlich Freude bereitete.

Besonders das Pickerl „Ralf Dümmel“ war beliebt und wurde jeweils mit Neo-Mitglied „Nils Glagau“ und „Dagmar Wöhrl“ fleißig getauscht. Als der Spaß ein Ende fand, ging es zur Sache.

5,9 Millionen Umsatz in vier Jahren

Georg Kofler hakte zwecks Firmenbewertung nach. Die Gründer argumentierten, dass sich zwischen 2015 und 2018 rund 500 Sportvereine über Stickerstars in einem eigenen Album verewigt hätten. Für Glagau war diese Zahl nicht sehr eindrucksvoll. Es gebe rund 90.000 Vereine in Deutschland, so sein Gegenargument. Der Neu-Löwe wollte daher genauere Umsatzzahlen wissen. Die Antwort: 5,9 Millionen Euro in vier Jahren.

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(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Stickerstars verkalkulierten sich mit ihrem „Panini-Album für jeden“ bei der Firmenbewertung.

Kofler meinte, er würde gerne mitmachen, fühle sich aber bei der Bewertung „über den Tisch gezogen“. Das wäre nicht akzeptabel. Er stieg aus. Der Rest zog beim Rückzug mit. Kein Deal für die „Panini-Alternative“.

Taste Hero: Bier oder (frisch gezapftes) Bier?

Die zweiten vor dem Höhle der Löwen-Rudel waren Taste Hero. Das Startup von Jürgen und Tochter Jana Schade, sowie von Thorsten Schäfer erfand einen Flaschenaufsatz, der das Bier beim Einschenken aufwirbelt, sodass es mit Sauerstoff angereichert wird. Der Effekt: Es soll wie „frisch gezapft“ schmecken.

+++Die Startups der dritten Folge aus Sicht der Marketing-Experten+++

Taste Hero passe auf alle handelsüblichen PET- und Glasflaschen und sei je nach Verwendung ein bis zwei Jahre verwendbar, verspricht das Startup. Die Gründer wollten 50.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung haben.

Trickreicher Test

Investor Glagau meldete sich freiwillig beim Versuch, ein normales Glas Flaschenbier von einem Glas „frisch gezapftem“ Bier blind zu unterscheiden. Das Trickreiche an dem Test, war, dass es sich zweimal um das gleiche Bier von derselben Flasche handelte, jedoch beim zweiten Einschenken der Aufsatz des Startups verwendet wurde.

Der Investor beschrieb den Unterschied beim „Taste Hero-Bier“ als süßer und mit weniger Kohlensäure-Geschmack. Sein Schluss-Urteil: Er war überzeugt davon, dass es sich beim zweiten Getränk um ein frisch gezapftes Bier gehandelt habe. Und war überrascht vom  unterschiedlichen Geschmack bei Verwendung des Gadgets.

Dagmar anderer Meinung

Um nicht nachzustehen, wollte der Rest der Jury auch den Taste Hero ausprobieren. Während die meisten Investoren danach relativ zufrieden wirkten, sah es für Dagmar Wöhrl etwas anders: Das Produkt bringe weniger Kohlensäure, was ihr zuwider laufe. Das Bier würde abgestanden schmecken. Glagau meinte dazu bloß, Geschmack wäre unterschiedlich.

Kofler lobte die „Tüftelei“ der Gründer – er selbst ist aber Weintrinker und stieg aus. Maschmeyer nannte es die kleinste Zapfanlage der Welt, stieg aber ebenso aus, weil das Startup zu sehr „early stage“ sei. Auch Wöhrl sah es so und verabschiedete sich als Investorin. „Versuchskaninchen“ Glagau bot hingegen die geforderte Summe für 20 Prozent Firmenanteile. Ein erstes Angebot für Taste Hero. Das zweite folgte sogleich.

+++Das war Folge 2 der aktuellen Staffel+++

Denn Löwe Nummer zwei biss ebenfalls an: Dümmel nannte den Taste Hero „Gold“ und meinte, das Produkt wäre zu schade für den Webshop. Er sprach von vielen Notwendigkeiten, die das Startup brauche: Logistik, Schutzrechte, weltweite Vermarktung, Verpackungs-Design oder etwa Qualitäts-Management. Jedoch sei Taste Hero ein Millionen-Seller. Er wollte 25 Prozent für 50.000 Euro. Und bekam sie. Deal für Dümmel.

SunCrafter: Mobile Solar-Hubs

Die nächsten in der Höhle der Löwen waren Lisa Wendzich und Bryce Flemingham. Ihr Upcycling-Startup SunCrafter entwickelt kleine Solarmodule. Die Idee dazu kam dem Paar bei der Arbeit auf einer Solarfarm. Dort mussten sie neben funktionsunfähigen auch (aus Kostengründen) funktionsfähige Module entsorgen. Die Solar-Hubs sind laut den Gründern in der Lage, eigenständig Strom zu produzieren. Somit sind sie völlig netzunabhängig. Die Founder wollten 200.000 Euro für 10 Prozent Anteile.

Das allgemeine Ziel mit den mobilen Solarmodulen ist, sauberen Strom für jeden zugänglich zu machen – völlig unabhängig von finanziellen oder geographischen Bedingungen, wie die Erfinder erklären: „Deshalb entwickeln wir Solarsysteme für Menschen in den abgelegensten Regionen, die über keine oder ungenügende Infrastrukturen verfügen. Zusätzlich arbeiten wir an Prototypen für den humanitären Sektor, die eine schnelle und notwendige Stromversorgung auch in Katastrophengebieten oder Geflüchtetenzentren ermöglichen“, so die Gründer weiter.

Kooperation mit Berlin?

Die Jury war vom souveränen Auftritt der Gründer begeistert. Wendzich erklärte die Funktionsweise des Moduls, sprach über das Sponsoring-Business-Modell von SunCrafter auf Festivals – Vermietung der Hubs mit Brandingmöglichkeiten für sponsernde Unternehmen – und erwähnte eine mögliche Auslotung einer Kooperation mit der Stadt Berlin, zwecks Ladestationen für E-Roller. Der Kontakt zum Bürgermeister Michael Müller sei bereits da.

Es gab insgesamt große Komplimente für das Gesamt-Konstrukt von allen Investoren, doch die geplante Internationalisierung des Startups und der jahrelange nötige Aufbau des Unternehmens war den Juroren zu komplex. Kein Deal für SunCrafter.

iCapio: Der Duft des Fisches

Der vorletzte Pitch des Abends kam von Christoph Rupp. Sein Startup iCapio ist ein innovatives Angelködersytem mit Aktivköder in Kapselform, das bei Fischen für einen verführerischen Duft sorgt. Das Produkt wird nah an den eigentlichen Köder montiert und durch die Bewegung im Wasser aktiviert. Für seine Idee wollte der Gründer 95.000 Euro für 20 Prozent Anteile.

Der Forscher fand nach einem misslungenen Angelurlaub heraus, dass Fische zwar kurzsichtig seien, dafür aber einen starken Geruchssinn hätten – besser als Hunde, wie der Gründer erklärt. Deshalb die Idee zu iCapio.

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(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Christoph Rupp begeisterte mit einem Geruchs-Fischköder die Höhle der Löwen-Jury.

Zwei Angebote und …

Rupps Pitch war angenehm, ruhig und informativ, wie auch die Juroren anmerkten. Der Gründer zeigte Vergleichsvideos mit und ohne Kapselköder und verteilte eigens zusammengestellte Produkt-Pakete an die Investoren.

Maschmeyer fand Rupp derart toll, sodass er ohne großes Zögern der Forderung des Founders nachgab und den gewünschten Betrag bot. Kofler zog nach und sah das Thema speziell für Social Media geeignet. Sein Angebot „matchte“ dem von Maschmeyer. Allerdings betonte der Südtiroler, dass er dem Gründer beim gewünschten Rollout in die USA helfen könne.

… ein drittes

Dümmel sah das Produkt beim Teleshopping und im Handel besser aufgehoben und bot ebenfalls 95.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung. Der Gründer war vor allem am US-amerikanischem Markt interessiert und fragte bei den drei Investoren nach, welche Hilfestellungen sie genau liefern könnten.

Dümmel betonte, dass man zuerst Erfolg in Deutschland haben müsse, bevor man sich auf die USA konzentriere. Nach kurzer Beratschlagung mit seiner Frau entschied sich Rupp für Maschmeyer. Deal.

Renjer: Startup mit österreichischer Beteiligung bei Höhle der Löwen

Den Abschluss der dritten Folge „Die Höhle der Löwen“ bildeten der gebürtige Österreicher Alex Kirchmaier, der Finne Anton Vänskä und Tim Schulz (Deutschland) mit Renjer. Das schwedische Startup vertreibt getrocknetes Snackfleisch vom Rentier, Hirsch und Elch.

+++Goleygo: Umkämpftes “Höhle der Löwen-Startup” mit neuem Portfolio+++

Das Produkt wird, wie die Gründer betonen, aus hochwertigem Wildfleisch aus Nordeuropa hergestellt, was zur Folge hätte, dass der ökologische Fußabdruck zehnmal unter dem von Trockenfleisch vom Rind liegt. Darüber hinaus sei das artgerechte Leben der Wildtiere ein weiterer Vorteil: Durch die natürliche Ernährung der Wildtiere ist ihr Wildfleisch mit gesunden Nährstoffen gefüllt. Das Trio forderte 130.000 Euro für 10 Prozent Firmenanteile.

Wohlwollen und anderer Zugang zum Produkt

Während der Kostprobe konnten sich die Gründer das Grinsen nicht verkneifen: Die Jury-Mitglieder verkosteten die drei Sorten und brachen in eine gemütliche Diskussion über die einzelnen Geschmäcker aus. Es gab wohlwollende Worte von Wöhrl, Thelen und Dümmel, während Maschmeyer einen gänzlich anderen Zugang zum Wildfleisch hatte.

Der Investor fand sich an sein Medizin-Studium erinnert und meinte, in seinem Anatomie-Kurs hätten die Muskeln der Leichen ähnlich ausgesehen. Er stieg unmittelbar aus. Auf Nachfrage der Vegetarierin Williams versicherten die Gründer, dass sie ihr Fleisch ohne Massentierhaltung und im Sinne nachhaltiger Jagd mit strikten Quoten beziehen würden. Sie stieg dennoch aus.

Drei Angebote für Renjer

Das erste Angebot ließ jedoch nicht lange auf sich warten: Dümmel bot die geforderte Summe für 15 Prozent Beteiligung. Dem folgte Wöhrl und bot ebenfalls 130.000 Euro für allerdings „nur“ 10  Prozent Anteile. Thelen wollte dem nicht nachstehen und brachte sich als erfahrenen Investor, der erfolgreich Food-Startups aufgebaut hatte, ins Spiel. Er wollte jedoch 20 Prozent für 150.000 Euro.

(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – 3 Männer und ein Rentier: Alexander Kirchmaier, Anton Vänska und Tim Schulz konnten gleich drei Investoren-Angebote abstauben.

Verkehrte Rollen

Mit diesen drei Angeboten im Schlepptau zogen sich die Gründer zurück und kamen mit diversen Fragen zurück. Es fand eine Art Rollentausch statt: Die Gründer widmeten sich jedem einzelnen Investor und hakten nach. Da Thelen seine Forderung nicht reduzieren wollte, sagten ihm die Gründer ab. Wöhrl hingegen startete einen eigenen Pitch und strich ihre Vorteile heraus, was auch Dümmel dazu brachte, das Gleiche zu tun.

+++Höhle der Löwen: 6. Staffel mit neuem “Rudel-Mitglied”+++

Die Gründer verhandelten. Sie wollten von Dümmel 150.000 Euro für 15 Prozent Anteile. Der Investor strich heraus, dass es in dem Fall den Foundern nicht um die 20.000 Euro Differenz gehen sollte, stimmte aber zu. Nach letzter Beratung nahmen die Gründer Dümmel mit ins Boot. Deal.


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Kentaro Imai leitet die Global Marketing Division von Kokuyo | (c) Kokuyo

Wenn über die Zukunft der Arbeit gesprochen wird, geht es meist um Technologie. Bei KOKUYO geht es zuerst um den Menschen. Das japanische Unternehmen wurde im Oktober 1905 in Osaka gegründet, damals als kleiner Betrieb, der Umschläge für Rechnungsbücher herstellte. Daraus wurde über 120 Jahre hinweg ein Konzern, der Schreibwaren, Büromöbel, Raumgestaltung und Beratung verbindet. Im Alltag bekannt ist KOKUYO vor allem durch die Campus-Notizbücher, die seit 1975 zum Standard in japanischen Schulen und Büros gehören.

Prägender für die Arbeitswelt-Debatte ist allerdings ein anderer Strang der Firmengeschichte: KOKUYO nutzt die eigenen Büros seit Jahrzehnten als Labor. Bereits 1969 machte das Unternehmen sein damals neues Headquarter öffentlich zugänglich und startete damit die Live-Office-Initiative. 2021 folgte The Campus im Tokioter Stadtteil Shinagawa, wo Teile des Bürogebäudes für die Nachbarschaft geöffnet wurden, samt Park, Shop und Coffee Stand. Im Mai 2026 eröffnete KOKUYO in Osaka ein neues globales Headquarter, ebenfalls als offener Experimentierraum angelegt.

Dazu kommt die Forschungsseite: Das hauseigene Workstyle Research Lab stützt sich auf eine jährliche globale Befragung von rund 5.000 Personen sowie auf Arbeitsplatzforschung in 30 Ländern und an mehr als 1.000 Standorten.

Wie KOKUYO dieses Denken auf europäische Märkte überträgt, verantwortet Kentaro Imai. Als General Manager der Global Marketing Division im Global Workplace Business ist er erster Ansprechpartner für Hersteller und Händler in Europa und Nordamerika. Was Life-Based Working bedeutet, warum es Brückenbauer zwischen den Innovationsökosystemen braucht und was sich Österreich und Japan gegenseitig abschauen können, erzählt Imai hier im Interview.


brutkasten: Herr Imai, was bedeutet es bei KOKUYO, an der Zukunft zu arbeiten?

Für uns bedeutet es nicht, eine einzige, endgültige Zukunft vorherzusagen. Es bedeutet, mögliche Zukünfte so greifbar zu machen, dass Menschen sie über ihre eigene Neugier erfahren können.x

Bei unseren Produkten heißt das, über den Gegenstand hinauszudenken. Ein Sessel ist nicht nur ein Sessel, er kann Bewegung, Konzentration, Interaktion und Wohlbefinden beeinflussen. Bei unseren Räumen heißt es, Umgebungen zu gestalten, die sich mitverändern, wenn sich Tätigkeiten und Erwartungen der Menschen verändern. In unseren Teams heißt es: Menschen genau beobachten, empathisch zuhören, Ideen prototypisch bauen und aus dem lernen, was tatsächlich passiert.

Unsere Büros, Forschungseinrichtungen und Räume wie The Campus funktionieren deshalb als lebende Labore. Wir testen neue Verhältnisse zwischen Arbeit, Leben, Lernen, Gemeinschaft und Technologie in realen Situationen, statt sie nur theoretisch zu diskutieren. Unser Anspruch ist es, ein Morgen zu zeigen, auf das man nicht warten will. Das verlangt Neugier, Experimentierfreude und den Mut, Zukunft sichtbar zu machen, bevor jede Antwort feststeht.

Bild: Bürosessel ingCloud, ausgezeichnet mit dem Red Dot: Best of the Best 2026 | © KOKUYO

Wie prägen „Be Unique“ und Life-Based Working das Zukunftsverständnis von KOKUYO?

„Be Unique“ beginnt mit der Überzeugung, dass Individualität eine Wertquelle ist und nichts, was Organisationen wegstandardisieren sollten.

Menschen haben unterschiedliche Körper, Persönlichkeiten, Verantwortlichkeiten, kulturelle Hintergründe, Arbeitsrhythmen und Denkweisen. Life-Based Working bedeutet, bei diesen Realitäten des menschlichen Lebens anzusetzen, statt bei den traditionellen Annahmen des Büros.

Statt den einen idealen Arbeitsplatz zu entwerfen oder die eine richtige Art zu arbeiten vorzuschreiben, schaffen wir Ökosysteme der Wahlmöglichkeiten. Menschen brauchen Orte für konzentriertes Arbeiten, für Zusammenarbeit, für Gespräche, für Lernen, für Erholung, für Bewegung und für soziale Verbindung. Und sie brauchen die Autonomie, jene Umgebung zu wählen, die zu ihrem jeweiligen Vorhaben passt.

Gleichzeitig darf Individualität nicht Isolation bedeuten. KOKUYOs langfristige Vision ist eine selbstbestimmte, kooperative Gesellschaft: eine, in der Menschen ihre Einzigartigkeit ausdrücken können, andere respektieren und gemeinsam neuen Wert schaffen. Die Zukunft der Arbeit sollte den Menschen also mehr Handlungsspielraum geben und zugleich ihre Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen, zu Communities und zur Gesellschaft stärken.

Wie wichtig sind Brückenbauer zwischen Kulturen und Innovationsökosystemen?

Sie sind unverzichtbar, weil Ideen sich nicht einfach von einem Land in ein anderes kopieren lassen. Sie müssen übersetzt werden, nicht nur sprachlich, sondern kulturell und organisatorisch, hinein in den Kontext der jeweiligen Community.

Ein Konzept, das in Japan funktioniert, muss für Österreich oder einen anderen europäischen Markt womöglich neu gerahmt werden. Erwartungen an Hierarchie, Entscheidungsfindung, Privatsphäre, Zusammenarbeit, Risiko und individuelle Autonomie können sich unterscheiden. Brückenbauer helfen beiden Seiten zu verstehen, welche menschlichen Bedürfnisse universell sind und welche Annahmen lokal geprägt.

Büro als soziale Infrastruktur: In The Campus treffen KOKUYO-Mitarbeitende auf Gäste, Anrainerinnen und Anrainer. Für Imai entsteht Innovation genau in solchen Begegnungen. | © KOKUYO

Sie verbinden außerdem Organisationen, die einander sonst nie begegnen würden: etablierte Unternehmen, Startups, KMU, Forschende, Designerinnen und Designer, Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und lokale Communities. Organisationen wie We Are Unicorns, CIC und Venture Café liefern dafür die Beziehungen und die gemeinsame Sprache.

KOKUYO hat ein wachsendes internationales Netzwerk. Unser Ziel sollte aber nie sein, eine japanische Lösung zu exportieren oder eins zu eins zu übersetzen. Die eigentliche Chance liegt darin, japanisches Wissen mit lokaler europäischer Erfahrung zu verbinden und gemeinsam etwas zu entwickeln, das keine der beiden Seiten allein hervorgebracht hätte.

Warum sind physische Begegnungsorte für Innovation wichtig?

Digitale Technologie erlaubt Kommunikation über enorme Distanzen. Aber Kommunikation allein erzeugt nicht automatisch Vertrauen, Zugehörigkeit oder Zusammenarbeit.

Innovation beginnt oft mit Beobachtung, informellen Gesprächen, unerwarteten Begegnungen und Co-Creation. Menschen bemerken etwas, tauschen Perspektiven aus, fordern einander heraus und entwickeln nach und nach das Zutrauen, gemeinsam zu experimentieren. Physische Orte schaffen die Bedingungen dafür.

The Campus ist deshalb mehr als ein Showroom oder ein Büro. Es ist ein Experimentierfeld für die Zukunft von Arbeit, Leben und Lernen. Indem Teile des Arbeitsplatzes für die Nachbarschaft geöffnet werden, begegnen einander Mitarbeitende, Gäste, Kreative und Anrainerinnen und Anrainer auf andere Weise.

Wir verstehen solche Räume als soziale Infrastruktur. Ihr Zweck ist nicht, Menschen unterzubringen, sondern Neugier, Beteiligung und neue Beziehungen zu ermöglichen. Der innovativste Raum ist nicht zwangsläufig der technisch fortschrittlichste. Es ist jener, in dem Menschen, die einander sonst nie treffen würden, beginnen, gemeinsam etwas zu denken und zu bauen.

The Campus in Tokio-Shinagawa: KOKUYO hat einen Teil des eigenen Firmengeländes in einen offenen Park mit Shop und Coffee Stand verwandelt, der allen zugänglich ist. | © KOKUYO

Wie wichtig sind internationale Zusammenarbeit und das Lernen von anderen Perspektiven?

Internationale Zusammenarbeit ist keine Zusatzaktivität am Rand von Innovation. Sie wird zu einer ihrer zentralen Voraussetzungen.

Die Zukunft der Arbeit wird in Tokio, Wien, Mumbai, Shanghai oder Sydney nicht dieselbe sein. Demografie, Wohnen, Mobilität, Technologie, Führungspraktiken und gesellschaftliche Erwartungen prägen, wie Menschen Arbeit und Leben erfahren.

Seit 2021 öffnet KOKUYO Teile seiner Tokioter Zentrale für die Nachbarschaft. Die Live-Office-Idee, eigene Büros als Versuchsfläche zu nutzen, verfolgt das Unternehmen seit 1969. | © KOKUYO

Unser Workstyle Research Lab stützt sich auf eine jährliche globale Befragung von rund 5.000 Personen und auf Arbeitsplatzforschung in 30 Ländern und an mehr als 1.000 Standorten. Das hilft uns, Muster zu erkennen. Es erinnert uns aber auch daran, dass es weder den einen globalen Mitarbeiter noch die eine universelle Arbeitsplatzlösung gibt.

Internationale Kooperation erlaubt uns, die eigenen Annahmen infrage zu stellen. Manchmal hilft eine andere Kultur dabei, etwas wieder zu sehen, das man selbst längst nicht mehr wahrnimmt, weil es normal geworden ist. Unsere Aufgabe ist deshalb nicht, die eine globale Best Practice zu bestimmen und überall zu wiederholen. Sie besteht darin, einen globalen Lernprozess zu schaffen: Evidenz teilen, Ideen lokal testen und Lösungen gemeinsam mit jenen anpassen, die sie am Ende nutzen.

Was können österreichische und japanische Organisationen voneinander lernen?

Wir sollten aufpassen, keines der beiden Länder auf ein Klischee zu reduzieren. Dennoch gibt es einander ergänzende Stärken, aus denen sich wertvolle Lernprozesse ergeben können.


Mehr über We Are Unicorns

We Are Unicorns wurde von Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer in Wien gegründet. Die beiden arbeiteten zuvor knapp sieben Jahre lang gemeinsam in der Wirtschaftskammer Österreich im Digitalisierungsbereich, unter anderem an der Innovation Map. Ihr Unternehmen versteht sich als „Innovationsabteilung as a Service“ für kleine und mittlere Unternehmen, die für aufwendige Strategieprozesse meist weder Zeit noch eigene Ressourcen haben.

Kern des Angebots ist der Future Radar, ein kostenfreies digitales Werkzeug, das Betrieben 55 konkrete Chancen für den eigenen unternehmerischen Erfolg aufzeigt. Ein eigens entwickelter KI-Assistent ordnet die Themen ein und leitet daraus nächste Schritte für das jeweilige Unternehmen ab. Mehr dazu im brutkasten-Talk: „Lust auf Zukunft machen“: Wie We Are Unicorns KMU unterstützen will

Tipp der Redaktion:

Wer sich selbst ein Bild von KOKUYO Zugang zur Arbeitswelt machen will, hat dazu im Herbst Gelegenheit: Der japanische Konzern stellt auf der Orgatec aus, der internationalen Leitmesse für Arbeits- und Objekteinrichtung, die von 27. bis 30. Oktober 2026 in Köln stattfindet. Die Messe steht heuer erstmals unter einem Leitthema, „From rooms to relationships“, und rückt damit die Beziehungen zwischen Menschen im Arbeitsumfeld in den Mittelpunkt.

Disclaimer: Dabei handelt es sich um eine Themenpartnerschaft, die Teil des brutkasten-Magazins „Aufbrechen“ ist – in Kooperation mit WeAreUnicorns.

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