10.09.2019

Höhle der Löwen: Die Startups der Folge 2 aus Marketing-Experten-Sicht

Die Marketingexpertinnen Sabrina Oswald, Geschäftsführende Gesellschafterin Futura und Vorstand der Österreichischen Marketing-Gesellschaft und Sonja Felber, Geschäftsleitung AHVV, beleuchteten die fünf teilnehmenden Startups der zweiten Folge von "Die Höhle der Löwen" aus strategischer Perspektive, und bewerteten das Marketingpotenzial der Produkte für den brutkasten schon vorab.
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Höhle der Löwen, Sonja Felber, ÖMG, Höhle der Löwen, Marketing, Experten
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Miriam Schütt (r.) und Marie-Lene Armingeon werden mit ihrem Startup SofaConcerts von Marketing Experten durchleuchtet.

Während unsere Marketing-Experten vergangene Woche bei dem TV-Deal für Skills4school gutes Gespür bewiesen, bekam der zweite Favorit der PR-Profis, wheelblades, kein Investment. Diese Woche üben sich Sabrina Oswald, Geschäftsführende Gesellschafterin Futura und Vorstand der Österreichischen Marketing-Gesellschaft und Sonja Felber, Geschäftsleitung AHVV, im Blick in die Zukunft, bewerten den Netz-Auftritt der teilnehmenden Startups bei „Die Höhle der Löwen“ und geben ihren Favoriten für Folge 2 preis.

+++ KMU meet Startups & Corporates Roadshow 2019 +++


1. rezemo

Rezemo sind hölzerne Kaffeekapseln, die in einem umweltfreundlichen Verfahren hergestellt und nach dem Gebrauch entweder im Biomüll entsorgt oder verbrannt werden können.

Die Einschätzung der Experten

Bei Rezemo handelt es sich um eine sehr ansprechende Produktidee. Gerade in Zeiten von Convenience, hat eine nachhaltige biologische Kaffeekapsel, produziert aus Holzspänen lokaler Wälder, durchaus Potenzial. Eigentlich ist es aber nicht nur ein Produkt, sondern es sind zwei. Erstens eine biologische und nachhaltige Kaffeekapsel, kompatibel für Nespresso-Maschinen. Und zweitens der Kaffee in den Kapseln – aktuell gibt es Espresso, Lungo und Decaf.

Starke Marken haben gelernt, dass Entsorgung wesentlich ist

In der Kombination von Kapseln und Kaffee sehen wir allerdings auch eine Schwäche. Was ist nun der Fokus? Nachhaltige Kapseln oder Kaffee in nachhaltigen Kapseln? Mit nur drei Kaffeesorten wird es schwer werden, Nespresso-Afficionados zu überzeugen. Da gibt es schon viele Alternativen, auch wenn diese zugegebenermaßen nicht derart nachhaltig sind. Zudem haben auch starke Marken gelernt, dass die Entsorgung ein wesentliches Thema geworden ist.

Es stellt sich also die Frage, ob sich das Unternehmen lieber auf den Ansatz konzentrieren sollte, den Verpackungsmarkt für Kaffeekapseln zu revolutionieren? Das klingt zwar auf den ersten Blick schwierig, hat aber deutlich mehr Potenzial als noch ein weiterer Kaffeekapsel-Anbieter zu werden.

Instagram besser als Facebook

Optisch ist die Webseite sehr ansprechend. Bei der Mobile-Ansicht funktioniert der Mouseover-Effekt nur geringfügig und SEO-technisch sind einige Optimierungen notwendig. Der Facebook-Auftritt ist nett, erzählt aber mehr vom Unternehmen als von dem Produkt. Wobei die Seite mit 221 Fans und kaum Interaktion vernachlässigbar ist. Auf Instagram läuft es da im Verhältnis deutlich besser mit dem Engagement.

Marketing-Tipp

Es gibt zwei Produkte – nachhaltige Kaffeekapseln und befüllte nachhaltige Kaffeekapseln – und das macht, so paradox es klingt, die Entscheidung schwerer. Langfristig betrachtet wäre der Fokus auf ein Produkt und Geschäftsmodell um einiges sinnvoller.

Expertin Sonja Felber durchleuchtet für den brutkasten die „Die Höhle der Löwen“-Startups aus Marketing-Sicht
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(c) APA/ Ludwig Schedl – Marketing-Expertin Sonja Felber gibt ihre Einschätzung zu den Startups der Folge 2 von Höhle der Löwen.

2. SofaConcerts

SofaConcerts ist eine Onlineplattform, die Musiker für Privatevents wie Hochzeiten und Geburtstage vermittelt.

Die Einschätzung der Experten

Es handelt sich um eine nette Idee, quasi den „Longtail“ der lokalen Musikerszene verfügbar zu machen. Man kann Künstler für private Events wie Trauung oder ein Wohnzimmerkonzert ebenso direkt buchen, wie für Firmenevents. Die Suche nach Musikern ist sehr intelligent aufgebaut: nach Genre, Stimmung, Programm, und vielem mehr. Zusätzlich gibt es noch die Möglichkeit, die Künstler nach Sternensystem zu bewerten. Auch die Buchungsmodalität wirkt logisch und strukturiert. Zudem sind Videos der Künstler verfügbar, die einen guten Einblick in Stil und Art geben.

Airbnb für Konzerte bei „Die Höhle der Löwen“

Wie groß der Markt für so ein Produkt ist, können wir nur schwer beurteilen. Zumindest die 13 Prozent Vermittlungsgage scheinen mehr als fair. Ein Airbnb für kleine bzw. private Konzerte ist, international betrachtet, ein riesiger Markt. Da gibt es natürlich Konkurrenz wie Sofar, die mit 441 Städten deutlich internationaler wirken. Uns würden daher vor allem die Ausbaupläne von SofaConcerts sehr interessieren.

Unterirdische Interaktion auf Facebook

Die Webseite funktioniert jedenfalls top. Die Suchfunktion ist sehr gut, auch mobil wirkt alles einwandfrei. SEO hingegen ist noch ausbaufähig und muss optimiert werden. Auf Facebook haben sie 52.000 Fans, leider ist die Interaktion unterirdisch und Bedarf noch einiges an Investition. Auf Instagram umfasst die Community im Vergleich zwar nur 6.700 Fans, dafür gibt es aber eine viel bessere Interaktion.

Marketing-Tipp

Ganz schnell internationalisieren und die Community ausbauen. Uns gefällt die Idee wirklich gut – ohne Businesszahlen fällt eine Bewertung hier aber wahnsinnig schwer.

3. Everest Climbing

Das Startup Everest Climbing präsentiert eine unendliche, rotierende Kletterwand mit unterschiedlichen Kletterstrecken. Sie besteht aus fünf Laufbändern, die in verschiedenen Geschwindigkeiten rotieren.

Die Einschätzung der Experten

Eine platzsparende aber endlose Kletterwand auf Basis eines vertikalen Laufbands klingt nach einer sehr schlauen Idee. Und die Anwendungsmöglichkeiten sind tatsächlich endlos: vom Event, über Spielplätze, Fitnesscenter bis hin zur Rehabilitation.

Wunsch nach Skalierung

Die Videos wirken sehr überzeugend. Blickt man auf der Webseite in den Bereich „Aktuelles“, so fällt die Vielzahl von Events auf. Aus Investorensicht – mit Wunsch nach Skalierung – würden wir uns mehr Fitnesscenter oder Rehabilitationszentren wünschen, da hier einfach Stückzahlen und Verkäufe möglich wären, im Gegensatz zu Einzelmieten.

Verwirrung rund um Sprache

Die Webseite enthält alle notwendigen Informationen und ist funktional. „Emotional abgeholt“ wird man aber jedoch nicht wirklich. Auch SEO-technisch wäre viel zu verbessern. Ähnlich verhält es sich bei Social Media: sowohl Facebook als auch Instagram werden viel zu wenig genutzt. Verwirrung herrscht in Bezug auf die verwendete Sprache – auf Instagram findet man englische Text, auf Facebook hingegen vorwiegend polnische.

Marketing-Tipp

Eigentlich handelt es sich um ein großartiges Produkt. Aber der aktuelle Fokus auf Events ist aus Investorensicht schwierig, auch die Kommunikation passt nicht wirklich. Empfehlenswert wäre daher ein Nachschärfen des Konzepts, sowie die Fokussierung auf das Skalieren des Produktes im Markt.

Expertin Sabrina Oswald durchleuchtet für den brutkasten die „Die Höhle der Löwen“-Startups aus Marketing-Sicht
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(c) APA/ Ludwig Schedl – Marketing-Expertin Sabrina Oswald: „Eine gute Idee reicht oft nicht aus, da braucht es noch mehr Arbeit bei der Positionierung und Mut zur Differenzierung“.

4. Vetevo

Ziel der kostenlosen App von vetevo ist es, Tiergesundheit für jeden Halter zugänglich zu machen. Sie bietet Labor-Diagnostik sowie Gesundheitstracking an. Daneben stellt das Startup auch weitere Produkte her, darunter beispielsweise einen Wurmtest für zu Hause.

Die Einschätzung der Experten

Zuerst dachten wir, es handelt sich um einen reinen online zu bestellenden Test für Wurmbefall bei Hunden, Katzen und Pferden. Kot einfüllen, einsenden und Testergebnisse über die App abrufen – ein System, das man kennt. Und es macht auch Sinn, da die Zahl der Haustiere in Deutschland laufend steigt. Aktuell gibt es rund 15 Millionen Katzen und rund 9,5 Millionen Hunde. Bei Pferden sind es rund 1,3 Millionen Stück. In ganz Europa soll es 103 Millionen Katzen und rund 87 Millionen Hunde geben. Ein Markt mit sehr viel Potenzial.

Vermittlungssystem für Tierarztleistungen

Spannend wird es allerdings, wenn man bei Vetevo auf den Punkt Behandlungen klickt. Denn dann sieht man, dass auch Operationen für Kastration, Patellaluxation, Mastzelltumor und Kreuzbandriss vermittelt werden und die App zusätzlich an anlaufende Pflege und Ähnliches erinnert. Sozusagen ein Vermittlungssystem für Tierarztleistungen über den „leichten“ Einstieg durch Wurmbefalltests.

Dogfluencer auf Instagram

Hinter der App steckt wirklich viel System und sie bietet großes Potenzial zur Skalierung. Die Webseite ist sehr gut. SEO-technisch gäbe es trotzdem noch einiges an Verbesserungspotenzial. Facebook wird mit 2000 Fans und niedriger Interaktion zu wenig genutzt. Da geht noch deutlich mehr – gerade bei diesem Thema. Auf Instagram sind die Gründer dafür umso aktiver und haben erfolgreich auf „Dogfluencer“ gesetzt.

Die App wird grundsätzlich gut bewertet. Achten sollte man aber dennoch auf die technische Funktionalität – da gibt es seit Februar etliche User mit Problemen. Es ist immer gefährlich, wenn die Bewertungen in den App Stores unter 4 fallen und gegen 3,5 wandern.

Marketing-Tipp

Grundsätzlich handelt es sich bei Vetevo um eine wirklich gute Idee. Unsere Empfehlung: internationalisieren, mehr „targeted ads“ auf Facebook und die Bugs aus der App beseitigen.

5. Soummé

Bei Soummé handelt es sich um ein Mittel gegen starkes Schwitzen (Hyperhidrose), genauer ein Antitranspirant gegen Schweiß- und Geruchsbildung.

Die Einschätzung der Experten

Rosenwasser aus Marokko: Wir dachten bei der Produktpräsentation zuallererst an Kosmetik. So wirkt auch der Auftritt in den digitalen bzw. sozialen Kanälen. Tatsächlich handelt es sich – nach etwas Einlesen – um ein Produkt, das Menschen mit Hyperhidrose (starkem Schwitzen) hilft. Unter Hyperhidrose leiden rund eine Million Menschen in Deutschland. Die Therapien sind oft teuer und unangenehm, wie zum Beispiel die Behandlung mit Botox. Ein Markt ist also definitiv da. Ob, und wie gut es tatsächlich funktioniert, können wir aus der Distanz nicht beurteilen und hätten uns daher Expertenaussagen auf der Webseite gewünscht.

Was irritiert, ist der Auftritt. Soummé wird wie ein normales Kosmetikum präsentiert. Schwitzen ist – auch ohne Erkrankung – für viele Menschen ein Thema, etwa im Sommer im Berufsalltag. Da würde so ein Produkt helfen. Expertenmeinungen und Spezialisten-/Dermatologen-Aussagen könnten den hilfreichen Nutzen des Produkts durchaus unterstreichen.

Story hinter dem Produkt kommt nicht rüber

Die Webseite ist funktional, hat uns aber nicht wirklich abgeholt. Die echte Story hinter dem Produkt kommt einfach nicht rüber. SEO-technisch gilt es, sehr viel zu verbessern. Soziale Kanäle wie Facebook und Instagram werden viel zu wenig genutzt. Eine Zusammenarbeit mit Influencern, Businesspeople oder Hyperhidrose-Patienten wäre hierbei sinnvoll. Der Hyperhidrosis-Hashtag zeigt 31.400 Beiträge, jener von Soummé unter 100.

Marketing-Tipp

Eine gute Idee reicht oft nicht aus, da braucht es noch mehr Arbeit bei der Positionierung und Mut zur Differenzierung. Das Produkt ist gegen Schwitzen, kommuniziert diesen Nutzen jedoch nicht richtig in den Markt hinaus.


Favorit der Expertinnen in Folge 2/2019 von „Die Höhle der Löwen“

Unser persönlicher Favorit dieser Folge „Die Höhle der Löwen“ ist Vetevo, da dieses Produkt unserer Meinung nach wirklich sehr viel Potenzial aufweist. Unser Sieger der Herzen ist allerdings Sofaconcerts, auch wenn hier die Konkurrenz schon sehr mächtig sein dürfte.

⇒ rezemo

⇒ SofaConcerts

⇒ Everest Climbing

⇒ vetevo

⇒ Soummé

⇒ ÖMG

⇒ DHDL

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HTL Spengergasse: Die Wiener Talenteschmiede

Viele der spannendsten jungen Tech-Talente Österreichs kommen von derselben Schule: der HTL Spengergasse in Wien. Zufall ist das nicht.
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HTL Spengergasse: Die Wiener Talenteschmiede

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Alexandra Polic sitzt mit Harald Zumpf in einer Klasse der HTL Spenegrgasse
Lehrer Harald Zumpf betreut die Hochbegabten an der HTL Spengergasse. (c) brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Hinter einer Glasfassade in der Spengergasse befindet sich eine Schule, die mehr kann als Unterricht. Hier bauen Schüler:innen Software, die mit Produkten von Technologie-Giganten konkurriert. Wer das Gebäude betritt, sieht Klassenzimmer wie überall: Tische, Bildschirme, Schüler:innen vor ihren Laptops. Und doch entsteht hier etwas, das an vielen Schulen fehlt.

Die Liste der Absolvent:innen liest sich wie das Who’s who der österreichischen Tech-Szene: Eric Steinberger und Sebastian De Ro, deren KI-Coding-Startup Magic international für Aufsehen sorgt; Ben Koska, der mit seinen Brüdern in San Francisco an Infrastruktur für KI-Modelle arbeitet; Mojmír Horváth, der mit seinem Startup PothAI im Sommer ins Y-Combinator-Programm einzieht. Sie haben eines gemeinsam: Sie sind durch dieselbe Förderung gegangen.

Im Computerraum wartet Harald Zumpf. Er unterrichtet im Bereich Informatik – und betreut nebenbei jene, die mehr wollen als den Lehrplan. Zumpf ist seit fast 13 Jahren an der HTL Spengergasse. Als er damals an die Schule kam, fiel ihm auf, dass es zwar zahlreiche Unterstützungsangebote für schwächere Schüler:innen gab, aber kein spezielles Angebot für die leistungsstärksten. „Wir haben uns also gefragt: Wie bereiten wir die Besten möglichst gut auf die Welt nach der Schule vor?“, erzählt Zumpf. Der Lehrer suchte die Antwort direkt bei jenen, die im Unterricht herausstechen. Er fragte sie, was er für sie tun könne. So entstand nach und nach die Hochbegabtenförderung.

Heute hat sich daraus ein Programm mit 18 Schüler:innen entwickelt, die in Teams an innovativen Projekten für reale Kunden aus der Wirtschaft arbeiten. Auf dem Papier ist die Förderung ein Freifach; in der Praxis eine 24/7-Betreuung. „Alle Schüler:innen haben meine Handynummer und können sich jederzeit melden – auch am Sonntag oder in den Ferien“, sagt Zumpf. Auf LinkedIn fasst er es so zusammen: Serving Austria’s brightest minds. „Ich arbeite nicht für mich – ich arbeite für die Schüler:innen“, sagt er.

Die HTL Spengergasse im fünften Wiener Gemeindebezirk. (c) brutkasten

Erst Silicon Valley, dann Matura

Viele der Schüler:innen, die in Zumpfs Programm waren oder sind, zählen zu den vielversprechendsten Talenten in der Startup- und Innovationsszene. Der besagte Mojmír Horváth etwa, 19 Jahre alt, besucht im Rahmen eines Auslandsjahrs die renommierte Phillips Academy in den USA. Mit seinem Startup PothAI hat er es außerdem ins Early-Programm des Y-Combinator-Ökosystems geschafft. Im Sommer, gleich nach seiner Matura an der HTL Spengergasse, wird Horváth am Summer 2026 Batch teilnehmen.

Mit PothAI entwickelt er eine agentenbasierte KI, die Unternehmensdaten eigenständig analysiert, Hypothesen bildet und daraus kontinuierlich neue Erkenntnisse ableitet, um manuelle Analyseprozesse zu ersetzen. Mit drei Unternehmen sind bereits Pilotprojekte vereinbart. Wenn der YC-Batch startet, will Horváth eine funktionierende Version seines Produkts haben.

Dass er es jetzt schon so weit gebracht hat, hat er auch seiner Schule und der Hochbegabtenförderung zu verdanken. Dabei hat er aber nichts dem Zufall überlassen: „Ich habe Professor Zumpf schon vor dem Schulstart geschrieben, um herauszufinden, wie ich in das Programm komme“, erzählt Horváth. Die Förderung war einer der Gründe, warum er sich für die HTL Spengergasse entschieden hat. In die Förderung aufgenommen hat ihn Harald Zumpf in der zweiten Klasse. Ausschlaggebend war unter anderem ein Medizin-Hackathon: „Wir sind dort gegen PhD-Teams angetreten und haben den zweiten Platz erreicht, beim Publikumsvoting sogar den ersten.

In diesem Rahmen habe ich in 24 Stunden einen Deep-Learning-Algorithmus entwickelt, der Patientendaten verarbeitet und die Kostenentwicklung prognostiziert“, sagt Horváth.

Talente fallen auf

Dies ist einer von vielen Schlüsselmomenten, die Harald Zumpf mit seinen Schüler:innen erlebt. „Das Identifizieren der Hochbegabten ist das Einfachste überhaupt. Man muss sich eher Mühe geben, sie nicht zu erkennen“, sagt er. Dabei komme es auch gar nicht nur auf ihn an: „Wenn man eine Klasse fragt, wer von ihnen der Beste im Programmieren ist, zeigen alle auf dieselbe Person“, erzählt Zumpf. Auch Empfehlungen aus dem Lehrerkollegium bekommt er immer wieder.

Manchmal geht Zumpf auf die Schüler:innen zu, manchmal kommen sie zu ihm. Wer aufgenommen werden will, braucht einen bestimmten Notenschnitt, weil die schulischen Leistungen nicht leiden sollen. Kandidat:innen führen ein Gespräch mit Zumpf und zwei oder drei Schüler:innen, die bereits in der Förderung sind. „Uneinig über eine Aufnahme waren wir uns noch nie“, sagt Zumpf. Ein Assessment-Center oder andere formale Metriken gibt es nicht.

Harald Zumpf hat die Hochbegabtenförderung an der HTL Spengergasse ins Leben gerufen. (c) brutkasten

Echte Projekte statt Theorie

Was nach der Aufnahme passiert, bestimmen die Schüler:innen. In Teams von zwei bis vier Personen arbeiten sie an Themen, die sie interessieren. Dabei geht es immer um reale Projekte von Wirtschaftspartnern. „Wenn sie etwas brauchen – Mentoring, Kontakte, Rechenleistung oder Projekte –, dann organisiere ich das“, sagt Zumpf. Am Anfang des Schuljahrs stellte er Kontakt zu einer österreichischen Bank her, weil sich eines seiner Teams für Cybersecurity begeistert. Drei Tage später saßen deren Vertreter bereits in der Schule – und noch am selben Tag fiel der Startschuss für das Projekt. Mittlerweile haben die Schüler:innen eine KI für das Compliance-Management entwickelt.

„Je offener die Aufgabenstellung, desto besser. Wir arbeiten strikt agil – von Sprint zu Sprint“, sagt Zumpf. Einmal im Monat trifft er sich bei einem Jour fixe mit seinen Schüler:innen, aber wenn es Herausforderungen gibt, sieht er sie zum nächstmöglichen Termin. Den Wirtschaftspartnern verspricht Zumpf keine bestimmten Ergebnisse – die Schüler:innen sollen Fehler machen dürfen –, aber „meistens kommt etwas sehr Gutes heraus“.

Die Projekte laufen normalerweise über ein Schuljahr. Manchmal aber sind die Teams schon nach drei Wochen fertig. „Wir schauen nicht auf die Zeit – wir schauen auf das Ergebnis“, sagt Zumpf.

Von der HTL zu Y ­Combinator

Einer, der auch nicht auf die Zeit schaut, ist Ben Koska – zum Video-Interview erscheint er pünktlich um Mitternacht, nordamerikanische Westküstenzeit. Koska sitzt gemeinsam mit seinen Brüdern in San Francisco, um Infrastruktur für Firmen zu bauen, die KI-Modelle trainieren.

Auch er ist Absolvent der HTL Spengergasse, Maturajahrgang 2025, und war Teil des Y-Combinator-Programms, Batch 2025. Wer dort aufgenommen werden will, muss einiges vorweisen. Das konnte Koska – dank der Hochbegabtenförderung in der HTL.

„Die größte Stärke der Förderung ist die Freiheit, Dinge auszuprobieren und eigene Projekte zu verfolgen. Wir konnten an vielen Hackathons und Events teilnehmen – das wäre ohne die Unterstützung der Schule nicht möglich gewesen“, sagt Koska. Ein Highlight? „Wir haben ein akademisches Paper geschrieben und auf einer Konferenz in Dubai präsentiert – das hat mich extrem geprägt.“

In das Programm aufgenommen hat ihn Harald Zumpf, nachdem er sich bei der österreichischen Informatikolympiade für internationale Wettbewerbe qualifiziert hatte. Dass die Schule ihre jungen Talente dorthin schickt, ist Teil des Konzepts der HTL Spengergasse. „Was die HTL besonders macht, ist, dass Lehrer sagen: Wenn ihr etwas Sinnvolles macht, dann dürft ihr euch dafür Zeit nehmen“, sagt Koska.

Seine Zeit steckt Koska heute in sein Startup SF Tensor. Oft programmiert er bis spät in die Nacht – gemeinsam mit seinen Brüdern. Damit haben die drei schon früh begonnen: Noch während der Schulzeit machten sie parallel ihren Bachelor, ermöglicht durch das Programm „Schülerinnen und Schüler an die Hochschulen“ der OeAD. Der Abschluss kam damit noch vor der Matura. Ben Koska studiert heute bereits im Master Computer Science an der University of Colorado Boulder.

Seine Brüder haben inzwischen ebenfalls abgeschlossen: Ihren letzten Schultag am BG & BRG Keimgasse in Mödling hatten sie erst vor wenigen Wochen – ihre Bachelor-Abschlüsse aber schon längst in der Tasche.

Dass solche Wege kein Zufall sind, zeigt sich auch in den Rankings: In den Bestenlisten der österreichischen Informatikolympiade tauchen immer wieder Namen von Schüler:innen des BG & BRG Keimgasse und der HTL Spengergasse auf.

Ben Koska hat mit seinen Brüdern das Startup SF Tensor gegründet, an dem sie derzeit in San Francisco arbeiten. (c) San Francisco Tensor Company

Das Erfolgsrezept: Praxis und Freiraum

Was machen diese Schulen besser als alle anderen? „Das Programm selbst ist gar nicht so komplex – es ist eher die Einstellung der Lehrer:innen und der Schulleitung, die den Unterschied macht“, sagt Ben Koska. Man brauche keine komplizierten Regeln – man brauche Personen, die wirklich wollen, dass so etwas funktioniert.

PothAI-Co-Founder Mojmír Horváth sieht den Vorteil vor allem in der Praxis. „Was andere Schulen übernehmen sollten? Echte Projekte mit Unternehmen statt nur Übungsaufgaben“, sagt er. Auch dass in der Förderung nur Englisch gesprochen wird, habe ihn sehr gut auf internationale Programme wie Y Combinator vorbereitet. „Talente gibt es viele – aber erst durch die richtige Förderung kann wirklich etwas aus ihnen werden“, fasst Horváth zusammen.

Für Harald Zumpf sind mehrere Faktoren ausschlaggebend: Lehrkräfte wie er, die sich engagieren wollen, brauchen Freiraum und ein Umfeld, das unbürokratisches Vorgehen erlaubt. Starre Strukturen, feste Stundenpläne oder enge Lehrplanvorgaben stehen der Agilität, die für innovative Projekte nötig ist, oft im Weg. Wenn Lehrkräfte selbst Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt haben, können sie die Praxis meist besser vermitteln. Auch Zumpf ist seit 25 Jahren selbstständig tätig – nun eben neben seinem Job an der HTL. Viele der Schüler:innen im Hochbegabten-programm verdienen schon während der Schulzeit Geld als Software Engineers oder Consultants. Außerdem vernetzt Zumpf die Jugendlichen schon früh mit führenden Köpfen aus der Tech- und Startup-Szene.

Mindestens genauso wichtig ist für ihn aber das Mindset – und dazu gehört die Fehlerkultur. Zumpf spricht deshalb nie von Problemen: „Wir nennen es Herausforderungen“, sagt er. Scheitern ist trotzdem erlaubt: „Man muss wertschätzen, was gemacht wurde, und gutes Feedback geben“, sagt Zumpf.

Strukturelle Herausforderungen

So hält er es auch mit dem Programm selbst: Er schätzt, dass es die Hochbegabtenförderung gibt – aber weiß auch um deren Herausforderungen. Zum einen fehlen finanzielle Ressourcen; die Arbeit mit künstlicher Intelligenz ist kostspielig, und seitens der Schule gibt es kein Budget für die Anschaffung von Hardware. Aber Vereine und Wirtschaft unterstützen hier „schnell und unbürokratisch“, sagt Zumpf.

Offiziell ist die Hochbegabtenförderung als Freifach mit einer Wochenstunde angesetzt – entsprechend wird auch nur diese eine Stunde vergütet. Seine Schüler:innen schätzen das: „Ohne ihn geht gar nichts“, sagt SF-Tensor-Founder Ben Koska, der noch immer regelmäßig mit seinem ehemaligen HTL-Lehrer telefoniert.

Aus Talenten werden Leader

Ben Koska und Mojmír Horváth kamen als Schüler an die HTL Spengergasse – und gehen als Gründer. Eric Steinberger und Sebastian De Ro haben mit Magic ein Startup gebaut, das international Aufmerksamkeit bekommt. Wieder andere entwickeln schon vor der Matura KI-Systeme auf Produktionsniveau oder werden für Programme wie die Rise Initiative ausgewählt.

Was sie verbindet, ist weniger ein bestimmter Karriereweg als ein gemeinsamer Ausgangspunkt: eine Schule, die ihnen zutraut, mehr zu können – und ihnen den Raum gibt, es zu beweisen. Vielleicht ist das das eigentliche Erfolgsrezept der HTL Spengergasse: Nicht ein besonderes Curriculum, sondern die einfache Entscheidung, hinzuschauen – und Talente ernst zu nehmen.

Mojmír Horváth wird im Sommer im Y-Combinator-Programm sein Startup PothAI
weiterentwickeln. (c) privat

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