10.05.2021

„Höhle der Löwen“: Deutsches Model Giulia Siegel schnappt sich drei Löwen

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um Polster für Badewannen, Wurst aus Fisch und eine App fürs nachhaltige Abnehmen. Zudem konnte ein ehemaliges Model ihre Idee für einen digitalen Beleg erfolgreich vermarkten.
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Höhle der Löwen, GreenBill
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Giulia Siegel, Ludwig Heer (r.) und Tobias Kiessling präsentieren mit GreenBill digitale Belege für Kassensysteme.
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Die ersten in der „Höhle der Löwen“ – die es online auf TVNOW und immer montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – waren Model, Schauspielerin und DJ Giulia Siegel, ihr Partner Ludwig Heer und Entwickler Tobias Kiessling. Mit GreenBill möchten die drei das Kassenbon-System digitalisieren und Müll vermeiden. „Belege sind nicht nur nervig, sie sind auch hochgiftig. Pro Jahr werden in Deutschland 50.000 Tonnen Belege auf Thermopapier gedruckt“, berichtete die Tochter des ESC-Veteranen Ralph Siegel.

GreenBill ermöglicht es Einzelhändlern, Gastronomen und Hoteliers, digitale Belege auf einfache Weise zu erstellen und direkt an den Endkunden zu übertragen. Die GreenBill-Box wird ohne weitere Software-Installation wie ein gewöhnlicher Drucker an die Kasse angeschlossen. Nach Abschluss des Beleges erscheine dieser innerhalb weniger Sekunden auf einem Tablet. Der Gast könne zudem nach Bestätigung der Rechnung den Beleg per QR-Code scannen, um sich diesen als PDF oder Foto abzuspeichern. Alternativ bestehe auch die Möglichkeit, sich den Beleg per E-Mail zuzusenden, auch ohne App. Um expandieren zu können, benötigten die Gründer 250.000 Euro und boten dafür zehn Prozent ihrer Firmenanteile an.

Der Schuster in der „Höhle der Löwen“

Nach dem Pitch erfuhren die Löwen, dass Kiessling bereits ein altes Unternehmen an die Deutsche Post verkauft hatte und dass die GreenBill-Box 49 Euro pro Monat kostet. Bei einer Mindestvertragszeit von zwölf Monaten. Kunden würden allerdings bis zu 150 Euro im Monat einsparen können. Familien-Investorin Dagmar Wöhrl ließ sich danach nochmal die Idee vorführen und sich zusichern, dass alles anonym ablaufe. Beauty-Queen Judith Williams stieg anschließend mit großem Lob aus, der Bereich wäre nicht ihre Welt. Die Gründer erwähnten darauf ihr Vorhaben von geplanten 2,5 Millionen Euro im Umsatz im nächsten Jahr. Handelsexperte Ralf Dümmel ging dennoch als nächster und meinte, dass die Idee eine großartige wäre, er als „Schuster aber lieber bei seinen Leisten bleiben würde“.

GreenBill, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Giulia Siegel, Ludwig Heer (r.) und Tobias Kiessling bei ihrem Pitch des digitalen Belegsystems vor den Löwen.

Die restlichen drei Löwen, inklusive Nils Glagau, erhoben sich anschließend zur Beratung und wollten von den Gründern wissen, wo deren Obergrenze bei der Anteilsabgabe wäre. Jene berieten sich ohne ein konkretes Angebot in der Tasche und kehrten mit der Information zurück, dass sie 18 Prozent Beteiligung in Erwägung zogen. Nach der zweiten Beratung der TV-Investoren stimmten die drei der genannten Zahl zu, erhöhten jedoch das Cash-Angebot nicht und blieben bei 250.000 Euro.

Löwen kommen Gründern entgegen

Dies zeigte sich jedoch als Problem für die Gründer, die erwähnten, dass sie bei der ausgerufenen Bewertung bleiben wollen würden. Die beinahe Halbierung des Firmenwerts ginge nicht. Maschmeyer schlug darauf vor, dass die Löwen, sollte die Zusammenarbeit passen, in einem zweiten Schritt weitere 150.000 Euro zuschießen würden, ohne dabei mehr Anteile zu fordern. Deal für GreenBill.

Von der Wanne zur Couch

Als berufstätige Mütter wussten die zweiten in der „Höhle der Löwen“ Annika Götz und Natalie Steger, wie wichtig kleine Auszeiten zur Entspannung sind und präsentierten ein Badewannen-Kissen. Es sei wasserdurchlässig und aus einem hochwertigen, langlebigen Material gefertigt, das speziell für den Kontakt mit Wasser entwickelt wurde. Außerdem zeige es sich schimmel- und stockfleckenresistent. Die spezielle Füllung soll zudem nicht nur bequem sein, sondern auch das Wasser aufsaugen, sodass die Kissen keinen Auftrieb haben. Ihr Badesofa gibt es in fünf verschiedenen Farben und vier unterschiedlichen Größen. Die Forderung: 150.000 Euro für 15 Prozent der Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Badesofa
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Annika Götz (r.) und Natalie Steger aus Köln haben mit Badesofa einen Weg gefunden, Badewannen komfortabler zu machen.

Der widerstandsfähige Outdoorstoff des Kissens sorge für die angestrebten Eigenschaften und lasse das Kissen dabei trotzdem maschinen- und handwaschbar bleiben. Aufgrund des UV-beständigen Oberflächenmaterials könne es auch im Sommer im Pool verwendet werden. Auch mit den meisten Badezusätzen hätten die Produkte keine Probleme, sofern diese nicht stark färben oder ätherische Öle enthalten. Nach Gebrauch kann das Badekissen aus Polyvinylchlorid, Polyester, und Synthetikfaser in der Wanne trocknen und beliebig wiederverwendet werden, so die Gründerinnen.

„Fixiert, ohne fixiert zu sein“

Nach der Vorführung von Steger durften sich die Löwen selbst einen Eindruck von dem Kissen verschaffen. Maschmeyer stieg dafür in die Badewanne und meinte, man fühle sich fixiert, ohne fixiert zu sein. Es sei viel bequemer und derart gemütlich, sodass er sogar einschlafen könne, wäre die Wanne mit Wasser gefüllt. Seine Anfangs-Skepsis sei vollkommen verflogen.

Williams möchte mehr Anteile?

Innerhalb von fünf Monaten hatten die Gründerinnen über den Onlineshop und Handelspartner rund 37.000 Euro Umsatz erwirtschaftet. Glagau glaubte daran, dass sich ihre Idee durchsetzen würde, er aber wäre der falsche Partner. Maschmeyer bezeichnete zwar die beiden Frauen als Traumgründerinnen, stieg aber aus, da es nicht sein Markt wäre. Williams erklärte breit, wie wichtig ihr ein höherer Anteil wäre, um sich total einzubringen. Nach einem kurzen Plädoyer, wie positiv die Gründerinnen eine Partnerin Williams finden würden, erbat sich jene etwas Bedenkzeit. Medien-Investor Georg Kofler ging als nächster ohne Angebot.

Löwe will nicht verhandeln

Danach meinte Dümmel die Firmenbewertung sei zu hoch. Zudem wäre der Preis – 99 Euro für die kleinste Variante – nicht akzeptabel, daran müsse man arbeiten. Die Gründerinnen zeigten Bereitschaft und erhielten danach plötzlich eine Absage von Williams, die das Gefühl hatte, dass ihr Kollege Feuer gefangen hätte. Und sie ihm den Vortritt lassen möchte. Der Angesprochene forderte danach 33 Prozent Anteile für die gewünschten 150.000 Euro. Und machte charmant klar, dass er nicht verhandeln würde. Die Gründerinnen meinten, dass sie eigentlich den Plan gehabt hätten, nicht mehr als 20 Prozent abzugeben, aber der Löwe habe sie überzeugt. Deal für Badesofa.

Die Wurst hat zwei Enden – und in der „Höhle der Löwen“ Fisch

Der Dritte in der „Höhle der Löwen“ war Andreas Tatzel, gelernter Fleischermeister und nebenberuflicher Busfahrer. Den Löwen präsentierte der 57-Jährige seine eigenen Wurst-Kreationen: „Meine Wurst wird nicht aus Fleisch hergestellt, sondern aus Fisch. Der Wels hat hohe Omega3-Fettsäuren und einen hohen Anteil an Eiweiß. Außerdem ist er geschmacksneutral“, sagte der Gründer. In seinem Marée-Sortiment befindet sich unter anderem eine Bratwurst-, eine Fleischkäse- sowie eine Fleischlaberl-Art und Fischsalami-Sticks. Alles wird nach traditionellem Fleischerhandwerk hergestellt und besteht aus Welsfilet, Rapsöl und Gewürzen – ohne Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker. Um mit seinen Produkten durchstarten zu können, benötigte Tatzel 40.000 Euro und bot 25 Prozent seiner Firmenanteile an.

Marée
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Andreas Tatzel aus Angelburg hat mit Marée Wurst aus Fisch erschaffen.

Der Gründer, der mit seiner alten Metzgerei bankrott gegangen ist, überraschte die Löwen mit seiner Idee und ließ sie nach dem Pitch kosten. Bei über 3.000 Test-Verkostungen, erklärte der Gründer, habe fast keiner gemerkt, dass es sich bei der Kostprobe um Fisch handelt. Dümmel lobte den Geschmack, während sich Maschmeyer versichern ließ, dass Marée gesünder sei, als die Originale.

Fischwurst schwer zu erklären

Bisher wurden die Produkte in zehn regionalen Supermärkten gelistet und brachten so lange erfolgreiche Verkaufszahlen, solange der Gründer selbst hinter der Fleischtheke stand. Danach gingen die Verkäufe deutlich zurück, erklärte Tatzel. Der Umsatz betrug 2019 13.000 Euro, 2020 fiel dieser wegen Corona ab. Wöhrl erklärte scharfsinnig, dass dieses Produkt einen hohen Erklärungsbedarf habe. Sie ging ohne Angebot. Für Glagau war die Idee Fleisch durch Fisch zu ersetzen, keine mit der er sich identifizieren konnte. Auch er verabschiedete sich ohne Deal-Vorschlag.

Das Kühlketten-Problem

Auch Maschmeyer meinte, er möge diese Veränderung bei Nahrungsmitteln nicht. Nachdem auch der dritte Löwe weg war, sagte Dümmel, er liebe solche Typen wie den Gründer, der mit Begeisterung sein Startup vertrat, hätte eigentlich Lust einzusteigen, sah aber ein Problem. Marée müsse ständig gekühlt bleiben. Und das Thema Kühlkette sei bei ihm nicht vorhanden. Kofler glaubte, dass man diese Idee nicht groß machen könnte. Tatzel kämpfte und erklärte, dass es vor 35 Jahren mit der Geflügelwurst genauso langsam angefangen habe. Und sie jetzt deutschlandweit erhältlich wäre. Es half wenig, denn der Investor erwiderte, „Awareness schaffen“ würde zu hohe Kosten verursachen und der Lebensmittelmarkt sei eben nicht sein Metier. Kein Deal für Marée.

App gegen Übergewicht in der Höhle der Löwen

Die vorletzten, die sich in die „Höhle der Löwen“ wagten, waren Tobias Lorenz, Nora Mehl und Henrik Emmert. Die drei haben 2019 aidhere gegründet. Ihre Mission: Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) zu helfen, die gesünder leben möchten. Allein in Deutschland ist jeder Vierte stark übergewichtig und das bedeutet oft psychisches und physisches Leid. Ihre dazugehörige App zanadio ist ein individuelles Behandlungsprogramm für Adipositas-Patienten – damit sollen diese ihr Verhalten langfristig ändern und gesund abnehmen können. Das Programm soll bei der Ernährungsumstellung helfen und mehr Bewegung in das Leben bringen. Innerhalb des digitalen Angebots sind Experten bei Problemen per Chat ansprechbar. „zanadio ist individuell, effektiv und wissenschaftlich fundiert. Deshalb ist es auch als Medizinprodukt zugelassen“, erklärte Henrik Emmert. Unterstützung benötigte das Trio im Bereich Marketing und Vertrieb. Um einen Löwen an Bord zu bekommen, boten sie acht Prozent ihrer Firmenanteile für 500.000 Euro an.

Medizin-Apps am Vormarsch?

Die Inhalte der App, welche es für die gängigen Betriebssysteme iOS und Android gibt, sind nach wissenschaftlichen Standards der Psychologie, Ernährungsmedizin und Bewegungswissenschaften entwickelt und nach eigenen Angaben als Medizinprodukt Risikoklasse 1 gemäß MDD zertifiziert. Die im November 2020 gelaunchte App sei aber nur der erste Schlag digitaler Medizin-Apps, die das junge Startup entwickelt, um Menschen zu helfen. Digitale, datengetriebene Produkte sollen mit umfangreichem Wissen eine Lücke in der medizinischen Versorgung Erkrankter schließen.

zanadio, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Nora Mehl, Tobias Lorenz (l.) und Henrik Emmert entwickelten mit zanadio eine Adipositas-Therapie per App.

Die App kostet 199 Euro pro Monat. Das interne Programm ist dabei auf sechs bis zwölf Monate ausgelegt. Kofler zweifelte stark daran, dass das Konzept funktioniere. Nachhaltiges Abnehmen sei ein schwerer Prozess mit viel Durchhaltekraft. Menschen würden da eher Menschen als Hilfe brauchen, nicht eine App. Dem widersprach die Gründerin und erklärte, dass es für solche Fälle auch Video, Chats und Lektionen bei zanadio gebe. Kofler blieb dennoch bei seiner Einstellung, dass es eine menschliche Komponente brauche. Er und Dümmel stiegen aus.

Neuer Marktaufbau

Anschließend erklärte Rosberg, dass die Gründer versuchen würden einen neuen Markt aufzubauen, das sei sehr schwierig. Er ging mit Erfolgswünschen. Auch Maschmeyer sah noch zu viele Unsicherheiten bei der Idee. Nachdem auch er weg war, bestätigte Wöhrl, man brauche viel Kapital in Sachen Marketing. Das wäre nicht ihr Geschäftsmodell. Kein Deal für aidhere.

Aufnahmeleiter steigt in eigene Show ein

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildete Dennis Krey. Für die Löwenhöhle ein bekanntes Gesicht. Bei den ersten drei Staffeln hat der Kölner als Studio-Aufnahmeleiter gearbeitet. Gemeinsam mit seiner Co-Gründerin Carina Frings präsentierte er den Udo Mehrwegdeckel. „Allein in Deutschland werden pro Stunde 320.000 Coffee-To-Go-Einwegbecher verbraucht. Das sind am Tag 7,6 Millionen und pro Jahr 2,7 Milliarden Becher“, erklärte die 29-Jährige den Löwen.

Deckel für Geschirrspüler geeignet

Während ihres Design-Studiums bekam Frings die Aufgabe, einen nachhaltigen Coffee-To-Go-Becher zu entwickeln. Da jeder die Schränke voller Tassen habe, entstand die Idee zu dem Udo Mehrwegdeckel, der auf fast alle Becher und Tassen passt. „Durch seine konische Form saugt sich der Deckel fest und es läuft nichts aus“, erklärte Krey. „Der Deckel ist zu 100 Prozent ‚Made in Germany‘, aus einem recyclefähigem Kunststoff gefertigt und spülmaschinengeeignet.“ Die Forderung: 100.000 Euro für 20 Prozent der Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Udo
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Carina Frings und Dennis Krey zeigten ihren Mehrwegdeckel „Udo“ den Löwen.

Konkret: Der Verschlusstopfen kann auf die Gefäßöffnung gedrückt werden und ist in seiner Machart an die Verschlüsse von To-Go-Behältern angepasst. Für Firmen ist es außerdem möglich ein Logo als Werbemittel aufzudrucken. Während Maschmeyer bedauerte, dass Udo keine Trinköffnung habe, meinte Dümmel gerade dieser Umstand sei das Hauptargument, um ihn unterwegs oder im Auto nicht zu verschütten. Kofler hingegen sprach bei „cofee to go“ von einem Lebensgefühl und sah darin ein Problem, dass man stets die eigene Tasse für den Kaffee mithaben müsse. Er empfand das Produkt als ehrenwert, aber als keinen Ersatz für „coffee to go“. Er ging ohne Angebot.

Eigenes Häferl beim Spazieren?

Nachdem die Gründer den Namen Udo erklärt hatten, eine umgestellte Personifizierung des Begriffes „Duo“ für Tasse und Deckel, sagte Maschmeyer, er fände die Marke „völlig daneben“. Es brauche zu viel Marketingaufwand um das Produkt zu erklären. Auch der bisherige Verkauf von „bloß“ 13.000 Stück war ihm zu gering. Ein weiterer Löwe ohne Angebot. Auch Glagau wähnte, er könne sich schwer vorstellen, dass Menschen mit ihrem persönlichen Glas oder Tasse herumspazieren würden. Dem entgegneten die Gründer, dass auch der b2b-Bereich zur Zielgruppe gehöre, etwa Büro-Mitarbeiter. Dennoch haderte auch Wöhrl damit, im Deckel einen Mehrwert zu erkennen und ging ebenso. Dümmel hingegen sah ein, dass es ein Umdenken bei Menschen brauche, und dass man bei diesem Müllvolumen auch mal sein Verhalten ändern müsse. Er bot 100.000 Euro für 33 Prozent. Deal für Udo.

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Das im August veröffentlichte Gesamtstaatliche Lagebild 2026 des Krisensicherheitsberaters im Bundeskanzleramt enthält einen Satz, der bislang wenig Beachtung fand: Angesichts der Cyberbedrohung rücke digitale Souveränität weiter in den Fokus der nationalen Sicherheit. Daraus leitet es eine unbequeme Handlungsoption ab, nämlich die Förderung von EU-Anbietern und den Verzicht auf externe Anbieter bei künftigen Beschaffungen. Im (ersten) Lagebild 2025 kam der Begriff nicht vor. Aus einem Standortthema wurde binnen eines Jahres eine Sicherheitsfrage.

Der Ist-Zustand ist bekannt. Verwaltung und Wirtschaft in Österreich laufen weitgehend auf Infrastruktur dreier US-Konzerne. Der CLOUD Act erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten, die diese Unternehmen verarbeiten, unabhängig vom Standort des Rechenzentrums. Als Microsoft im Frühjahr 2025 plötzlich das Konto des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs sperrte, wurde sichtbar, dass die Verfügbarkeit einer digitalen Grundleistung an einer Entscheidung außerhalb Europas hängen kann. Die Leistungsfähigkeit der Hyperscaler steht außer Streit. Zu klären ist, welche Funktionen ein Staat in fremder Hand belassen kann.

Vorbilder im öffentlichen Sektor

Das Österreichische Bundesheer hat mit der Umstellung auf LibreOffice die Kontrolle über einen zentralen Arbeitsplatzbaustein zurückgeholt, die Schweizer Armee migriert ihr Kommando Cyber auf openDesk.

Am weitesten gehen die Niederlande. Dort stellt die Regierung die gesamte Bundesverwaltung auf digitale Souveränität um. Seit Juli 2026 ist von US-Clouds für E-Mail und Dokumente abzuraten, Daten müssen in Europa bleiben und für jeden Dienst muss ein Ausstiegsplan vorliegen.

Sicherheit als Grundbedürfnis der Wirtschaft

Die Frage stellen sich zunehmend auch heimische Unternehmen. Sie wollen wissen, ob ihre Daten in Europa liegen, wer darauf zugreifen kann und ob der Dienst, auf dem ihr Tagesgeschäft läuft, morgen noch verfügbar ist. Souverän zu arbeiten heißt für sie vor allem, Sicherheit zu haben: dass Daten nicht von Drittstaaten abgegriffen werden können und dass sie sich auf die Infrastruktur, die ihr Geschäft trägt, tatsächlich verlassen können.

Anbieter, die diesen Wechsel möglich machen, gibt es in Österreich und Europa bereits. Sie stellen Rechenleistung, Plattformdienste und KI-Modelle bereit, die europäischem Recht unterliegen und deren Betrieb nachvollziehbar bleibt. Was ihnen fehlt, ist nicht die Kompetenz, sondern die Nachfrage, die sie in jene Größe trägt, in der sie für den Mittelstand zur echten Option werden.

Mehr als ein Hackathon

Im Mai 2026 haben das Bundeskanzleramt und die TU Austria dazu einen Public AI Hackathon veranstaltet. In 48 Stunden entwickelten 25 Talente Prototypen für die öffentliche Verwaltung, präsentiert vor Staatssekretär Alexander Pröll und einer Jury aus Verwaltung, Politik und Forschung. Das Format zeigt, dass der Wille zur Zusammenarbeit zwischen Staat und Nachwuchs vorhanden ist. Es zeigt auch, wo die Grenze liegt. Zwei Tage Hackathon ersetzen keine Strategie, mit der die Startup-Szene dauerhaft in den Aufbau souveräner Infrastruktur eingebunden wird. Auf einen Prototyp sollte eine Beschaffung folgen, auf eine Veranstaltung ein Förderprogramm, auf ein Teilnahmezertifikat ein zahlender Kunde.

Der Hebel heißt öffentliche Nachfrage

Genau hier liegt der Hebel für Österreich. Öffentliche Nachfrage entscheidet, ob heimische Anbieter jene Größe erreichen, die sie brauchen, um für die Wirtschaft eine echte Option zu sein. Wenn Bund, Länder und Förderstellen gezielt bei europäischen und österreichischen Anbietern beschaffen, stärkt das deren Marktposition und signalisiert der gesamten Startup-Branche, dass sich Investitionen in souveräne Technologie lohnen. Souveränität und Innovation stehen dabei nicht im Widerspruch, sie bedingen einander: Wer die Kontrolle über seine Infrastruktur behält, kann auf ihr aufbauen, statt sie nur zu mieten.

Für Österreich heißt das, die Empfehlung des Lagebilds über einzelne Prototypen hinaus zu denken. Jede Ausschreibung, jedes Förderprogramm und jede Anschlussfinanzierung entscheidet mit darüber, ob die österreichische Startup-Branche zu jenem Anbieter heranwächst, von dem Verwaltung, Sicherheitsbehörden und Mittelstand in zehn Jahren abhängen können. Wer Gründerinnen und Gründer heute mit mehr als einem Zertifikat ausstattet, entscheidet mit über die technologische Souveränität von morgen.


Über den Gastautor:

Mathias Lipp-Rosenthal ist Gründer der KI Schmiede, einer im Juni 2026 gestarteten Beratung, die Unternehmen im DACH-Raum bei der Einführung und Schulung von KI begleitet. Zuvor war er stellvertretender Klubdirektor der Neos und Mitgründer von Voter AI; die Gründung der KI Schmiede hat brutkasten hier bereits vorgestellt.

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