10.05.2021

„Höhle der Löwen“: Deutsches Model Giulia Siegel schnappt sich drei Löwen

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um Polster für Badewannen, Wurst aus Fisch und eine App fürs nachhaltige Abnehmen. Zudem konnte ein ehemaliges Model ihre Idee für einen digitalen Beleg erfolgreich vermarkten.
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Höhle der Löwen, GreenBill
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Giulia Siegel, Ludwig Heer (r.) und Tobias Kiessling präsentieren mit GreenBill digitale Belege für Kassensysteme.
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Die ersten in der „Höhle der Löwen“ – die es online auf TVNOW und immer montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – waren Model, Schauspielerin und DJ Giulia Siegel, ihr Partner Ludwig Heer und Entwickler Tobias Kiessling. Mit GreenBill möchten die drei das Kassenbon-System digitalisieren und Müll vermeiden. „Belege sind nicht nur nervig, sie sind auch hochgiftig. Pro Jahr werden in Deutschland 50.000 Tonnen Belege auf Thermopapier gedruckt“, berichtete die Tochter des ESC-Veteranen Ralph Siegel.

GreenBill ermöglicht es Einzelhändlern, Gastronomen und Hoteliers, digitale Belege auf einfache Weise zu erstellen und direkt an den Endkunden zu übertragen. Die GreenBill-Box wird ohne weitere Software-Installation wie ein gewöhnlicher Drucker an die Kasse angeschlossen. Nach Abschluss des Beleges erscheine dieser innerhalb weniger Sekunden auf einem Tablet. Der Gast könne zudem nach Bestätigung der Rechnung den Beleg per QR-Code scannen, um sich diesen als PDF oder Foto abzuspeichern. Alternativ bestehe auch die Möglichkeit, sich den Beleg per E-Mail zuzusenden, auch ohne App. Um expandieren zu können, benötigten die Gründer 250.000 Euro und boten dafür zehn Prozent ihrer Firmenanteile an.

Der Schuster in der „Höhle der Löwen“

Nach dem Pitch erfuhren die Löwen, dass Kiessling bereits ein altes Unternehmen an die Deutsche Post verkauft hatte und dass die GreenBill-Box 49 Euro pro Monat kostet. Bei einer Mindestvertragszeit von zwölf Monaten. Kunden würden allerdings bis zu 150 Euro im Monat einsparen können. Familien-Investorin Dagmar Wöhrl ließ sich danach nochmal die Idee vorführen und sich zusichern, dass alles anonym ablaufe. Beauty-Queen Judith Williams stieg anschließend mit großem Lob aus, der Bereich wäre nicht ihre Welt. Die Gründer erwähnten darauf ihr Vorhaben von geplanten 2,5 Millionen Euro im Umsatz im nächsten Jahr. Handelsexperte Ralf Dümmel ging dennoch als nächster und meinte, dass die Idee eine großartige wäre, er als „Schuster aber lieber bei seinen Leisten bleiben würde“.

GreenBill, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Giulia Siegel, Ludwig Heer (r.) und Tobias Kiessling bei ihrem Pitch des digitalen Belegsystems vor den Löwen.

Die restlichen drei Löwen, inklusive Nils Glagau, erhoben sich anschließend zur Beratung und wollten von den Gründern wissen, wo deren Obergrenze bei der Anteilsabgabe wäre. Jene berieten sich ohne ein konkretes Angebot in der Tasche und kehrten mit der Information zurück, dass sie 18 Prozent Beteiligung in Erwägung zogen. Nach der zweiten Beratung der TV-Investoren stimmten die drei der genannten Zahl zu, erhöhten jedoch das Cash-Angebot nicht und blieben bei 250.000 Euro.

Löwen kommen Gründern entgegen

Dies zeigte sich jedoch als Problem für die Gründer, die erwähnten, dass sie bei der ausgerufenen Bewertung bleiben wollen würden. Die beinahe Halbierung des Firmenwerts ginge nicht. Maschmeyer schlug darauf vor, dass die Löwen, sollte die Zusammenarbeit passen, in einem zweiten Schritt weitere 150.000 Euro zuschießen würden, ohne dabei mehr Anteile zu fordern. Deal für GreenBill.

Von der Wanne zur Couch

Als berufstätige Mütter wussten die zweiten in der „Höhle der Löwen“ Annika Götz und Natalie Steger, wie wichtig kleine Auszeiten zur Entspannung sind und präsentierten ein Badewannen-Kissen. Es sei wasserdurchlässig und aus einem hochwertigen, langlebigen Material gefertigt, das speziell für den Kontakt mit Wasser entwickelt wurde. Außerdem zeige es sich schimmel- und stockfleckenresistent. Die spezielle Füllung soll zudem nicht nur bequem sein, sondern auch das Wasser aufsaugen, sodass die Kissen keinen Auftrieb haben. Ihr Badesofa gibt es in fünf verschiedenen Farben und vier unterschiedlichen Größen. Die Forderung: 150.000 Euro für 15 Prozent der Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Badesofa
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Annika Götz (r.) und Natalie Steger aus Köln haben mit Badesofa einen Weg gefunden, Badewannen komfortabler zu machen.

Der widerstandsfähige Outdoorstoff des Kissens sorge für die angestrebten Eigenschaften und lasse das Kissen dabei trotzdem maschinen- und handwaschbar bleiben. Aufgrund des UV-beständigen Oberflächenmaterials könne es auch im Sommer im Pool verwendet werden. Auch mit den meisten Badezusätzen hätten die Produkte keine Probleme, sofern diese nicht stark färben oder ätherische Öle enthalten. Nach Gebrauch kann das Badekissen aus Polyvinylchlorid, Polyester, und Synthetikfaser in der Wanne trocknen und beliebig wiederverwendet werden, so die Gründerinnen.

„Fixiert, ohne fixiert zu sein“

Nach der Vorführung von Steger durften sich die Löwen selbst einen Eindruck von dem Kissen verschaffen. Maschmeyer stieg dafür in die Badewanne und meinte, man fühle sich fixiert, ohne fixiert zu sein. Es sei viel bequemer und derart gemütlich, sodass er sogar einschlafen könne, wäre die Wanne mit Wasser gefüllt. Seine Anfangs-Skepsis sei vollkommen verflogen.

Williams möchte mehr Anteile?

Innerhalb von fünf Monaten hatten die Gründerinnen über den Onlineshop und Handelspartner rund 37.000 Euro Umsatz erwirtschaftet. Glagau glaubte daran, dass sich ihre Idee durchsetzen würde, er aber wäre der falsche Partner. Maschmeyer bezeichnete zwar die beiden Frauen als Traumgründerinnen, stieg aber aus, da es nicht sein Markt wäre. Williams erklärte breit, wie wichtig ihr ein höherer Anteil wäre, um sich total einzubringen. Nach einem kurzen Plädoyer, wie positiv die Gründerinnen eine Partnerin Williams finden würden, erbat sich jene etwas Bedenkzeit. Medien-Investor Georg Kofler ging als nächster ohne Angebot.

Löwe will nicht verhandeln

Danach meinte Dümmel die Firmenbewertung sei zu hoch. Zudem wäre der Preis – 99 Euro für die kleinste Variante – nicht akzeptabel, daran müsse man arbeiten. Die Gründerinnen zeigten Bereitschaft und erhielten danach plötzlich eine Absage von Williams, die das Gefühl hatte, dass ihr Kollege Feuer gefangen hätte. Und sie ihm den Vortritt lassen möchte. Der Angesprochene forderte danach 33 Prozent Anteile für die gewünschten 150.000 Euro. Und machte charmant klar, dass er nicht verhandeln würde. Die Gründerinnen meinten, dass sie eigentlich den Plan gehabt hätten, nicht mehr als 20 Prozent abzugeben, aber der Löwe habe sie überzeugt. Deal für Badesofa.

Die Wurst hat zwei Enden – und in der „Höhle der Löwen“ Fisch

Der Dritte in der „Höhle der Löwen“ war Andreas Tatzel, gelernter Fleischermeister und nebenberuflicher Busfahrer. Den Löwen präsentierte der 57-Jährige seine eigenen Wurst-Kreationen: „Meine Wurst wird nicht aus Fleisch hergestellt, sondern aus Fisch. Der Wels hat hohe Omega3-Fettsäuren und einen hohen Anteil an Eiweiß. Außerdem ist er geschmacksneutral“, sagte der Gründer. In seinem Marée-Sortiment befindet sich unter anderem eine Bratwurst-, eine Fleischkäse- sowie eine Fleischlaberl-Art und Fischsalami-Sticks. Alles wird nach traditionellem Fleischerhandwerk hergestellt und besteht aus Welsfilet, Rapsöl und Gewürzen – ohne Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker. Um mit seinen Produkten durchstarten zu können, benötigte Tatzel 40.000 Euro und bot 25 Prozent seiner Firmenanteile an.

Marée
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Andreas Tatzel aus Angelburg hat mit Marée Wurst aus Fisch erschaffen.

Der Gründer, der mit seiner alten Metzgerei bankrott gegangen ist, überraschte die Löwen mit seiner Idee und ließ sie nach dem Pitch kosten. Bei über 3.000 Test-Verkostungen, erklärte der Gründer, habe fast keiner gemerkt, dass es sich bei der Kostprobe um Fisch handelt. Dümmel lobte den Geschmack, während sich Maschmeyer versichern ließ, dass Marée gesünder sei, als die Originale.

Fischwurst schwer zu erklären

Bisher wurden die Produkte in zehn regionalen Supermärkten gelistet und brachten so lange erfolgreiche Verkaufszahlen, solange der Gründer selbst hinter der Fleischtheke stand. Danach gingen die Verkäufe deutlich zurück, erklärte Tatzel. Der Umsatz betrug 2019 13.000 Euro, 2020 fiel dieser wegen Corona ab. Wöhrl erklärte scharfsinnig, dass dieses Produkt einen hohen Erklärungsbedarf habe. Sie ging ohne Angebot. Für Glagau war die Idee Fleisch durch Fisch zu ersetzen, keine mit der er sich identifizieren konnte. Auch er verabschiedete sich ohne Deal-Vorschlag.

Das Kühlketten-Problem

Auch Maschmeyer meinte, er möge diese Veränderung bei Nahrungsmitteln nicht. Nachdem auch der dritte Löwe weg war, sagte Dümmel, er liebe solche Typen wie den Gründer, der mit Begeisterung sein Startup vertrat, hätte eigentlich Lust einzusteigen, sah aber ein Problem. Marée müsse ständig gekühlt bleiben. Und das Thema Kühlkette sei bei ihm nicht vorhanden. Kofler glaubte, dass man diese Idee nicht groß machen könnte. Tatzel kämpfte und erklärte, dass es vor 35 Jahren mit der Geflügelwurst genauso langsam angefangen habe. Und sie jetzt deutschlandweit erhältlich wäre. Es half wenig, denn der Investor erwiderte, „Awareness schaffen“ würde zu hohe Kosten verursachen und der Lebensmittelmarkt sei eben nicht sein Metier. Kein Deal für Marée.

App gegen Übergewicht in der Höhle der Löwen

Die vorletzten, die sich in die „Höhle der Löwen“ wagten, waren Tobias Lorenz, Nora Mehl und Henrik Emmert. Die drei haben 2019 aidhere gegründet. Ihre Mission: Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) zu helfen, die gesünder leben möchten. Allein in Deutschland ist jeder Vierte stark übergewichtig und das bedeutet oft psychisches und physisches Leid. Ihre dazugehörige App zanadio ist ein individuelles Behandlungsprogramm für Adipositas-Patienten – damit sollen diese ihr Verhalten langfristig ändern und gesund abnehmen können. Das Programm soll bei der Ernährungsumstellung helfen und mehr Bewegung in das Leben bringen. Innerhalb des digitalen Angebots sind Experten bei Problemen per Chat ansprechbar. „zanadio ist individuell, effektiv und wissenschaftlich fundiert. Deshalb ist es auch als Medizinprodukt zugelassen“, erklärte Henrik Emmert. Unterstützung benötigte das Trio im Bereich Marketing und Vertrieb. Um einen Löwen an Bord zu bekommen, boten sie acht Prozent ihrer Firmenanteile für 500.000 Euro an.

Medizin-Apps am Vormarsch?

Die Inhalte der App, welche es für die gängigen Betriebssysteme iOS und Android gibt, sind nach wissenschaftlichen Standards der Psychologie, Ernährungsmedizin und Bewegungswissenschaften entwickelt und nach eigenen Angaben als Medizinprodukt Risikoklasse 1 gemäß MDD zertifiziert. Die im November 2020 gelaunchte App sei aber nur der erste Schlag digitaler Medizin-Apps, die das junge Startup entwickelt, um Menschen zu helfen. Digitale, datengetriebene Produkte sollen mit umfangreichem Wissen eine Lücke in der medizinischen Versorgung Erkrankter schließen.

zanadio, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Nora Mehl, Tobias Lorenz (l.) und Henrik Emmert entwickelten mit zanadio eine Adipositas-Therapie per App.

Die App kostet 199 Euro pro Monat. Das interne Programm ist dabei auf sechs bis zwölf Monate ausgelegt. Kofler zweifelte stark daran, dass das Konzept funktioniere. Nachhaltiges Abnehmen sei ein schwerer Prozess mit viel Durchhaltekraft. Menschen würden da eher Menschen als Hilfe brauchen, nicht eine App. Dem widersprach die Gründerin und erklärte, dass es für solche Fälle auch Video, Chats und Lektionen bei zanadio gebe. Kofler blieb dennoch bei seiner Einstellung, dass es eine menschliche Komponente brauche. Er und Dümmel stiegen aus.

Neuer Marktaufbau

Anschließend erklärte Rosberg, dass die Gründer versuchen würden einen neuen Markt aufzubauen, das sei sehr schwierig. Er ging mit Erfolgswünschen. Auch Maschmeyer sah noch zu viele Unsicherheiten bei der Idee. Nachdem auch er weg war, bestätigte Wöhrl, man brauche viel Kapital in Sachen Marketing. Das wäre nicht ihr Geschäftsmodell. Kein Deal für aidhere.

Aufnahmeleiter steigt in eigene Show ein

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildete Dennis Krey. Für die Löwenhöhle ein bekanntes Gesicht. Bei den ersten drei Staffeln hat der Kölner als Studio-Aufnahmeleiter gearbeitet. Gemeinsam mit seiner Co-Gründerin Carina Frings präsentierte er den Udo Mehrwegdeckel. „Allein in Deutschland werden pro Stunde 320.000 Coffee-To-Go-Einwegbecher verbraucht. Das sind am Tag 7,6 Millionen und pro Jahr 2,7 Milliarden Becher“, erklärte die 29-Jährige den Löwen.

Deckel für Geschirrspüler geeignet

Während ihres Design-Studiums bekam Frings die Aufgabe, einen nachhaltigen Coffee-To-Go-Becher zu entwickeln. Da jeder die Schränke voller Tassen habe, entstand die Idee zu dem Udo Mehrwegdeckel, der auf fast alle Becher und Tassen passt. „Durch seine konische Form saugt sich der Deckel fest und es läuft nichts aus“, erklärte Krey. „Der Deckel ist zu 100 Prozent ‚Made in Germany‘, aus einem recyclefähigem Kunststoff gefertigt und spülmaschinengeeignet.“ Die Forderung: 100.000 Euro für 20 Prozent der Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Udo
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Carina Frings und Dennis Krey zeigten ihren Mehrwegdeckel „Udo“ den Löwen.

Konkret: Der Verschlusstopfen kann auf die Gefäßöffnung gedrückt werden und ist in seiner Machart an die Verschlüsse von To-Go-Behältern angepasst. Für Firmen ist es außerdem möglich ein Logo als Werbemittel aufzudrucken. Während Maschmeyer bedauerte, dass Udo keine Trinköffnung habe, meinte Dümmel gerade dieser Umstand sei das Hauptargument, um ihn unterwegs oder im Auto nicht zu verschütten. Kofler hingegen sprach bei „cofee to go“ von einem Lebensgefühl und sah darin ein Problem, dass man stets die eigene Tasse für den Kaffee mithaben müsse. Er empfand das Produkt als ehrenwert, aber als keinen Ersatz für „coffee to go“. Er ging ohne Angebot.

Eigenes Häferl beim Spazieren?

Nachdem die Gründer den Namen Udo erklärt hatten, eine umgestellte Personifizierung des Begriffes „Duo“ für Tasse und Deckel, sagte Maschmeyer, er fände die Marke „völlig daneben“. Es brauche zu viel Marketingaufwand um das Produkt zu erklären. Auch der bisherige Verkauf von „bloß“ 13.000 Stück war ihm zu gering. Ein weiterer Löwe ohne Angebot. Auch Glagau wähnte, er könne sich schwer vorstellen, dass Menschen mit ihrem persönlichen Glas oder Tasse herumspazieren würden. Dem entgegneten die Gründer, dass auch der b2b-Bereich zur Zielgruppe gehöre, etwa Büro-Mitarbeiter. Dennoch haderte auch Wöhrl damit, im Deckel einen Mehrwert zu erkennen und ging ebenso. Dümmel hingegen sah ein, dass es ein Umdenken bei Menschen brauche, und dass man bei diesem Müllvolumen auch mal sein Verhalten ändern müsse. Er bot 100.000 Euro für 33 Prozent. Deal für Udo.

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Clark Parsons, CEO des European Startup Network | (c) Parsons

Macht es richtig oder macht es gar nicht“ – Mit diesen Worten brachte EU-Inc.-Mitinitiator Andreas Klinger im Vorjahr die Frustration des Startup-Ökosystems auf den Punkt. Begonnen hatte alles im Oktober 2024 mit einer Koalition europäischer Gründer:innen und Investor:innen, deren Petition zehntausende Unterschriften sammelte. Dann kam der Auftritt von Ursula von der Leyen in Davos, im März schließlich der Vorschlag der Kommission – der schon vor seiner Präsentation geleakt wurde und die Szene enttäuschte. In einem offenen Brief warnten EU-INC, Allied for Startups und das European Startup Network vor „27 verschiedenen Geschmacksrichtungen“ der neuen Rechtsform.

In den kommenden Tagen legt das Parlament seinen Bericht vor. Clark Parsons, CEO des European Startup Network, ist seit Beginn Teil dieses Prozesses. Im Interview spricht der ehemalige Gründer und heutige Investor über die 28. Rechtsform, den Widerstand von Gewerkschaften und Notaren – und über eine Chance, die Österreich gerade verschläft.


brutkasten: Warum ist eine EU Inc. so wichtig? Warum konzentriert ihr euch nicht eher auf den Kapitalmarkt oder andere Aspekte?

Der Kapitalmarkt ist die andere Hälfte des Themas, keine Frage. Aber EU Inc. ist aus ein paar Realitäten entstanden. Wir haben in Europa keinen Binnenmarkt für Startups und keinen für Kapital. Wenn Sie ein Tech-Unternehmen gründen, haben Sie 27 Mitgliedstaaten und rund 60 verschiedene Rechtsformen. In Wien mag es genügend Investoren im Ökosystem geben. Aber sind Sie in Bukarest oder Athen, gibt es sehr wenig Kapital. Viele europäische Gründerinnen und Gründer gründen deshalb nie in ihrem Heimatland – manchmal in Estland, manchmal in London, meistens in Delaware. Und die Ironie ist: Selbst Gründer aus Frankreich oder Deutschland gehen nach Delaware.

Warum ausgerechnet Delaware?

Weil es zum De-facto-Standard geworden ist. Jeder kennt es, jeder versteht es, es gibt einen langen Bestand an Rechtsprechung. Wachstumskapital ist in Europa schwer zu bekommen, also gehen Sie früher oder später in die USA – und dort sagen alle Investoren: „Es wäre viel einfacher, wenn du eine Delaware Inc. hättest, in die ich investieren kann, statt deine verrückte GmbH-Struktur verstehen zu müssen.“ Manche amerikanische Investoren kommen nie nach Deutschland, weil sie sich sonst zwei Tage lang beim Notar den Vertrag vorlesen lassen müssten – ein Kabuki-Theater, das außerhalb des deutschsprachigen Raums als verrückt gilt. Also haben Leute wie Andreas Klinger gefragt: Warum schaffen wir nicht etwas, das mit Delaware konkurriert?

Das ist die Idee des 28. Regimes.

Genau. Die Draghi- und die Letta-Berichte haben beide festgestellt: Wir sind nicht wettbewerbsfähig genug, und einer der Hauptgründe ist, dass wir keinen echten Binnenmarkt haben. Wir sind zu fragmentiert, und das schadet uns massiv. Beide griffen eine Idee auf, die Brüssel seit dreißig Jahren das 28. Regime nennt: ein Rechtsrahmen, der europaweit gilt. Sie registrieren einmal, es gibt ein Vehikel, das jeder kennt. Wir haben Roaming fürs Handy, unsere Bürger und Arbeitnehmer überqueren Grenzen problemlos – aber unsere Startups können das nicht. Das ist doch Wahnsinn.

Kritiker sagen, das sei ein Nischenthema. Nur für ein paar reiche Investoren.

Tech ist in Europa in einem Jahrzehnt von vier auf fünfzehn Prozent des BIP gewachsen. Das ist die nächste Ökonomie für Europa. Wenn Sie glauben, wir fallen hinter die USA und China zurück; wenn Sie wollen, dass alte Industrie überlebt, muss sie mit Robotik und KI modernisiert werden. Selbst wenn Ihr Hauptthema der Klimawandel ist: All das lösen Startups und Scaleups. Regierungen lösen das nicht, Gründerinnen und Gründer tun es. Sie schaffen Werte und Arbeitsplätze. Wenn Sie also nicht dafür arbeiten, dass man in Europa gründen und wachsen kann, dann beschweren Sie sich später nicht, dass Ihre Kinder keine Jobs haben. Das ist kein Nischenthema – es ist die Quelle, aus der alles fließt.

Und woran würde man messen, ob EU Inc. funktioniert?

An ziemlich einfachen KPIs. Wie viele EU Incs werden gegründet? Setzen unsere Gründer künftig eine EU Inc. auf statt einer deutschen GmbH oder einer englischen Limited? Aktuell überschreiten nur rund 18 Prozent unseres Investmentkapitals Grenzen. Und einen KPI, an den niemand denkt: Wie viele EU Incs werden von Menschen gegründet, die gar nicht in Europa sitzen? Amerikaner, Inder, Chinesen gründen in Delaware. Warum sollten sie nicht eine EU Inc. gründen – und damit sofort Zugang zu einem Markt von 450 Millionen Menschen haben? Für Beitrittskandidaten wie die Ukraine oder Montenegro, aber auch für die Schweiz, Norwegen oder das Vereinigte Königreich könnte das die Speerspitze wirtschaftlicher Integration sein.

Welche Rolle könnte Österreich dabei spielen?

Österreich hat sich lange als Westeuropas Tor nach Osteuropa verstanden. Das muss nicht verschwinden – im Gegenteil, es lässt sich mit einer EU Inc. stärken. Bislang war es vielleicht einfacher, in Wien Anwälte und Notare zu haben, die wissen, wie man am Balkan operiert. Wenn eine EU Inc. automatischen Zugang zu diesen Gründern gibt, könnt ihr euch als Tor nach Osteuropa neu erfinden. Wenn ein Wiener VC plötzlich leicht in ein Bukarester Team investieren kann, ohne einen Anwalt für 50.000 Euro zu bezahlen, der das rumänische System erklärt, dann nehmen wir enorm viel Reibung heraus. In Wien gibt es mehr Kapital als in vielen dieser Städte, direkte Flüge, juristische Kompetenz. Das ist eine echte Chance – und keine, über die man ein Märchen erzählen müsste.

Die Gewerkschaften fürchten, EU Inc. höhle Arbeitsrechte aus.

Das hat mit der Realität wenig zu tun. Es ist eine optionale Rechtsform – keine bestehende Form verschwindet. Und das Arbeitsrecht ist hier gar nicht drin: Stelle ich einen Deutschen an, gilt deutsches Arbeitsrecht, mit Kündigungsschutz und ab einer bestimmten Zahl mit Betriebsrat – immer dort, wo der Beschäftigte sitzt und arbeitet. Niemand wird betrogen. Man hatte Angst, ein Wirt in Tirol zahle dem Koch dann kein Gehalt, sondern nur Anteile. Ich dachte, es gibt einen Mindestlohn. Wenn Sie wollen, schreiben wir hinein, dass Mindestlohngesetze weiter gelten – kein Problem. Was mich wirklich verblüfft, ist der Kampf gegen Mitarbeiterbeteiligung. Karl Marx wollte, dass die Arbeiter die Produktionsmittel besitzen – und wir müssen hart darum kämpfen, die Beschäftigten zu bereichern.

Und die Notare, die auf Rechtssicherheit pochen?

Viele Mitgliedstaaten kommen ohne Notare im Prozess bestens zurecht. Niemand behauptet, estnischen Startups fehle Rechtssicherheit, obwohl man dort in zehn Minuten online gründet. Wir schaffen ja Kontrollen nicht ab – Artikel 14 erlaubt die Prüfung durch ein Gericht, eine zuständige Behörde oder einen Notar. Wir streichen nur den verpflichtenden Kanal, nicht die Kontrolle. Dass rigorose KYC- und Geldwäscheprüfungen online funktionieren, hat Wien mit Bitpanda längst gezeigt.

Gibt es einen Anreiz, die Notare an Bord zu holen?

Absolut. Staaten können Prüffunktionen delegieren – für den TÜV gehe ich zur DEKRA, nicht zur Stadt. Wenn österreichische oder deutsche Notare zu ihren Regierungen gingen und sagten: „Macht uns zum Teil dieser Zertifizierung innerhalb von zwei Werktagen“ – man würde sie mit offenen Armen empfangen. Sie könnten eine großartige Cottage-Industrie aufbauen, die Brücke zum Bankkonto oder zur Steuernummer sein. Ein österreichischer Notar könnte nach Dubai fliegen und sagen: „Gründet eine EU Inc., kommt nach Österreich, wir machen den One-Stop-Shop.“ Sonst übernehmen Stripe Atlas, Qonto und die Neobanks das Geschäft. Ich habe bloß noch keine einzige Idee der Notare gesehen, wie sie Teil der Lösung sein wollen. Sie sollten, ich wage es zu sagen, ein bisschen wie Startups denken.

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