19.04.2021

Höhle der Löwen: Deal für veganes Ei-Startup aus Österreich

In dieser Folge der "Höhle der Löwen" ging es um eine Bier-Tragetasche, einen digitalen Steuerberater und rollende Werbetafeln. Zudem konnte ein Startup aus Österreich mit seiner veganen Ei-Idee bei den Löwen punkten.
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Höhle der Löwen, MyEy, Ei-Ersatz, veganes Ei,
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Christian Geiser konnte mit dem veganen Ei-Ersatz-Startup "MyEy" einen Investor überzeugen.
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Der Erste, der sich in die Höhle der Löwen wagte – die es online auf TVNOW und immer montags um 20.15 Uhr bei VOX zu sehen gibt – war Tilmann Rothe. Der junge Mann kennt das Problem des Bierkisten-Tragens nur allzu gut: „Als Student habe ich noch kein Auto und war die Schlepperei irgendwann leid“, erzählte er den Löwen. Seine Lösung: Der BeerBag, um die Bierkisten einfach auf den Rücken zu schnallen und wie einen normalen Rucksack zu tragen. Der Transport zu Fuß, per Fahrrad oder in Bus und Bahn soll damit kein Problem mehr sein. Und beim Picknick im Park kann das Produkt durch Umstecken der Platten zur Sitzmöglichkeit umfunktioniert werden. Rothe stand mit seiner Erfindung noch ganz am Anfang und benötigte 20.000 Euro für 30 Prozent Anteile.

Leicht zu tragen

Sämtliche Löwen zeigten sich von der Doppelfunktion des Beerbag begeistert und testeten eine neuere Version des hölzernen Bierrucksacks, der breitere Gurte hatte. Kofler war sich nach dem Tragetest des Prototyps positiv überrascht, wie leicht sich die Bierkiste am Rücken tragen lasse.

Höhle der Löwen, BeerBag
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Tilmann Rothe aus Dresden präsentierte mit BeerBag ein Tragesystem für Getränkekisten, das zu einem Sitz umfunktioniert werden kann.

Danach wurde zum Problem, dass die Produktionskosten des Tragesystems bei 40 Euro lagen, der VK aber bloß 50 Euro betrug. Mit Verpackungen und sonstigen anfallenden Kosten rechne sich das nicht, um einen Investor anzulocken, meinten die Löwen. Der Gründer allerdings zeigte sich bereit in dieser Hinsicht den Preis notfalls auch zu ändern.

„Lass es sein“

Konzernchef Nils Glagau und Familienunternehmerin Dagmar Wöhrl stiegen als erste aus. Das Produkt sei noch nicht reif genug. Maschmeyer nannte es „das Originellste“, das er in der Show gesehen hätte, ging aber ohne Angebot. Auch Medienprofi Georg Kofler störte sich an den genannten Zahlen und empfiehl dem Gründer sogar, „es sein zu lassen“.

Der zerrissene Löwe

Handelsexperte Ralf Dümmel litt sichtlich daran, nicht in den jungen Gründer zu investieren. Er rang einige Zeit mit sich selbst und meinte, „er müsse eigentlich ‚Nein‘ sagen. Aber, das große „Aber“ stände im Weg. Danach bot Kofler an, zu Promotionszwecken zehn Stöcke mit der BeerBag rauf und runter zu marschieren. Allerdings nur, wenn Dümmel einsteige. Der zerriss sich minutenlang das Herz und investierte tatsächlich – auch wenn er nicht ein Geschäft im Produkt sehe. Dennoch: ein 20.000 Euro-Deal bei 30 Prozent Abgabe für BeerBag.

Digitaler Steuerberater in der „Höhle der Löwen“

„Fast 30 Prozent der Steuerzahler nehmen ihr Recht auf Steuererstattung nicht wahr. Obwohl sie im Durchschnitt 1.007 Euro zurückbekommen würden“, erklärten Michael Potstada und Jörg Südkamp als nächste in der „Höhle der Löwen“. Die Gründer wissen, dass Steuererklärungen kompliziert und sehr zeitaufwendig sind. Für Steuererklärungsmüffel haben sie daher mit Zasta einen digitalen Steuerberater für die Hosentasche entwickelt.

Gebühr nur bei Annahme des Angebots

In rund drei Minuten soll die Registrierung auf der Plattform möglich sein. Nach Angabe der persönlichen Daten inkl. der Steuer-ID und Unterzeichnung einer digitalen Vollmacht für einen der Partner-Steuerberater wird geprüft, ob und wie viel Steuergeld zurückgeholt werden kann. Nach drei Tagen bekommt der Nutzer ein Angebot mit dem Ergebnis der Steuerberechnung, sowie der Gebühr des Steuerberaters.

Nur bei Annahme des Angebots wird die Gebühr fällig, ansonsten entstehen keinerlei Kosten. Sagt man zu, so werden die beim Finanzamt abgerufenen Informationen bestätigt und es können weitere Ausgaben hinzugefügt werden – dafür muss man die entsprechenden Belege einmal mit dem Handy abfotografieren. Der Steuerberater prüft danach, was absetzbar ist und sendet die optimierte Steuererklärung, nach Freigabe, direkt ans Finanzamt. Um mit Zasta expandieren zu können, benötigten die Gründer 500.000 Euro und boten zehn Prozent der Firmenanteile.

Höhle der Löwen, Zasta
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Jörg Südkamp (l.) und Michael Potstada haben mit Zasta den Steuerberater für die Hosentasche entwickelt.

Nach der Präsentation der App nannte Williams die Gründer die „Robin Hoods der Steuerberatung“, stieg aber dennoch aus. Der Bereich wäre nicht ihr Geschäftsfeld. Die Founder erzählten von 110.000 Euro Umsatz im ersten und 85.000 Euro Umsatz im zweiten Jahr. Die Erklärung für den Umsatzrückgang: Aufgrund von Skalierungsplänen und Softwareentwicklung war weniger Geld fürs Marketing da.

Erste Absagen in der „Höhle der Löwen“ für Zasta

Dies missfiel vor allem in Hinsicht auf die hohe Firmenbewertung den Löwen sehr. Formel 1-Weltmeister Nico Rosberg ging aus diesem Grund ohne Angebot. Auch Dümmel stieg aus, während die Gründer nochmal mit dem einfachen Handling ihrer Idee argumentierten. Wöhrl fürchtete die zukünftige Konkurrenz und blieb ebenso ohne Deal-Vorschlag.

Maschmeyer fand die Idee interessant, ihm missfiel aber der Umsatzrückgang, sowie dass von über 12.000 registrierten Usern bloß 2.500 als zahlende Kunden beim Startup galten. Auch er verabschiedete sich als potentieller Financiers. Kein Deal für Zasta.

Ei oh Ei

Als nächster beehrte Chris Geiser aus Kufstein, Tirol, in Kochmontur die „Höhle der Löwen“. Der Konditormeister und Bäcker bereitet schon seit zwei Jahrzehnten vegane Spezialitäten zu und eröffnete 1999 Europas erste vegane Vollwert-Konditorei. „Um noch mehr Menschen zu erreichen, tourte ich mit meinen Koch- und Backshows durch die Welt“, sagte der überzeugte Veganer. Mit seiner größten veganen Sachertorte und der längsten veganen Schokorolle erzielte er sogar Weltrekorde.

Nun hat Geiser mit MyEy die vegane Lösung fürs Ei entwickelt: Es soll wie das Original schmecken und auch so einsetzbar sein. Aktuell umfasst die Produktpalette MyEy Eygelb, MyEy Eyweiß und das MyEy Volley. Der Ei-Ersatz besteht aus einer Mischung von pflanzlichen Proteinen, Johannisbeerkrautmehl und einer Auswahl an Mineralsalzen und Gewürzen. Um das Portfolio zu erweitern, benötigte der Gründer 150.000 Euro und wollte 15 Prozent seiner Firmenanteile abgeben.

Palatschinken, Macarons und Bizet in der „Höhle der Löwen“

Der Österreicher legte den Pitch für ein ernstes Thema – Leid der Legehennen – sehr humorvoll an und ließ sich von der Riesen-Plüschhenne Heidi im Studio unterstützen. Er lockte sogar den Vegan-Skeptiker Georg Kofler und Judith Williams, die sich zwei Jahre lang „nicht ganz richtig“ vegan ernährt hatte, von der Bühne und ließ die Löwen vegane Spiegeleier braten. Dann noch Palatschinken, sowie Mousse au Chocolat, Macarons und Bizet kosten.

MyEy
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Die Investoren Judith Williams und Georg Kofler versuchten sich als vegane Ei-Ersatz-Köche.

Glagau empfand die Konsistenz der Kostprobe als zu matschig und nicht nach Ei schmeckend. Dümmel hingegen nannte die Macarons einen „Hammer“, während Maschmeyer dafür plädierte den Vergleich von veganen Alternativen mit den Originalprodukten sein zu lassen.

Ein Patent für Ei?

Der Gründer erwähnte einen Umsatz von 120.000 Euro pro Jahr, als Kofler aufgrund des zu kleinen Markts für MyEy ausstieg. Im DACH-Raum gebe es „bloß“ zwei Prozent Veganer. Danach deutete Williams an, dass bereits ähnliche Produkte am Markt wären und der Gründer nicht von Weltneuheit sprechen könne. Als dieser jedoch in seiner Ausführung über die Unterschiede zur Konkurrenz sprach, ließ er nebenbei die Info fallen, dass er ein Patent besitze. Dies machte vor allem Dümmel hellhörig.

Geiser erklärte, dass das Patent für den veganen Ei-Ersatz gelte, der aufschlagbar ist und in der Pfanne ähnlich dem Tier-Ei reagiere. Danach sah man es im Hirn so mancher Löwen rattern. Vor allem dann, als sie den Gründer erzählen hörten, er habe Angebote aus den USA und Japan bereits absagen müssen.

Mehrere Interessenten

Das wirkte. Glagau bot als erster für 15 Prozent Anteile die gewünschten 150.000 Euro. Anschließend hob es Maschmeyer aus dem Sessel, der sich mit Dümmel still beriet. Williams nannte in der Zwischenzeit die Idee zukunftsträchtig, stieg aber aus. Danach boten die beiden Investoren, die sich hinter der Bühne ausgetauscht hatten und mit ihren Netzwerken in die USA und Japan prahlten, satte 300.000 Euro für 30 Prozent. Gieser entschied sich aber für Glagau. Deal für MyEy.

Die rollende Werbung

Die nächsten in der „Höhle der Löwen“ waren Patrick Klug (zuvor Kolb) und Angela Gonzalez. Sie wollen mit bikuh Unternehmen eine innovative und grüne Art der Werbung bieten – zwischen den Fahrradspeichen. Nach der Registrierung auf der Plattform über die bikuh-App kann sich der Fahrradfahrer für einen Werbepartner entscheiden. Danach wird die entsprechende Werbescheibe kostenlos von einer Partner-Fahrradwerkstatt installiert. Die Trackingfunktion registriert jeden geradelten Kilometer und der User bekommt bis zu 20 Cent pro Kilometer gutgeschrieben. Klug und Gonzalez wollten ihr Unternehmen weiter ausbauen und waren auf der Suche nach einem starken Partner, der ebenfalls Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz legt. Ihr Angebot an die Löwen lautete: 200.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung.

bikuh
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Angela Gonzalez und Patrick Kolb wollen mit bikuh eine rollende Werbemöglichkeit bieten.

Dass der Radler je mehr er fährt, auch mehr Geld bekommt und am Anfang mit zehn Cent pro Kilometer startet, hielten sowohl Williams als auch Maschmeyer für ein „Eigentor“. Man würde die Werbung bewusster wahrnehmen, wenn er langsam fährt oder sein Fahrrad parke. Die Gründer argumentierten damit, dass sie acht bis 16 Stunden Stehzeit bei ihren Kunden ausgemacht hätten.

Teil der alten Welt?

Dies fand Glagau nicht befriedigend und ging als erster ohne Angebot. Kofler meinte, die Gesellschaft würde einen digitalen Wandel in der Werbebranche erleben und bikuh wäre Teil einer alten Welt. Dem widersprachen die Founder, was aber der Medieninvestor mit seiner Erfahrung nicht gelten ließ. Die digitale Werbung würde Feedback und Daten bringen und ihr Startup wäre damit nicht wettbewerbsfähig. Auch er blieb ohne Angebot.

Neu überdenken

Die Gründer erzählten daraufhin von 19 Werbekunden, die sie bereits akquirieren konnten, und das bei einem Umsatz von 68.000 Euro 2019. Dümmel stieg danach aus, während Maschmeyer den Tipp gab sich allein auf den b2b-Bereich zu fokussieren. Und große Unternehmen anzusprechen. Auch Williams riet dazu die Idee zu überdenken. Kein Deal für bikuh.

Nao benennt sich nach Aufzeichnung in Qinao um

Den Abschluss der „Höhle der Löwen“ bildeten Maximiliane Staiger, Nadja Fischer (zuvor Bozorgzad-Arbab) und Annette Steiner-Kienzler. Sie präsentieren in der Show ihr Nahrungsergänzungsmittel Nao (danach in Qinao umbenannt). Gründerin Steiner-Kienzler stammt aus einer Stuttgarter Apotheker-Familie, in der die Verarbeitung von Heilpflanzen schon immer eine große Rolle gespielt hat. Als sie später selbst als Apothekerin arbeitete, hat sie den großen Bedarf an zeitgemäßen, natürlichen Produkten bemerkt, die eine Alternative zu den gängigen Energydrinks und Kaffeegetränken darstellen.

Dragees in der „Höhle der Löwen“

Mit ihrem Expertenwissen der traditionellen chinesischen Medizin entwickelte sie mithilfe von verschiedenen Fachleuten ein natürliches Nahrungsergänzungsmittel mit Pflanzenaktivstoffen. Die Nao-Dragees enthalten Matcha, Brahmi und grüne Kaffeebohne, sie sind vegan, laktose- und glutenfrei sowie ohne künstliche Farb- und Aromastoffe. Das Trio möchte mit seinem Produkt weiter wachsen und auch den internationalen Markt erobern. Dazu benötigten die drei Frauen 300.000 Euro und boten 20 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Aufputscher wider die Natur?

Wöhrl bestätigte, dass es in diesem Bereich bereits einen großen Markt und viel Konkurrenz gebe. Die Gründer erwiderten, dass ihr Produkt eine nachhaltige Wirkung habe und auf natürliche Art und Weise als Energielieferant diene. Kofler startete einen allgemeinen Diskurs über die Manipulation von Natur, die mit Nebenwirkungen reagiere, würde man etwa einen müden Körper austricksen und für einige Zeit wieder fit machen.

Höhle der Löwen, Qinao, Nao
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Die drei Damen von Qinao: Annette Steiner-Kienzler, Nadja Arbab und Maximiliane Staiger zeigten ihre Brain Stimulation in Drageeform.

Steiner-Kienzler gab im Recht und betonte, dass man immer auf den Körper hören solle. Dennoch stieg Kofler aus. Maschmeyer berichtete von seinen Phasen großer Müdigkeit bei Geschäftsreisen und Meetings. Da könne er nicht „auf den Körper hören“ und schlafen gehen. Es gebe Spitzenphasen, fügte die Gründerin zu, in denen Qinao helfen könne. Bisher hatte das Startup 120.000 Euro Umsatz gemacht, erwarte aktuell 600.000 Euro fürs kommende Jahr und habe in zwei Jahren vier Millionen Euro als Umsatzziel im Visier. Nach dieser Info kam es wieder zum Treffen der Löwen, als sich Dümmel und Maschmeyer ein zweites Mal berieten.

Battle um Qinao

Der Rest schwieg aus taktischen Gründen und ließ sich nicht wirklich von Kofler dazu motivieren, etwas zu sagen. Wöhrl erbarmte sich und bot dann die gewünschte Forderung der Gründerinnen. Dümmel und Maschmeyer forderten alsbald für die gleiche Summe 25 Prozent, nachdem sie ihre Fähig- und Möglichkeiten gepriesen hatten. Glagau ließ sich auf ein „Battle“ ein und erklärte, er sei natürlich der Richtige für die Damen. Sein Vorschlag: 300.000 Euro für 20 Prozent. Die drei glücklichen Gründerinnen kehrten zurück und wählten Dümmel und Maschmeyer. Deal für Qinao.

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Toto Wolff
© Sulay Kelly for Mercedes-Benz Grand Prix Ltd. - Toto Wolff.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


brutkasten: Sie haben Mercedes durch eine lange Phase großer Erfolge geführt, dann kamen schwierige Jahre. Was war Ihr wichtigstes Learning darüber, wie Organisationen nach Rückschlägen wieder in die Spur finden?

Toto Wolff: Die Formel 1 ist eine Welt der ständigen Evolution, nichts steht je still. Zum Beispiel haben die Regeländerungen 2022 schonungslos Schwächen in unseren Entwicklungsfähigkeiten und unserem Verständnis offenbart. Wir haben diese Ära klar hinter unseren Wettbewerbern gestartet und es über vier Saisonen hinweg nicht wirklich geschafft, diese Defizite auszubügeln.

Der eine oder andere Rennsieg waren die Highlights, wir haben es geschafft, zweimal in vier Jahren den zweiten Platz in der Konstrukteursmeisterschaft zu erringen; aber wir haben nie um den Titel gekämpft. Wir haben im Hintergrund größere Änderungen in unserer technischen Ausstattung, beim Personal und den Strukturen vorgenommen, um das Team stärker und wettbewerbsfähiger zu machen. Wir haben auch die Führungskultur adaptiert, weil wir das Team motivieren mussten, das begann, sich nach so vielen Jahren des Erfolgs selbst infrage zu stellen. Es war jedenfalls eine wichtige und wertvolle Phase für uns.

Sie sprechen in diesem Sinne wiederholt von einer „No Blame Culture“. Wie baut man eine Kultur auf, in der Fehler nicht versteckt oder angeprangert, sondern als Lernchance genutzt werden?

Es geht hier fast ausschließlich um psychologische Sicherheit. Niemand wird bei der Fehlersuche die Hand heben, wenn er Angst hat, gefeuert zu werden. Wir müssen aber zu unseren Fehlern stehen können. Und das fängt bei den Führungskräften an. Nur so können auch andere zu ihren Fehlern stehen. Eine „No Blame Culture“ funktioniert jedoch nur im Zusammenspiel mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein. Man braucht Teammitglieder, die Verantwortung übernehmen, auch wenn es um Fehler geht.

In der Formel 1 hat jeder Fahrer eigene Ingenieure und Mechaniker. Wie verhindert man, dass interne Konkurrenz gegen die gemeinsame Strategie arbeitet?

Das ganze Team hat das gleiche Ziel: Die Meisterschaft für Mercedes zu gewinnen. Nicht mit dem einen oder anderen Fahrer, sondern für die Marke und das Team. Alle Mitarbeiter sind gleich incentiviert: Ausschlaggebend ist der Gewinn der Konstrukteursmeisterschaft, nicht der Fahrerwertung. Das ist die Grundlage unserer Entscheidungsfindung. Auch die Ingenieure und Mechaniker, die einem der Fahrer zugeteilt sind, arbeiten zuallererst für das Team. Beide Seiten der Garage machen jeden Boxenstopp gemeinsam. Alle technischen Daten werden zwischen den Ingenieuren der Fahrer geteilt, damit wir so wettbewerbsfähig wie möglich sein können. Das Motto ist klar: Das beste Team gewinnt, der beste Fahrer gewinnt; und zwar in dieser Reihenfolge.

Viele Gründerinnen und Gründer kämpfen damit, schnell zu wachsen und dabei die Kultur zu bewahren. Lassen sich Prinzipien aus der Formel 1 auf Startups und Scaleups übertragen?

Wir haben seit dem Cost Cap 2021 starkes Wachstum in der Formel 1 gesehen. Wir mussten uns überlegen, ob wir die Geschäftsfelder erweitern wollen, wie wir es etwa mit unserem Engagement im America’s Cup beim Segeln gemacht haben. Der Headcount ist gewachsen, vor allem in den Support-Bereichen außerhalb der technischen und operationellen Hauptbereiche. Aber dann haben wir uns wieder auf unser Kerngeschäft fokussiert, mit einem klaren Ziel: die Formel-1-Weltmeisterschaft zu gewinnen. Und bei jedem neuen Projekt stellen wir uns die Frage: Bringt uns das Projekt diesem Ziel näher, hilft es uns, Rennen und Meisterschaften zu gewinnen?

Wenn die Antwort Ja ist, dann investieren wir in das Projekt; wenn nicht, dann nicht. Ich denke, es geht vor allem darum, das Hauptziel nicht aus den Augen zu verlieren, da mit dem Unternehmenswachstum viele Elemente komplexer werden. Wenn man in einem so kompetitiven Umfeld wie der Formel 1 tätig ist, dann ist das Hauptziel relativ klar. Aber jedes Startup muss sich ein Ziel geben können und dann genau wie wir darauf fokussieren.

Wie treffen Sie strategische Entscheidungen, wenn nicht alle Informationen vorliegen? Gibt es ein Erfolgsgehmeinis?

Mein Freund und Geschäftspartner Niki Lauda hat immer auf die rasche Entscheidungsfindung gepocht – es ist besser, eine mangelhafte Entscheidung jetzt zu treffen, als darauf zu warten, alle Informationen zusammengetragen zu haben, wenn es dann zu spät ist. Man kann Entwicklungen immer noch korrigieren, wenn eine Entscheidung nicht ganz richtig war. Persönlich versuche ich die Upside und Downside bei den großen Entscheidungen zu erkennen: Wenn ich mit der Downside, dem Worst Case, leben kann, dann gibt es keinen Grund, vor der Entscheidung zurückzuschrecken.

Welche Leadership-Lektion hätten Sie gerne früher gelernt?

Meine wichtigste Erfahrung ist wohl, in Konfliktsituationen neugierig zu bleiben, zu versuchen, die Perspektive der anderen Seite zu verstehen, und auch manchmal zu akzeptieren, dass man nicht einer Meinung ist oder unterschiedliche Interessen hat; ein „agree to disagree“ als Ergebnis zu akzeptieren. Bei Leadership geht es ja vor allem darum, andere Menschen zu verstehen, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen, sie mit etwas zu incentivieren, das für sie auch wirklich relevant ist. Nur wer motiviert ist und sich wohlfühlt, kann 100 Prozent geben. Ziele klar formulieren, Mitarbeitern Verantwortung übertragen, ihnen dabei helfen, Herausforderungen zu meistern, und Ergebnisse offen analysieren – das ist meine Arbeitsweise.

Gibt es Ihrer Ansicht nach die eine Eigenschaft, die erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen? Und welche Fähigkeiten werden durch den zunehmenden Einsatz von KI wichtiger?

Das eigene Geschäft verstehen und die Leute kennen und verstehen, mit denen man arbeitet. Ein großes Ziel verfolgen und das Auge fürs Detail, das Gleichgewicht in allen relevanten Bereichen nicht verlieren. KI wird viel in unserer Welt verändern. Aber sie wird hoffentlich vor allem ein Instrument sein, das den Menschen dabei helfen wird, bessere Entscheidungen zu treffen. Die fähigsten Leute werden das Beste aus AI herausholen, die Stärken nutzen und sich von den Gefahren und Schwächen nicht beeinträchtigen lassen. Wir stehen sicher am Anfang einer rasanten Entwicklung, deren Ergebnis kaum vorhersehbar ist.

Und im Rennsport selbst: Kann KI helfen, die Ideallinie, die optimalen Bremspunkte oder das perfekte Setup zu entschlüsseln?

Wo die richtigen Bremspunkte sind, sollten wir eigentlich schon wissen; auch, dass, wenn es regnet, ein Reifen ohne Profil nicht so toll funktioniert. Aber im Ernst: Wir müssen AI zur Entscheidungsfindung einsetzen, wo hochkomplexe Datenmodelle es verlangen. Aber AI wird in keinem Bereich eigenständig entscheiden. Sie wird immer eine Unterstützung für unsere Ingenieure bleiben; zumindest in absehbarer Zeit.

Welche Innovationen aus dem Motorsport könnten in den kommenden Jahren für andere Industrien relevant werden?

Es gibt in der Geschichte viele Beispiele für Technologietransfer, und das geht auch heute weiter. Wir als Industrie lernen gerade viel über Batteriesysteme, über Steuerungselektronik und elektrische Motoren, aber auch über nachhaltige Treibstoffe und innovative Composite-Materialien; alles wichtige Entwicklungsbereiche für die Automobil- und Transportindustrie.

Es gibt aber auch ganz andere Bereiche, die mit dem Fahrzeug an sich nichts zu tun haben. So haben wir etwa vor ein paar Jahren Pionierarbeit beim Einsatz von 5G-Technologie an der Rennstrecke geleistet. Die Formel 1 ist in ihrer Grundcharakteristik interessant für Entwicklungen unterschiedlicher Technologien, weil sie ein sehr kompetitives Umfeld mit einer enorm hohen Entwicklungsgeschwindigkeit bietet. Das ist für Innovation und Entwicklung wertvoll.

Sie sind ja an mehreren Unternehmen beteiligt. Was sind Ihre Kriterien dabei?

Nuki und Instahelp sind ja nicht mehr Startups im eigentlichen Sinn, beide sind profitabel. Nuki macht über 50 Millionen Euro Umsatz und ist Marktführer in Europa; Instahelp hat seit zwei Jahren einen zweistelligen Millionenumsatz und verdient Geld. Unsere Kriterien waren damals, als wir die beiden Firmen mit unseren Partnern in der Up to Eleven, den Brüdern Martin und Jürgen Pansy und René Berger, gegründet haben, dass wir unsere bestehende Kompetenz bei mobiler Kommunikation, die wir mit sms.at und ucp über Jahre aufgebaut hatten, für innovative Geschäftsmodelle einsetzen wollen.

Dass wir direkt in Startups investiert haben, die wir nicht selbst gegründet haben, ist ja schon lang her; das war zu Zeiten von Marchfifteen beziehungsweise ganz vereinzelt vor über 15 Jahren. Das wichtigste Kriterium war jedenfalls immer, dass die Gründer gute Leute waren, denen man vertrauen kann. Einer davon war übrigens Oliver Holle. Auch heute vertrauen wir ihm, und zwar indem wir bei Speedinvest und damit auch weiterhin indirekt in Startups investieren.

Abschließend: Wie sieht bei Ihnen eigentlich ein Sonntag aus, an dem kein Rennen stattfindet?

Meistens bin ich in Italien, an einer Kartstrecke. Da sind Susie und ich dann die größten Fans unseres jungen Sohns. Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen.


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