10.09.2019

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

In Folge 2 der aktuellen Staffel von "Die Höhle der Löwen" ging es um Sofa-Konzerte, einen Bergwand-Simulator und um einen digitalen Tierarzt. Zudem kam es zu einem Mega-Deal für hölzerne Kaffeekapseln, bei dem die Investoren darum spielten, wer den Angebotsreigen eröffnen sollte.
/artikel/hoehle-der-loewen-2-2019
Höhle der Löwen, rezemo, Carsten maschmeyer, Georg Kofler, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Frank Thelen, Nils Glagau, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - Stefan Zender (l.) und Julian Reitze konnten vor den TV-Kameras mit rezemo einen Mega-Deal einfahren.
sponsored

Den Anfang in der zweiten Folge der aktuellen Staffel von „Die Höhle der Löwen“ machten Julian Reitze und Stefan Zender. Ihr Startup rezemo produziert Kaffeekapseln aus Holz. Diese bestehen vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen, werden in einem umweltfreundlichen Verfahren hergestellt und können nach dem Gebrauch entweder im Biomüll entsorgt oder verbrannt werden. Ein Patent auf die Erfindung gebe es bereits, sagen die Gründer. Der Vertrieb läuft online und in ausgewählten Feinkostläden. Für 500.000 Euro boten sie zehn Prozent Anteile.

+++ KMU meet Startups & Corporates Roadshow 2019 +++

In Matrix aus Bio-Kunststoff eingebettet

Jährlich würden weltweit 60 Milliarden Stück Aluminium- oder Plastik-Kaffeekapseln weggeworfen. Dies gehe auf Kosten der Regenwälder und Ozeane, wie die Gründer erklärten. Ihr Produkt hingegen bestehe aus Hobelspänen – einem Restprodukt der Holzwirtschaft -, die in eine Matrix aus Bio-Kunststoff auf Basis von Pflanzenstärke eingebettet würden. Der Inhalt der Kapsel komme aus regionaler und handwerklicher Röstung. Momentan gebe es zwei Kaffee-Editionen.

Plastik-Alternativen für Kosmetikprodukte gesucht

Besonders Beauty-Expertin Judith Williams sprang auf die Idee des Duos an. Sie gestand, dass in der Kosmetik-Szene, wo verstärkt mit Bio-Produkten gearbeitet wird, verzweifelt nach Plastik-Alternativen gesucht werden würde. Die Gründer entgegneten, dass ihr Fokus auf ihrem Grundprodukt, der Kaffeekapsel, liege, und erst wenn dieses erfolgreich wäre, man sich andere Geschäftsfelder wie Kosmetik überlegen könne. Diese Antwort brachte ihnen ein anerkennendes Nicken von Investorin Dagmar Wöhrl ein.

Ein Trio fürs Investment?

Nach dem gelungenen Pitch war das Interesse in den Gesichtern aller Investoren abzulesen. Carsten Maschmeyer brachte sogar ein Millionen-Investment ins Spiel und zog sich mit Ralf Dümmel und Ex-Miss Germany Dagmar Wöhrl zur Beratung zurück. Das Trio teilte sich bereits die Aufgaben ein: Dümmel wollte den Handel übernehmen, Maschmeyer wäre fürs Marketing zuständig, während Wöhrl die Kapseln in „ihre“ (36) Hotels und rund 50 Restaurants bringen sollte.

Die restlichen Löwen, Tech-Experte Frank Thelen und Judith Williams, steckten ebenfalls die Köpfe zusammen und sondierten ihre Möglichkeiten. Williams betonte erneut ihr Vorhaben, die Verpackung für die Kosmetik-Welt nutzen zu wollen.

Papier schlägt Stein

Um das taktische Geplänkel diesmal nicht zu stark aufkommen zu lassen, spielten plötzlich Dümmel und Thelen „Schere, Stein, Papier“ darum, wer den Anfang des Bietens machen sollte. Thelen verlor und musste anfangen. Er bot die gewünschte Summe für 20 Prozent Beteiligung. Williams stieg aus – sie würde auf den Erfolg der jungen Founder warten.

Ärger bei Maschmeyer: „Williams nicht neutral“

Die restlichen drei Investoren, die sich vorher zur Beratung zurückgezogen hatten, weckten in den jungen Männern die Lust auf die globale Expansion und boten 750.000 für 25 Prozent Anteile. Williams fasste die beiden Angebote zusammen und sprach dabei bei Thelens Angebot von dessen „gigantischem Netzwerk“ mit Option auf „working capital“, was Maschmeyer ärgerlich werden ließ. Er nannte diese Zusammenfassung „nicht neutral“. Das Trio hätte ebenfalls ein großes Netzwerk und benötigtes Zusatzkapital wäre natürlich auch im Angebot enthalten.

1.000.000 Euro für Startup rezemo – vor der Kamera

Die Gründer warteten mit einem Gegenangebot für das Investoren-Trio auf: 15 Prozent für 750.000 Euro. Sie wollten an der ausgerufenen Firmenbewertung festhalten. Es kam, wie es wohl kommen musste: die Investoren boten 1.000.000 Euro für 20 Prozent. Der Deal ging durch und hinterließ fünf überglückliche Personen im Höhle der Löwen-Studio.

Nach der Show und abseits der TV-Kameras kam es allerdings anders, wie der brutkasten berichtete.

Sofa Concerts: Über 5000 Konzerte in 19 Ländern

Die Zweiten Pitcher bei „Die Höhle der Löwen“ waren Marie-Lene Armingeon und Miriam Schütt mit SofaConcerts. Die Onlineplattform vermittelt Musiker für Privatevents wie Hochzeiten und Geburtstage. Bands kommen zum Kunden zur gewünschten Location und spielen ihre Stücke vor. Bisher wurden über 5000 Konzerte in 19 verschiedenen Ländern vermittelt. Die Gründerinnen forderten 350.000 Euro für zehn Prozent Anteile.

Privatkonzert im Höhle der Löwen-Studio

Nach einem „Privat-Konzert“ für die Löwen fragte Neo-Investor Nils Glagau nach dem USP der Plattform. Armingeon und Schütt erklärten, dass sie im Vergleich zu Agenturen keine Exklusiv-Verträge besitzen würden und deshalb genreübergreifend auf mehr als 5000 Künstler zurückgreifen könnten. Diese Zahl beeindruckte Georg Kofler und Dagmar Wöhrl. Dümmel hingegen stieg als erster aus, weil das Geschäftsfeld nicht zu ihm passe. Auch Maschmeyer ging. Ihm war die Bewertung aufgrund des Umsatzes von 700.000 Euro zu hoch. Glagau kam nicht mit der USP klar und verabschiedete sich als potentieller Investor ebenfalls.

Höhle der Löwen, rezemo, Carsten maschmeyer, Georg Kofler, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Frank Thelen, Nils Glagau, Höhle der Löwen
c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Miriam Schütt (r.) und Marie-Lene Armingeon von  „SofaConcerts“ ließen die Band „Amistat“ ein Couch-Konzert für Ralf Dümmel (l.), Dagmar Wöhrl und Carsten Maschmeyer vollführen.

Zu niedriges Angebot

Dadurch, dass die Gründerinnen zusätzlich zur Plattform ebenfalls noch Consulting und Künstlervermittlung betreiben, war das Geschäftsmodell für Wöhrl zu komplex. Kofler hingegen war von diesem Event-Consulting begeistert und machte den Frauen ein Angebot: 350.000 für 30 Prozent. Während der Beratung der beiden Founderinnen verteidigte Kofler seine Begeisterung für das Startup („ich weiß, dass es funktioniert“), merkte aber nicht, dass sich Draußen eine Absage formierte.

Die Gründerinnen hatten vor zwei Jahren bereits eine Firmenbewertung von 2,5 Millionen Euro erreicht und wären seitdem kontinuierlich gewachsen. Es kam überraschenderweise kein Gegenangebot, da beide Entrepreneurinnen eine realistische Sichtweise zeigten und ahnten, dass Kofler nicht bereit gewesen wäre maximal 15 Prozent Anteile zu akzeptieren. Kein Deal für SofaConcerts.

Everest Climbing: Vertikales Laufband zum Klettern

Die nächsten auf der Show-Bühne von „Die Höhle der Löwen“ waren Dariusz Salamonowicz und Piotr Malecki aus Frankfurt. Das Startup Everest Climbing präsentierte eine „unendliche“, rotierende Kletterwand mit unterschiedlichen Kletterstrecken. Sie besteht aus fünf Laufbändern, die in verschiedenen Geschwindigkeiten rotieren. Dabei positionieren sich die Klettergriffe jedes Mal neu. Zusätzlich passt sich die Wand an das Tempo des Kletterers an und lässt sich neigen. Die Gründer wollten 220.000 Euro Investment für 15 Prozent Beteiligung.

Mehrere Versionen der Wand

Kofler, passionierter Hobby-Bergsteiger, ließ es sich nicht nehmen das Produkt selbst zu testen. Er nannte die Erfindung gut fürs Konditionstraining, meinte aber, für echte Kletterer sei sie nicht geeignet. Dem stimmten die Gründer zu und meinten, sie hätten im Sinn gehabt, das Klettern für die breite Masse zugänglich zu machen. Daher gebe es mehrere Versionen der Wand: eine Kids-Kletterwand, eine für Events, ein Fitness-Modell und eine Kletterwand-Pro. Die Preise dafür liegen zwischen 7.500 und 12.000 Euro.

Höhle der Löwen, rezemo, Carsten maschmeyer, Georg Kofler, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Frank Thelen, Nils Glagau, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Investor Georg Kofler beim Ausprobieren der Kletterwand.

Ein Investor in Geldgeber-Laune

Wöhrl ging als erstes Jury-Mitglied, da sie den Markt als „zu klein“ sah. Auch Glagau argumentierte ähnlich und folgte der Investorin. Dümmel, zwar begeistert von der Idee, meinte, es sei nicht sein Bereich und zog sich ebenso zurück. Maschmeyer sah die Bewertung als zu hoch an, da die bisherigen Verkaufszahlen von sechs Stück 2018 und einer Wand 2019 zu gering seien. Kofler war indes in Investierlaune, wollte aber für die gewünschte Summe 30 Prozent Beteiligung. Deal.

vetevo: Mehr als 1.000.000 Euro gesucht

Mareile Wölwer und Felix Röllecke haben einen „digitalen Tierarzt“ entwickelt. Ziel der kostenlosen App von vetevo sei es, Tiergesundheit für jeden Halter zugänglich zu machen. Sie bietet Labor-Diagnostik sowie Gesundheitstracking an. Daneben stellt das Startup auch weitere Produkte her, darunter beispielsweise einen Wurmtest für zu Hause. An weiteren Gesundheits-Kits würde noch gearbeitet werden. Die Gründer wollten 1.100.000 Millionen Euro für zehn Prozent Firmenanteile.

+++Pitch-Experte Florian Kandler bewertet die Startups aus Folge 2+++

Wöhrl meinte, sie als Hunde-Liebhaberin brauche nicht für alles eine App und stieg aus. Maschmeyer fragte kritisch nach den Gründen für die hohe Bewertung. Röllecke nannte daraufhin Zahlen: 100.000 Euro Umsatz für den Wurmtest und 250.000 über die App, wobei die zweite Zahl einen „Außenumsatz“ darstelle.

Höhle der Löwen, rezemo, Carsten maschmeyer, Georg Kofler, Judith Williams, Dagmar Wöhrl, Ralf Dümmel, Frank Thelen, Nils Glagau, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Felix Röllecke und Mareile Wölwer von vetevo haben sich mit einer zu hohen Firmenbewertung verspekuliert.

Maschmeyer: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

Auch Dümmel fand die Firmenbewertung überhöht und ging ebenso wie Kofler. Maschmeyer zeigte sich etwas ungeduldig und fragte nach medizinischer Kompetenz der Firma. Die Gründerin, als sie zu Wort kam und den verärgerten Wortschwall des Investors durchbrach, erzählte von einem Tierarzt, der in Großbritannien 25 Jahre eine klinische Leitung inne hatte und nun bei ihnen für derartige Themen zuständig sei.

+++Der Erfolg von Waterdrop nach dem DHDL-Deal+++

Maschmeyer, weiterhin ärgerlich, warf den Pitchern vor, bei dieser Bewertung gar nicht auf ein Investment aus zu sein, sondern nur den Werbewert eines TV-Auftritts im Sinn zu haben: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung„, sagte er. Kein Investor für vetevo.

Soummé: Antitranspirant für Viel-Schwitzer

Die letzte Pitcherin in der zweiten Folge der Höhle der Löwen war Sümmeyya Bach. Die Gründerin hat mit Soummé ein Mittel gegen starkes Schwitzen (Hyperhidrose) entwickelt, genauer ein Antitranspirant gegen Schweiß- und Geruchsbildung. Die Idee dazu hatte die Hamburgerin, da sie seit ihrer Kindheit an an starkem Schwitzen leidet und mit den bestehenden Mitteln unzufrieden war. Sie forderte 150.000 Euro für zehn Prozent Anteile.

40.000 Kunden

Nachdem Bach von persönlichen Problemen, vor allem in der Schulzeit, berichtete und erklärte, wie sie durch eineinhalbjährige Recherchen zu einer eigenen Lösung ihres Problems kam, testeten die Jury-Mitglieder das Deo aus. Die Gründerin erzählte, wie das dermatologisch getestete Produkt funktioniert: Zwar würden die Schweißdrüsen verengt werden, dies würde aber bei richtigem Gebrauch kein Problem sein. Erfahrungswerte von 40.000 Kunden würden dies bestätigen.

Kofler und Williams keine Partner mehr

Williams war bewegt von der Stärke und Bescheidenheit der Gründerin. Sie wollte 20 Prozent für die 150.000 Euro. Maschmeyer und Wöhrl stiegen aus. Dümmel versuchte – zu seinem Vergnügen – ein wenig Kofler und Williams zu reizen, die zum ersten Mal seit Show-Beginn gemeinsam im Studio saßen.

Bisher waren der Medien-Unternehmer und die Beauty-Expertin als Geschäftspartner aufgetreten. Seit dem Vorjahr gehen beide beruflich getrennte Wege. Kofler stieg darauf ein und bot neben seiner Kompetenz zur Unternehmensorganisation 200.000 Euro für 15 Prozent als Konkurrenzangebot zu seiner ehemaligen Kollegin.

Das dritte Angebot

Dümmel lobte daraufhin die Unternehmerin, die alles alleine aufgebaut hatte, und wollte 20 Prozent Anteile für 150.000 Euro. Die Gründerin zog sich kurz zurück und ging in sich. Schlussendlich nahm sie den Deal-Vorschlag von Ralf Dümmel an. Williams zeigte ihre Enttäuschung offen und meinte, diese Absage wäre die erste, die ihr wirklich weh tun würde.


⇒ rezemo

⇒ SofaConcerts

⇒ Everest Climbing

⇒ vetevo

⇒ Soummé

⇒ DHDL

Redaktionstipps

 

Deine ungelesenen Artikel:
29.07.2026

Wenn die KI das Experiment plant: Zu Besuch im Labor, das sich selbst steuert

Auf dem Campus Hönggerberg der ETH Zürich arbeiten Roboter und Künstliche Intelligenz zusammen: Eine Software des schweizerisch-amerikanischen Startups Atinary entwirft die Experimente, Roboter in den Laboren von SwissCAT+ an der ETH Zürich führen sie aus, rund um die Uhr. brutkasten war vor Ort und hat mit Atinary-Mitgründer und CTO Loïc Roch sowie Christoph Schnidrig, Head of Technology bei Amazon Web Services Schweiz, über den beschleunigten Forschungsbetrieb gesprochen. Und darüber, warum die größte Hürde nicht die Technologie ist.
/artikel/wenn-die-ki-das-experiment-plant-zu-besuch-im-labor-das-sich-selbst-steuert
29.07.2026

Wenn die KI das Experiment plant: Zu Besuch im Labor, das sich selbst steuert

Auf dem Campus Hönggerberg der ETH Zürich arbeiten Roboter und Künstliche Intelligenz zusammen: Eine Software des schweizerisch-amerikanischen Startups Atinary entwirft die Experimente, Roboter in den Laboren von SwissCAT+ an der ETH Zürich führen sie aus, rund um die Uhr. brutkasten war vor Ort und hat mit Atinary-Mitgründer und CTO Loïc Roch sowie Christoph Schnidrig, Head of Technology bei Amazon Web Services Schweiz, über den beschleunigten Forschungsbetrieb gesprochen. Und darüber, warum die größte Hürde nicht die Technologie ist.
/artikel/wenn-die-ki-das-experiment-plant-zu-besuch-im-labor-das-sich-selbst-steuert
Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


Disclaimer: Die Reise- und Übernachtungskosten wurden von Amazon Web Services übernommen.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Die Höhle der Löwen“ Folge 2: „Die wollten keinen Deal, die wollten Werbung“