28.08.2025
INTERVIEW

Hermann Hauser: „In Europa fehlt das benötigte Management-Talent“

Interview. Im Zuge des European Forum Alpbach haben wir mit Tech-Unternehmer und Investor Hermann Hauser über Europas technologische Souveränität gesprochen – und warum trotz starker Grundlagenforschung der Sprung zur Skalierung so selten gelingt.
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Hermann Hauser am European Forum Alpbach 2025 | (c) brutkasten

Beim European Forum Alpbach treffen dieser Tage führende Stimmen aus Wirtschaft und Politik zusammen, um über die Zukunft Europas zu sprechen. In einer Zeit globaler Unsicherheiten steht dabei auch die technologische Souveränität im Fokus: Wie lässt sich Unabhängigkeit in Schlüsseltechnologien sichern? Das Thema reicht von Cloud- und Halbleiterabhängigkeiten über Satelliteninfrastruktur bis hin zu Frage eines europäischen Kapitalmärkts.

Vor diesem Hintergrund haben wir mit Hermann Hauser über Europas Spielräume zwischen Regulierung, Kapital und Skalierungskraft gesprochen. Aus Investorensicht adressiert Hauser die Lücken bei großen Growth-Finanzierungen, den Bedarf an einer europäischen Kapitalmarkt-Union und den Engpass an Management-Talent für die Wachstumsphase.

Der gebürtige Tiroler Hermann Hauser prägte Europas Tech-Szene als Unternehmer und Investor. Sein größter Exit: der Verkauf des von ihm mitgegründeten Chip-Designers ARM 2016 für 31,4 Mrd. US Dollar an SoftBank. Bereits 1997 gründete er die VC-Gesellschaft Amadeus Capital. Zudem baute er die renommierte I.E.C.T Summer School auf. Seit der Gründung im Jahr 2015 nahmen über 300 DeepTech-Gründer:innen aus rund 43 Ländern teil. Nach dem Aus der I.E.C.T Summer School wurde im Mai der Startschuss für das „Hermann Hauser Frontier Lab“ kommuniziert, das sich an ambitionierte DeepTech-Gründer:innen richtet (brutkasten berichtete).


brutkasten: Europa gilt in der Grundlagenforschung als sehr stark. Warum gelingt der Sprung in die Skalierung von marktfähigen Technologien im Vergleich zu den USA dennoch so selten?

Hermann Hauser: Unsere Grundlagenforschung ist hervorragend, die Qualität der europäischen Universitäten steht jener der amerikanischen in nichts nach. Der IP-Output ist vergleichbar. Gleichzeitig haben chinesische Universitäten inzwischen mehr Patente und auch mehr Zitierungen als Universitäten in Amerika und Europa. Es liegt auch nicht an den Startups: Europa produziert mehr Startups als die Vereinigten Staaten. Das große Problem in Europa sind die Scaleups. Sobald eine Firma global reüssieren könnte, fehlen häufig die großen Kapitalrunden. Das ist auch der Grund, warum wir jetzt mit dem European Innovation Council (EIC) diese 20 Milliarden Euro für den Scaleup Europe Fonds aufnehmen.

Und es fehlt in Europa aber auch das benötigte Management-Talent. Das ist neben Kapital der größte Vorteil des Silicon Valley gegenüber Europa: Wenn ich ein Unternehmen von 100 auf 500 Millionen US-Dollar Umsatz oder eine Milliarde US-Dollar entwickeln will, finde ich dort Managerinnen und Manager, die Milliarden-Divisionen bei Google, Amazon, Facebook oder Apple geführt haben. Mit einem attraktiven Optionspaket wechseln sie binnen zwei Wochen ins Startup. In Europa ist das viel schwerer. Wir haben wenige große Tech-Konzerne als Talentquelle – eigentlich nur ASML, SAP und ARM mit über 100 Milliarden an Börsenwert. Hinzu kommt die Kultur: kurze Kündigungsfristen und hohe Wechselbereitschaft – das begünstigt schnelle Team-Upgrades auf C-Level.

Sie erwähnten die geplanten 20 Milliarden Euro für “Scaleup Europe” mit dem EIC. Welche Rolle spielt bei der Finanzierung von europäischen Scaleups auch eine europäischen Kapitalmarkt-Union?

Das sind zwei orthogonale Themen. Erstens benötigen wir europäische Growth-Funds in der Venture-Capital-Community, also Vehikel in der Größenordnung von Andreessen Horowitz, Sequoia oder SoftBank-Divisionen, die sehr große Tickets zeichnen können. Zweitens brauchen wir einen gemeinsamen europäischen Kapitalmarkt. Ein Grund, warum solche Growth-Funds hier kaum entstehen, sind fehlende Exit-Möglichkeiten über europäische IPOs. Das ist ein ganz wichtiger Baustein des europäischen Finanzwesens, der eben noch nicht fertig ist. 

(c) brutkasten

In der Szene wird viel darüber gesprochen, Anreize für institutionelle Investoren, etwa Pensionskassen und Versicherungen, zu schaffen, damit mehr Kapital in Growth-Runden fließt. Welche Rolle spielt das aus Ihrer Sicht?

Das ist zentral. In den USA wurde das schon vor vielen Jahren per Gesetz gelöst, und Großbritannien hat es nun auf ähnlicher Basis umgesetzt – nach der sogenannten Prudent-Man-Logik: Gerade weil Pensionskassen und Versicherungen so viel Kapital verwalten, ist es vernünftig, einen kleinen Teil in risikoreichere Anlagen wie Venture Capital und Private Equity zu geben, weil die Durchschnittsrenditen höher sind. Dafür brauchte es eine gesetzliche Änderung. Meine Partnerin bei Amadeus Capital Partners, Anne Glover, hat an einem entsprechenden Report mitgearbeitet. Die Änderung ist durch, und unser Amadeus-Fonds hat bereits Kapital von einem britischen Pensionsfonds erhalten. Das ist neu.

Welchen Investmentfokus verfolgen Sie aktuell bei Amadeus Capital Partners und welche Trends nehmen Sie momentan hier wahr?

Wir sind seit 27 Jahren ein Deep-Tech-Fonds. Am Anfang war das eine recht einsame Erfahrung; heute ist der Markt zu uns gekommen, Deep Tech ist en vogue. Unsere Schwerpunkte: KI, Quantencomputing, synthetische Biologie und inzwischen auch Space. Dafür arbeiten wir eng mit dem österreichischen Fonds Amadeus Apex zusammen, der auf Raumfahrt spezialisiert ist. Wir haben dort zwei Investments, unter anderem Atmos.

SpaceTech ist unmittelbar mit technologischer Souveränität verknüpft. Wo steht Europa?

Starlink ist ein gewaltiges Problem für Europa. Wir haben verschlafen, dass sich daraus ein dominantes, globales Satellitensystem entwickelt, das weltweit Konnektivität bietet. Da sind wir von den Amerikanern abhängig; uns fehlt ein eigenes europäisches System. Diese Abhängigkeit ist strategisch riskant.

Kommen wir zur digitalen Souveränität. Europa ist bei Cloud-Infrastruktur stark von US-Anbietern dominiert. Passiert auf EU-Ebene aktuell genug, um diese Abhängigkeit zu reduzieren?

Das Bewusstsein ist endlich da – wir sind aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Aber die Aktivitäten reichen noch nicht, weil der Rückstand auf die USA und China groß ist. Ich schreibe gerade ein Buch über „Technology Sovereignty and Technology Colonialism“. Der neue Kolonialismus basiert auf Technologie, nicht mehr auf militärischer Macht. Man muss keine Soldaten mehr entsenden, um ein Land zu dominieren – technologische Abhängigkeit genügt.

Europa hält bei KI derzeit nicht mit den USA und China Schritt. Sehen Sie im Quantencomputing eine Chance, dass Europa vorne mitmischt

Wir in Europa haben weltführende Universitätsgruppen und exzellente Startups: IQM, Pascal, Planqc, Parity QC, Alice & Bob – um einige zu nennen. Oxford Ionics wurde leider jüngst für eine Milliarde US-Dollar nach Amerika verkauft. IQM ist wohl die bestfinanzierte europäische Firma mit rund 300 bis 400 Millionen. In den USA haben einige noch deutlich mehr eingesammelt, etwa PsiQuantum mit rund eineinhalb Milliarden US-Dollar; bei Quantinuum ist es ebenfalls etwa eine Milliarde US-Dollar. Wir liegen zurück, aber die Distanz ist kleiner als in KI und Rechenzentren – vorausgesetzt, wir finanzieren konsequent weiter.

Wo sehen Sie die wichtigsten Anwendungsfelder des Quantencomputings?

Es gibt drei Hauptanwendungsbereiche. Erstens Cybersecurity: Mit dem Shor-Algorithmus wurde gezeigt, dass RSA-2048 gebrochen werden kann. Jedes Land braucht deshalb einen Quantencomputer, der den Shor-Algorithmus ausführen kann. Weltweit sind etwa 55 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Mitteln für Quantencomputing bereitgestellt. Von den 55 Milliarden US-Dollar entfallen allein 15 Milliarden US-Dollar auf China, aber auch Deutschland, Frankreich und England investieren substanziell. Zweitens Optimierungsprobleme, insbesondere Logistik. Drittens – und für mich der wichtigste Bereich – die Simulation von Quantensystemen, speziell Molekülen. Das kann das Gesundheitswesen massiv voranbringen, weil Pharmafirmen Wirkstoffe deutlich schneller entwickeln können, wenn sich kleine Moleküle und ihre Bindung an Proteinen exakt simulieren lassen.

Wie beurteilen Sie den jüngsten Zollkonflikt zwischen den USA und Europa?

Das ist eine neue, wichtige Komponente, die es vor Trump so nicht gab. Man muss sie zur Kenntnis nehmen. Kurzfristig ist es schlecht für die Weltwirtschaft, wahrscheinlich langfristig auch für die USA. Gleichzeitig eröffnet es Europa die Chance, gemeinsam mit dem Rest der Welt neue, stabilere Verbindungen aufzubauen – auch für China.

Sie haben in einem Trend-Interview Anfang August die europäische KI-Regulierung scharf kritisiert. Was wäre zu tun?

Abschaffen. 

Also einen rechtsfreien Raum schaffen? 

Nein, das natürlich nicht. Aber man sollte die Regulierung radikal auf das beschränken, worauf es wirklich ankommt. Viele Restriktionen stehen der Umsetzung im Weg. Und typisch europäisch: Viele Implementierungsdetails wurden den Mitgliedstaaten überlassen – und werden dann schlicht nicht umgesetzt.

Das heurige Alpbach-Motto lautet „Recharge Europe“. Was braucht es dafür konkret?

Putin und Trump haben – so paradox es klingt – etwas Positives bewirkt: Wir sind aufgewacht und haben begriffen, dass wir uns auf uns selbst verlassen müssen – technologisch wie sicherheitspolitisch. Europa stellt jetzt rund 800 Milliarden für Verteidigung bereit. Und der 20-Milliarden-Fonds, den wir mit Scaleup Europe raisen, ist ein zentraler Baustein, um technische Unabhängigkeit aufzubauen. 


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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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