22.08.2017

Hermann Hauser im Interview: „Habe vor Trump mehr Angst, als vor A.I.”

DerBrutkasten hat die Chance genutzt den IT-Pionier und Investor Hermann Hauser im Rahmen der I.E.C.T. Summer School in Wattens, zum Gespräch zu bitten. Dabei haben wir unter anderem erfahren, in welche Branche er im Moment vorwiegend investiert und welches Handy er benutzt.
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Hermann Hauser sucht bei der I.E.C.T. – Challenge nach Startups für ein Investment
(c) Johannes Felder

Hermann Hauser ist einer der erfolgreichsten Auslandsösterreicher und fördert aktuell mit seinem Institute for Entrepreneurship Cambridge –Tirol (I.E.C.T.) ausgewählte Entrepreneure und Startups, um sie zu nachhaltigem wirtschaftlichem Erfolg zu führen. Zudem blickt er mit seinen 68 Jahren auf ein ruhmreiches Leben als Serial Entrepreneur und IT-Visionär. Er hat das britische Silicon Valley gegründet und mit seinem ersten Unternehmen Acorn den weltweit meistverbreiteten Mikroprozessor-Chip ARM auf den Markt gebracht. Über 100 Milliarden Prozessoren wurden verkauft. Heute ist er als Investor sowie Business Angel aktiv dabei, die Startup-Szene in Zentraleuropa zu fördern. Im Gespräch mit dem Brutkasten erklärt Hauser unter anderem welches Potenzial er in Big Data sieht und wie er mit Vertretern der Generationen Y und Z zurechtkommt.

+++ Hermann Hauser bringt Startups aus der ganzen Welt nach Tirol +++


Was treibt Sie an? Was ist ihr Motor?

Als ich 18 Jahre alt war musste ich mich entschieden entweder Wirtschaftswissenschaften oder Physik zu studieren. Der Hauptgrund, warum ich Physik studieren wollte war ein Zitat aus Goethes Faust: „Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält, Schau alle Wirkenskraft und Samen, und tu nicht mehr in Worten kramen“. Und diese Leidenschaft für Deep Technology ist mir mein ganzes Leben lang geblieben. Als Risikokapitalist sehe ich jetzt – das habe ich am Anfang nicht erwartet – dass es so viele neue, tiefe Technologien gibt, die immer faszinierender werden und ich lerne im Augenblick mehr DeepTech-Projekte kennen als jemals zuvor. Auch im Bereich der Genetik und Gene Sequencing. I am having a ball at the moment (Anm.: „Ich habe im Moment sehr viel Spaß“)! Der zweite Antrieb ist für mich, mit so vielen jungen Leuten zusammenarbeiten zu können, die die Energie und Freude haben, diese neuen, tiefen Technologien in kommerzielle Erfolge umzusetzen.

Das klingt sehr philanthropisch. Sie beschäftigen sich auch heute vorwiegend mit Zukunftsthemen, den neuesten technologischen Entwicklungen, IT-Anwendungen und Branchen. An welcher Zukunft arbeiten Sie hier konkret? Was wünschen Sie sich für die kommenden Generationen?

Das ist fast eine philosophische Frage. Ich bin eigentlich über die Jahre Utilitarist geworden. Da gibt es diesen berühmten Philosophen und Utilitaristen Jeremy Benthon, den ich vor kurzem in London getroffen habe. Er hat Mitte des 19. Jahrhunderts das University College London mitbegründet und sitzt heute noch ausgestopft bzw. einbalsamiert in einem Kasten in der Eingangshalle. Zudem war er der Erfinder des Utilitarismus und hat eben das Ziel der Menschheit dadurch definiert, dass er gesagt hat: „We should maximize the happiness for the maximum number of people“, das war damals noch sehr visionär und sehr abstrakt. (Anm.: Das Maximum-Happiness-Principle der Utilitaristen zu Deutsch: ‘Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht’)

Mit den neuen, tiefen Technologien wie Machine Learning, Blockchain oder Smart Contracts kann man nun vermuten, dass sich das in einer oder zwei Generationen tatsächlich verwirklichen lässt. Der Grund warum das in der Vergangenheit nicht umsetzbar war, ist dass man keine gesellschaftlichen Gesetze realistisch implementieren konnte, sodass diese auch wirklich jeder umsetzen, oder sich an diese Verhaltensweisen anpassen muss. Ich glaube, dass sich vor allem mit neuen Technologien wie Blockchain und Smart Contracts viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse abstrahieren und verwirklichen lassen – unter Kontrolle der Community.

Sie haben einen PHD in Physik. Was hat Sie damals an den frühen Computern fasziniert, sodass Sie sich unternehmerisch dieser Branche gewidmet haben?

Als ich mein Doktorat in Physik, an der Universität Cambridge fertig hatte, gab es eine Mikroprozessor-Gruppe und das war eine faszinierende Gesellschaft von jungen Menschen, die daran geglaubt haben – wie sich dann später herausgestellt hat war das ein realistischer Glaube – dass man die Computer den Massen beibringen und zugänglich machen kann. In den frühen 80er-Jahren waren Computer ausschließlich in klimatisierten Räumen zu finden und durften nur von den Doktoranden verwendet werden. Kein normaler Mensch hatte jemals Zugang zu einem Computer.

Es hat mich so fasziniert, dass der Computer normalen Menschen zugänglich gemacht werden kann.“

Doch die „Micorprocessor Group“ an meiner Universität hat damals herausgefunden, dass normale Menschen diese kleinen Mikroprozessoren (verschiedenster Anbieter) auf kleinen Platinen zusammenbauen und sich so einen eigenen Heimcomputer erschaffen können. Es hat mich so fasziniert, dass der Computer normalen Menschen zugänglich gemacht werden kann, dass Chris Curry und ich gemeinsam Acorn Computers gegründet haben. Dass wir den erfolgreichsten Mikroprozessor der Welt produzieren werden, war damals noch nicht Teil des Programms. (schmunzelt)

Sie sind hier in Tirol aufgewachsen. Was verbindet Sie noch mit diesem Bundesland?

Meine Cousins (Anm.: Josef und Johannes Hauser). Ich habe 22 Cousins, aber zwei davon sind mit mir in Cambridge gewesen, haben Englisch gelernt und mit ihnen bin ich heute besonders befreundet. Josef hat vor ein paar Jahren gesagt, dass es die richtige Zeit ist, Hochtechnologie in Österreich zu fördern. Damals habe ich ihm gesagt, dass ich daran nicht glaube, aber ich veranstalte eine Summer School in Alpbach und ich werde ihm beweisen, dass es hier keine guten Projekte gibt – aber das war nicht so. Es waren im Gegenteil sehr gute Projekte dabei und daher machen wir das jetzt schon das dritte Mal und jedes Jahr werden die Projekte besser. Von den 27 Projekten, die wir dieses Jahr haben bin ich insbesondere beeindruckt und freue mich jetzt schon auf die Präsentationen am Ende der Woche.

Einer ihrer Vorträge trägt den Titel ”The six Waves of Computing”. Dabei betonen Sie, dass jede Technologie im Lauf der Zeit von einer neuen ersetzt wurde und es die größten Player nie geschafft haben, auch die nächste Welle zu reiten. War das 2016 mit ein Grund für den Verkauf von ARM?

Es gibt tatsächlich kein einziges Beispiel dafür, dass die Anführer einer Welle des Fortschritts, auch die nächste Welle angeführt hätten. Das erstaunlichste Beispiel ist mit der Smartphone-Welle gerade passiert, denn die PC-Welle war ja vollkommen von Microsoft und Intel dominiert. Wenn man zu dieser Zeit irgendjemandem gesagt hätte, dass weder Intel noch Microsoft irgendeinen Marktanteil bei Smartphones haben werden, hätte jeder gesagt, dass das unmöglich ist, aber es ist so passiert. Der Mikroprozessor in den Smartphones ist zu über 95 Prozent der ARM und die Operating Systems sind Android und IOS von Apple. Die nächste Welle wird wahrscheinlich eine Ausnahme meines Prinzips werden, denn die sechste Welle ist vom Internet of Things ausgelöst und in diesem Bereich werden schon jetzt zu über 90 Prozent ARMs verwendet – vielleicht bleibt in diesem Fall der Mikroprozessor ja der gleiche.

Ich war ja gegen den Verkauf von ARM, aber Masayoshi Son von SoftBank hat extrem viel Geld geboten. ARM ist eine private Firma gewesen, die an der New Yorker sowie der Londoner Börse dotiert war. Er hat einen 43-prozentigen Mehrwert geboten und da war es für die Aktionäre besser jetzt diesen Mehrwert zu kassieren, als nochmal drei bis fünf Jahre zu warten, bis es noch mehr wird. Ansonsten gab es keinen Grund die Firma zu verkaufen. Wir hatten eine Milliarde Dollar in Cash und ein Management Team „to die for“. Zum Glück hat Masayoshi Son das Management Team aber bestehen lassen und dort keine Änderungen durchgeführt. Er hat diese Vision einer globalen Firma für Internet of Things und das ist eine Vision, die ich teile. Er hat recht, dass man da noch eine viel größere Firma aufbauen kann.

Also können wir uns darauf einstellen, dass unsere Computer und ähnliche Devices, wie wir sie heute kennen, in einer nächsten Welle durch Anwendungen und Produkte des Internet of Things ersetzt werden?

Ja, ersetzt oder ergänzt!

Welches Potenzial sehen Sie in Big Data?

Ein Anwendungsbeispiel, das am nächsten liegt ist wohl das autonome Fahren mit selbstfahrenden Autos. Da hätte auch keiner geglaubt, dass dies so schnell möglich sein wird. Ich denke, dass das in den nächsten fünf bis zehn Jahren so ausgedungen sein wird, dass die meisten Autos selbstfahrend sind. Das ist auch ein Beispiel für die Disruption, die dadurch entsteht, dass diese technische Möglichkeit des autonomen Fahrens jetzt auch das Businessmodell ändert. Die Autoindustrie hatte mit dem Ford Modell T das letzte Mal eine große Disruption mit dem Aufkommen der Massenproduktion. Sie haben sich daran gewöhnt, dass es in der Autoindustrie nicht wie in der Computerindustrie zugeht, wo bereits fünf Disruptionen vieles umstrukturiert haben.

Meine Vorlesung „The six Waves of Computing“ gibt es mittlerweile schon so lange, dass sie als „The five Waves of Computing“ angefangen hat. Erst seit einigen Jahren ist mir vollkommen klar, dass das auf alle Sektoren zutrifft, aber dass diese Disruptionen viel seltener oder weniger schnell passieren können. Die Autoindustrie hat jetzt besonders disruptive Zeit, weil sie zwei Disruptionen auf einmal bekommen, nämlich die Elektrifizierung und das autonome Fahren. Letzteres ist eine wesentlich gravierendere Änderung des Businessmodels. Von, ich kauf mir ein Auto, geht es jetzt hin zu dem Modell „Transport as a Service“, bei dem man sich nur mehr die Fahrt kauft.

Redaktionstipps

Wenn immer mehr Computer und Roboter die Arbeit und Aufgaben von Menschen übernehmen. Was bleibt dann noch für die Menschen bzw. warum machen nicht schon jetzt Maschinen unsere Arbeit?

Weil das nicht so lustig ist, auf der faulen Haut zu liegen! (lacht) Bis jetzt ist die Erfahrung so, dass wenn es diese disruptiven Technologien gegeben hat, die in gewissen Sektoren vieles fundamental geändert haben, immer viel mehr Jobs geschaffen wurden, als alte ersetzt. Ob das diesmal wieder passiert, weiß man nicht und man kann da utopische und dystopische Szenarien andenken. Mein Einstellung ist, dass wir mit diesen künstlichen Intelligenzen co-evolvieren werden.

Ich habe im Augenblick vor Trump viel mehr Angst als vor der künstlichen Intelligenz.“

Facebook musste erst Anfang August seine A.I. ausschalten, nachdem sie eine eigene Sprache entwickelt hat, die Menschen nicht verstehen konnten. Könnten uns die Maschinen, nach dem Vorbild von Matrix, nicht auch gefährlich werden?

Ja natürlich man kann da viele dystopische Szenarien bauen, bis zu einer wirklich schlechten, dass die Maschinen uns irgendwann alle umbringen. Ich habe im Augenblick vor Trump viel mehr Angst als vor der künstlichen Intelligenz.

Sie haben schon öfter gesagt, dass im Zuge der Digitalisierung laufend weitere Innovationen geben wird, die es vermögen, verschiedenste Industrien zu disrupten. Werden zukünftig auch althergebrachte Institutionen bzw. Banken durch Technologien wie etwa die Blockchain und digitale Währungen in ihrer Weltherrschaft herausgefordert?

Ja! (grinst)

Vor rund einem Jahr haben Sie angekündigt, dass Sie nun weniger in ICT und vermehrt in Life Sciences investieren. Warum?

Because they’re having all the fun at the moment! (Anm.: „Diese Branche hat im Moment den ganzen Spaß“). Die Fortschritte im Bereich der Life Sciences sind so viel gravierender und grundlegender, als im Bereich der ICTs – mit Ausnahme von A.I.. Life Science und A.I. sind meine zwei Hauptprojekte im Moment.

Seit 2015 haben Sie in 16 österreichische Startups investiert. Sie sind mit ihrem 1997 gegründeten  IECT als einer der ersten Business Angels aufs zentraleuropäische Parkett getreten. Wie hat sich die Szene seither entwickelt?

Unwahrscheinlich schnell und sehr positiv! Es entwickelt sich im Augenblick in Österreich mit irrsinniger Geschwindigkeit ein Ökosystem und ich habe am Anfang nicht verstanden, warum das so schnell geht. Inzwischen ist meine Erklärung dafür, dass sich erstens so eine Gruppe von intelligenten jungen Leuten in Österreich gefunden hat, die es ja jetzt in ganz Europa auch gibt, denen es völlig egal ist, ob sie Englisch oder Deutsch sprechen, und die in ihrem Sektor zweitens genau wissen, was jetzt im Silicon Valley los ist, oder in Cambridge, oder Tokyo – also dort wo die wichtigen Firmen sitzen mit denen sie sich vergleichen, oder mit denen sie zusammen arbeiten wollen. Diese jungen, cleveren Leute sind jetzt auch ziemlich Standort-unabhängig, weil sie sich eben von selbst automatisch vernetzen. In Österreich gibt es nur leider kein Geld und deswegen freut es mich, dass ich meinen kleinen Teil dazu beitragen kann.

Was sagen Sie zum Gendergap in der Startup-Szene und was müsste diesbezüglich getan werden?

Den gibt es nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt. Wir sind mit Amadeus Capital meines Wissens der einzige Fonds in Europa, der von einer Frau geleitet wird, nämlich von Anne Glover. Ich habe das Gefühl, wenn mehr Frauen Venture Capital Fonds führen würden, dann würde das die Szene entsprechend bereichern.

Sie stammen aus der 68er Generation und agieren als Wegbereiter für eine hochtechnologische Zukunft, die von den Generationen Y und Z weitergeführt werden wird. Was denken Sie über Vertreter dieser Generationen als Gründer, Mitarbeiter, Geschäftspartner usw.?

Ich halte sehr viel von ihnen und habe ja zwei von ihnen auch selbst produziert (lacht). Die Generation gefällt mir sehr gut, sie ist sehr aufgeschlossen, sehr kollegial, sehr international und genauso energiegeladen wie wir es waren, als wir jung waren. Es freut mich immer sehr, die nächste Generation zu unterstützen, weil das die Zukunft ist, ob man will oder nicht.

Gemeinsam mit der Crowd-Investing Plattform CONDA, wo Sie auch investiert sind, wird ja am 13. Oktober wieder die I.E.C.T. – Challenge stattfinden. Was kann man in diesem Jahr erwarten?

Im letzten Jahr hatten 60 Bewerber, die wir immer auf die zehn bis 15 besten herunter filtern und das wird in diesem Jahr auch so werden.

„Ich lese oftmals nur das erste und das letzte Kapitel und das ist meistens gut genug.“

Was lesen Sie im Moment?

Wie immer viel zu viele Bücher auf einmal… Die wichtigsten zwei sind wohl ein Fachbuch zu Synthetic Biology und „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari. Ich lese oftmals nur das erste und das letzte Kapitel und das ist meistens gut genug.

Welches Handy und welchen Computer bzw. Laptop benutzen Sie aktuell?

Pixel von Google und ein Ipad Pro.

Was halten Sie vom Apple A10 Fusion und der Apple A10X Fusion, die ja auf der ARM Technologie basieren?

Das ist ein toller Chip und es ist auch signifikant für das Businessmodell von ARM, dass eben Apple den Chip mit der Lizenz von ARM bauen kann und nicht den Chip einkaufen muss.

Man sagt, dass man aus Fehlern mehr lernt als aus Erfolgen. Gibt es Entscheidungen in ihrem Leben, die Sie aus heutiger Sicht anders getroffen hätten?

Wahrscheinlich viele, aber es waren auch ein paar gute dabei. Es ist sehr schwer zu sagen, ob sich manche Dinge anders entwickelt hätte, wenn man etwas anders gemacht hätte. I have no great regrets (Anm.: „Ich bedauere nicht viel“). Die Entscheidung nach England zu gehen war eine gute Entscheidung, nach dem Physik Studium eine Firma aufzubauen war auch eine gute Entscheidung und ich habe ein Mordsglück mit meiner Frau – und das ist ja auch eine wichtige Entscheidung. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.

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Die Fahne der EU (c) Adobe Stock

Im aktuellen „European Innovation Scoreboard 2026“ der Europäischen Kommission behauptet sich Österreich im oberen europäischen Mittelfeld. Mit einer Innovationsleistung von 113 Prozent des EU-Durchschnitts im Jahr 2026 belegt das Land wie schon im Vorjahr den achten Rang unter den EU-Mitgliedstaaten und verbleibt in der Klasse der sogenannten „Strong Innovators“. Langfristig verzeichnet Österreich zwar einen Zuwachs der Innovationskraft von 8,9 Prozentpunkten gegenüber dem Basisjahr 2019, im Vergleich zu 2025 gab der nationale Gesamtindex jedoch um 2,3 Prozentpunkte nach. Diese Abschwächung spiegelt eine wirtschaftliche Dynamik wider, die infolge anhaltender externer Schocks und gestiegener Betriebskosten an internationaler Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hat.

Im Schatten der Spitzenreiter

Angeführt wird das europäische Gesamtklassement unverändert von der Schweiz, die mit 141,3 Prozent des EU-Durchschnitts den innovativsten Standort des Kontinents darstellt. Innerhalb der EU-Grenzen sichert sich erneut Schweden die Spitzenposition (139 Prozent), gefolgt von Dänemark und den Niederlanden. Finnland, das in den Vorjahren fest zur Spitzengruppe der „Innovation Leaders“ zählte, verlor an Schwung und stürzte in die Leistungsklasse Österreichs ab.

Im Vergleich mit dem größten Handelspartner Deutschland (EU-Rang 9) hat Österreich zwar knapp die Nase vorn. Einige Diskrepanzen: Während Deutschland bei den forschungsbezogenen Staatsausgaben im öffentlichen Sektor auf Platz 5 liegt, belegt Österreich hier den hervorragenden dritten Platz. Bei der direkten und indirekten steuerlichen Forschungsförderung für Betriebe verweist Österreich den Nachbarn (Deutschland Rang 23) mit dem vierten Platz klar auf die hinteren Ränge.

Die Achillesferse: Wagniskapital und Skalierungsbarrieren

Für die heimische Startup- und Scaleup-Szene liefert das Scoreboard eine ernüchternde Bilanz in puncto Wachstumsfinanzierung. Als chronischer Schwachpunkt erweist sich einmal mehr der Bereich Venture Capital: Bei den Wagniskapital-Investitionen erreicht Österreich magere 47,9 Prozent des EU-Durchschnitts und belegt im EU-Vergleich lediglich Platz 15.

Diese strukturelle Finanzierungslücke schlägt sich auch im komplementären „European Startup and Scaleup Scoreboard“ (ESSS) nieder: Zwar wird Österreich dort mit 113,8 Prozent des EU-Durchschnitts auf Rang 10 als „High-performing“ eingestuft, die Erhebung attestiert dem Standort jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen einer hohen Startup-Dichte pro Kopf und einer gleichzeitig unterdurchschnittlichen Zahl an schnell wachsenden Unternehmen („Centaurs“ und „Unicorns“). Bereits im Zuge des letztjährigen Rankings stand die stagnierende Entwicklung im Fokus der Kritik, insbesondere im Hinblick auf strukturelle Finanzierungshemmnisse (brutkasten berichtete).

Spürbarer Rückgang bei KMU-Innovationen trotz starker Schutzrechte

Sorge bereiten zudem die Innovationsaktivitäten im KMU-Bereich. Der Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU), die Produkt- oder Geschäftsprozessinnovationen einführen, ist mittelfristig deutlich zurückgegangen – ausgewiesen wird ein Minus von 24,4 Prozentpunkten bei Produkt- bzw. 21,2 Prozentpunkten bei Prozessinnovationen seit dem Jahr 2019. Demgegenüber steht eine traditionelle Stärke bei der Sicherung von geistigem Eigentum, wo Österreich im Bereich der intellektuellen Vermögenswerte im EU-Vergleich den hervorragenden zweiten Platz belegt.

Doch auch dieses Fundament zeigt Ermüdungserscheinungen: Seit 2019 verzeichneten die Designanmeldungen einen spürbaren Rückgang um 49,7 Prozentpunkte, während Patentanmeldungen (-16,8 Prozentpunkte) und Markenanmeldungen (-11,1 Prozentpunkte) ebenfalls schrumpften. Positiv hervorzuheben ist die enge Vernetzung im System bei den öffentlich-privaten Co-Publikationen (EU-Rang 3), wenngleich die Jobmobilität von hochqualifizierten Fachkräften in Wissenschaft und Technologie im Jahresvergleich um empfindliche 32,4 Prozentpunkte einbrach.

Das Transferproblem: Viel Input, zu wenig messbarer Output

Ein altbekanntes, strukturelles Paradoxon des österreichischen Innovationssystems bleibt die mangelnde Effizienz im Transfer von Forschungserfolgen in den Markt. Während das Land beim reinen Innovations-Input die dritthöchsten Investitionen in der EU verzeichnet, reicht es beim tatsächlichen Output nur für Rang 8. Besonders deutlich wird dies bei den Verkäufen von Marktneuheiten und firmeninternen Innovationen, bei denen das Land seit 2025 einen spürbaren Rückgang verzeichnet. Dem Standort gelingt es somit unzureichend, seine enormen Forschungsförderungen und Investitionen in marktfähige, produktivitätssteigernde Produkte zu übersetzen.

Digitalisierung und weitere Kernbereiche im Überblick

In den weiteren Dimensionen des Scoreboards zeichnet sich ein differenziertes Bild ab:

  • Digitalisierung (Rang 14): Ein widersprüchliches Feld. Die Verfügbarkeit von High-Speed-Internet hinkt mit Rang 23 im EU-Vergleich hinterher, hat sich jedoch seit 2019 um 174,7 Prozentpunkte verbessert.
  • Forschungssysteme & Human Ressources: Österreich verfügt über ein hochattraktives akademisches System (Rang 8), getragen von einem sehr hohen Anteil ausländischer Doktoratsstudierender (Rang 5). Bei den Human Ressources insgesamt reicht es wegen einer im EU-Vergleich geringeren Akademikerquote jedoch nur für Rang 14.
  • Nachhaltigkeit & Außenhandel: Während der heimische Öko-Innovations-Index mit 177,1 Prozent weit über dem EU-Schnitt von 127,5 Prozent liegt (beides gemessen an 2019), ist der konsumbedingte Treibhausgas-Fußabdruck fast 20 Prozent zu hoch. Zudem schwächelt Österreich massiv beim Export wissensintensiver Dienstleistungen.

Das politische Spannungsfeld: „Champions League“ vs. „Ergebnisverwaltung“

Die Interpretation des achten Platzes sorgt auf nationaler Ebene für teils konträre Statements von Politik und Wirtschaft. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer unterstreicht: „Das European Innovation Scoreboard zeigt klar: Österreich investiert überdurchschnittlich in Forschung und Innovation. Beim Output schöpfen wir dieses Potenzial aber noch nicht ausreichend aus.“ Mit Platz 3 beim Input und Platz 8 beim Output könne man sich nicht zufriedengeben; man müsse exzellente Forschung schneller in marktfähige Produkte übersetzen.

Innovationsminister Peter Hanke betont wiederum die Stabilität in einem wirtschaftlich anspruchsvollen Umfeld: „Platz 8 im European Innovation Scoreboard ist ein starkes Zeugnis für den Innovationsstandort Österreich. Dieses Ergebnis kommt nicht von ungefähr: Es ist der Verdienst unserer Unternehmen, Forschungseinrichtungen und der vielen klugen Köpfe in diesem Land.“ Er verweist auf das massive staatliche Investment von 5,5 Milliarden Euro durch den FTI-Pakt bis 2029. Stefan Harasek, Präsident des Patentamts, hält fest: „Diese starke Platzierung bestätigt einmal mehr: Österreich zählt in der sich nur zögerlich erholenden Wirtschaftsdynamik zu den Innovationsmotoren Europas und muss sich auch im internationalen Vergleich nicht verstecken.“

Eine gänzlich andere Tonlage schlägt die Industriellenvereinigung (IV) ein. Generalsekretär Christoph Neumayer warnt vor Selbstzufriedenheit: „Der Abstand zur europäischen Spitze droht zum Dauerzustand zu werden. Wir stecken mit Platz 8 im Mittelfeld fest.“ Wer ein „Innovation Leader“ werden wolle, müsse deutlich dynamischer agieren und an Geschwindigkeit zulegen. Neumayer zieht dabei einen sportlichen Vergleich heran: „Wer an die Spitze will, darf nicht nur auf Ergebnisverwaltung spielen. Champions entstehen durch Geschwindigkeit und Angriff, nicht in der Defensive.“

Auch Jochen Danninger, Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), mahnt zur Bewegung: „Österreich behauptet sich im European Innovation Scoreboard 2026 erneut auf Rang 8 […] gleichzeitig zeigt das aktuelle Ergebnis aber auch, dass wir uns auf diesem Erfolg nicht ausruhen dürfen.“ Der Vergleich mit 2023 – als Österreich noch bei knapp 120 Prozent des EU-Schnitts lag – zeige deutlich, dass zusätzliche Dynamik notwendig sei, um den Anschluss an die europäische Spitzengruppe nicht zu verlieren.

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