22.08.2017

Hermann Hauser im Interview: „Habe vor Trump mehr Angst, als vor A.I.”

DerBrutkasten hat die Chance genutzt den IT-Pionier und Investor Hermann Hauser im Rahmen der I.E.C.T. Summer School in Wattens, zum Gespräch zu bitten. Dabei haben wir unter anderem erfahren, in welche Branche er im Moment vorwiegend investiert und welches Handy er benutzt.
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Hermann Hauser sucht bei der I.E.C.T. – Challenge nach Startups für ein Investment
(c) Johannes Felder

Hermann Hauser ist einer der erfolgreichsten Auslandsösterreicher und fördert aktuell mit seinem Institute for Entrepreneurship Cambridge –Tirol (I.E.C.T.) ausgewählte Entrepreneure und Startups, um sie zu nachhaltigem wirtschaftlichem Erfolg zu führen. Zudem blickt er mit seinen 68 Jahren auf ein ruhmreiches Leben als Serial Entrepreneur und IT-Visionär. Er hat das britische Silicon Valley gegründet und mit seinem ersten Unternehmen Acorn den weltweit meistverbreiteten Mikroprozessor-Chip ARM auf den Markt gebracht. Über 100 Milliarden Prozessoren wurden verkauft. Heute ist er als Investor sowie Business Angel aktiv dabei, die Startup-Szene in Zentraleuropa zu fördern. Im Gespräch mit dem Brutkasten erklärt Hauser unter anderem welches Potenzial er in Big Data sieht und wie er mit Vertretern der Generationen Y und Z zurechtkommt.

+++ Hermann Hauser bringt Startups aus der ganzen Welt nach Tirol +++


Was treibt Sie an? Was ist ihr Motor?

Als ich 18 Jahre alt war musste ich mich entschieden entweder Wirtschaftswissenschaften oder Physik zu studieren. Der Hauptgrund, warum ich Physik studieren wollte war ein Zitat aus Goethes Faust: „Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält, Schau alle Wirkenskraft und Samen, und tu nicht mehr in Worten kramen“. Und diese Leidenschaft für Deep Technology ist mir mein ganzes Leben lang geblieben. Als Risikokapitalist sehe ich jetzt – das habe ich am Anfang nicht erwartet – dass es so viele neue, tiefe Technologien gibt, die immer faszinierender werden und ich lerne im Augenblick mehr DeepTech-Projekte kennen als jemals zuvor. Auch im Bereich der Genetik und Gene Sequencing. I am having a ball at the moment (Anm.: „Ich habe im Moment sehr viel Spaß“)! Der zweite Antrieb ist für mich, mit so vielen jungen Leuten zusammenarbeiten zu können, die die Energie und Freude haben, diese neuen, tiefen Technologien in kommerzielle Erfolge umzusetzen.

Das klingt sehr philanthropisch. Sie beschäftigen sich auch heute vorwiegend mit Zukunftsthemen, den neuesten technologischen Entwicklungen, IT-Anwendungen und Branchen. An welcher Zukunft arbeiten Sie hier konkret? Was wünschen Sie sich für die kommenden Generationen?

Das ist fast eine philosophische Frage. Ich bin eigentlich über die Jahre Utilitarist geworden. Da gibt es diesen berühmten Philosophen und Utilitaristen Jeremy Benthon, den ich vor kurzem in London getroffen habe. Er hat Mitte des 19. Jahrhunderts das University College London mitbegründet und sitzt heute noch ausgestopft bzw. einbalsamiert in einem Kasten in der Eingangshalle. Zudem war er der Erfinder des Utilitarismus und hat eben das Ziel der Menschheit dadurch definiert, dass er gesagt hat: „We should maximize the happiness for the maximum number of people“, das war damals noch sehr visionär und sehr abstrakt. (Anm.: Das Maximum-Happiness-Principle der Utilitaristen zu Deutsch: ‘Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht’)

Mit den neuen, tiefen Technologien wie Machine Learning, Blockchain oder Smart Contracts kann man nun vermuten, dass sich das in einer oder zwei Generationen tatsächlich verwirklichen lässt. Der Grund warum das in der Vergangenheit nicht umsetzbar war, ist dass man keine gesellschaftlichen Gesetze realistisch implementieren konnte, sodass diese auch wirklich jeder umsetzen, oder sich an diese Verhaltensweisen anpassen muss. Ich glaube, dass sich vor allem mit neuen Technologien wie Blockchain und Smart Contracts viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse abstrahieren und verwirklichen lassen – unter Kontrolle der Community.

Sie haben einen PHD in Physik. Was hat Sie damals an den frühen Computern fasziniert, sodass Sie sich unternehmerisch dieser Branche gewidmet haben?

Als ich mein Doktorat in Physik, an der Universität Cambridge fertig hatte, gab es eine Mikroprozessor-Gruppe und das war eine faszinierende Gesellschaft von jungen Menschen, die daran geglaubt haben – wie sich dann später herausgestellt hat war das ein realistischer Glaube – dass man die Computer den Massen beibringen und zugänglich machen kann. In den frühen 80er-Jahren waren Computer ausschließlich in klimatisierten Räumen zu finden und durften nur von den Doktoranden verwendet werden. Kein normaler Mensch hatte jemals Zugang zu einem Computer.

„Es hat mich so fasziniert, dass der Computer normalen Menschen zugänglich gemacht werden kann.“

Doch die „Micorprocessor Group“ an meiner Universität hat damals herausgefunden, dass normale Menschen diese kleinen Mikroprozessoren (verschiedenster Anbieter) auf kleinen Platinen zusammenbauen und sich so einen eigenen Heimcomputer erschaffen können. Es hat mich so fasziniert, dass der Computer normalen Menschen zugänglich gemacht werden kann, dass Chris Curry und ich gemeinsam Acorn Computers gegründet haben. Dass wir den erfolgreichsten Mikroprozessor der Welt produzieren werden, war damals noch nicht Teil des Programms. (schmunzelt)

Sie sind hier in Tirol aufgewachsen. Was verbindet Sie noch mit diesem Bundesland?

Meine Cousins (Anm.: Josef und Johannes Hauser). Ich habe 22 Cousins, aber zwei davon sind mit mir in Cambridge gewesen, haben Englisch gelernt und mit ihnen bin ich heute besonders befreundet. Josef hat vor ein paar Jahren gesagt, dass es die richtige Zeit ist, Hochtechnologie in Österreich zu fördern. Damals habe ich ihm gesagt, dass ich daran nicht glaube, aber ich veranstalte eine Summer School in Alpbach und ich werde ihm beweisen, dass es hier keine guten Projekte gibt – aber das war nicht so. Es waren im Gegenteil sehr gute Projekte dabei und daher machen wir das jetzt schon das dritte Mal und jedes Jahr werden die Projekte besser. Von den 27 Projekten, die wir dieses Jahr haben bin ich insbesondere beeindruckt und freue mich jetzt schon auf die Präsentationen am Ende der Woche.

Einer ihrer Vorträge trägt den Titel ”The six Waves of Computing”. Dabei betonen Sie, dass jede Technologie im Lauf der Zeit von einer neuen ersetzt wurde und es die größten Player nie geschafft haben, auch die nächste Welle zu reiten. War das 2016 mit ein Grund für den Verkauf von ARM?

Es gibt tatsächlich kein einziges Beispiel dafür, dass die Anführer einer Welle des Fortschritts, auch die nächste Welle angeführt hätten. Das erstaunlichste Beispiel ist mit der Smartphone-Welle gerade passiert, denn die PC-Welle war ja vollkommen von Microsoft und Intel dominiert. Wenn man zu dieser Zeit irgendjemandem gesagt hätte, dass weder Intel noch Microsoft irgendeinen Marktanteil bei Smartphones haben werden, hätte jeder gesagt, dass das unmöglich ist, aber es ist so passiert. Der Mikroprozessor in den Smartphones ist zu über 95 Prozent der ARM und die Operating Systems sind Android und IOS von Apple. Die nächste Welle wird wahrscheinlich eine Ausnahme meines Prinzips werden, denn die sechste Welle ist vom Internet of Things ausgelöst und in diesem Bereich werden schon jetzt zu über 90 Prozent ARMs verwendet – vielleicht bleibt in diesem Fall der Mikroprozessor ja der gleiche.

Ich war ja gegen den Verkauf von ARM, aber Masayoshi Son von SoftBank hat extrem viel Geld geboten. ARM ist eine private Firma gewesen, die an der New Yorker sowie der Londoner Börse dotiert war. Er hat einen 43-prozentigen Mehrwert geboten und da war es für die Aktionäre besser jetzt diesen Mehrwert zu kassieren, als nochmal drei bis fünf Jahre zu warten, bis es noch mehr wird. Ansonsten gab es keinen Grund die Firma zu verkaufen. Wir hatten eine Milliarde Dollar in Cash und ein Management Team „to die for“. Zum Glück hat Masayoshi Son das Management Team aber bestehen lassen und dort keine Änderungen durchgeführt. Er hat diese Vision einer globalen Firma für Internet of Things und das ist eine Vision, die ich teile. Er hat recht, dass man da noch eine viel größere Firma aufbauen kann.

Also können wir uns darauf einstellen, dass unsere Computer und ähnliche Devices, wie wir sie heute kennen, in einer nächsten Welle durch Anwendungen und Produkte des Internet of Things ersetzt werden?

Ja, ersetzt oder ergänzt!

Welches Potenzial sehen Sie in Big Data?

Ein Anwendungsbeispiel, das am nächsten liegt ist wohl das autonome Fahren mit selbstfahrenden Autos. Da hätte auch keiner geglaubt, dass dies so schnell möglich sein wird. Ich denke, dass das in den nächsten fünf bis zehn Jahren so ausgedungen sein wird, dass die meisten Autos selbstfahrend sind. Das ist auch ein Beispiel für die Disruption, die dadurch entsteht, dass diese technische Möglichkeit des autonomen Fahrens jetzt auch das Businessmodell ändert. Die Autoindustrie hatte mit dem Ford Modell T das letzte Mal eine große Disruption mit dem Aufkommen der Massenproduktion. Sie haben sich daran gewöhnt, dass es in der Autoindustrie nicht wie in der Computerindustrie zugeht, wo bereits fünf Disruptionen vieles umstrukturiert haben.

Meine Vorlesung „The six Waves of Computing“ gibt es mittlerweile schon so lange, dass sie als „The five Waves of Computing“ angefangen hat. Erst seit einigen Jahren ist mir vollkommen klar, dass das auf alle Sektoren zutrifft, aber dass diese Disruptionen viel seltener oder weniger schnell passieren können. Die Autoindustrie hat jetzt besonders disruptive Zeit, weil sie zwei Disruptionen auf einmal bekommen, nämlich die Elektrifizierung und das autonome Fahren. Letzteres ist eine wesentlich gravierendere Änderung des Businessmodels. Von, ich kauf mir ein Auto, geht es jetzt hin zu dem Modell „Transport as a Service“, bei dem man sich nur mehr die Fahrt kauft.

Redaktionstipps

Wenn immer mehr Computer und Roboter die Arbeit und Aufgaben von Menschen übernehmen. Was bleibt dann noch für die Menschen bzw. warum machen nicht schon jetzt Maschinen unsere Arbeit?

Weil das nicht so lustig ist, auf der faulen Haut zu liegen! (lacht) Bis jetzt ist die Erfahrung so, dass wenn es diese disruptiven Technologien gegeben hat, die in gewissen Sektoren vieles fundamental geändert haben, immer viel mehr Jobs geschaffen wurden, als alte ersetzt. Ob das diesmal wieder passiert, weiß man nicht und man kann da utopische und dystopische Szenarien andenken. Mein Einstellung ist, dass wir mit diesen künstlichen Intelligenzen co-evolvieren werden.

„Ich habe im Augenblick vor Trump viel mehr Angst als vor der künstlichen Intelligenz.“

Facebook musste erst Anfang August seine A.I. ausschalten, nachdem sie eine eigene Sprache entwickelt hat, die Menschen nicht verstehen konnten. Könnten uns die Maschinen, nach dem Vorbild von Matrix, nicht auch gefährlich werden?

Ja natürlich man kann da viele dystopische Szenarien bauen, bis zu einer wirklich schlechten, dass die Maschinen uns irgendwann alle umbringen. Ich habe im Augenblick vor Trump viel mehr Angst als vor der künstlichen Intelligenz.

Sie haben schon öfter gesagt, dass im Zuge der Digitalisierung laufend weitere Innovationen geben wird, die es vermögen, verschiedenste Industrien zu disrupten. Werden zukünftig auch althergebrachte Institutionen bzw. Banken durch Technologien wie etwa die Blockchain und digitale Währungen in ihrer Weltherrschaft herausgefordert?

Ja! (grinst)

Vor rund einem Jahr haben Sie angekündigt, dass Sie nun weniger in ICT und vermehrt in Life Sciences investieren. Warum?

Because they’re having all the fun at the moment! (Anm.: „Diese Branche hat im Moment den ganzen Spaß“). Die Fortschritte im Bereich der Life Sciences sind so viel gravierender und grundlegender, als im Bereich der ICTs – mit Ausnahme von A.I.. Life Science und A.I. sind meine zwei Hauptprojekte im Moment.

Seit 2015 haben Sie in 16 österreichische Startups investiert. Sie sind mit ihrem 1997 gegründeten  IECT als einer der ersten Business Angels aufs zentraleuropäische Parkett getreten. Wie hat sich die Szene seither entwickelt?

Unwahrscheinlich schnell und sehr positiv! Es entwickelt sich im Augenblick in Österreich mit irrsinniger Geschwindigkeit ein Ökosystem und ich habe am Anfang nicht verstanden, warum das so schnell geht. Inzwischen ist meine Erklärung dafür, dass sich erstens so eine Gruppe von intelligenten jungen Leuten in Österreich gefunden hat, die es ja jetzt in ganz Europa auch gibt, denen es völlig egal ist, ob sie Englisch oder Deutsch sprechen, und die in ihrem Sektor zweitens genau wissen, was jetzt im Silicon Valley los ist, oder in Cambridge, oder Tokyo – also dort wo die wichtigen Firmen sitzen mit denen sie sich vergleichen, oder mit denen sie zusammen arbeiten wollen. Diese jungen, cleveren Leute sind jetzt auch ziemlich Standort-unabhängig, weil sie sich eben von selbst automatisch vernetzen. In Österreich gibt es nur leider kein Geld und deswegen freut es mich, dass ich meinen kleinen Teil dazu beitragen kann.

Was sagen Sie zum Gendergap in der Startup-Szene und was müsste diesbezüglich getan werden?

Den gibt es nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt. Wir sind mit Amadeus Capital meines Wissens der einzige Fonds in Europa, der von einer Frau geleitet wird, nämlich von Anne Glover. Ich habe das Gefühl, wenn mehr Frauen Venture Capital Fonds führen würden, dann würde das die Szene entsprechend bereichern.

Sie stammen aus der 68er Generation und agieren als Wegbereiter für eine hochtechnologische Zukunft, die von den Generationen Y und Z weitergeführt werden wird. Was denken Sie über Vertreter dieser Generationen als Gründer, Mitarbeiter, Geschäftspartner usw.?

Ich halte sehr viel von ihnen und habe ja zwei von ihnen auch selbst produziert (lacht). Die Generation gefällt mir sehr gut, sie ist sehr aufgeschlossen, sehr kollegial, sehr international und genauso energiegeladen wie wir es waren, als wir jung waren. Es freut mich immer sehr, die nächste Generation zu unterstützen, weil das die Zukunft ist, ob man will oder nicht.

Gemeinsam mit der Crowd-Investing Plattform CONDA, wo Sie auch investiert sind, wird ja am 13. Oktober wieder die I.E.C.T. – Challenge stattfinden. Was kann man in diesem Jahr erwarten?

Im letzten Jahr hatten 60 Bewerber, die wir immer auf die zehn bis 15 besten herunter filtern und das wird in diesem Jahr auch so werden.

„Ich lese oftmals nur das erste und das letzte Kapitel und das ist meistens gut genug.“

Was lesen Sie im Moment?

Wie immer viel zu viele Bücher auf einmal… Die wichtigsten zwei sind wohl ein Fachbuch zu Synthetic Biology und „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari. Ich lese oftmals nur das erste und das letzte Kapitel und das ist meistens gut genug.

Welches Handy und welchen Computer bzw. Laptop benutzen Sie aktuell?

Pixel von Google und ein Ipad Pro.

Was halten Sie vom Apple A10 Fusion und der Apple A10X Fusion, die ja auf der ARM Technologie basieren?

Das ist ein toller Chip und es ist auch signifikant für das Businessmodell von ARM, dass eben Apple den Chip mit der Lizenz von ARM bauen kann und nicht den Chip einkaufen muss.

Man sagt, dass man aus Fehlern mehr lernt als aus Erfolgen. Gibt es Entscheidungen in ihrem Leben, die Sie aus heutiger Sicht anders getroffen hätten?

Wahrscheinlich viele, aber es waren auch ein paar gute dabei. Es ist sehr schwer zu sagen, ob sich manche Dinge anders entwickelt hätte, wenn man etwas anders gemacht hätte. I have no great regrets (Anm.: „Ich bedauere nicht viel“). Die Entscheidung nach England zu gehen war eine gute Entscheidung, nach dem Physik Studium eine Firma aufzubauen war auch eine gute Entscheidung und ich habe ein Mordsglück mit meiner Frau – und das ist ja auch eine wichtige Entscheidung. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.

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Mit ihrer Reverse-Mentoring-Agentur forciert Ines Hanusch Zukunftssicherheit in Wirtschaft und Politik. © brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wir leben in einer paradoxen Arbeitswelt: Führungskräfte werden für ihr über Jahrzehnte angesammeltes Wissen bezahlt doch exakt dieses Erfahrungswissen kann angesichts rasanter technologischer und kultureller Umbrüche zum blinden Fleck werden. Genau hier setzt eine Methodik an, die traditionelle Rollenbilder auf den Kopf stellt: Reverse Mentoring.

Ines Hanusch, Gründerin der Reverse-Mentoring-Agentur bond & grow, begleitet Unternehmen und Politik bei diesem Paradigmenwechsel. Für sie ist der Kerngedanke simpel, aber radikal: „Beim klassischen Mentoring lernt die Jüngere von der Erfahreneren. Beim Reverse Mentoring ist es umgekehrt: Die Führungskraft sitzt in der Lernenden-Position gezielt, strukturiert und vor allem nicht nebenbei.“

Kein Kaffeetratsch und keine Therapie

Doch was genau ist Reverse Mentoring in der Praxis? Hanusch wird nicht müde zu betonen, was es nicht ist: Es sei kein lockeres Kaffeegespräch, kein Coaching mit einer einzigen Zielvorgabe und schon gar keine Therapie. Auch der oft gehörte Einwand, man könne sich doch einfach mit den eigenen Kindern austauschen, greift für die Expertin ins Leere: „Mit den eigenen Kindern teile ich eine Sozialisation, ein Machtgefälle, ob ich will oder nicht.

Das Kind wird mir vieles nicht sagen, und ich werde vieles nicht hören wollen.“ Wahre Wirkung entstehe erst durch psychologische Sicherheit ohne persönliche Verstrickung eine Atmosphäre, in der ein junger Mensch kein Interesse daran hat, zu gefallen, sondern ehrlich zu sein.

Der Blick von innen: Reibung als Chance

In klassischen Organisationen verhindert die Hierarchie oft genau jenen Raum der psychologischen Sicherheit, in dem ungefiltert und ohne Angst vor Konsequenzen gesprochen werden kann. Ines Hanusch beschreibt das systematische Dilemma eindrücklich: Je weiter Führungskräfte auf der Karriereleiter nach oben klettern, desto mehr manifestiert sich die Angst vor Inkompetenz und Statusverlust. „Wenn Top-Entscheider:innen plötzlich von jemandem lernen, der dreißig Jahre jünger ist, entsteht unweigerlich intensive Emotion, Irritation und Reibung“ – doch exakt in diesen Momenten verankert sich laut Hanusch der größte Lerneffekt.

Wie sich dieser Rollentausch in der Realität anfühlt, schildert eine 21-jährige Mentorin, die im Rahmen von bond & grow Top-Entscheider:innen begleitet. Kristin Barnowsky sieht in ihrer Aufgabe eine enorme Verantwortung: Für sie bedeutet Reverse Mentoring, erfahrenen Führungskräften neue Perspektiven mit auf den Weg zu geben und dabei auch hin und wieder Reibung zu erzeugen“. Nervosität vor dem ersten Aufeinandertreffen ist keine Seltenheit, wie sie verrät. Ihr persönlicher mentaler Trick für das erste Meeting? „Ich stelle mir einfach vor, dass die Person mich bereits mag und ich sie auch. Dadurch gehe ich wesentlich natürlicher, authentischer und positiver in das Gespräch.“

Die größte Herausforderung im laufenden Prozess ist für sie das Gespür dafür, wie tief man in die Glaubenssätze des Mentees eindringen darf. Wenn auf Mentee-Seite Widerstand entsteht, stecke dahinter oft eine unbewusste Angst; etwa das Gefühl, nicht gehört oder gesehen zu werden. Es erfordere Empathie und präzises Timing, unangenehme Themen anzusprechen, ohne die Führungskraft emotional zu überfordern, erklärt die 21-Jährige.

Für wen das Konzept geeignet ist – und wann es scheitert

Die Zahlen sprechen für sich, doch Reverse Mentoring ist kein Selbstläufer. Laut Hanusch eignet es sich primär für Führungskräfte, die Nichtwissen als Startpunkt und nicht als Schwäche betrachten. In hierarchisch geprägten Unternehmen erfordere das immense Größe. „Statusverlust berührt das Selbstbild direkt, und das ist unbequem“, analysiert Hanusch. Viele Führungskräfte fürchten den Moment, in dem sie erkennen müssen, dass jemand, der viele Jahre jünger ist, über entscheidendes Know-how verfügt – sei es über moderne Arbeitskulturen, neue Konsumgewohnheiten oder schlicht den Umgang mit Unsicherheit in Krisenzeiten.

Wann also scheitert Reverse Mentoring? Die Expertin zieht eine klare Grenze: „Ich rate ab, wenn Unternehmen Reverse Mentoring als Imagemaßnahme einsetzen wollen, ohne wirkliche Bereitschaft, etwas zu verändern.“ Ohne intrinsische Motivation beider Seiten, einen geschützten Rahmen und professionelles Matching wird das Format zur reinen Simulation.

Innovation durch unbefangenes Denken

Wenn die Rahmenbedingungen jedoch stimmen, entpuppt sich Reverse Mentoring als machtvoller Innovationsmotor. In vielen Branchen sind junge Menschen näher an der Zielgruppe oder stellen diese gar selbst dar. Sie spüren kulturelle Trends früher und besitzen den Mut, Unbequemes auszusprechen. Kristin Barnowsky erlebt das regelmäßig in ihren Mentoring-Sessions, etwa wenn es um künstliche Intelligenz, Automatisierung von Workflows oder den Einsatz von Social Media geht. Doch der tiefere Wert liegt oft jenseits der Technologie: Es geht um das Hinterfragen erstarrter Prozesse. „Oft sehen die Dinge, die uns Sorgen machen, nur für uns so aus; aus einer anderen Perspektive sind sie plötzlich Chancen für innovative Veränderungen“, resümiert die Mentorin.

Letztlich profitiert nicht nur die Führungskraft auch die jungen Mentor:innen wachsen, bauen sich ein Netzwerk auf und erleben direkte Selbstwirksamkeit. Die wichtigste Frage für Ines Hanusch: „Was, wenn du von denen lernst, die bisher nicht gefragt wurden? Es tut manchmal weh, sich spiegeln zu lassen. Aber nur so entsteht Fortschritt.“ In einer Wirtschaft, die händeringend nach Fachkräften und neuen Wegen sucht, könnte die Bereitschaft, vom Nachwuchs zu lernen, bald über die Existenz von Unternehmen entscheiden. Oder wie Ines Hanusch sagt: „Wer heute keine Kultur des gegenseitigen Lernens etabliert, verliert morgen den Anschluss bei existenziellen Themen wie Mitarbeiterbindung und Innovation.“

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