30.11.2023

Hello Again: Ein Linzer Startup trotzt dem Negativtrend – der Gründer erklärt

Franz Tretter, Gründer von Hello Again, hat sich die letzten Jahre mit seinem Scaleup nicht bloß "durchgebissen", sondern sich gut aufgestellt. Im Gespräch erklärt er, wie die heutigen, schweren Zeiten Chancen bringen.
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Hello Again, tretter
(c) Hello Again - Franz Tretter, Founder von Hello Again, erklärt sein Erfolgsrezept.

Layoffs, Insolvenzen und Degrowth. Die letzten Jahre waren stark durch Hiobsbotschaften aus der Startup-Szene geprägt – und sind es immer noch. Massenkündigungen folgten auf die Hypergrowth-Welle, Panik und Umstrukturierungen auf Cashflow-Engpässe. Manche Startups sanken in ihrer Firmenbewertung, andere Institutionen entwickelten neue, nachhaltigere Konzepte im Gegensatz zum Wachstumszwang und dessen negativen Folgen. Alles in allem erfuhr die Startup-Szene seit der Pandemie und dann durch die weiteren globalen Krisen eine bisher nicht geahnte Notwendigkeit, sich mit Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Alle Startups? Nein, ein Startup aus Linz trotzte den Widrigkeiten der aktuellen Zeit: Hello Again.

Gründer Franz Tretter musste zwar keine Römer verprügeln, navigierte aber sein Startup durch die Krisen mit einer essentiellen Einstellung: „Wachstum nicht um jeden Preis erkaufen“, lautete sie.

Hello Again mit 800 Kund:innen

Das Kundenbindungs-Startup verfolgt von Tag eins an ein halbwegs effizientes Wachstum, meist mit positivem Ergebnis und positivem Cashflow – kurze Ausreißer ausgenommen, sagt Tretter.

Heute bedient man 800 Unternehmen, darunter Kund:innen, die immer größer werden, und ist in sieben Ländern vertreten. Neben Müller und Deichmann (Myshoes) gehören auch Schlumberger, Raiffeisen, Clip, Royal Donuts, Vamed und viele weitere zum Kund:innenportfolio des ehemaligen „Product Managers“ von Runtastic.

„Das Schöne für uns ist“, sagt Tretter, „wenn wir so weitermachen, werden wir [in unserem Segment] der größte Anbieter in Europa. Das ist langsam greifbar.“

Zwei Erfolgsfaktoren

Das Erfolgsrezept von Hello Again besteht im Wesentlichen aus zwei Punkten, „Kundenbindung“ und „klare Zielgruppe“, wie der Founder erklärt.

„Kundenbindung und Marketing sehen wir als etwas an, wo man nicht einspart, sondern jetzt investiert“, sagt Tretter. „Wenn der Kostendruck steigt, dann schauen Unternehmen darauf, Bestandskunden zu Multiplikatoren zu machen. Baut man sich jetzt einen Kundenstamm auf, kann man in Zukunft gut kommunizieren; Push-Nachrichten per App, Empfehlungen und dergleichen. Die aktuelle Zeit spielt uns da in die Karten, denn man muss schauen, günstiges Marketing zu machen und darauf, dass Stammkunden bei mir bleiben.“

Tretter bemerkte natürlich den Rückgang bei Postwürfen und den Fokus aufs Smartphone. So lerne man die Kund:innen besser kennen: „Ich weiß zum Beispiel, ob mein Kunde Vegetarier oder Fleischesser ist“, erklärt Tretter weiter. „Es macht ja wenig Sinn, einem Vegetarier zu zeigen, dass Schweinefleisch im Angebot ist. Auch kontaktierst du Pensionisten anders als Studenten.“

Für den Hello Again-Founder ist der Blick heute ein schärferer als noch vor wenigen Jahren. Marketing-Budgets werden mehr denn je analysiert, man fragt sich, was Sinn macht.

„Für Neukundengewinnung muss man viel Kapital aufwenden, es kostet auch viel, Kunden zu verlieren, aber es bedarf weniger, damit er treu bleibt. Da spart man unheimlich viel Geld“, betont Tretter.

Zielgruppen-Fokus

Was Hello Again zudem in schwierigen Zeiten geholfen hat – und der zweite Learning-Faktor ist – ist die klar definierte Zielgruppe.

Es sind nicht nur Konzerne, die für Hello Again essentiell waren, sondern auch kleinere Unternehmen, die Tretter den „Power-Mittelstand“ nennt.

„Uns ist während der Ukraine-Krise einiges weggebrochen. Es gab ein Bäckersterben, der Energiepreis war für Viele ein Thema. Da hatten wir über ein paar Monate keine Aufträge. Konnten aber gut ausweichen, da der Handel und Fachhandel die stärksten Kapitalbringer waren. Dienstleister wie Friseure, Beauty-Studios auch weiterhin Bäckereien und Gastronomie“, sagte Tretter. „Resch&Frisch zum Beispiel gilt ja in Deutschland als Mittelständler; mit 250 Betrieben. Das ist eine ganz andere Dimension.“

Weiters hat Hello Again ganze Wirtschaftsregionen bedient, in Fuschl am See rund 400 Betriebe, und sich etwa mit der Stadt Krems zusammengeschlossen.

„Von der Unternehmermentalität war uns klar, dass man regelmäßig durchs Tal der Tränen gehen wird. Da ist Kontinuität sehr wichtig“, sagt Tretter. „Der Rest ist ‚draufbleiben‘ und verdammt harte Arbeit.“

„Du, ich möchte dich heut noch sehen – ich will dir gegenüber stehen“

Ein weiteres feines Detail, warum es gut bei Hello Again läuft, ist eine Wand mit dem Namen „Howard 1000“.

Howard 1000 hat nichts mit Business-Plänen, Akquise, Conversion-Rate oder Marketingplänen zu tun, sondern ist einzig und allein ein Vehikel für die Moral im Team.

Hello Again.
(c) zVg – Howard 1000 als Richtungsweiser von Hello Again.

„Jedes Mal, wenn wir einen neuen Kunden gewinnen, kleben wir dessen Logo an unsere Wand“, erklärt Tretter die Hommage an Howard Carpendale und dessen Lied „Hello Again“. „So sieht jeder, wie unsere Firma tickt und wo wir hin wollen. Und Party im Büro gibt es auch.“

Hello Again mit Anfragen aus den USA

Diese positiven Entwicklungen von Hello Again sind nicht verborgen geblieben. Auch wenn man aktuell keine Investitionen braucht, so fliegen Leute aus den USA nach Österreich und besuchen das Linzer Startup. „Wir aber lassen uns nicht ablenken, da kann man sich leicht verrennen“, sagt Tretter. „Aber es tut sich was am Markt.“

Die Zeit sei eine hochspannende: „Wer jetzt gründet und sich durchbeißen kann, wird in guten Zeiten doppelt profitieren. Man weiß ja, „so Tretter abschließend, „in der Formel 1 kann man im Regen am besten überholen.“

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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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