31.08.2020

Die digitale Sucht

Wer an Handy-Sucht leidet, der muss sich dies zuerst selbst eingestehen. Danach können schon kleine Maßnahmen helfen.
/artikel/handy-sucht
Handy-Sucht im Alltag
Mit den richtigen Maßnahmen kann man die eigene Handy-Sucht bekämpfen. (c) beigestellt / Adobe Stock / DisobeyArt

Es gehört zur Natur der Sucht, dass Betroffene sie bestreiten. Im Fall von Handy-Nutzung und etlichen Apps ist es aber offensichtlich, dass viele von uns keinen gesunden Umgang damit pflegen (können) und regelrechte Anzeichen von Abhängigkeit oder gar Sucht entwickeln.  Die Architektur von Smartphones und Apps zielt auch genau darauf ab und User müssen lernen, sie verhaltenstechnisch sinnvoll in ihren Alltag zu integrieren. Ein unterschätztes Thema, das meist nur bei Kindern thematisiert wird. Bei ihnen fällt es verstärkt auf, da sie oft regelrechte Entzugserscheinungen zeigen, sobald man ihnen ihr Gerät wegnimmt. Die Grenze von einem gesunden Nutzungs- zu einem krankhaften Abhängigkeitsverhalten ist fließend und nicht immer einfach festzustellen. Vor allem für Erwachsene ist es besonders schwierig, sich die Sucht einzugestehen. Doch es gibt Ansätze, wie man der suchtfördernden Architektur gegensteuern und einen gesunden Umgang mit Smartphones und Dopamin erzeugenden Apps lernen kann.

Ist der „Suchtcharakter“ von Handy-Technologie real?

Anders als bei Drogen wie Cannabis oder Alkohol wird bei der Technologienutzung kein chemischer Stoff eingenommen, der eine Sucht auslösen könnte. Dennoch kann man von der Handy-Nutzung und diversen Apps regelrecht abhängig werden. Denn kluge Menschen haben sich sehr intensiv damit auseinandergesetzt, uns genau dazu zu bringen.

Nir Eyal hat auf viele von uns einen großen Einfluss, ohne dass wir davon wissen oder ihn kennen. Mit „Hooked – how to build habit forming products“ hat er einen Standard gesetzt, der die letzten Jahre in immer mehr Produkten Anwendung fand. Er tourte mit seinem 4-Stufenplan durch das Silicon Valley und schulte Entwickler darin, wie ihre Designs und UX-Flows beim User durch die Nutzung Dopamin ausschütten, sodass diese immer mehr davon wollen. Nachdem viele App-Entwickler seinen Anweisungen jahrelang gefolgt waren, wechselte Nir schließlich die Seite und brachte mit „Nicht abgelenkt“ ein Werk auf den Markt, das den Menschen ihre Freiheit wieder zurückgeben soll. Zwar mutet es ein wenig an, als würde ein Winzer einen Kurs zur Alkohol-Entwöhnung anbieten. Andererseits versteht wohl kaum jemand besser, wie unser digitales Suchtverhalten funktioniert.

Ab wann wird mein Verhalten zur Sucht?

Es wäre praktisch, einfach eine Stundenzahl anzugeben, mit der man den Suchtcharakter messen könnte. Nur so einfach ist das nicht. Die Kontrollfrage lautet vielmehr: Können wir uns gut konzentrieren und berufliche wie private Tätigkeiten durchführen, ohne von einem irrationalen Verlangen, zum Handy zu greifen, wiederholt abgelenkt zu werden?

Gloria (32), die wegen ihrer Handy-Sucht in Behandlung war, beschrieb ihre Symptome folgendermaßen: Zunächst erhöhte sich die Bildschirmzeit. Angefangen mit 1-2 Stunden, verbrachte sie irgendwann 4-5 und später mehr als 6 oder 7 Stunden pro Tag an ihrem Smartphone. In der nächsten Phase ihrer wachsenden Abhängigkeit merkte sie, dass sie ihrer Lieblingsbeschäftigung nicht mehr nachkommen konnte, nämlich zu lesen.

Sie war zu unruhig, ein Buch zu lesen oder einen Film durchgehend ansehen zu können. Ständig wurden Beschäftigungen durch den Blick auf ihr Handy unterbrochen. Kein Film, bei dem sie nicht binnen weniger Minuten auch am 2nd Screen war. Sie schaute immer häufiger auf Instagram, ob es neue Bewertungen gab und auf verschiedene Messenger, ob sie neue Nachrichten erhielt. Sie konnte auch nicht mehr ohne Handy aus dem Haus gehen. Sie beschlich ein Gefühl der Unsicherheit und sie hatte Angst, den Zugang zu den Medien zu verlieren.

Nomophobie, FOMO und die Handy-Sucht

Mediziner nennen diese noch unterschätzte Angststörung Nomophobie. Machte sie sich ihrer größer werdenden Abhängigkeit bewusst und versuchte gegenzusteuern, hatte sie echte Entzugserscheinungen. Auch auf ihrem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen war sie bald ständig am Handy, aus lauter „fear of missing out“ (FOMO). Dabei geht es um die Angst, sozial unbeachtet oder unwichtig zu sein. Verhaltensforscher Dan Ariely von der Duke University bezeichnet das Phänomen als die Befürchtung, falsche Entscheidungen darüber zu treffen, wie man seine Zeit verbringt und Wichtiges zu verpassen.

Die Abhängigkeit zum Smartphone ging einher mit einer zum Internet, und ein fehlender Zugang löste Nervosität und später sogar Panik aus. In einer dritten Phase begann sich ihre nun zunehmend erkennbare Sucht negativ auf ihren Schlaf auszuwirken. Das Handy war das letzte vorm Einschlafen und das erste beim Aufwachen, und auch in Wachphasen in der Nacht griff sie immer häufiger zum Gerät, um sich ablenken oder updaten zu lassen. Das Handy war beim Essen dabei, beim Arbeiten, bei Freizeitaktivitäten und suchte nach ihrer Aufmerksamkeit, wo sie es selbst eigentlich gar nicht mehr wollte. Und irgendwann kam die digitale Erschöpfung.  

Das Problem mit dem Suchtbegriff

Martina Mara von der JKU Linz, Expertin auf dem Gebiet der Roboter-Psychologie, kenne und schätze ich sehr. Ich rief sie anlässlich dieses Artikels an, um mich mit ihr zum Thema digitale Sucht auszutauschen und mehr über den aktuellen Forschungsstand zu erfahren. Ein Grund, weshalb sich ihrer Meinung nach die offizielle Psychologie so lange damit Zeit ließ, den Begriff „Sucht“ zu verwenden, lag darin, dass die Spielarten der digitalen Abhängigkeiten meistens unter bereits bekannte Suchtklassen subsumiert werden konnten.

Jemand, der zwanghaft online mit dem Handy Unnötiges einkauft, leidet vielleicht einfach an einer Einkaufssucht. Wer zu Narzissmus neigt und immer mehr Anerkennung aus Online-Plattformen braucht, hat eine klassische Anerkennungssucht, die sich eben online materialisiert. Doch scheinen gezielte Architekturen (UX, UI, Gamification, etc,) in den Technologien wie Smartphones, Spiele oder Social Media bewusst Abhängigkeiten auslösen zu wollen, die mit bisherigen Krankheitsbildern nicht hinreichend erklärbar waren. Laut Professor Mara habe es zwar schon länger viele Studien zum Thema, vor allem zu Spezialgebieten wie der Online-Spiele- oder Social Media-Sucht, gegeben. Die offizielle Medizin aber habe länger gebraucht, um „Online-Sucht“ medizinisch zu klassifizieren. Tatsächlich findet man sie erst seit 1,5 Jahren im offiziellen Diagnosekatalog der WHO (ICD-11).

Was tun gegen die Handy-Sucht?

Ob wir schon im medizinischen Sinne süchtig sind oder einfach einen problematischen Umgang mit Medien und Technologie aufweisen – wir sollten jedenfalls aufmerksam sein und hinschauen, wenn sich unser tägliches und soziales Verhalten oder das unserer Partner technologiebedingt zum Negativen verändert. Es sind nicht nur unsere Kinder, die regelrechte Entzugserscheinungen zu erleben scheinen, wenn wir ihnen das Handy entziehen oder den Computer oder Fernseher abdrehen. Wir Erwachsenen zeigen dieselben Symptome, haben aber oft niemanden, dem dies auffällt oder der es aktiv anspricht.

Die gute Nachricht, glaubt man gut besuchten amerikanischen Selbsthilfegruppen: Suchtverhalten bei Smartphones und Internet lässt sich bis zu einem bestimmten Grad auch selbst in den Griff kriegen, sofern man sich das Problem auch eingesteht. Ich habe hier die am häufigsten genannten Maßnahmen zusammengefasst, die bei Betroffenen zu spürbarer Besserung führten.

  • Für viele ist eine völlige Handy-Auszeit einfacher zu gestalten als eine schrittweise. Jene Menschen sollten damit beginnen und dann beim Wiederverwenden ihren neuen Nutzungsregeln folgen.
  • Manche nutzen Urlaube und Ferien dazu, sogenannten „digital detox“ zu betreiben. Dabei verzichten sie auf Social Media oder sogar ganz aufs Handy. Diese Phase könnte gut genutzt werden, danach mit neuen Regeln die Nutzung zu starten.
  • Bei Arbeiten, die Konzentration brauchen, das Handy abschalten, damit echter Fokus möglich ist. Es werden zumindest 2-3 Stunden dauernde Intervalle empfohlen. Selbst schon bei geringer Abhängigkeit wartet man unbewusst auf eine Meldung am Handy, die das Belohnungssystem im Gehirn anspricht. Studien zeigen, dass das Gehirn bei komplexen Tätigkeiten bis zu 15 Minuten braucht, um den vollen Fokus wieder zu finden, wenn es mal unterbrochen wurde.
  • Nicht durch erwartete digitale Dauerpräsenz stressen lassen. Wenn Sie nicht erreichbar sind, beruflich oder privat, ist das Ihr gutes Recht. Es hilft Ihnen dabei, produktiv zu sein oder sich zu erholen. Beides ist legitim und wichtig.
  • Nicht wirklich benötigte Funktionen vom Smartphone wieder entkoppeln, z.B. Armbanduhr nutzen statt dem Handydisplay, einen Wecker zulegen, Bücher nicht auf dem Handy lesen, Radio nicht am Handy hören, etc..
  • Nachrichten- und Social-Media-Kanäle zu festgelegten Zeiten ansehen. Gelingt das wegen zu hoher Abhängigkeit nicht mehr, dann diese für zumindest 2 Monate stilllegen und danach versuchen, sie zeitlich beschränkt zu nutzen.
  • Sich alleine auf die Dinge konzentrieren, die man gerade tut und das Handy nicht nebenbei nutzen.
  • Sämtliche Push-Notifications abschalten und keiner App erlauben, von sich aus die Aufmerksamkeit auf diese zu ziehen.
  • Email-Notifications auf Arbeitszeit befristen (geht bei den meisten Modellen) oder abschalten, wenn man ohnedies auf einem Rechner arbeitet.
  • Die Smart Watch dort deaktivieren, wo sie redundant arbeitet oder die Aufmerksamkeit ohne größeren Mehrwert auf sich zieht.
  • Sich selbst die Regel setzen, dass anwesende Menschen immer Vorrang haben bei Treffen und das Smartphone jeweils stumm schalten. Das Handy sollte nie die oberste Priorität bekommen.

Sollten Sie beschriebene Anzeichen wahrnehmen und gegensteuern wollen, tun Sie das und sprechen Sie auch darüber, wenn das hilft. Die neuen Technologien kamen sehr schnell in unser Leben und haben alle Lebensbereiche erobert. Diese Anpassungsprobleme sollten uns deshalb nicht überraschen und können jeden treffen. Einen gesunden Umgang im Alltag mit diesen Technologien zu lernen, hat nichts mit Technologie-Skepsis zu tun, sondern ganz im Gegenteil mit einem reifen und  gesunden Technologie-Verständnis und einer gut entwickelten Medien-Kompetenz. 

Weiterführende Links

Über den Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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AI Summaries

Die digitale Sucht

  • Im Fall von Handy-Nutzung und etlichen Apps ist es offensichtlich, dass viele von uns keinen gesunden Umgang damit pflegen (können) und regelrechte Anzeichen von Abhängigkeit oder gar Sucht entwickeln.
  • Die Architektur von Smartphones und Apps zielt auch genau darauf ab und User müssen lernen, sie verhaltenstechnisch sinnvoll in ihren Alltag zu integrieren.
  • Die Grenze von einem gesunden Nutzungs- zu einem krankhaften Abhängigkeitsverhalten ist fließend und nicht immer einfach festzustellen.
  • Vor allem für Erwachsene ist es besonders schwierig, sich die Sucht einzugestehen.
  • Ein Grund, weshalb sich ihrer Meinung nach die offizielle Psychologie so lange damit Zeit ließ, den Begriff „Sucht“ zu verwenden, lag darin, dass die Spielarten der digitalen Abhängigkeiten meistens unter bereits bekannte Suchtklassen subsumiert werden konnten.
  • Einen gesunden Umgang im Alltag mit diesen Technologien zu lernen, hat nichts mit Technologie-Skepsis zu tun, sondern ganz im Gegenteil mit einem reifen und  gesunden Technologie-Verständnis und einer gut entwickelten Medien-Kompetenz.

AI Kontextualisierung

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