27.09.2022

Reaktion auf Kritik an Wirtschafts-Lehrplan: „Zehnjährige denken nicht wie Wissenschaftler:innen“

Herbert Pichler hat am neuen Lehrplan des Fachs "Geographie und wirtschaftliche Bildung" mitgearbeitet. Im Interview erklärt er, welche Überlegungen hinter dem Lehrplan stehen und reagiert auf Kritik.
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Lehrplan - Herbert Pichler ist GW-Lehrer, unterrichtet an der Uni Wien und ist Teil der Lehrplangruppe Geographie und wirtschaftliche Bildung
Herbert Pichler ist GW-Lehrer, unterrichtet an der Uni Wien und ist Teil der Lehrplangruppe Geographie und wirtschaftliche Bildung | (c) Joseph Krpelan

„Erstaunlich substanzlos“ und „denkbar ungeeignet“ – Vertreter:innen mehrerer heimischer Unis, darunter Wirtschaftspädagog:innen und Volks-Ökonom:innen der WU Wien, übten heftige Kritik am kürzlich vorgelegten Lehrplanentwurf des Unterrichtsfachs „Geographie und wirtschaftliche Bildung“ (kurz GW; bislang „Geographie und Wirtschaftskunde“). Zudem erneuerten sie den Ruf nach einem eigenen Fach „Wirtschaft“ in der Schule. Auch Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung übten Kritik, wobei sich diese nicht auf den Lehrplan beschränkte. Sie fordern nicht einen eigenen Unterrichtsgegenstand, sondern „ein Aufbrechen des Fächerkanons“. Und dann befürchtete auch noch die Lehrer:innengewerkschaft eine Überforderung der Lehrkräfte durch den neuen Lehrplan.

Ist also alles falsch am neuen „Geographie und wirtschaftliche Bildung“-Lehrplan? Tatsächlich wurde dieser zwei Jahre lang von einer „Lehrplangruppe“ aus zehn Personen erarbeitet. Unter diesen sind mehrere aktive Lehrer:innen, auch solche, die gleichzeitig an der Universität bzw. an der Pädagogischen Hochschule tätig sind, sowie Fachdidaktiker:innen. Einer davon ist Herbert Pichler. Er arbeitet als BHS-Lehrer und Schulbuchautor sowie in der Arbeitsgruppe Fachdidaktik Geographie und wirtschaftliche Bildung an der Universität Wien. Im brutkasten-Interview erklärt er, welche Überlegungen hinter dem neuen Lehrplan stehen und geht auf die öffentlich geäußerten Kritikpunkte ein.

Zehnjährige denken nämlich nicht in abstrakten Wirtschaftsmodellen wie Wirtschaftswissenschaftler:innen, können aber über lebensnahe Fallbeispiele an wirtschaftlich-gesellschaftliches Denken herangeführt werden.


Der neue Lehrplan für das Fach „Geografie und Wirtschaftsbildung“ wurde nun zwei Jahre lang erarbeitet. Was waren die wichtigsten Ziele dieser Überarbeitung?

Der neue Unterstufenlehrplan wurde grundlegend neu ausgerichtet: weg von einem häufig in der Praxis noch recht stofforientierten Unterricht hin zu einem kompetenzorientierten Lehrplan. Damit erfolgt die von vielen zu Recht seit Jahrzehnten geforderte Abkehr von der praxisfernen Wissensmast hin zu lebensweltorientiertem Wissen und Können. Dieser Aspekt wird bei vielen aktuellen Stellungnahmen bisher kaum wahrgenommen.

Zentral wurde der neue Lehrplan auf die zentralen Zukunftsthemen des 21. Jahrhunderts hin ausgerichtet, wie etwa die Auseinandersetzung mit dem Globalen Wandel, der Klimakrise, der Globalisierung, der Digitalisierung, der Energiewende, Flucht und Migration, aber auch das eigene wirtschaftliche und finanzielle Wohlergehen etc. Das Fach „Geographie und Wirtschaftskunde“ wurde dabei zu „Geographie und wirtschaftliche Bildung“ weiterentwickelt, dies bedeutete eine grundlegende Erneuerung sowohl der geographisch als auch der wirtschaftlich bildenden Elemente. Mit der Verstärkung und Neuorientierung der wirtschaftlichen Bildung geht auch eine weitere wesentliche Innovation des Lehrplans einher: Geographische und wirtschaftliche Bildung wird stets unter der Perspektive der Nachhaltigkeit betrachtet. Schülerinnen und Schüler sollen damit in die Lage versetzt werden, ihre alltäglichen Entscheidungen – seien es wirtschaftliche, seien es finanzielle – vor dem Hintergrund des Nachhaltigkeitsgedankens zu reflektieren und zu begründen. Weiters wurden im Sinne der Mündigkeit und Mitgestaltungsmöglichkeit der Lernenden im Lehrplan allgemein und in unserem Fach speziell die kritische Medienbildung sowie die politische Bildung deutlich verankert.

Welche Auswirkungen hat der neue Lehrplan auf die Rolle der Wirtschaft innerhalb des Fachs?

Wie bereits eingangs skizziert, verändern sich die Rolle und das Gewicht der Auseinandersetzung mit Wirtschaft im neuen Lehrplan grundlegend. Mit „Bildungs-, Berufs- und Lebensorientierung“, „Entrepreneurship Education“, „Wirtschafts-, Finanz- und Verbraucher/innenbildung“ sollen drei wirtschaftlich ausgerichtete übergreifende Themen fächer- und jahrgangsübergreifend bearbeitet werden. Wichtige wirtschaftsrelevante Aspekte finden sich weiters in den übergreifenden Themen „Umweltbildung für nachhaltige Entwicklung“, „Reflexive Geschlechterpädagogik und Gleichstellung“, „Medienbildung“ und „Politische Bildung“.

Im Fachlehrplan GW verdeutlicht auch die Umbenennung von der Wirtschaftskunde zur wirtschaftlichen Bildung die Neuausrichtung: Wirtschaft wird für Schülerinnen und Schüler altersadäquat aufbereitet und als mitgestaltbar erlebbar gemacht. Dafür braucht es ein Grundverständnis der Prozesse und Abläufe, der verschiedenen Rollen im Wirtschaftsgeschehen aber auch der konkurrierenden Interessen sowie der politischen Aushandlung. Ganz bewusst haben wir bei der Formulierung der Kompetenzbeschreibungen geographische und wirtschaftliche Perspektiven verschränkt, weil auch in der Welt außerhalb der Schulklasse ökonomische oder finanzielle Problemstellungen nie isoliert von gesellschaftlichen, ökologischen, raumbezogenen oder politischen Bezügen existieren. Alle relevanten Gegenwarts- und Zukunftsfragen sind weder mit geographischem noch mit wirtschaftlichem „Wissen“ oder Denken allein bearbeitbar, erst das Erkennen der Vernetzung dieser Bereiche ermöglicht nachhaltige und innovative Lösungsansätze. Klarerweise stoßen dabei Beispiele aus der Erfahrungswelt von zehn- bis vierzehnjährigen Kindern, die altersgerecht aufbereitet sind, auf großes Interesse.

Welche Institutionen waren in die Erarbeitung des Lehrplans involviert, bzw. wurden während des Prozesses um Feedback gebeten?

Das Bildungsministerium hat von allen Lehrplangruppen mehrere Feedbackschleifen eingefordert, so wurden bereits im Entstehungsprozess Rückmeldungen von zahlreichen Lehrpersonen, Fachwissenschaftler:innen und Fachdidaktiken eingeholt. Speziell wurden breit gefächerte Feedbackrunden mit Stakeholdern der Wirtschaft abgehalten. Zusätzlich dazu haben wir als Lehrplangruppe Geographie und wirtschaftliche Bildung während des zweijährigen Entwicklungsprozesses aktiv das Gespräch mit zahlreichen Stakeholdern gesucht und um Rückmeldungen zu unserem Lehrplan gebeten. So haben wir etwa Feedback von der Oesterreichischen Nationalbank, der Arbeiterkammer, der Industriellenvereinigung, der Wirtschaftskammer, der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, von Vertretern der Entrepreneurship Education in Österreich, von Fridays for Future usw. erhalten, diskutiert und für den Lehrplan verarbeitet. Daneben wurde der jeweilige Entwicklungsstand auf wissenschaftlichen Tagungen und im Rahmen von Lehrer:innenfortbildungen präsentiert und zur Diskussion gestellt. Transparenter, offener und breiter ist wohl noch kaum ein Entstehungsprozess eines Fachlehrplans in Österreich bisher verlaufen.

Es gab nun auch öffentliche Kritik am Entwurf von mehreren Seiten, darunter von der Industriellenvereinigung und Wirtschaftspädagog:innen der WU

Wenn man sich mit der aktuellen medialen Berichterstattung zum neuen Lehrplan etwas genauer beschäftigt, fällt einem dreierlei auf: Bislang kam kein Medium auf die Idee, die verschiedenen Positionen zur Sache zu Wort kommen zu lassen. Wenn wir ein Thema im Lehrplan oder im Schulunterricht derart einseitig darstellen würden, wäre das ein schwerer Verstoß gegen das Kontroversitätsgebot der Politischen Bildung wie der Medienbildung. Zweitens erleben wir in Bezug auf den GW-Lehrplan eine geradezu paradoxe Situation: Einerseits gibt es die Kritik von Seite der Pflichtschullehrergewerkschaft, der neue Lehrplan sei mit Inhalten und Zielen überfrachtet, gleichzeitig werfen uns in erster Linie Wirtschaftspädagog:innen vor, der GW-Lehrplan sei „substanzlos“ und führe zu wenige konkrete Inhalte an. Und drittens sind im Begutachtungszeitraum tatsächlich mehr als zwanzig Stellungnahmen eingegangen, die sich hauptsächlich oder am Rande auch auf den GW-Lehrplan beziehen.

Die fundamentalkritischen Stellungnahmen sind dabei in der absoluten Minderheit. Die meisten Gutachten geben konstruktive Rückmeldungen für Adaptierungen im Detail. Eines dieser Gutachten kommt beispielsweise von der Oesterreichischen Nationalbank, ein anderes von der Stiftung für Wirtschaftsbildung. Dann bleiben noch zwei Stellungnahmen, deren Proponent:innen ein Fach Geographie und wirtschaftliche Bildung generell ablehnen und medial für ein eigenes Fach Ökonomie in der Unterstufe lobbyieren. Aus letztgenannten Gutachten werden wir in den nächsten Monaten noch an geeigneter Stelle genussvoll zitieren, denn sie können als Outings eines Wirtschaftsverständnisses und einer Didaktik gelesen werden, die mit einem lebensweltnahen, kompetenzorientierten und altersgemäßen Unterricht für Zehn- bis Vierzehnjährige nicht kompatibel sind.

Einer der Kritikpunkte ist, die Unternehmer:innenperspektive werde nicht ausreichend beleuchtet. Welche Rolle spielt Entrepreneurship Education im Lehrplan?

Das übergreifende Thema Entrepreneurship Education zählt zu jenen ausgewählten wichtigen Bildungsanliegen, die fächer- und jahrgangsübergreifend bearbeitet werden sollen. Ausdrücklich haben wir zusätzlich die Entrepreneurship Education in den didaktischen Grundsätzen des Fachlehrplans GW verankert, durch die Stärkung der Kreativität, der Eigeninitiative und der Erfahrung der Möglichkeit, Wirtschaft und Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Sinnerfassendes Lesen hilft weiters dabei, diese Anliegen auch in den Kompetenzbeschreibungen wieder zu finden. Etwa in der zweiten Klasse, wenn im Rahmen von Projektunterricht einfache Projektideen zur Erzeugung von Gütern oder zur Bereitstellung von Dienstleistungen – ein Saftstand am Elternabend zum Beispiel – entwickelt und umgesetzt werden sollen.

Es wurde sogar der Vorwurf geäußert, es werde mit dem Lehrplan „Wirtschaftsbashing“ betrieben. Hat der Lehrplan einen weltanschaulichen Einschlag?

Vorausgeschickt sei der Gedanke, dass es keine wertfreie Bildung gibt oder geben kann. Bildung bezieht sich wie Wissenschaft immer auf unterschiedliche theoretische Bezugsrahmen, dies gilt genauso im Bereich der wirtschaftlichen Bildung. Die Lehrplangruppe hat von Beginn an die sozioökonomische Bildung als theoretischen Bezugsrahmen offengelegt. Im Gegensatz zu ökonomistischen Ansätzen wird dabei Wirtschaft nicht isoliert betrachtet und werden deren Modelle und Prozesse nicht als mechanistisch ablaufend, quasi naturgesetzlich dargestellt. Zehnjährige denken nämlich nicht in abstrakten Wirtschaftsmodellen wie Wirtschaftswissenschaftler:innen, können aber über lebensnahe Fallbeispiele an wirtschaftlich-gesellschaftliches Denken herangeführt werden. Im Lehrplan wird Wirtschaft daher als gesellschaftlich und politisch konstituiert und von jedem Menschen mitgestaltbar umgesetzt.

Aus guten Gründen werden wir weiter für eine mehrperspektivische, ausgewogene und daher auch klarerweise kritische Auseinandersetzung mit allen Themen im Lehrplan einsetzen. Alles andere wäre nämlich keine Bildung, sondern PR oder Indoktrination.

Unserem Verständnis eines ausgewogenen und fachlich mehrperspektivischen Zugangs zu wirtschaftlichen Themen entspricht, dass beispielsweise den Chancen der Globalisierung die Herausforderungen und problematischen Nebenwirkungen gegenübergestellt werden müssen. Dieses Ansinnen wurde von einem prominenten Wirtschaftsvertreter im Rahmen der Feedbackgespräche bereits als „Wirtschaftsbashing“ bezeichnet, es solle doch vor allem Positives über Wirtschaft gelernt werden. Aus guten Gründen werden wir weiter für eine mehrperspektivische, ausgewogene und daher auch klarerweise kritische Auseinandersetzung mit allen Themen im Lehrplan einsetzen. Alles andere wäre nämlich keine Bildung, sondern PR oder Indoktrination.

Im Zuge der Kritik ist auch von mehreren Seiten der Ruf nach einem eigenen Schulfach Wirtschaft erneuert worden. Was spricht dafür oder dagegen?

Der Ruf nach dem eigenen Schulfach Ökonomie wird von bestimmten Seiten mantraartig wiederholt und medial hochgekocht. Wer über den österreichischen Tellerrand blickt, kann in innovativen Bildungssystemen die Entwicklung weg von Einzelfächern und hin zu Fächerclustern und Problemfeldern beobachten. Eine weitere zusätzliche Zersplitterung in neue Einstundenfächer ist dahingehend völlig kontraproduktiv, altes Denken: Denn dann bräuchten wir nämlich nach PISA ja noch ein zusätzliches Fach Lesen, Rechnen und Problemlösen, wichtig wären weiters Recht, Verkehrsbildung, Gesundheit und Ernährung und so weiter. Das soll das innovative Bildungssystem der Zukunft sein?

Auch inhaltlich betrachtet erscheint es wenig zukunftsorientiert, in der Unterstufe wirtschaftliches Wissen isoliert zu unterrichten. Finanzielle und wirtschaftliche Fragen sind immer in größere gesellschaftliche, politische und natürliche Rahmungen eingebettet. Wie sonst sollen junge Menschen zukünftig ihren Beitrag zur Bewältigung des Globalen Wandels oder der multiplen Krisen leisten? Also auch aus fachlicher Sicht spricht vieles für einen vernetzenden Zugriff. Aus gutem Grund wird ja auch in der Wissenschaft interdisziplinäres Denken und Forschen immer wichtiger, wohingegen monodisziplinäre Ansätze an Bedeutung verlieren. In der HTL gibt es beispielsweise seit Jahren das Clusterfach GGP, in dem die großen Herausforderungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus Sicht der Kompetenzbereiche Wirtschaft, Geographie, Geschichte und Politische Bildung bearbeitet werden können. Das könnte ein Zukunftsmodell sein.

Schließlich enthüllen jene Fallbeispiele in Nachbarländern, wo in den letzten Jahren eigene Ökonomiefächer in der Unterstufe eingeführt worden sind, dass das Einzelfach kombiniert mit ökonomistischer Didaktik kein Vorzeige- oder Erfolgsmodell ist. So konnten etwa bei wissenschaftlichen Evaluationen in Baden-Württemberg in der Mittelschule nur geringe bis ausbleibende Effekte beim Wissenszuwachs der Zehn- bis Vierzehnjährigen festgestellt werden. Ohne lebensnahen, projektartigen Wirtschaftsunterricht wird man eben kein nachhaltiges Wirtschaftslernen erzielen können.

Viele von uns haben GW-Unterricht als Länder-Auswendiglernen erlebt. Das passiert noch immer. Sind die Lehrkräfte den ambitionierten Anforderungen des neuen Lehrplans überhaupt gewachsen?

Wir alle kennen einzelne Beispiele solch irrlichtender Dinosaurier aller Altersklassen und aller Fächer, die unbeeindruckt von jeglichen Lehrplanvorgaben oder -reformen ihre eigene Mission impossible im Klassenzimmer durchziehen. Der weit überwiegende Teil der Lehrpersonen ist engagiert und gerne bereit, den eigenen Schülerinnen und Schülern einen Unterricht am Puls der Zeit zu ermöglichen. Wir haben unseren Lehrplan bereits im Rahmen von Tagungen und zahlreichen Fortbildungsseminaren Lehrerinnen und Lehrern vorgestellt. Bisher waren die Reaktionen darauf sehr ermutigend und machen mich optimistisch, dass wir mit dem neuen Lehrplan einen Kulturwandel schaffen können.

Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang, dass in der Mittelschule schon in den letzten Jahren ein Drittel der gehaltenen Unterrichtsstunden von fachfremd ausgebildeten Lehrpersonen gehalten wurden. Dies verschlechtert sich aktuell durch den Lehrer:innenmangel.

Freilich braucht es für eine gute Umsetzung noch wichtige begleitende Maßnahmen wie etwa neue qualitätsgesicherte, approbierte Schulbücher. Das Bildungsministerium stellt aktuell die Approbation von Schulbüchern völlig neu auf, bereits seit eineinhalb Jahren werden die Schulbuchverlage laufend über die Lehrpläne informiert, damit rechtzeitig zur Einführung auch passende Schulbücher zur Verfügung stehen. Klarerweise braucht es ausreichend Lehrer:innenfortbildung bereits vor der Einführung des Lehrplans. Zudem denkt das Ministerium an eine zusätzliche ausführliche Erläuterung zum Lehrplan, die von den Lehrplangruppen verfasst wird, sobald die Letztversion feststeht. Dies werden wichtige Unterstützungsmaßnahmen für die Umsetzung im Unterricht sein. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang, dass in der Mittelschule schon in den letzten Jahren ein Drittel der gehaltenen Unterrichtsstunden von fachfremd ausgebildeten Lehrpersonen gehalten wurden. Dies verschlechtert sich aktuell durch den Lehrer:innenmangel. Die Fachdidaktik GW bietet deshalb allen Lehrpersonen den Service der von AK und OeNB kofinanzierten Plattform zur wirtschaftlichen Bildung. Hier stehen bereits 65 erprobte und qualitätsgesicherte Unterrichtssequenzen zu den wichtigen wirtschaftlichen Themen des Lehrplans zur Verfügung und es werden laufend mehr.

Abschließend: Wie wird kontrolliert, ob die Ziele des neuen Lehrplans erreicht werden bzw. ob die Lehrkräfte ihn überhaupt umsetzen? 

Für die Qualitätskontrolle ist in erster Linie die Schulaufsicht zuständig. Ich ermutige aber auch Schüler:innen und Eltern direkt in den Dialog zu treten, sollte der Eindruck entstehen, dass sich einzelne Lehrpersonen den Bildungsanliegen des neuen Lehrplans völlig entziehen. Freilich wird der neue Lehrplan nach wenigen Jahren evaluiert werden müssen, um bei Bedarf etwa über Lehrer:innenfortbildung nachjustieren zu können. Nach zwanzig Jahren ist die Zeit des aktuellen Lehrplans abgelaufen, es ist hoch an der Zeit für den neuen.

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brutkasten hat Paul Blaguss zum Interview getroffen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Das Wiener Familienunternehmen Blaguss hat zwölf batterieelektrische Reisebusse in den Regelbetrieb genommen und zählt damit zu den ersten Anbietern Österreichs, die E-Fahrzeuge im Reise- und Linienverkehr einsetzen. Geschäftsführer Paul Blaguss, der in seinem Berufsleben über 2.500 Busse gekauft und verkauft hat, spricht im brutkasten-Interview über die Wahl des chinesischen Herstellers Yutong, über ein hartes Zeugnis für die europäische Industrie und die EU-Industriepolitik, über Millioneninvestitionen in Lade- und Energieinfrastruktur und darüber, warum die Zukunft der Mobilität für ihn elektrisch, digital und perspektivisch autonom ist. Ein Gespräch über Standortfragen, Startup-Beteiligungen und die Frage, wann der letzte Buslenker in Pension geht.

Blaguss hat 2024 und 2025 einen zweistelligen Millionenbetrag in die Elektrifizierung der Flotte investiert. Was war der ausschlaggebende Grund?

Überall dort, wo es technologisch und produktseitig schon so weit ist, hat die Elektromobilität deutliche Vorteile gegenüber herkömmlichen Antrieben. Das fängt bei ganz banalen Dingen an: Standklimaanlage und Standheizung. Wenn ein Bus in der Nacht bei 40 Grad auf den Fahrer wartet, ist er vorgekühlt, ohne dass ein Motor läuft. Dazu kommt, dass wir in Österreich sehr viel Strom aus erneuerbarer Energie gewinnen, das hat einen enormen Impact. Für mich ist hundertprozentig klar, dass Elektromobilität die Zukunft ist.

Paul Blaguss am Firmengelände im 23. Bezirk vor einem der neuen batterieelektrischen Reisebuss | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Sie haben sich für den chinesischen Hersteller Yutong entschieden. Hätten Sie lieber europäisch gekauft?

Natürlich. Wir sind seit Jahren einer der Top-drei-, vier-Kunden von Daimlers Premiummarke Setra, ich kenne dort sämtliche Entwickler und den Vorstand, und wir finden die Produkte hervorragend. Aber Mercedes und MAN können heute keinen elektrischen Reisebus liefern, MAN kommt nächstes Jahr, Mercedes erst um 2030. Wir haben weltweit den Markt erkundet und sind relativ schnell in China gelandet, dort haben wir uns fünf, sechs, sieben Hersteller angesehen. Yutong erfüllt unsere Anforderungen an Qualität, Ausstattung, Erfahrung und Mindset am besten, das Fahrzeug hat eine Batteriegarantie von 15 Jahren für 1,5 Millionen Kilometer. Davon ist das, was Deutschland anbieten wird, meilenweit entfernt. Ich habe schon 2015 in Entwicklungsgesprächen gesagt, dass das kommt, das wollte man nicht hören. Die europäische Industrie ist nicht rechtzeitig auf diesen Zug aufgesprungen, das hat man schlicht verschlafen. Wasserstoff spielt im Pkw übrigens keine Rolle und im Busbereich höchstens im Fernverkehr, der Antrieb der Zukunft ist elektrisch.

Wie blicken Sie auf die Debatte rund um „Made in Europe“ und die Standortpolitik?

Made in Europe ist wichtig, wir brauchen Wertschöpfung in Österreich und in Europa. Ich finde es auch in Ordnung, ausländische Produzenten zu einer gewissen Wertschöpfung in Europa zu verpflichten. Die wesentlichen Komponenten dieses chinesischen Busses kommen ohnehin aus deutscher Industrie, da sind Bosch und ZF Friedrichshafen drinnen. Die Mobilitäts- und Industriepolitik der EU sehe ich in einigen Punkten durchaus kritisch. Man kann nicht den Import seltener Erden erschweren und gleichzeitig glauben, bei der Batterietechnologie aufzuholen. Wir können Batterien zu 99 Prozent recyceln, aber dann muss man die Voraussetzungen schaffen, dass hier wirklich geforscht werden darf, bis hinunter zu den nötigen Rohstoffen. In den vergangenen Jahren war die politische Linie zur Elektromobilität, sowohl auf Ebene der Bundesregierung als auch der EU, nicht immer konsistent. Aus meiner Sicht braucht es hier mehr Planbarkeit, Verlässlichkeit und Konsequenz.

Technologieoffenheit ist in dieser Debatte zu einem echten Buzzword geworden. Grundsätzlich ist diese Offenheit natürlich wichtig. Gleichzeitig sprechen die aktuellen Entwicklungen ganz klar dafür, dass die Elektromobilität im Pkw- und Busbereich die Zukunft ist.

Zwölf E-Reisebusse des chinesischen Herstellers Yutong hat Blaguss in den Regelbetrieb genommen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Parallel investieren Sie massiv in die Energieinfrastruktur. Was bedeutet das konkret?

Wir hatten am Standort ursprünglich rund 150 bis 200 kW Anschlussleistung, die haben wir auf 1,2 Megawatt versechsfacht. Die Photovoltaik haben wir in mehreren Etappen auf rund 235 kWp ausgebaut und dazu einen Batteriespeicher von 1,5 Megawatt gebaut, um am Spotmarkt besser agieren zu können. In der Nacht ist Strom günstiger, im Sommer fallen die Preise zwischen 10 und 15 Uhr bei Sonnenschein teilweise sogar ins Negative. Dann ist es sinnvoll einzuspeisen, und wenn die Busse zurückkommen, laden wir sie entsprechend. Das ist auch eine Antwort auf die Dieselpreise jenseits der zwei Euro: In Österreich produzieren wir rund 80 Prozent unseres Stroms erneuerbar, würden wir alle Pkw umstellen, bräuchten wir zehn Prozent mehr Strom, die Busse und Lkw noch einmal fünf bis sechs Prozent. Das ist machbar.

500 Kilometer Reichweite: Wo sind aktuell die Grenzen?

Wir haben das gesamte Jahr 2024 analysiert und kommen zu dem Schluss, dass wir 95 Prozent aller Fahrten elektrisch durchführen können, die Reichweite schätzen wir sogar eher über 550 Kilometer. Acht dieser Busse werden schrittweise Linien in Bratislava bedienen, das sind Fahrzeuge mit 200.000 bis 250.000 Kilometern im Jahr. Beim Song Contest hatten wir das erste große Event, das wir mehrheitlich elektrisch gefahren sind. Das Feedback von Fahrern und Kunden ist hervorragend, der Kunde merkt den Unterschied gar nicht, außer dass es ruhiger ist.

brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher im Gespräch mit Paul Blaguss über E-Mobilität, Energieinfrastruktur und autonomes Fahren | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Blaguss investiert auch in Startups. Mit welcher Motivation?

Vor rund neun Jahren, als die Elektromobilität noch sehr stiefmütterlich behandelt wurde und kein Hersteller sie wirklich wollte, haben wir mit VIBE begonnen. VIBE kann elektrische Großflotten managen und servicieren, das wird relevant, wenn etwa Uber mit einer autonomen Flotte nach Wien kommt: Die haben bisher Taxiunternehmen gemanagt, aber nie ein eigenes Auto, das kann VIBE. Taxi, Sharing und Firmenflotten wachsen zu einer Dienstleistung zusammen, und diese Learnings, etwa was Ladekapazität betrifft, fließen direkt in unser Kerngeschäft. Andere Beteiligungen liegen entlang unserer Wertschöpfungskette, sehr viel im Tourismus und Entertainment: Vienna Pass, immersive Shows, Virtual-Reality-Projekte, der Donauturm, das Johann-Strauß-Museum, zuletzt ein KI-Chatbot für die Hotellerie. Es muss reinpassen: Mobilität, Tourismus oder Entertainment.

Welches Innovationsthema beschäftigt Sie als Nächstes?

Das ganze Thema autonomes Fahren. Technisch ist es möglich, und ich mache mir Sorgen, dass wir eine ähnliche Verzögerung erleben wie bei der Elektromobilität. Wir sollten sehr schnell großflächig testen und selbst lernen, was diese Systeme können und was nicht, natürlich extrem abgesichert. Unser Infrastrukturminister ist sich dessen bewusst und geht in die richtige Richtung. Wir haben durch die Personalkostenentwicklung der letzten fünf Jahre rund 20 Prozent gegenüber Deutschland verloren, das erhöht den Druck enorm. Um gewisse Serviceleistungen hochzuhalten, werden wir in autonome Systeme gehen, etwa auf der letzten Meile oder bei Taxisystemen. Auch hier muss die europäische Automobilindustrie aufpassen, dass sie nicht hinten nachsteht, es kann nicht sein, dass das nur Teslas, Waymos und Baidus sind.

Abschließend: Wann erleben wir die letzten Buslenker in Österreich?

Das wird noch sehr lange dauern. Im Reisebus wollen wir den Lenker gar nicht ersetzen, er ist Begleiter und Manager der Reise und Ansprechperson für logistische Themen, ich möchte nicht, dass diese Dienstleistung zu unpersönlich wird, denn gerade dieser persönliche Kontakt macht einen wesentlichen Teil unseres Services aus. Auch im öffentlichen Nahverkehr werden wir den Buslenker noch lange sehen, weil wir viel zu viele Änderungen haben, Staus, Baustellen, Umleitungen. Im Pkw wird das autonome Fahren deutlich schneller kommen. Dass Reisebusse ohne Fahrer fahren, werde ich aber nicht mehr erleben.

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