13.06.2024
GRÜNDERPAARE

Gründerschaft mit Liebe: Paare und ihr Weg zum gemeinsamen Startup

Wenn ein Paar ein Business betreibt, ist das Chaos programmiert, oder? Zwei Gründerpaare verraten, warum Liebe, Ehe, Familie und Gründung funktionieren können, wann man die Finger davon lassen sollte und welche Vorteile man als Gründerpaar genießt.
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Gründen als Paar, Gründerpaare,
(c) DevCraft/ Lanbiotic - (v.l.) Carola und Clemens Helm von DevCraft sowie Katrin Susanna Wallner und Patrick Hart von Lanbiotic.

*Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe unseres Printmagazins. Eine Downloadmöglichkeit findet sich am Ende des Artikels.


Wie jeden Tag klingelt ihr Wecker um sechs Uhr morgens. Doch ihr Gehirn stellt nicht auf Autopilot: Ihr Beruf ist ihr Hobby. Während Mama den drei Schützlingen die letzten Brösel ihres morgendlichen Müslis von den Wangen wäscht, steht Papa unter der kalten Dusche und denkt nach. Nicht gezwungenermaßen – er muss morgens nicht brainstormen, er will. Die Wassertropfen fallen aus dem Duschkopf. Sie sind nicht warm, viel eher wie kalte Schneeflocken auf der Haut.

Und da ist er, der erste Shower Thought: „Wir expandieren jetzt nach Deutschland – und ich weiß auch, wie!“, ruft Patrick Hart seiner Partnerin und Mutter der gemeinsamen Kinder zu. Alle vier nicken, während sie Zahnpasta mit Minz-Menthol-Geschmack auf drei kleine Zahnbürsten drücken.

Shower Thoughts, Meetings und Brainstorming-Sessions

Morgendliche Szenarien wie diese sind für das Gründerpaar Wallner-Hart keine Seltenheit. Shower Thoughts, Meetings beim Zähneputzen oder Brainstorming-Sessions, wenn die Kinder schlafen: All das machen Katrin Susanna Wallner und Patrick Hart nicht, weil sie müssen, sondern weil sie einer ganz bestimmten Person helfen wollen.

Nämlich ihrem ältesten Sohn: Dieser litt an Neurodermitis. Er war blutig, offen, seine zarten Kinderhände juckten und brannten. Die chronische Hauterkrankung und das Leiden ihres Sohnes inspirierten das Elternpaar dazu, eine Lösung zu finden. Neurodermitis tritt meist bei Kindern und vorwiegend in Schüben auf, oft bessert sie sich mit zunehmendem Alter – oft bleibt sie aber auch ein Leben lang.

So haben die Medizinerin Wallner und der Soziologe Hart ihr bereits zweites Startup Lanbiotic im Jahr 2022 gegründet. Und zwar nicht nur, weil sie ein Paar sind, sondern weil sie es können: Ihre Skills ergänzen sich, und sie wissen: Mit ihrem Startup helfen sie einem jener Menschen, die ihnen am allerwichtigsten sind.

„Unser Sohn wollte wegen seiner Neurodermitis nicht mehr in die Schule gehen. Ich glaube, ich spreche vielen Eltern in ähnlichen Situationen aus der Seele: Wir waren verzweifelt und wollten nichts mehr, als ihm zu helfen“, so Hart. Auch er litt jeden Winter unter offenen, brennenden Stellen an seinen Händen.

„Ich habe viel wissenschaftlich recherchiert und bin dabei auf Probiotika gestoßen. Diese kennt man klassisch als zu schluckendes Arzneimittel für den Darm. Man kann sie aber auch topisch, also auf der Haut, anwenden. Und das ist auch durch vielversprechende wissenschaftliche Ergebnisse fundiert“, erzählt Wallner über ihren Rechercheprozess.

Dieser startete im Corona-Lockdown – mit einer fünfköpfigen Familie im Gepäck: „Wir hatten ein Baby, ein Kleinkind und einen fünfjährigen Sohn. Wir haben versucht, unser erstes Unternehmen weiterzuführen, weil das auch unsere Existenzgrundlage war. Aber mich hat es nicht mehr losgelassen. Ich habe Tag und Nacht Studien gelesen, was es für ein riesiges Potenzial gibt, das bislang noch nicht genutzt wurde.“

Technisch gesehen macht Lanbiotic nämlich das äußerlich, was viele in Form von Darmprobiotika innerlich kennen: die Anwendung lebensfähiger probiotischer Bakterien.

Gründe nicht aus Beziehungsgründen!

Kennengelernt haben sich Katrin und Patrick bereits im Debattierklub zu Uni-Zeiten: „Ich hab mich relativ schnell in die Katrin verschaut“, erinnert sich Co-Founder Hart heute. Sein erstes Startup gründete das Paar 2017 – aus einem universitären Forschungsverein, heute die Interdisziplinäre Gesellschaft für Sozialtechnologie und Forschung (IGSF), die sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis um empirische Forschungsmethoden kümmert. Die IGSF läuft nach wie vor weiter.

Gemeinsam gegründet haben Katrin und Patrick allerdings nicht aus „Ehe-Gründen“, sondern weil es „wie die Faust aufs Auge passt“. Nach ersten Forschungsarbeiten der Medizinerin stieg auch der studierte Soziologe Hart in das Lanbiotic-Geschäft ein. Er befasste sich mit Online-Vertrieb und Strategie – und „wurde immer wichtiger, je näher wir an den Markt kamen.“

„Viele denken, es ist absolut absurd, sich als Jungfamilie selbstständig zu machen und in einem finanziellen Boot zu sitzen. Aber schon bei unserer ersten Gründung hatten wir das Gefühl, dass sich die Selbstständigkeit leichter in ein Familienleben integrieren lässt. In unseren Nine-to-five-Jobs war das schwieriger“, erzählt Mama Wallner und zwinkert: „Jetzt ist es nicht so schlimm, wenn mich die Kinder in der Nacht mal aufwecken. Dann kann ich auch gleich ein paar Ideen notieren.“

Eine Trennung zwischen Beruf und Familie ist mit Kindern und Startup zu Hause schwer möglich; das stört Familie Wallner-Hart aber nicht: „Ich glaube, ich spreche vielen Gründer
aus der Seele, wenn ich sage: Ein Startup ist ein Herzensprojekt. Seit wir selbstständig sind, haben wir keinen Tag mehr das Gefühl, dass wir arbeiten.“

Ein Privileg und eine Traumvorstellung – sowohl für Nine-to-five-Arbeitende als auch für Familienväter und -mütter, die sich wünschen, mehr Zeit für ihre Schützlinge und mehr Energie für ihren Job zu haben.

Ruhephasen und Beziehungsfähigkeit

Ruhephasen sind auch im Familien-Business kein Tabu: Wenn sich ein Partner regenerieren muss, so wird diese Grenze akzeptiert. Erstaunt ist Co-Founderin Wallner viel eher darüber, wie „wenig Ungleichheiten es bei unserem Bedürfnis nach Ruhephasen gibt. Oft sitzen wir abends da und schmieden Pläne. Es fühlt sich an, als hätten wir ein gemeinsames Hobby.“

Hart ergänzt lachend: „Oder dass wir beide auf die gleiche Weise verrückt sind!“ Denn als Entrepreneur „steht man hinter seinem Business und macht keine halben Sachen. Als Gründer
jeden Tag um 17 Uhr Schluss zu machen ist definitiv der falsche Ansatz.“

Wallner und Hart stellen implizit in Zweifel, wie gut Beziehungen zwischen Gründer
und Nichtgründer laufen können: „Ich sehe es als großen Vorteil, dass wir ein Paar sind, denn die besten Ideen kommen einem nicht, wenn man im Büro sitzt; sie kommen beim Duschen, Spazierengehen, Sporteln oder Fernsehen. Als Gründer brauchst du eine spezielle Persönlichkeit, und ich bin froh, dass wir sie beide haben.“

Froh ist das Gründerpaar auch über sein Konfliktmanagement. Längerfristige Debatten könne man sich in „Startup-Kind-Familien“ nicht leisten. „Wir sind ja Menschen und haben Gefühle – eine strikte Trennung von Privatem und Beruflichem geht da nicht. Es wird immer einen Einfluss aufeinander haben. Deshalb ist es wichtig, dass wir zusammenhalten und versuchen, zu funktionieren. Durch unser Unternehmen haben wir einen zusätzlichen Anreiz, miteinander gut auszukommen; gemeinsam haben wir Strategien gefunden, wie wir Konflikte direkt lösen.“ Mit daran beteiligt ist, dass sich das Paar nicht immer 24/7 sieht, sondern auch von verschiedenen Orten aus arbeitet; aber „immer an derselben Vision“.

So stehen Investoren zur Ehe

Viel diskutiert wird die Gründer-Paar-Thematik häufig auch bei Investor:innen: Häufig werfen Ehe und Gründung in Kombination ein negatives Licht auf ein Startup. Gründerin Wallner kontert aus Erfahrung: „Kritisch gesehen wird das Gründen als Paar häufig dann, wenn man nur gemeinsam gründet, weil man ein Paar ist – und man nicht an den Skills sieht, dass sich das Gründerpaar komplementiert.“

Hart ergänzt: „Ist die Partnerschaft der Grund, warum der Ehepartner einsteigt, oder ist sie ein Zusatz? Das ist für Investoren ein großes Kriterium. Wenn nur die Ehe der Grund der Kooperation ist, dann ist das Ganze problematisch.“

Bei bisherigen Pitches habe sich das Gründerduo stark auf sein Kompetenzprofil konzentriert – und die Beziehung nicht verheimlicht: „Unsere Fähigkeiten ergänzen sich, und die persönliche Geschichte unseres Sohns ist ja der Grund, warum wir gegründet haben. Ich habe das Projekt alleine gestartet, ich hätte mir aber theoretisch auch jemand anderen suchen können. Aber ich hätte es mit keinem lieber gemacht als mit dir!“, lächelt Wallner ihrem Mann zu.

In Zukunft will das Gründerduo sein Produktportfolio diversifizieren. Aktuell sind zwei Erzeugnisse von Lanbiotic zur medizinischen Pflege von Neurodermitis-geplagter Haut erhältlich – marktreif war Lanbiotic im November des Vorjahrs. „Mittlerweile sind wir auch in Deutschland tätig und haben Vertriebsanfragen aus anderen Ländern“, erzählt Wallner. Den Proof of Market hat sich Lanbiotic schon geholt; Cashflow ist vorhanden. „Jetzt habe ich endlich wieder einen ruhigen Schlaf“, lacht Mama Wallner.

Lehren einer Startup-Ehe

Beruhigt schlafen können Wallner, Hart und ihre Kinder allerdings nicht nur dank des Proof of Market und der klinisch erwiesenen Wirkung ihrer probiotischen Creme, sondern auch dank des harmonievollen Umgangs als Unternehmerfamilie. Dass das Gründen als Elternpaar funktionieren kann, zeigen die Wallner-Harts nicht nur mit gegenseitigem Verständnis, Arbeitsteilung und Resilienz, sondern auch durch ihre Skill-Kompatibilität.

Wenn uns das Paar Wallner-Hart eines lehrt, dann ist es also Folgendes: Gründen aus Motiven der Ehe-Räson heraus ist der falsche Ansatz. Private und berufliche Konflikte lassen sich gemeinsam und effizient lösen – und Arbeiten kann sich durchaus wie „ein supercooles Hobby“ anfühlen und den Kindern ein leichteres und gesünderes Leben bescheren.

„Entrepreneurship weit weg“

Ähnlich geht es auch dem nächsten Beispiel von Gründerpaaren: Carola und Clemens Helm haben im Mai 2023 ihr Jungunternehmen DevCraft Academy gelauncht, mit dem Ziel, Junior-Software-Entwicklerauf das Senior-Developer-Level zu heben. Sie befinden sich seit acht Jahren im Bund der Ehe, vor der Hochzeit lebten sie bereits fünf Jahre als Paar. Aus ihrer Verbindung sind zwei Kinder entsprungen, die heute sechs und zehn Jahre alt sind.

Clemens war vor DevCraft bereits selbstständig und Co-Founder des Wiener Fintechs ChillBill, danach als CTO bei Medbee, einem Health-Tech, und in verschiedenen Projekten als Freelancer tätig. Für Carola waren die Startup-Welt und Entrepreneurship damals etwas, das „weit weg“ war; anfänglich noch unsicher, reifte jedoch ihre persönliche Entwicklung und es wuchs in ihr der Wunsch nach Selbstständigkeit, wie sie erzählt. „Eines Tages kam ich von einer Veranstaltung für Frauen heim und wusste: Ich möchte mich selbstständig machen“, erinnert sie sich. „Ich fragte Clemens, ob wir etwas gemeinsam angehen. So sind wir in den Prozess hineingefallen.“

Die „Schnapspartie“

Für die heutige Gründerin und ihren Ehemann war die Aufteilung des Alltags vor dem gemeinsamen Einstieg ins Startup-Wesen eine rationale Entscheidung. Wie bei vielen Paaren hatte sich der Wunsch nach zwei Kindern entfaltet und das „Ausschnapsen“ von Rollen rückte in den Fokus der beiden: Man musste bestimmen, wer mehr arbeitet und wer bei den Kindern bleibt. Die Aufgabe der Kinderbetreuung fiel am Ende auf Carola.

„Es war schlussendlich eine unbefriedigende Lösung“, sagt sie. „Ich wollte nie ‚nur‘ Mutter sein. Ich will niemanden verurteilen, aber ich habe mich nicht wohlgefühlt. In mir gab es immer das Gefühl, eigenes Geld verdienen und nicht abhängig sein zu wollen. Dieser Drang ist ganz stark geworden und die Selbstzweifel, die ich vorher hatte, haben sich aufgelöst.“

Die Entscheidung, wer sich mehr den Kindern widmet, unterlag bei beiden Foundern vor allem einer Prämisse: dem Thema Geld. „Es gab eine gewisse Schieflage in der Familie: Ich habe viel verdient und Carola deutlich weniger“, sagt Clemens. „Man muss in so einer Situation klären, was für alle fair ist, was der Beruf wert ist; muss auch spätere Pensionsansprüche bedenken. Und man muss ehrlich sein und sich fragen: Was ist, wenn es später einmal auseinandergeht? Auch, wenn man nicht an so etwas denken möchte.“

Carola weckte zu diesem Zeitpunkt das Bewusstsein in Clemens, dass Frauen in Partnerschaften viel Risiko eingehen. Deshalb nahmen sich beide Carolas Sorgen zur Brust und setzten sich mit dem Thema auseinander.

„Deswegen haben wir dann gegründet“, so Clemens weiter. „Mit einem Unternehmen ist es finanziell am fairsten. Wir arbeiten beide gleich viel, sind beide Geschäftsführer, besitzen beide gleich viele Anteile an der Firma und beziehen das gleiche Gehalt. Auch wenn hin und wieder eine Person mehr für die Familie, die andere mehr für das Startup abgestellt ist: Wir haben einfach gleiche Bedingungen hergestellt.“

Einbindung als Erfolgsformel

Ein wichtiger Punkt bei diesem Arrangement ist es, die Kinder einzubinden. Die beiden Nachkommen haben seit dem Gang beider Eltern ins Unternehmertum mitbekommen, dass Carola und Clemens mehr arbeiten als davor – und zeigen dafür Verständnis, wenn mal ein Meeting ansteht oder plötzlich Arbeit anfällt. „Auf der anderen Seite sind wir zu Hause präsent und nicht weg“, sagt Carola. „Es ist eine Herausforderung, vor allem, wenn ein Kind krank ist, aber es ist zu schaffen.“

Dass es funktioniert, liege vor allem daran, so Clemens, dass konkrete Tasks weiterhin aufgeteilt sind. Es blieb zwar dabei, dass Carola noch immer etwas mehr an Kinderbetreuung leistet, aber der Gang zum Kindergarten, verschiedene Veranstaltungen schulischer Natur, das Abholen – all das ist klar eingeteilt. „Es ist wichtig, eine Balance zu finden, die für beide passt“, sagt der Founder.

„Steig doch aus, Frau!“

Wie erwähnt, ist es bei dieser Thematik so, dass für viele Investoren gründende Paare bzw. Eheleute ein rotes Tuch sind. Es gibt medial zahlreiche Beispiele, in denen Kapitalgeber schonungslos erklären, dass sie nicht in Personen investieren, die eine Liebesbeziehung pflegen – man habe schlechte Erfahrungen damit gemacht. Die Startup-Plattform Business Insider nannte im Jänner 2019 einen Fall, in dem ein Financier sogar eine Gründerin aufforderte, aus ihrem Startup auszusteigen, damit er investiert.

Zwar mag hier auch eine gewisse Misogynie eine Rolle spielen, doch aus den meisten Beispielen lässt sich eine irrationale Sorge der Kapitalgeber:innen herauslesen: Was, wenn es kracht und sich das Paar trennt? Abgesehen davon, dass auch Founder:innen ohne amouröse Anziehung in unüberwindbaren Zwistigkeiten auseinandergehen können, entgehen solch kurzsichtiger Argumentation wesentliche Punkte, die eine „Gründerschaft mit Liebe“ mit sich bringt.

Wie Clemens sagt: „Als Paar ist es für mich einfacher. Man kennt sich jahrelang und kann auf einer persönlichen Ebene einschätzen, ob man das (Anm.: die Gründung) gemeinsam durchziehen möchte. Bei anderen Partnern ist die persönliche Ebene ein Risikofaktor. Ich selbst habe das Gefühl, dass wir durch die berufliche Verbandelung noch besser miteinander kommunizieren können, weil man mehr an Lösungen interessiert ist.“

Das Streit-Problem

In diesem Sinne hat das VC-Magazin im Februar 2023 berichtet, dass Streitigkeiten im Gründerteam mit 65 Prozent das höchste Risiko für den Bestand eines Startups darstellen. Wenn man sich hier die Ursachen für Streit näher ansieht, so könnte man gar argumentieren, dass Personen mit einer innigen Beziehung zueinander Vorteile beim Gründen haben.

Im Bericht des deutschen Schwestermagazins von brutkasten werden nämlich der Psychologe Howard Markman und die Therapeutin Esther Perel zitiert, die Gründe für Zwist in drei Gruppen unterteilen: „Erstens geht es um Macht und Kontrolle – wer hat das Sagen in Fragen rund um Geld, Mitarbeitende oder Zukunftspläne? Zweitens liegt die Ursache oft in der Fürsorge und dem Vertrauen. Vertrauen ist die Grundlage für eine funktionierende Beziehung“, heißt es darin.

Und weiter: „Drittens geht es um Respekt und Anerkennung. Jahrelang haben beide Gründer Überstunden gemacht, jetzt wird nur einer von beiden in der Presse erwähnt, zu Podiumsdiskussionen oder auf Konferenzen eingeladen oder in einen Beirat berufen. Das führt dazu, dass der andere Gründer sich fragt: Bin ich und meine Arbeit wichtig?“

Zudem arbeitet ein Artikel-Abschnitt, der Lösungen für Konflikte thematisiert, einen bemerkenswerten Tipp heraus.

Dort heißt es: „Wenige Gründerteams setzen sich präventiv mit der Frage auseinander, wie sie im Konfliktfall miteinander umgehen wollen. In Beteiligungsverträgen sind meist nur Leaver-Klauseln enthalten, die der Gesellschafter ziehen kann. Wie ein guter Ehevertrag sollte auch ein Gründungsvertrag in guten Zeiten geschrieben werden.“

Im Gegensatz dazu warnte der Cleverly-Founder Fredrik Harkort, der das Edutech mit seiner Frau Julia gegründet hat, davor, als Paar zu gründen, wenn die Beziehung nicht auf einer soliden Basis beruht. Dies tat er im GQ-Magazin im März 2023, wo er weiters betont, dass man als Paar ein paar gemeinsame Jahre gemeistert haben sollte, „die nicht nur einfach waren, sondern in denen es auch miteinander bestandene Belastungsproben gab“. Das erhöhe die Chance, auch beim gemeinsamen Unternehmen zusammenzuhalten, wenn es einmal schwierig werden sollte.

Außerdem hätten er und seine Frau „ein blindes Verständnis füreinander“ entwickelt: „Das ist wie bei einem Fußballteam, bei dem sich die Spieler blind Pässe zuspielen können, weil sie genau wissen, wo der andere sich hinter ihrem Rücken gerade bewegt“, so sein Beispiel.

Die zwei Welten des Alltags

Im Gegensatz zu Patrick Hart und Katrin Susanna Wallner sehen die Helms Privates und Entrepreneurship als zwei unterschiedliche Welten. „Als Familie ist vieles sehr emotional, man muss stark auf Kinder eingehen, die noch nicht rational denken“, sagt Carola. „In Unternehmen hat Emotion wenig Platz. Da geht es mehr um strategische Vernunft und Zahlen. Da sind die Diskussionen anders.“

Meinungsverschiedenheiten setze man einen extrem strukturierten Tagesablauf entgegen. „Kinder wecken, Schule und Kindergarten – es ist immer der gleiche Ablauf, der nicht emotional ist“, ergänzt Clemens. „Da gibt es wenig Abweichung, und danach startet der Beruf. Abends ist die Zeit für ‚emotionale Themen‘. Von dieser Situation aus gibt es keinen Übergang ins Unternehmertum. Wir haben einen Routine-Modus entwickelt.“

Auch die berühmte Frage nach dem „Abschalten vom Beruf“ stellt sich bei dem Gründerpaar nicht. Wo andere versuchen, den Job im Büro zu lassen, ist es bei den Helms anders, weil ihnen die Firma gehört. „Das Interesse an Arbeitsthemen ist da“, sagt Carola. „Wir haben kein Problem damit, darüber auch mal später zu reden.“

Oder wie Clemens betont und damit das Hauptargument für gründende Paare liefert: „Wenn die Kinder im Bett sind, erledigen wir gewisse Dinge; drehen Videos und dergleichen. Das ist nicht belastend, weil wir all diese Sachen sehr gerne machen.“

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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