10.11.2025
STUDIE

Grazer Startup Barometer: Einbruch bei Finanzierungen gefährdet Gründungsstandort

Finanzierungsvolumen und Anzahl an Investments in Grazer Startups gehen massiv zurück und trüben die Stimmung am Gründungsstandort. Die Ergebnisse des Grazer Startup Barometers 2025 zeigen: Ohne gezielte Investitionen in Grazer Ideen droht der Wirtschaftsstandort Graz an Boden zu verlieren.
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Grazer Startup Barometer 2020 2021
(c) AdobeStock

Seit 2014 fängt die Umfrage, die momentan von Ideentriebwerk, Zentrum für Entrepreneurship der Universität Graz, Unicorn Startup & Innovation Hub und Gründungsgarage umgesetzt wird, ein aktuelles Bild der Stimmungslage in der Grazer Startup-Szene ein. Laut dem Grazer Startup Barometer hat sich die Lage 2025 deutlich verschlechtert.

Startup Barometer: Finanzierungswert auf schlechtestem Stand seit 2016

Die Bewertung des Standorts sinkt deutlich und erreicht mit 4,97 von 7 möglichen Punkten den tiefsten Wert seit 2017. Damit verliert Graz einen halben Punkt im Vergleich zu den Vorjahren. Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang der Bewertung beim Förderungsangebot: Die Bewertung dieses Standortfaktors sinkt von 4,92 auf 4,29 von 7 Punkten.

Gleichzeitig gibt es aber auch positive Entwicklungen. Das Potenzial an qualifizierten Fachkräften wird 2025 so gut bewertet wie nie zuvor – mit 5,17 Punkten erreicht dieser Faktor den höchsten Wert seit Beginn der Erhebungen. Weitere Standortfaktoren wie das Beratungsangebot (5,25) und die Startup-Events (5,23) bleiben stabil auf hohem Niveau und werden weiterhin als große Stärken des Standorts wahrgenommen. Die Vernetzungsmöglichkeiten schneiden indes etwas schlechter ab als im Vorjahr (5,16), die Bewertung der Büro-Infrastruktur (5,07) bleibt in etwa stabil.

Allerdings: Nirgendwo ist der Einbruch sichtbarer als bei der Finanzierungssituation. Mit 3,47 von 7 Punkten fällt sie auf den schlechtesten Wert seit 2016. Zum Vergleich: In den Jahren 2023 und 2024 lagen die Bewertungen mit jeweils knapp über 4 Punkten noch auf höherem Niveau.

Mehr als jedes zweite befragte Startup (57 Prozent) hat bisher keine externe Finanzierung erhalten. Nur wenig Kapital kommt derzeit von Investor:innen: Lediglich 9 Prozent der Startups gaben an, Unterstützung von Business Angels zu erhalten, und 2 Prozent von Venture-Capital-Unternehmen.

Große Investments Ausnahme

Die geförderte Finanzierung stagniert bei 44 Prozent. Große Investments seien derzeit die Ausnahme: Wenn externe Finanzierung für Startups fließt, dann beträgt die Summe derzeit meist bis zu 50.000 Euro (35 Prozent), 30 Prozent erhalten Finanzierungen bis zu 150.000 Euro. Nur 25 Prozent aller Finanzierungen liegen über 500.000 Euro, davon 5 Prozent über 1 Million Euro.

Auch die Finanzierungshöhe unter den Frühphasen-Startups liegt meist unter 500.000 Euro (92 Prozent), schlechter als noch 2024 (82 Prozent). Der Trend zur Eigenfinanzierung setzt sich daher auch 2025 fort: Grazer Startups greifen vermehrt auf eigene Ersparnisse zurück (78 Prozent) und decken weiterhin ihre Mittel aus dem eigenen Cash-Flow heraus (51 Prozent).

„Die aktuelle Finanzierungslage trifft vor allem Gründer:innen in der Frühphase. Wer heute startet, braucht mehr Geduld, mehr Eigenmittel und ein noch klareres Geschäftsmodell. Das erschwert zwar den Einstieg, kann aber langfristig zu robusteren Unternehmen führen. Dies passiert jedoch nicht zufällig – es muss dafür gezielt in Frühphasenförderung investiert werden“, sagt Matthias Ruhri, Präsident Gründungsgarage.

Growth-Pläne passen sich an

Die Wachstumspläne der Grazer Startups haben sich an die aktuelle Lage angepasst. Für 38 Prozent der Gründer:innen hat langsames und vorsichtiges Wachstum (weniger als 50 Prozent Growth) in den kommenden drei Jahren Vorrang. Nur 25 Prozent trauen sich in den kommenden drei Jahren ein sehr schnelles Wachstum (über 100 Prozent Wachstum) zu.

Das hat auch Auswirkungen auf die Neueinstellungen von Mitarbeiter:innen: 75 Prozent der Startups planen Neueinstellungen in den nächsten zwölf Monaten, jedoch vor allem mit Fokus auf eine Person (29 Prozent), 2 Personen (23 Prozent) oder 3 Personen (17 Prozent).

Startup Barometer: KI als Chance

Eine mögliche Wachstumschance könnte sich jedoch durch Künstliche Intelligenz ergeben. Ein eigener Themenblock beschäftigte sich beim Grazer Startup Barometer 2025 speziell mit diesem Thema: 22 Prozent der befragten Startups bezeichnen sich selbst als „KI-Startup“, 70 Prozent nutzen Generative KI in der täglichen Arbeit. Für 10 Prozent ist KI sogar der Kern des Geschäftsmodells, weitere 6 Prozent haben KI in sämtliche Prozesse integriert. Nur 6 Prozent der Grazer Jungunternehmen nutzen Generative KI (noch) nicht.

Dennoch besitzt Graz der Studie nach auch 2025 Standortvorteile für Gründer:innen: Die Stadt überzeuge vor allem durch starke Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die hochqualifizierte Fachkräfte und Innovationskraft sichern würden. Ergänzt werde dies durch ein lebendiges Startup-Ökosystem, zahlreiche Unterstützungsangebote sowie die gute Größe und Infrastruktur der Stadt, die zusammen „einen attraktiven Standort für Startups“ schaffen.

Internationale Sichtbarkeit als Manko

„Wir haben an sich eine gut funktionierende lokale Startup-Umgebung, wobei die Universitäten eine entscheidende Rolle spielen. Wo wir starken Aufholbedarf haben, ist die internationale Sichtbarkeit. Die brauchen wir, um lokale Startups auf ihrem Weg in internationale Märkte zu unterstützen. Sie ist aber auch relevant, um attraktiv für die Ansiedlung von internationalen Teams hier am Standort zu sein. Ein weiterer Punkt ist die engere Verzahnung mit der Industrie. An beiden Themen arbeiten wir hier im Unicorn“, erklärt Bernhard Weber, Geschäftsführer Unicorn Startup & Innovation Hub, Universität Graz.

Und Elisabeth Kaufmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Entrepreneurship, Universität Graz, ergänzt: „Die Ergebnisse zeigen deutlich: In Graz steckt enorme Innovationskraft – getragen von engagierten Gründer:innen, starken Universitäten und einem lebendigen Ökosystem. Damit diese Innovationspower ihr volles Potenzial entfalten kann, braucht es jedoch ein gemeinsames Innovations-Mindset über Institutionen, Disziplinen und Hierarchien hinweg. Nur wenn alle Akteure in Graz an einem Strang ziehen, können Ideen wirklich auf die Straße gebracht werden.“

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Öklo-Geschäftsführer und Gründer Niko Bogianzidis mit
Öklo-Geschäftsführer und Gründer Niko Bogianzidis mit "Golden Shower" | (c) Öklo

Die britische Times, die deutsche Bild-Zeitung und die französische Nachrichtenagentur AFP griffen die Story im Frühling 2025 auf: Das Wolkersdorfer (NÖ) Startup Öklo, nach eigenen Angaben Europa-Marktführer bei Komposttoiletten, kündigte ein Bier aus recyceltem Urin an. Eineinhalb Jahre später setzte das Unternehmen rund um Gründer Niko Bogianzidis das Vorhaben nun in die Tat um.

„Aufs Patriarchat pinkeln“

Gerade einmal 2.500 Flaschen zu je 0,33 Liter umfasst die erste und möglicherweise einzige Charge des Biers mit dem Namen „Golden Shower“. Diese sollen nur im Rahmen spezieller Aktionen verkauft werden und sonst von Öklo selbst in seinem Netzwerk genutzt werden. Mit der stilisierten Abbildung einer Transgender-Person und dem Slogan „aufs Patriarchat pinkeln“ auf dem Etikett sorgt das Bier gewiss für zusätzliche Aufmerksamkeit.

Auch das Etikett von „Golden Shower“ sorgt für Aufmerksamkeit | (c) Öklo

Bewusstsein für Wasserverschwendung als Hauptziel

Wer hinter all dem eine Marketing-Aktion vermutet, hat freilich Recht. Noch mehr als die erwähnte politische Message auf dem Etikett betont Gründer Bogianzidis ein anderes Ziel: „Mein Ziel mit Öklo und eben auch unserem nun produzierten Urin-Bier ‚Golden Shower‘ war und ist es, Bewusstsein für Wasserverschwendung zu schaffen und dieser im Sinne der Kreislaufwirtschaft entgegenzuwirken. Wasserknappheit ist auch bereits vor unserer Haustür und in ganz Europa ein Riesenthema, wie dieser Sommer zeigt, und wird noch an Bedeutung gewinnen“, sagt er.

Zudem sei es ein Anliegen des Projekts, Urin als Wertstoff anzuerkennen, etwa wiederverwertet als Brauchwasser oder als hochwertige Phosphorquelle. „Anstatt ihn in Phosphorminen in Afrika & Co. teuer als Langzeitdünger auszugraben, wäre es auch möglich, einen Gutteil des Bedarfs über diesen Weg direkt vor Ort zu decken. Es war und ist viel möglich, wenn Entscheidungsträger nur wollen“, so Bogianzidis.

Nur destilliertes Wasser aus Urin im „Urin-Bier“

Auch für „Golden Shower“ wird nur ein einzelner Bestandteil des aufbereiteten Urins genutzt, nämlich destilliertes Wasser. „Wir haben zuerst den Nährstoff Struvit, der als hochwertiger Langzeitdünger verwendet wird und dann Stickstoff aus dem Urin gefiltert. Anschließend wurde das Wasser mittels des Prozesses der Umkehrosmose und anschließender Destillation final bearbeitet und nutzbar gemacht“, erklärt der Gründer. Das gereinigte Wasser sei dann von einem offiziellen Ziviltechnikerbüro in Prüftests als gesundheitlich unbedenklich und für den Brauvorgang geeignet abgesegnet worden.

Diesen übernahm dann die Mostviertler Bio-Brauerei Erzbräu mit Braumeister Benjamin Bruckner. Den Kontakt habe Öklo-Kooperationspartner Muschikraft, eine feministische Craftbier-Marke, hergestellt. „Wir haben uns für die Produktion eines hochwertigen, nicht gefilterten Märzen, zu Englisch Lager, entschieden. Da destilliertes Wasser nicht wirklich lebt, haben wir die 1.000 Liter Wasser von Öklo sicherheitshalber mit zehn Prozent frischem Quellwasser im Tank angereichert, damit die Hefe als lebender Zellorganismus jedenfalls gut reagieren und arbeiten kann“, erklärt Bruckner.

Erzbräu-Braumeister Benjamin Bruckner | (c) oliacreations

Auch er betont die Zielsetzung der Aktion: „Wir leben in einer sehr ressourcenraubenden, verschwenderischen Gesellschaft. Gerade auch beim knappen Gut Wasser, wie wir selbst in Europa diesen Rekordsommer gesehen haben. Es gibt aber effiziente Wege, dem zu begegnen und gegenzuwirken und darauf wollen wir mit diesem Projekt hinweisen.“

Weitere Chargen laut Öklo „nicht ausgeschlossen“

Ob es bei den 2.500 Flaschen bleibt, ist aktuell noch unklar. Weitere Chargen seien „nicht ausgeschlossen“, heißt es von Öklo dazu lediglich. Indessen treibe man weiterhin das Leuchtturm-Projekt „Öklo-Land“ voran – Gründer Bogianzidis sprach dazu bereits vor einem Jahr im brutkasten-Talk. Auf 13.000 Quadratmetern nahe Wolkersdorf soll dabei ein modulares Biomasse-Recycling-Center und Kompetenzzentrum entstehen, das menschliche Fäkalien und biologische Abfälle in Rohstoffe wie Wasser, Dünger und Pellets sowie in Energie, konkret Biogas, umwandelt.

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