06.07.2016

Grazer Startup xeet will „Siri für’s Organisieren“ werden

Mitte Juli ist es soweit. xeet, ein Organisationsbot, der einem die Koordination von Veranstaltungen abnimmt, geht in den Release. Der Brutkasten sprach mit dem Team des Grazer Startups darüber, wie der Bot zum "Siri für's Organisieren" werden soll.
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(c) Xeet: Das Funder-Team (v.l.n.r.): Jakob Hohenberger, Bernd Hirschmann, Stefan Schnuderl, Harald Schaffernak

Den vier Foundern von xeet, Jakob Hohenberger, Bernd Hirschmann, Stefan Schnuderl und Harald Schaffernak, ging das ewige Hin- und Herschreiben, um die Treffen in ihren Sportgruppen zu organisieren, auf die Nerven. Weil sie keine befriedigende Lösung fanden, machten sie sich selbst an die Arbeit, einen Bot zu kreieren, der das übernimmt. Wichtig war den Foundern, dass jeder Nutzer dabei das Kommunikationstool nutzen kann, das er am liebsten hat. Der Bot fragt, wer kommt, verarbeitet die Antworten und erinnert die Teilnehmner.

Mitte Juli wird es soweit sein: Das Team wagt den Sprung von der geschlossenen Alpha-Version zum Release. Schon vorab haben die Founder dem Brutkasten erzählt, warum zuerst die englischsprachige Version kommt und warum die Integration von weiteren Messaging-Tools ganz einfach geht.

+++ Chatbots: The Next Big Thing? +++

Eine einfache Frage zum Starten: Wie kam es zum Namen „xeet“?

Wir haben uns damals im Freundes- und Bekanntenkreis zusammengesetzt und gebrainstormt. Es sind dann zwei Möglichkeiten übergeblieben. Nach mehreren Tagen, wo wir geschaut haben, ob wir gut mit den Namen umgehen können, ist es dann „xeet“ geworden. Der Name ist eine Mischung aus „meet“ und dem „Cross“ (X) aus Cross-Communication-Channel oder Cross-Platform.

Ihr seid vier Founder – das sind, verglichen mit anderen Startups, recht viele. Wie funktioniert da die Koordination? Gibt es eine klare Aufgabenteilung?

Mit vier Leuten kann man die Aufgaben natürlich nicht komplett klar auseinanderteilen, aber grundsätzlich haben wir schon Aufgabengebiete eingeteilt. Jakob macht zum Beispiel das Marketing, ich (Stefan) bin für die Operations zuständig, Bernd und Harald sind tiefer in der Technik drinnen. Aber wir arbeiten natürlich immer überkreuzend, wenn grad Not am Mann ist. Da packen dann alle an, wo sie gerade gebraucht werden.

Bei anderen Bots ist es so, dass es sich die Leute ansehen und sagen „ja, das ist interessant“, aber sie kommen nicht wieder.

Ihr habt vor zwei Monaten in einem Interview gesagt, wenn ihr genug Traction habt, geht ihr auf Investorensuche. Seid ihr schon einen Schritt näher?

Ja, wir sind jetzt schon einen Schritt näher. Wir haben derzeit eine geschlossene Alpha-Version. Die wird von 14 Gruppen mit rund 200 Personen genutzt. Weil das Gruppen mit wiederkehrenden Veranstaltungen sind, hauptsächlich Hobby-Sportgruppen, verwenden sie xeet regelmäßig, also wöchentlich. Das ist für uns sehr wichtig. Denn bei anderen Bots ist es derzeit so, dass sich die Leute diese ansehen und sagen „ja, das ist interessant“, aber sie kommen nicht wieder. Dadurch dass wir regelmäßige Veranstaltungen haben, können wir unsere Nutzer halten. Sie interagieren ständig mit dem Bot. Als nächsten Schritt sind wir jetzt noch dabei herauszufinden, wie xeet skaliert.

Wenn ihr nun einen Investor sucht. Wollt ihr eher einen, der sich heraushält, oder einen Business-Angel, der auch mit Rat und Tat zur Seite steht?

Rat und Tat dazu hilft schon. Denn unser Team ist sehr techniklastig. Wir haben unsere Idee verifiziert, wir wissen, dass sie draußen ankommt. Ziel ist es nun, perfekt in die Skalierung zu gehen und sie ganz groß rauszubringen. Wir wollen auf den Zug aufspringen und rechtzeitig das Thema rauspushen, unters Publikum bringen. Da können wir natürlich gute Unterstützung brauchen und da sind wir sehr dankbar für alte Hasen, die viel Erfahrungen haben.

Ihr habt ja mit Hobby-Sportgruppen begonnen. Wie und wann kam die Idee, das Konzept auf alle anderen Gruppen, etwa Bands, zu erweitern?

Die Vision hin zu „wir sind die Siri für’s Organisieren“, war immer dahinter. Wir haben nur eine spezielle, schmale Personengruppe gebraucht, wo es auch unkritisch ist, wenn etwas am Anfang noch nicht ganz passt. Bei Sportgruppen haben wir auch einfach einen entsprechenden Marktzugang gehabt. Das Ziel ist aber schon: Wir möchten alle Themen rund ums Organisieren mit xeet abdecken. Das heißt, es kommen dann genauso Datenverwaltungs- oder Abrechnungskonzepte dazu. Wir wollen in Zukunft alles, was von unseren Nutzern kommt, was sie als nächstes interessantes Feature sehen und was einem Organisator beim Organisieren hilft, integrieren. Sodass xeet dann im Laufe der Zeit der Bot wird, der einen in allen Belangen des Organisierens unterstützen kann.

Ziel ist: Alle Themen rund ums Organisieren mit xeet abdecken. Sodass xeet dann im Laufe der Zeit der Bot wird, der einen in allen Belangen des Organisierens unterstützen kann.

Ihr hattet ja jetzt schon eine Zeit lang eure geschlossene Alpha-Version laufen. Wie viel Feedback ist da gekommen, wie viel konntet ihr davon gut verwerten, wie stark habt ihr das Programm noch vor dem baldigen Release verändert?

Wir gehen weiter zum Release, weil die Alpha-Version sehr erfolgreich war. Aber es gab tatsächlich noch massive Änderungen. Der Input, der in der Alpha-Phase gekommen ist, war schon sehr stark. Uns wurde noch klarer, was der Bot können soll, wie er reagieren soll und welche Messages er schreiben soll. Und es gab natürlich noch weitere Erkenntnisse, wie zum Beispiel: Manche Gruppen möchten, dass die Teilnehmer standardmäßig dabei sind und nicht immer zusagen müssen, sondern nur absagen, wenn sie dann nicht können. Diese Einstellung ist dann im Laufe der Testphase dazugekommen.

Es ist technisch kein Problem in einen internationalen Rollout zu gehen.

Gibt es im Hintergrund schon Pläne für einen internationalen Rollout? Und wie kompliziert wäre es eigentlich, den Bot auf andere Sprachen zu adaptieren?

Dadurch, dass wir sehr stark auf die bestehenden Services im Bereich Natural Language Processing und in weiterer Folge Natural Language Generation setzen, die sich in letzter Zeit sehr gut etabliert haben, ist das relativ einfach für die großen Sprachen. Die Services, die wir nutzen, bieten im Moment etwa 15 bis 20 Sprachen an und damit ist es technisch kein Problem in einen internationalen Rollout zu gehen. Wenn wir jetzt releasen, beginnen wir mit Englisch. Wir wollen in den ganzen englischsprachigen Medien drinnen sein und dann gleich sehen, wie wir bei Amerikanern und Engländern mit dem Bot ankommen.

Das heißt, Deutsch wird am Anfang gar nicht unterstützt?

Nicht gleich beim Release, aber sehr bald nachher. Die geschlossene Alpha-Version ist bereits auf beiden Sprachen. Wir wollen es jetzt direkt beim Release aber noch möglichst schmal halten, daher zunächst mal Englisch und kurze Zeit später Deutsch.

Redaktionstipps

xeet unterstützt WhatsApp, SMS und Emails. Wenn beispielsweise nächsten Monat ein neues Kommunikationstool groß rauskommt – wie schnell kann das neue System integriert werden?

Wir verwenden als Technologie darunter das Microsoft Bot Framework, das übergreifend über die verschiedenen Kommunikationskanäle und über die verschiedenen Messenger funktioniert. Und das bringt für die Gruppen natürlich enorme Vorteile. Wirklich interessant wird so ein Tool für viele schließlich erst dadurch, dass SMS, Telegram, Slack, Skype und andere mehr unterstützt werden. Dann kann jeder der Teilnehmer auf seinem Kanal, den er präferiert, kommunizieren und alle haben trotzdem eine einzige gemeinsame Gruppe. Auf Facebook sind wir beispielsweise nicht, weil Facebook-Bots derzeit nicht in Gruppen unterstützt werden – damit können wir dann keinen Mehrwert für unsere Nutzer generieren. Aber wir könnten schnell in die Situation kommen, dass sich das ändert: Sobald Facebook Gruppen unterstützt, sind wir auch relativ schnell drinnen. Denn mit dem Microsoft Bot Framework können wir einen weiteren Kanal sehr einfach dazuschalten.

Provokant gefragt: Ihr nutzt das Microsoft Bot Framework, die Vorarbeit im Natural Language Processing. Ist euch da nicht schon sehr viel Arbeit abgenommen worden?

Ja, es ist sehr viel Arbeit, die andere für uns bereits gemacht haben, die wir aber zusammensetzen. Das heißt, wir verwenden das Bot Framework, damit wir nicht jeden Kanal extra ansprechen müssen, wir verwenden LUIS, damit wir Natural Language Processing nicht selbst implementieren müssen. Für uns heißt das, wir können uns wirklich auf unser Kernthema, nämlich die Logik beim Organisieren, konzentrieren. Dadurch passiert es nicht, dass wir uns in irgendwelchen technischen Problemen verzetteln, die große Konzerne längst gelöst haben.

Das heißt, ihr habt gute Dinge, die schon da sind, so zusammengeführt, dass etwas Neues bzw. ein Mehrwert kreiert wurde?

Im Bereich der technischen Basis, ja. Im Bereich der Anforderungen, die das Organisieren mit sich bringt, gibt es aber natürlich nichts vergleichbares. Das ist unsere Kerndomäne, dieser Bereich ist komplett selbst erarbeitet.

Wir waren sehr positiv überrascht, wie viel in der Grazer Startup-Szene los ist.

Anderes Thema: Wie erlebt ihr die Grazer Gründerszene?

Da tut sich erstaunlich viel. Wir sind erst draufgekommen, als wir unser Startup gegründet haben und uns ein bisschen näher mit der Thematik beschäftigt haben. Wir waren dann anfangs sehr positiv überrascht, wie viel in der Grazer Startup-Szene los ist. Viel passiert über das Ideentriebwerk und seinen Startup-Spritzer und ähnliche Veranstaltungen. Und es gibt sehr viele Co-Working-Spaces, die alle regelmäßig Veranstaltungen abhalten.

Habt ihr dadurch auch viel Kontakt zu anderen Startups?

Die Community ist natürlich nicht so, dass man über Monate hinweg immer neue Leute kennenlernt. Das heißt, wenn man mal vier, fünf Monate drinnen ist, sieht man schon immer wieder die gleichen Gesichter. Mit denen haben wir Kontakt und tauschen uns bei den Veranstaltungen aus.

Man muss seine Idee immer konsequent und stur weiterverfolgen.

Ihr seid gerade über die Anfangsphase hinaus. Was sollen Gründer in dieser beachten?

Man muss seine Idee immer konsequent und stur weiterverfolgen. Zugleich muss man sich aber Informationen von außen reinholen und Feedback annehmen und einarbeiten. Das sind zwei konträre Dinge, zwischen denen man die Waage finden muss, sodass man nicht in das eine oder andere Extrem hineinfällt.

Noch etwas, was ihr unseren Lesern vor dem Release sagen wollt?

Sobald der Release da ist, probiert es aus, schaut wie es funktioniert und gebt uns Feedback, was nicht funktioniert.

+++ Feedback-Tipps von Shpock-Gründer Armin Strbac +++

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(V.l.) Manuela Mohr-Zydek (Salesforce Österreich) und Isabella Tomás (Open Austria) in San Francisco. © brutkasten

Zwei Perspektiven, ein Hotspot: San Francisco. Isabella Tomás sitzt seit vier Jahren an der Schnittstelle zwischen Österreich und dem Silicon Valley. Als Konsulin und Co-Direktorin von Open Austria leitet sie das gemeinsam von Außenministerium (BMEIA) und Wirtschaftskammer Österreich (WKO) betriebene Außenwirtschafts- und Innovationsbüro und vernetzt heimische Gründerinnen, Gründer und Unternehmen mit dem wohl dichtesten Innovationsökosystem der Welt. Manuela Mohr-Zydek blickt aus der Unternehmensperspektive darauf: Seit eineinhalb Jahren verantwortet sie als Country Leaderin das Österreich-Geschäft von Salesforce und begleitet heimische Betriebe dabei, den Schritt von der digitalen Transformation zur produktiven Skalierung autonomer KI-Agenten zu schaffen.

Im exklusiven Gespräch mit brutkasten ziehen die beiden Bilanz: Wie steht es um Österreich in Sachen KI-Anwendung? Was können heimische Unternehmen von der Risikobereitschaft und Umsetzungskraft des Silicon Valley lernen und wo sollte man mit dem KI-Einsatz trotz allem Potenzial vorsichtig bleiben? Von der Rolle des Kapitals bis hin zu den Stärken österreichischer Ingenieure, Tomás und Mohr-Zydek liefern einen ehrlichen Blick auf zwei Innovationswelten, die einander viel zu sagen haben.


Brutkasten: Ihr seid beide viel zwischen Österreich und San Francisco unterwegs. Welche Learnings möchtest du von hier sofort mit nach Österreich nehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Man kann viel Innovation und Inspiration mit nach Österreich nehmen. Wobei ich auch sagen muss, dass wir in Österreich bereits unglaublich viel Innovation und viele neue Ideen haben. Ich bin nun seit eineinhalb Jahren als Country Leaderin für Salesforce in Österreich tätig und sehe das täglich. Was man aus dem Silicon Valley mitnehmen kann, ist die enorme Umsetzungskraft und die Pionierarbeit. In Österreich befinden wir uns in manchen Bereichen gefühlt noch ganz am Anfang – vor allem beim Thema künstliche Intelligenz. Wir haben viele Kunden, die sich bereits damit auseinandersetzen oder KI skalierbar im Einsatz haben. Im Silicon Valley ist man vermutlich schon ein Stück weiter, und genau dieses Mindset können wir mitnehmen. Wir müssen weg von „Wir probieren aus“ hin zu „Wir setzen künstliche Intelligenz skalierbar im Unternehmen ein“. Damit lässt sich einerseits der Fachkräftemangel adressieren und andererseits dem wirtschaftlichen Kostendruck begegnen. Die Strategie sollte aus unserer Sicht aber nicht sein, Arbeitsplätze abzubauen. Im Gegenteil: Wir sehen viele Chancen für junge Menschen, sich im Bereich KI weiterzubilden, umzuschulen und eine klare Zukunftsperspektive aufzubauen.

Isabella Tomás: Ich kann bestätigen, was Manuela gesagt hat. Ich bin für Open Austria seit vier Jahren im Silicon Valley. Ein wesentlicher Unterschied ist die höhere Risikobereitschaft. Gründerinnen und Gründer werden hier ermutigt und unterstützt, mutig zu agieren. Die Menschen haben keine Angst vor Innovation. In Österreich haben wir sehr viele innovative Köpfe, aber man hat oft das Gefühl, dass sie nicht immer optimal gefördert werden, um sich voll zu entfalten – das beginnt an den Universitäten und setzt sich in den Unternehmen fort. Der zweite Punkt ist die Skalierbarkeit: Hier steht eine enorme Menge an Risikokapital zur Verfügung, mit dem Startups viel schneller skalieren können. Zudem spielt der US-Markt eine entscheidende Rolle: Wer sich hier etabliert, kann relativ leicht in andere Märkte vorstoßen und weltweit skalieren. Das ist in Österreich und auf EU-Ebene aufgrund der Marktstrukturen leider noch nicht ohne Hürden möglich.

Salesforce-CEO Marc Benioff hat in seiner Eröffnungs-Keynote ein eher verhaltenes Bild von Europa in Bezug auf KI gezeichnet. Wie beobachtest du die Adaption von KI-Applikationen bei österreichischen Unternehmen, Manuela?

Manuela Mohr-Zydek: Über die letzten Monate hat sich eine sehr positive Dynamik entwickelt. Wir führen nahezu mit jedem Kunden Gespräche zum Thema künstliche Intelligenz. Es geht nicht mehr nur um erste Pilotprojekte oder Proofs of Concept, sondern darum, wie Unternehmen tatsächlich mit autonomen Agenten arbeiten können – Hand in Hand zwischen Mensch und Agent. Wir sehen eine große Offenheit dafür, Geschäftsprozesse agentenbasiert zu unterstützen. Wir befinden uns in der nächsten Stufe: weg vom reinen Ausprobieren, hin zum Etablieren einer Kultur im Sinne von „Human in the Loop“. Der Mensch bleibt entscheidungsfähig, wird aber autonom durch Agenten unterstützt.

Welche konkreten Use Cases beobachtest du, auch im Vergleich zwischen größeren Unternehmen und Startups?

Manuela Mohr-Zydek: Gerade für kleinere Unternehmen und Startups bietet KI eine riesige Chance, weil Technologie demokratisiert wird. Mit Low-Code- und No-Code-Ansätzen braucht man keine tiefe Coding-Erfahrung mehr, um einen Agenten zu bauen und eine Idee zu verwirklichen. Anfänglich haben wir sehr stark im Servicebereich mit autonomen Agenten begonnen. Über die vergangenen Monate hat sich das stark in Richtung Marketing, Sales und Commerce weiterentwickelt. Es gibt Beispiele wie PayPal oder Anwendungsfälle, bei denen Agenten automatisiert Outbound-Leads generieren, Inbound-Anfragen abarbeiten oder Marketing-Journeys erstellen, bevor der Mitarbeiter übernimmt. Im Commerce-Bereich unterstützen Agenten bei Produktauskünften auf Webseiten. Autonome Agenten befreien Mitarbeiter von wiederkehrenden, maschinellen Aufgaben, sodass sich der Mensch wieder auf seine Kernstärken besinnen kann: Kreativität und soziales Miteinander. Das ist das Schöne am Konzept des „Agentic Enterprise“.

Isabella, was beobachtest du bei österreichischen Gründern, die ins Silicon Valley oder nach San Francisco kommen? Wie sieht dort die KI-Adaption aus?

Isabella Tomás: Die meisten, die herkommen, sind bereits tief im Thema drin oder kommen genau deshalb hierher, weil San Francisco das Mekka der KI ist. Wer das Thema noch nicht mitbringt, arbeitet sich sehr schnell ein. Zu Beginn gibt es meist einen gewissen Wow-Effekt. Das Beispiel der autonomen Autos verdeutlicht das gut: Für meine Volksschulkinder ist es mittlerweile völlig normal, sich in ein fahrerloses Auto zu setzen. Europäer, die das erste Mal in San Francisco sind, sind davon meist fasziniert. Der Unterschied liegt darin, dass die Menschen hier eine ausgeprägte Early-Adopter-Mentalität haben. Sie sind überdurchschnittlich bereit, etwas völlig Neues auszuprobieren, und haben weniger Berührungsängste. Das verhilft innovativen Ideen schneller zum Durchbruch und schafft einen ersten Use Case, mit dem man zeigen kann, dass es in der Praxis funktioniert.

Welche Stärken bringen Gründerinnen und Gründer aus Österreich mit, die man im Silicon Valley schätzt?

Isabella: Man schätzt auf jeden Fall die hervorragende Ausbildung an unseren Universitäten und Fachhochschulen. Die Ausbildung steht den Top-Universitäten in den USA in nichts nach. Auch das technische Fundament, etwa von Ingenieuren im Industriebereich, wird sehr geschätzt. Die Leute wissen genau, wovon sie sprechen, und arbeiten extrem solide. Wenn sich dieses Fachwissen mit der innovativen Dynamik vor Ort verbindet, entsteht eine hervorragende Kombination. Österreicher sind vielleicht nicht immer diejenigen mit den verrücktesten Ideen, aber sie sind extrem stark darin, diese Ideen pragmatisch und erfolgreich umzusetzen.

Überspitzt gefragt: Haben Gründer:innen aus Europa im Silicon Valley einen Nachteil, weil das Vorurteil herrscht, Europäer hinkten bei KI hinterher?

Isabella Tomás: Nein, nicht unbedingt. Das Silicon Valley ist ein großer Schmelztiegel mit Menschen aus aller Welt. Österreichische Gründerinnen und Gründer, die sich gut präsentieren, haben keineswegs einen Nachteil, nur weil sie aus Europa kommen. Einen Nachteil hat man nur dann, wenn man sich schlecht präsentiert oder nicht fachkundig wirkt. Wer zeigt, dass er seinen Bereich beherrscht und etwas Interessantes auf die Beine stellt, wird hier sehr schnell anerkannt.

Manuela, Salesforce hat sich ja spätestens mit AIforce der künstlichen Intelligenz verschrieben. Was ist für Geschäftsführer:innen, die KI im Unternehmen umsetzen wollen, deiner Meinung nach der beste erste Schritt?

Manuela Mohr-Zydek: Wir setzen sehr stark bei Schulungen an – und zwar sowohl auf Führungsebene als auch auf Mitarbeiterebene. Eine Zusammenarbeit von Mensch und Agent („Agentic Enterprise“) muss von Führungskräften vorgelebt werden, was ein grundlegendes technologisches Verständnis voraussetzt. Es geht auch um die Frage der ethischen Verantwortung und darum, wo die Grenzen der Technologie liegen, damit der Mensch in der Entscheidung verbleibt. Auf Mitarbeiterebene dienen Schulungen dazu, Inspiration und Ideen zu generieren. Wir veranstalten dazu auch Hackathons mit Kunden, um Ideen in eine Roadmap zu gießen und rasch in die Umsetzung zu bringen. So entsteht sowohl Top-down als auch Bottom-up die Innovationskraft, die es für die Zukunft braucht.

Gibt es Bereiche, in denen man KI konkret noch aussparen sollte, obwohl sie viel Potenzial birgt?

Isabella Tomás: Es gibt sehr sensible Bereiche, bei denen große Vorsicht geboten ist – etwa wenn es um Gesundheitsdaten oder hochgradig personenbezogene Daten geht. Aus Sicht der öffentlichen Verwaltung gelten hier höchste Anforderungen an Datenschutz und Regelkonformität. Solange nicht zu hundert Prozent sichergestellt ist, dass alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, kann KI dort nicht ohne Weiteres eingesetzt werden. Wenn es hingegen um Recherchen oder Entwürfe für Präsentationen geht, ist das unbedenklich. Grundsätzlich gilt: Je besser man sich selbst in einem Fachgebiet auskennt, desto eher kann man KI sinnvoll nutzen, weil man das Ergebnis fachlich beurteilen kann. Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, sollte man KI-Ergebnisse nicht blind übernehmen, sondern verifizieren.

Welche Hoppalas oder Fehler konntest du im Silicon Valley beobachten, von denen Unternehmen in Österreich lernen können?

Isabella Tomás: Die Fehler sind ähnlich wie überall. Das reicht von Anwälten, die vor Gericht erfundene Präzedenzfälle zitiert haben, über Fehldiagnosen bei medizinischen Bildanalysen bis hin zu falschen Wirtschaftsdaten auf Präsentationsfolien. Wenn man Ergebnisse ungeprüft übernimmt, kann das peinlich werden. Man darf sich nicht blind auf die KI verlassen, wenn man die Fakten nicht selbst verifizieren kann.

Manuela, wie verändert sich die Arbeit in Unternehmen konkret durch den Einsatz von Agenten?

Manuela Mohr-Zydek: Wir gehen davon aus, dass sich letztlich nahezu jeder Job verändern wird. Es geht längst nicht mehr nur darum, ein Large Language Model als Assistenten einzusetzen, sondern darum, einzelne Prozessabschnitte im Unternehmen messbar und autonom abzuarbeiten. Bei Salesforce messen wir das in „Agentic Work Units“ – hier gab es von Q1 auf Q2 einen Anstieg von 97 Prozent. Um ein Unternehmen verlässlich zu führen, braucht man valide Daten, funktionierende Prozesse, Governance und Compliance. Das LLM dient als kreatives Interface nach oben, aber darunter braucht es ein solides Fundament aus Daten, Applikationen und Sicherheit.

Isabella Tomás: Das ist auch der Vorteil von spezifischen, maßgeschneiderten Modellen, die auf den konkreten Unternehmensdaten basieren. Dort ist das Risiko von Halluzinationen oder fehlerhaften Ausgaben deutlich geringer als bei rein generischen Sprachmodellen.

Manuela Mohr-Zydek: Wie Marc Benioff in seiner Keynote hervorgehoben hat, muss man zwischen wahrscheinlichkeitsbasierten und deterministischen Ergebnissen unterscheiden. Die Kombination aus beidem liefert sowohl kreative Möglichkeiten als auch die nötige Verlässlichkeit für Unternehmensentscheidungen


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten zur Dreamforce wurden von Salesforce übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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