18.01.2022

GoStudent-Gründer Felix Ohswald: „Das sind die fünf Lern-Trends für 2022“

Bildung im Jahr 2022 - GoStudent-Co-Founder Felix Ohswald über fünf Trends, die das Lernen von Kindern 2022 und darüber hinaus verändern werden.
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(c) GoStudent - GoStudent-Co-Founder Felix Ohswald.

1. Die kontroversen Ansichten zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Bildung

Durch den verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Bildung wird der Unterricht messbarer. Daraus ergibt sich ein enormes Optimierungspotenzial: Lerninhalte und Lehrmethoden können so viel genauer auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Kindes zugeschnitten und Lernerfolge nachvollziehbar gemacht werden. Auf Basis der Erkenntnisse, die KI-basierte Bildungsprogramme bieten, ist es möglich Lernpläne individuell und effektiv anzupassen.

Das in San Francisco ansässige EdTech Unternehmen ELSA beispielsweise nutzt Spracherkennung und Aussprache-Analyse, um präzise Verbesserungsbereiche identifizieren zu können. Memrise ist eine Online-Lernplattform aus London, die maschinelles Lernen einsetzt, um Lektionen auf der Grundlage der Vorkenntnisse des Nutzers zu personalisieren und dem Lernenden dabei hilft, sich neue Vokabeln, Phrasen und Schriftsysteme einzuprägen.

Laut dem am 30. November 2021 veröffentlichten GoStudent-Bildungsreport steckt der Einsatz von künstlicher Intelligenz jedoch noch in den Kinderschuhen. Nur 18 Prozent der Schulen nutzen KI im Unterricht und nur fünf Prozent der Eltern unterstützen ihre Kinder mit KI-basierten Lernmethoden außerhalb des Klassenzimmers. In Europa sehen spanische Eltern den Einsatz von KI im Klassenzimmer am positivsten (50 Prozent Befürworter), während die Eltern in Frankreich und Großbritannien mit nur einem Drittel Zustimmung das Schlusslicht bilden.

Die Eltern sind dabei der Meinung, dass KI verstärkt eingesetzt werden sollte, um eine Lernumgebung zu schaffen, die auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt ist (62 Prozent). Wir sehen, dass immer mehr Startups diesem Trend folgen, und so wurden in letzter Zeit verschiedene EdTech-Unternehmen gegründet, die KI-basierte Lernlösungen anbieten. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Trend im kommenden Jahr weiter zunehmen wird.

Auch wir bei GoStudent werden weiterhin erforschen, wie wir KI einsetzen können, um die Lernerfahrung für Kinder in der Einzelnachhilfe stetig zu verbessern. Dazu setzen wir zum Beispiel Techniken des Emotiontracking ein, um mehr darüber zu erfahren, wie Gefühle und Engagement beim Online-Lernen zusammenhängen.

2. Digitale Innovation demokratisiert die Bildung

Obwohl 85 Prozent der Kinder den Wert von Nachhilfe sehen, erhielten laut dem GoStudent Bildungsbericht im letzten Schuljahr nur 16 Prozent von ihnen Nachhilfe. Diese Zahl war für mich sehr überraschend, da wir gleichzeitig wissen, dass acht von zehn Kindern in ganz Europa mit bildungsbezogenen Herausforderungen konfrontiert sind, während sie in einer pandemischen Welt lernen. Wie in vielen anderen Bereichen wird die Digitalisierung im Bildungssektor dazu führen, dass Bildungsdienstleistungen leichter und erschwinglicher zugänglich werden.

Online-Nachhilfeanbieter wie GoStudent können 30 Prozent niedrigere Preise anbieten als traditionelle Offline-Nachhilfeanbieter. In unserer repräsentativen Studie wurde festgestellt, dass Eltern in ganz Europa die Vorteile der Online-Nachhilfe bereits erkannt haben und angeben, dass sie kostengünstig ist, Zeit spart und ihren Kindern eine flexible und interaktive Lernerfahrung bietet.

Laut dem von GoStudent veröffentlichten Bildungsbericht liegt der durchschnittliche Preis für eine Nachhilfestunde europaweit bei 25 Euro, wobei die Inanspruchnahme eines Nachhilfelehrers im Vereinigten Königreich am teuersten ist (33,5 Euro). Um Kindern auf der ganzen Welt eine Lernerfahrung zu ermöglichen, die ihnen hilft, ihr volles Potenzial auszuschöpfen, ist es wichtig, den Zugang zu individueller Nachhilfe zu erleichtern.

Durch technologische Innovationen im Bildungsbereich können personalisierte Online-Lerndienste nicht nur zu geringeren Kosten angeboten werden, sondern auch in geografischen Gebieten, in denen solche Nachhilfedienste ‚offline‘ nicht existieren. Ein Vorbild in diesem Bereich ist die Khan Academy, eine Non-Profit-Organisation, die derzeit rund vierzehntausend Lernvideos kostenlos online anbietet.

3. Metaversum zur Verbesserung der Lernerfahrungen

Pioniere aus der Tech-Welt haben bereits eine Vision davon, wie das Metaversum, das meist als Verschmelzung der physischen und virtuellen Welt definiert wird, unser Leben in den nächsten Jahrzehnten verändern wird. Auch wenn es im nächsten Jahr wahrscheinlich noch zu früh sein wird, um abzuschätzen, inwieweit dieser Trend auch die Bildung beeinflussen kann, ist es offensichtlich, dass einige Trends recht bald umgesetzt werden: Erweiterte Realität als wichtiger Bestandteil der Metaversum-Idee wird Bildung noch erlebbarer machen, indem sie Lehrer:innen erlaubt, Theorie anschaulich zu vermitteln. Statt ein Video abzuspielen, um den Kindern beispielsweise zu zeigen, wie es in der Steinzeit war, können sie mit einer VR-Brille digital in die Welt eintauchen. Die Kinder können durch die Landschaft wandern und steinzeitliche Tiere beobachten, als wären sie wirklich auf einer Zeitreise.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, warum das Metaversum, meiner Meinung nach, seinen Weg in die Bildung finden wird, ist das Erlernen des Umgangs mit dem Metaversum selbst. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass wir es bei der Entwicklung der sozialen Medien versäumt haben, den Kindern beizubringen, wie sie diese verantwortungsvoll und sicher nutzen können.

In einem kürzlich von der EdTech-Bloggerin und Englischlehrerin Raquel Ribeiro für den Cambridge-Blog geschriebenen Artikel erkennt sie die wachsende Notwendigkeit an, die neuesten digitalen Fortschritte in den Lernkontext der Schülerinnen einzubauen. Sie können zu dem Lernfortschritt von Kindern beitragen – nicht nur bei dem Erlernen einer Sprache, sondern auch bei der Fähigkeit, die Herausforderungen einer immer kompetitiveren Welt außerhalb des Klassenzimmers zu bewältigen.

4. Schulunterricht am Vormittag und Nachhilfeunterricht am Nachmittag wachsen immer mehr zusammen

Ein weiterer Trend im Bildungswesen, für den sich GoStudent aktiv einsetzt, ist die zunehmende Verschmelzung von regulärem Schulunterricht mit zusätzlichen Lernangeboten am Nachmittag. Im Klassenzimmer steht meist nur eine Lehrkraft für 20 bis 30 Kinder zur Verfügung, was die Möglichkeit einschränkt, auf individuelle Lernschwierigkeiten oder besondere Bedürfnisse der Kinder einzugehen.

In unserem GoStudent Bildungsbericht haben wir Kinder gefragt, wo sie die Vorteile der Nachhilfe sehen. Fast die Hälfte der befragten Kinder antwortete, dass die Nachhilfe ihnen die Möglichkeit gibt, in einem ’sicheren Raum‘ Fragen zu stellen, um den Schulstoff besser zu verstehen. Um dieses grundlegende Problem zu lösen, müssen Schulen und private Nachhilfeanbieter verstärkt zusammenarbeiten. Ich bin davon überzeugt, dass durch eine verbesserte Kommunikation und Koordination, die sich voll und ganz auf die individuellen Lernbedürfnisse der Kinder konzentrieren, die Lernerfahrung der Schüler verbessert und somit der Lernerfolg der Schüler gesteigert werden kann.

5. Gamification bietet eine spielerische Lernmöglichkeit für Kinder

Heutzutage sind Kinder schon von klein auf mit Technologie und digitalen Unterhaltungsangeboten konfrontiert. Laut dem GoStudent-Bildungsreport werden die Hobbys der ‚Gen Z‘ zunehmend digitaler. Die ‚Top 3‘ Hobbys von Kindern und Jugendlichen in Österreich sind: Freunde treffen (59 Prozent), YouTube-Videos schauen (52 Prozent) und Videospiele spielen (49 Prozent).

Mit zunehmendem Alter wird dies zusätzlich verstärkt. Lediglich 16 Prozent der 16- bis 18-Jährigen sind noch gerne draußen aktiv. Viel lieber schauen sie Filme und Serien (55 Prozent) oder sind auf sozialen Medien unterwegs (41 Prozent). Warum sollte man diesen Trend jedoch nicht auf spielerische Weise mit Lerninhalten kombinieren, die das Kind unterhalten, aber gleichzeitig Inhalte vermitteln, von denen Kinder lernen können?

Da Kinder positive Emotionen erleben, wird ihr Engagement und ihre Aufmerksamkeit erhöht, was wiederum zu einem besseren Lernerfolg führt. Wenn das Lernen Kindern schon in jungen Jahren Spaß macht, trägt das unterhaltsame Material dazu bei, dass sie eine positive Einstellung zum Lernen entwickeln.

Junge EdTEch-Gründer:innen können sich von der Erfolgsgeschichte von Duolingo inspirieren lassen. Duolingo ist eine bereits etablierte Freemium-Sprachlern-App, die verschiedene Gamification-Elemente einsetzt, um ihren Nutzern eine spannende Lernerfahrung zu bieten: Die Nutzer können nicht nur eine interne Währung für das Absolvieren verschiedener Aktivitäten verdienen und verwenden, sondern auch mit Freunden zusammenarbeiten, über die besten Übersetzungen abstimmen und Abzeichen für Erfolge, wie das Erlernen einer bestimmten Anzahl von Fähigkeiten, erhalten.

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Mario Derntl, Ausbildungsexperte und CEO Talents&Company © Athenas

Es war ein seltener Moment der Unverblümtheit, als mich Lukas Zitz, der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in New York, vor einigen Monaten kontaktierte: „Mario, we have to talk.“ Seine Botschaft aus dem Epizentrum der globalen Wirtschaft: In den USA geht gerade richtig die Post ab, und zwar bei einem Thema, das man dort bis vor kurzem kaum buchstabieren konnte: Apprenticeships. Der klassischen, praxisnahen Berufsausbildung nach europäischem Vorbild.

Während wir in Österreich und Europa seit Jahrzehnten ein Narrativ pflegen, das möglichst jeden Jugendlichen in die Hörsäle der Universitäten treibt, vollzieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt eine radikale Kehrtwende. Im April 2025 unterzeichnete US-Präsident Trump eine weitreichende Executive Order mit dem vielsagenden Titel „Preparing Americans for High-Paying Skilled Trade Jobs of the Future“. Das Ziel ist brutal ambitioniert: Die Zahl der registrierten Lehrlinge soll auf eine Million hochgeschraubt werden. Angetrieben von einer Reindustrialisierungsstrategie, die Fabriken aus Asien zurückholt, und getragen von den größten Playern der Tech- und Finanzwelt. Weniger „College for All“, heißt das neue Motto in Washington.

Der Irrtum der akademischen Elite

Wir haben uns in Europa schlichtweg kaputt studiert. Wir haben Generationen eingeredet, dass Wohlstand und gesellschaftlicher Status nur über einen akademischen Titel führen. Das Ergebnis? Ein dramatischer Überschuss an Absolventen in Fächern, die der Markt in dieser Dichte schlicht nicht braucht, während uns an allen Ecken und Enden die Praktiker fehlen.

Die Quittung liefert der heimische Arbeitsmarkt unmissverständlich. Auswertungen der Agenda Austria auf Basis von AMS-Daten zeigen: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt zuletzt deutlich an, während Menschen mit einer klassischen Lehrausbildung zu den krisenfestesten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt zählen. Mehr noch: Das alte Vorurteil, dass sich nur ein Studium finanziell lohnt, gerät zunehmend ins Wanken. In Deutschland etwa verdienen Beschäftigte mit Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss laut Statistischem Bundesamt (Verdiensterhebung, April 2025) im Schnitt 5.405 Euro brutto im Monat und damit mehr als Bachelor-Absolventen mit 5.289 Euro.

Gleichzeitig offenbart eine großangelegte Unternehmensbefragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) aus dem Jahr 2023 das ganze Dilemma unserer Wirtschaft: Satte 60,9 Prozent aller Betriebe klagen über massive Schwierigkeiten, Stellen mit Lehrabschluss zu besetzen. Universitätsabsolventen werden dagegen nur noch von mageren 8,1 Prozent der Unternehmen dringend gesucht. Wir bilden am Bedarf vorbei. Dabei ist die Lehre die beste Medizin gegen soziale Krisen: Daten des ibw („Lehrlingsausbildung im Überblick“, 2023) belegen, dass jene Bundesländer mit einer hohen Lehranfängerquote wie Oberösterreich, Salzburg oder Tirol die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweisen, während das akademisierte Wien mit fast 12 Prozent Jugendarbeitslosigkeit das Schlusslicht bildet.

Die USA bauen die „neue Elite“ mit unserem Modell

Ein Blick nach Übersee zeigt, wie blind Europa für die eigenen Stärken geworden ist. Bei einer Delegationsreise von Advantage Austria durch Chicago und Atlanta konnte ich mit österreichischen Vorzeigebetrieben wie Palfinger, KNAPP, Inteco oder STIWA sprechen, die vor Ort produzieren. Sie alle stehen vor derselben Herkulesaufgabe: Workforce Development.

Doch die Dynamik in den USA hat sich komplett verändert. Für den aktuellen KI-Boom, für den Bau und Betrieb gigantischer Rechenzentren und hochautomatisierter Logistikzentren braucht es keine Menschen, die auf niedrigstem Niveau stupide Handgriffe wiederholen. Und es braucht dafür überraschenderweise auch keine Master-Absolventen, die komplexe Systeme nur aus dem Lehrbuch kennen. Für moderne Wartung (Maintenance), Automation und Mechatronik braucht es Fachkräfte, die in der Lage sind, hochkomplexe, reale Probleme direkt an der Maschine zu lösen. Köpfe, die mit den Händen denken.

Bisher hinken die USA beim Fachpersonal im internationalen Vergleich zwar hinterher: rund 700.000 Apprentices auf 340 Millionen Einwohner, verglichen mit 1,2 Millionen Azubis im deutlich kleineren Deutschland. Genau dieser Unterschied erklärt, warum amerikanische Unternehmen derzeit so intensiv nach Vorbildern aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz suchen. Das Problem für uns: Die Amerikaner holen im Eiltempo auf. Seit Beginn der aktuellen US-Administration wurden laut US-Arbeitsministerium bereits über 386.000 neue Apprentices registriert. Das entspricht einem gewaltigen Zwischenspurt.

Ein Weckruf für Europa: Es ist eins vor zwölf

Österreich hat rund 100.000 Lehrlinge, ein historisches Pfund, um das uns die Amerikaner beneiden. Doch während die USA die bürokratischen Hürden für Betriebe radikal abbauen, Qualifikationen wie Micro-Credentials anerkennen und das System mit Milliarden professionalisieren, verwalten wir in Europa den Mangel und klammern uns an den kollektiven Titel-Wahn.

Wir müssen aufhören, die Lehrlingsausbildung als gesellschaftliche „Notlösung“ abzutun. Es ist für Europa nicht mehr fünf vor zwölf, es ist eins vor zwölf. Während wir uns in endlosen Debatten über Vier-Tage-Wochen und akademische Befindlichkeiten verlieren, zieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt mit unserem eigenen Modell im Sprint an uns vorbei.

Wo bleibt unser großer Aufbruch? Wo bleibt das laute, stolze Begehren für das Handwerk? Wir müssen uns in Europa endlich zusammenreißen, den akademischen Hochmut ablegen und die Macher wieder zu den echten Helden unserer Wirtschaft machen. Wenn wir das System jetzt nicht radikal modernisieren und aufwerten, stehen wir bald mit einer Million theoretischer Master-Arbeiten da, aber ohne eine einzige Hand, die die Welt von morgen überhaupt noch bauen oder warten kann.

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