22.03.2022

GoStudent goes USA: Nachhilfe ScaleUp erschließt 23. Markt

Bis Ende des Jahres sollen in den USA monatlich 150.000 Sessions gebucht werden.
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GoStudent, USA, Ohswald, Müller,
(c) Felix Hohagen - Felix Ohswald und Gregor Müller.

Heute gab das EdTech-Unicorn GoStudent seine Expansion in die USA bekannt. Nach einem Soft-Launch im November 2021 erschließt das Startup nun in Austin, Texas, einen potenziellen Markt von 50 Millionen „K-12-Schüler:innen“, denen fortan Online-Nachhilfestunden in über 30 Fächern angeboten werden. Das österreichische Unternehmen ist somit in 23 Märkten aktiv, darunter auch in zahlreichen Ländern in Lateinamerika sowie Kanada und in der Türkei.

50 Millionen Schüler und Schülerinnen

„Das Marktpotenzial von mehr als 50 Millionen Schüler:innen im Alter von sechs bis 18 Jahren ist enorm“, sagt Laura Warnier, die als Chief Growth Officer von GoStudent die globale Expansion verantwortet. „Die Marktbedingungen, die wir hier vorgefunden haben, sind hervorragend. Aufgrund der hohen Anzahl an Spitzenuniversitäten und der Tatsache, dass viele Studentinnen neben dem Studium einem Nebenjob nachgehen, erwarten wir eine große Anzahl an hochqualifizierten Tutor:innen. Das Online-Lernen ist in den USA zudem bereits vertraut und etabliert. Dies, gepaart mit der Tatsache, dass es große ländliche Gebiete gibt, in denen Zugang zu qualitativ hochwertigen physischen Lehrkräften begrenzt ist, ermöglicht uns einen vielversprechenden Markteintritt.“

Eigens in den USA durchgeführte Marktstudien zeigen GoStudent, dass mehr als 65 Prozent der befragten Eltern in den letzten zwölf Monaten Einzelunterricht für ihr Kind in Anspruch genommen und dafür durchschnittlich 68 Dollar pro Sitzung bezahlt haben.

GoStudent billiger als US-Schnitt

Ein Vorteil des Edu-Tech-Riesen: Der Preis pro Einheit beträgt bei GoStudent in den USA je nach gewähltem Paket 41 Dollar und liegt damit 40 Prozent unter dem US-Durchschnitt.

„Unsere Vision ist es, das volle Potenzial aller Schüler:innen zu entfalten. Um dieses Ziel zu erreichen, wollen wir den Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung durch Online-Lösungen und erschwingliche Tarife ermöglichen. Die Digitalisierung hat schon immer dazu beigetragen, Branchen zu demokratisieren – die Anwendung dieser Mechanismen auf die Bildung ist längst überfällig“, sagt Mitgründer Felix Ohswald.

SAT-Nachhilfe

Daher lautet konkret das erklärte Ziel, Millionen von US-amerikanischen Familien Zugang zu individuellem Einzelunterricht zu bieten, einschließlich der Vorbereitung für standardisierte Tests wie dem SAT, einer Eignungsprüfung, die von vielen Universitäten in den USA verlangt wird.

Mit dem Markteintritt vor Ort wurde Sam Best betraut und mit Austin der Zielort nicht zufällig gewählt. Mehr als 7.000 Hightech-Unternehmen sowie 100 Inkubatoren und Co-Working-Spaces machen die texanische Stadt zu einem „attraktiven Umfeld“.

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(c) Gwendolin Glück – Sam Best wurde für die US-Expansion als Manager ausgewählt.

„Austin hat die fünfthöchste Konzentration von Erwachsenen mit Hochschulbildung in den USA und mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist zwischen 25 und 44 Jahre alt. Wir sind auf der Suche nach intelligenten und vielseitigen Talenten, um unser Wachstum voranzutreiben. Deshalb ist Austin ein vielversprechender Standort für uns, um Mitarbeitende zu finden, die zu unserer Kultur passen und uns dabei helfen, eine führende Position auf dem US-Nachhilfemarkt einzunehmen“, so der GoStudent-US-Manager.

300 Millionen Euro für GoStudent

Diese Markteinführung in den USA erfolgt nur wenige Wochen nach der Übernahme der in Großbritannien ansässigen Lernplattform Seneca Learning und der spanischen Tus Media Group, die einen offenen Marktplatz für Nachhilfe anbietet. Im Januar 2022 gab GoStudent eine Finanzierungsrunde der Serie D in Höhe von 300 Millionen Euro unter der Leitung von Prosus sowie die Unternehmensbewertung von drei Milliarden Euro bekannt.

Aus dem Archiv: GoStudent holt das größte Investment in der österreichischen Startup-Geschichte

Die in New York ansässige Risikokapital- und Wachstumsbeteiligungsgesellschaft Left Lane Capital investiert seit der Serie-A-Finanzierungsrunde Anfang 2020 in GoStudent.

„Wir haben in der Vergangenheit viele Investitionen wie HelloFresh und Blinkist erlebt, die mit großem Erfolg von Europa in die USA expandiert haben“, sagt Vinny Pujji, Managing Partner bei Left Lane Capital. „Wir sind begeistert, dass Schüler:innen in Amerika endlich Zugang zu qualitativ hochwertiger Einzelnachhilfe zu günstigen Preisen haben werden. Das Versprechen von GoStudent, erschwingliche, personalisierte und benutzerfreundliche Nachhilfe zu ermöglichen, wird eine große Hilfe für die Schüler:innen hier sein, insbesondere für diejenigen in ländlichen und einkommensschwachen Gebieten.“

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Katja Forbes, Autorin von "Machine Customers: The Evolution Has Begun", zu Gast in Wien. © Martin Pacher / brutkasten

Katja Forbes zählt zu den gefragtesten internationalen Stimmen an der Schnittstelle von Customer Experience, Künstlicher Intelligenz und Digitalstrategie. Die gebürtige Australierin war Executive Director und Head of Client Experience bei der Standard Chartered Bank, zuvor International Director und Vice President im globalen Vorstand der Interaction Design Association (IxDA); heute teilt sie ihre Zeit zwischen Singapur und Australien auf. Mit ihrem jüngsten Buch „Machine Customers: The Evolution Has Begun“ hat sie ein Thema in den Fokus gerückt, das gerade von der Theorie in die Praxis kippt. brutkasten hat mit ihr am Exporttag 26 der Wirtschaftskammer Österreich gesprochen.

Der Begriff „Machine Customer“ geht auf Gartner zurück und beschreibt einen nicht-menschlichen wirtschaftlichen Akteur: eine KI, die eigenständig entscheidet, verhandelt und Geld ausgibt. Was nach ferner Zukunft klingt, ist längst Realität. Visa hat mit „Intelligent Commerce“ einen Zahlungsstandard für Agenten gestartet, Googles Shopping-Agent greift auf einen Produktgraphen mit Milliarden Einträgen zu, und Handelsriesen wie Walmart verhandeln Lieferantenverträge bereits weitgehend automatisiert.

Für europäische Unternehmen ist das mehr als eine technische Spielerei. Wenn KI-Agenten zu einem unkontrollierbaren Filter zwischen Marke und Kunde werden, verlieren klassische Marketing-Hebel ihre Wirkung – und maschinenlesbare, überprüfbare Werte- und ESG-Nachweise werden zum stärksten Verkaufsargument. Hinzu kommt eine geopolitische Dimension: die Abhängigkeit von US-Modellen und die Frage der „kommerziellen Souveränität“. Im Interview erklärt Forbes, was Konzerne, Startups und KMU jetzt tun sollten.


Was ist ein „Machine Customer“?

Die breiteste Definition kommt von Gartner: ein nicht-menschlicher wirtschaftlicher Akteur. Ich betrachte es lieber etwas kategorisierter: Es ist etwas, das in der Wirtschaft agieren, Transaktionen durchführen, Entscheidungen treffen und Geld ausgeben kann – entweder von einem Menschen gesteuert oder autonom. Ein B2C-Beispiel: Visa Intelligent Commerce ist letztes Jahr mit der Anweisung gestartet: „Finde mir die besten Kopfhörer unter 200 Dollar – und wenn du sie gefunden hast, kauf sie.“ Googles Spark geht noch weiter, weil darunter ein Produktgraph mit rund 65 Milliarden Einträgen liegt. Der Agent gleicht die Parameter ab, findet das Produkt und bezahlt über Google Pay. Das Bemerkenswerte: Es ist ein vollständig disintermediierter Kauf. Wenn Spark ein Paar Bose-Kopfhörer findet, geht es nie wieder auf die Bose-Website. Bose wird für Google effektiv zum Drop-Shipper – die Marke verschwindet aus der Beziehung.

Heißt das, Logik ersetzt Emotion?

Das ist der erste, naive Reflex – und er greift zu kurz. Ein Agent fällt zwar auf seine harten Vorgaben zurück, meist rund um den Preis. Aber Agenten sind bemerkenswert gut darin, emotionale Stimmungen zu quantifizieren. Wenn ich sage: „Ich will lustige Socken, die mich glücklich machen“, durchsucht der Agent das Web nach genau diesem Sentiment über zehntausende Bewertungen hinweg und verknüpft es mit meinem Wunsch. In China habe ich ein BYD-Auto gesehen, das die Stimmung erkennt und die Umgebung entsprechend anpasst. Mercedes Pay kann im Fahrzeug bereits bezahlen, parken und Ladevorgänge aushandeln. Neun chinesische Autohersteller bauen Alibabas Qwen-Modell ins Cockpit ein, ebenso BMW China. Agenten fühlen nichts – aber sie leiten Emotionen bemerkenswert kreativ ab. So einfach wie „Logik schlägt Emotion“ ist es also nicht.

Was bedeutet das für Konsumgütermarken?

Ein Albtraum. Ich arbeite gerade mit vielen CMOs zusammen, und die Frage lautet immer: „Wie vermarkte ich an einen KI-Agenten?“ Die Antwort: gar nicht. Der Agent wird zu einem Filter, den man nicht mehr kontrolliert. Keiner der klassischen Hebel, mit denen man früher Menschen zum Kauf bewegt hat, wirkt bei einem Agenten.

CX-Expertin Katja Forbes im brutkasten-Interview am Exporttag 26 der Wirtschaftskammer Österreich. © Martin Pacher / brutkasten

Wie differenziert man sich dann noch?

Ich sehe drei Ebenen im Agentic Commerce. Erstens: Auffindbarkeit – GEO, AEO, im Grunde das, was früher SEO war, neu gedacht für Agenten. Rund 90 Prozent der Anbieteraktivität spielt sich hier ab, weil es am leichtesten zugänglich ist. Zweitens: die technische Vertrauensebene – kann ich eine vertrauenswürdige Transaktion abwickeln? Hier kommen die Payment-Rails ins Spiel – Mastercard, Visa, Stripe. Und drittens, die anspruchsvollste Ebene: Werte. In meinen Experimenten war der Ausschlag gebend, wenn alle gleich auffindbar und gleich vertrauenswürdig waren, dass eine Marke zu meinen Werten passte – und das unabhängig in Drittquellen überprüfbar war. Wenn ich sage: „Ich will einen Regenmantel, Nachhaltigkeit ist mir wichtig“, landet der Agent bei Patagonia, weil deren Footprint Chronicles das mit Daten belegen. Und genau darum geht es: Man kann eine KI nicht greenwashen. Sie kann jede Behauptung überprüfen – und was sich nicht belegen lässt, fliegt raus.

Wo stehen wir bei der Adoption?

Im B2C-Bereich sind wir noch ganz am Anfang. Eine aktuelle Gartner-Umfrage beziffert es auf rund 11 Prozent, die einem Agenten einen Kauf ohne Rückfrage zutrauen würden. Im B2B-Bereich steckt das eigentliche Geld – und dort ist man bereits weit fortgeschritten. Seit einem Pilotprojekt 2022 verhandelt Walmart mit Lieferanten über KI, via der von einem Esten gegründeten Plattform Pactum. Fast 70 Prozent der Verträge wurden ohne menschliche Beteiligung auf Walmart-Seite abgeschlossen, und drei Viertel der Lieferanten bevorzugten die Verhandlung mit der KI. Das Ergebnis: rund drei Prozent bessere Einkaufspreise und 35 Tage längere Zahlungsziele – Working Capital, das aus den Taschen der Lieferanten zurück zu Walmart wandert. Auch Maersk, Honeywell und Astra Zeneca sind Kunden. Für Lieferanten bedeutet das: Die KI hat alle Zeit der Welt, die Lieferkette bis ins Detail zu durchleuchten. Wenn ESG- und Werte-Nachweise nicht verifizierbar dokumentiert sind, kommt man nicht mehr durch.

Und die geopolitische Dimension – Europas Abhängigkeit von US-KI?

Es geht um kommerzielle Souveränität: Unternehmen müssen selbst bestimmen können, zu welchen Bedingungen sie KI-Akteure in ihr Geschäft lassen. Mein Rat: sich nicht nur auf die USA zu fixieren. Fünf der Top-Ten-Modelle kommen aus China – leichter und günstiger im Betrieb. Die VAE wollen bis 2028 mindestens die Hälfte ihrer Regierungsdienste über agentische KI abwickeln und dieses Governance-Modell in den Globalen Süden exportieren – womit der gesamte afrikanische Kontinent ins Spiel kommt. Australien hat ein souveränes Modell. KI ist nicht politisch neutral; entscheidend ist, wie sie gesteuert wird.

Deine Botschaft an KMU?

Findet heraus, welche Machine Customers bei euch anklopfen. Es gibt fünf Typen: den delegierten Agenten, den autonomen Käufer, das Multi-Agenten-Netzwerk, den Co-Buyer und den Intermediär – wie Amazons Rufus. Beginnt mit dem Machine Customer Canvas. Vielleicht baut ihr selbst Machine Customers: Mercedes-Fahrzeuge sind welche. Mit Agenten verdreifacht sich der mögliche Geschäftsmodellraum. Das wird alles verändern.

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