27.10.2021

Das sind die jüngsten Ergebnisse des Global Entrepreneurship Monitor

Im Zuge des Global Entrepreneurship Monitors (GEM) wurden die neuesten Daten zur Lage des Unternehmertums in Österreich erhoben. Am Mittwochvormittag wurden die jüngsten Ergebnisse präsentiert und in einer Expertenrunde diskutiert.
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GEM

Die größte internationale Entrepreneurship-Vergleichsstudie Global Entrepreneurship Monitors (GEM) wird seit 2005 in Österreich von der FH Joanneum durchgeführt und analysiert die heimische Unternehmenslandschaft und deren wesentliche Rahmenbedingungen. Durch internationales und regionales Benchmarking, dient der GEM als Frühwarnsystem und Stimmungsbarometer gleichzeitig. In regelmäßigen Abständen werden Schlüsselindikatoren zu unternehmerischer Aktivität, Motiven, Chancen, Ökosystem und Demographie erhoben, wobei auch Handlungsempfehlungen abgeleitet werden – der brutkasten berichtete bereits in der Vergangenheit über die Ergebnisse.

Am Mittwochvormittag wurden die jüngsten Ergebnisse des GEM von Christian Friedl, Leiter des GEM-Österreich-Teams vom Institut International Management der FH Joanneum und Bernadette Frech, Gründerin von Instahelp und Mitglied im Startup Komitee des BMDW offiziell präsentiert. Anschließend wurden die Ergebnisse gemeinsam mit Kambis Kohansal Vajargah (Head of Startup Services bei der WKO), Hannah Wundsam (Managing Director Austrian Startups) und Niels Bosma (Associate Professor an der Universität Utrecht & Vorstandsvorsitzender GEM global) diskutiert.

Die Auswirkung der Coronakrise

Die GEM 2020/21 Erhebung zeigt insbesondere, dass Österreichs Jungunternehmer:innen verunsichert und deren Optimismus und Wachstumserwartungen gedämpft sind. So geht etwa die Rate der Jungunternehmer:innen vom Höchstwert in 2018 mit 10,9 Prozent auf 6,2 Prozent zurück. Die Covid-19-Hilfsmaßnahmen können laut den Studienautor:innen jedoch die schlimmsten Auswirkungen auf die unternehmerische Basis und die Einkommen insgesamt abfedern.

Der Anteil an etablierten Unternehmer:innen an der erwerbsfähigen Bevölkerung bleibt stabil bei 7,8 Prozent. Bei den Auswirkungen der Covid-19-Krise gibt es dabei große Unterschiede zwischen den unternehmerischen Phasen und den Wirtschaftssektoren, aber auch die Bundesländer sind unterschiedlich stark betroffen.

Weiblicher Anteil und Bildungsgrad unter Gründenden steigen

Der Altersschnitt der österreichischen Jungunternehmer:innen bleibt konstant bei 37 Jahren. Der Frauenanteil steigt erfreulicherweise um sieben Prozentpunkte auf nunmehr 43 Prozent, auch der Anteil an Akademiker:innen in der heimischen Unternehmenslandschaft nimmt weiter zu.

Allerdings hat die unternehmerische Aus- und Weiterbildung in Österreich weiterhin starken Aufholbedarf und fällt im europäischen Vergleich zurück. Die Einschränkungen im Rahmen der Covid-19-Krise hemmen zusätzlich die Internationalisierungsaktivitäten der heimischen Gründer:innen.

Krise als Chance & die Angst vor dem Scheitern

Generell werden während der Pandemie weniger Gründungsmöglichkeiten wahrgenommen – 37 Prozent der Jungunternehmer:innen erkennen allerdings durch die Covid-19-Pandemie auch neue Geschäftsmöglichkeiten.

Die dafür notwendigen Gründungskompetenzen werden zunehmend positiver eingeschätzt, wobei die Angst vor dem unternehmerischen Scheitern konstant bei 45 Prozent bleibt und zumindest laut den Studienautor:innen nicht ansteigt in diesen „unsicheren Zeiten“.

Forschungs-, Technologie- und Innovationsgrade und digitale Transformation

Insgesamt geht insbesondere die heimische Forschungs- und Innovations-Intensität in der Pandemie zurück. Etablierte Unternehmen sind hier überproportional betroffen.

Die unternehmerische Aktivität innerhalb etablierter Unternehmen (Intrapreneurship) nimmt in der Krise europaweit ab – Österreich kann sich bei diesem Indikator auf dem Niveau der letzten Erhebung (Rang 6) halten.

Die Möglichkeiten durch die digitale Transformation werden jedoch nur teilweise erkannt. Aufholbedarf wird insbesondere bei der digitalen Kundeninteraktion und der Vermittlung der notwendigen Fähigkeiten für den digitalen Wandel gesehen.

Unternehmerisches Umfeld – stabil oder veränderungsresistent?

Österreich schneidet bei der Gesamtbewertung des unternehmerischen Umfelds im europäischen sowie im globalen Vergleich durchschnittlich ab. Das unternehmerische Ökosystem zeigt sich relativ krisenresistent, aber gleichzeitig auch veränderungsresistent gegenüber altbekannten Schwächen, so die Autor:innen. Weiterhin positiv bewertet werden etwa die physische Infrastruktur sowie das Förderangebot.

Für Marktdynamik, Normen und die unternehmerische Aus- und Weiterbildung gibt es hingegen nur Bewertungen unter dem Skalenmittelpunkt. Eine Vielzahl an Indikatoren wird darüber hinaus durchschnittlich eingeschätzt, wie finanzielle Rahmenbedingungen, Regierungspolitik und die Wirtschafts- und Dienstleistungsinfrastruktur – es fehlt laut dem GEM an klaren Schwerpunkten.

Daher werden im GEM-Report aufbauend auf den Ergebnissen Empfehlungen in drei Handlungsstränge abgeleitet: generelle Empfehlungen zur Stärkung des Unternehmertums in Österreich, konjunkturelle Handlungsfelder, die sich aus der Covid-19-Pandemie ergeben und spezifische Maßnahmen, die auf den digitalen Wandel abzielen.

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Fawks AI
© LinkedIn/Canva - Neha Agarwal, Co-Founderin Fawks AI.

Eigentlich geht es hier nicht um ein Startup aus Indien, aber dennoch muss es kurz erwähnt werden: über 86 Millionen US-Dollar Umsatz, eine geschätzte Firmenbewertung von 200 Millionen US-Dollar, 500 Mitarbeiter:innen. Und das gebootstrapped. Das ist die Geschichte des indischen Proptech Housiey. Gegründet wurde es 2016 von Neha Agarwal und ihrem Bruder Ankit.

Problem Intransparenz

Der Ausgangspunkt der Geschwister damals war ein Markt, in dem es zwar viele Immobilienportale gab, aber es aufgrund laxer Regulierung immer wieder zu Fällen kam, in denen Makler:innen Objekte zu Preisen anboten, die vom tatsächlichen Endpreis stark abwichen. Auch Angaben zu Steuern, Regulierung und Mindestpreisen fehlten und Käufer:innen zahlten häufig zu viel für Immobilien.

Darin sahen die beiden eine Marktlücke. So bauten sie eine Plattform, auf der Bauträger direkt vertreten sind. Ihr Bruder übernahm als CEO den Vertrieb, Agarwal verantwortete die gesamte Technik. Dazu gehörte die Suchmaschinenoptimierung, die die heute in Wien lebende Gründerin als einen der Eckpunkte für den investorenlosen Erfolg nennt. „Housiey sollte bei Google gut ranken, ohne viel Geld für Werbung auszugeben. Das war noch vor dem KI-Zeitalter“, sagt sie. Außerdem entwickelte Agarwal den Anmeldeprozess für Nutzer:innen und setzte zu Beginn auf YouTube-Kanäle, um Immobilien zu präsentieren.

Der andere zentrale Faktor für Erfolg war die Transparenz: Nutzer:innen sollen alle Informationen zu einer Immobilie in einem durchgängigen Ablauf sehen können, vollständig und korrekt. „Das schafft Vertrauen und sie tappen nicht in eine Falle“, so Agarwal.

Von Indien nach Österreich: Fawks AI entsteht

2012 endete das Kapitel Indien und die Founderin kam für einen Job bei den Vereinten Nationen nach Österreich (IAEA). Eigentlich war ein Aufenthalt von sechs Monaten geplant, doch sie blieb, wechselte danach in einen Job bei einem anderen Unternehmen und kündigte dort schließlich, um gemeinsam mit COO Arun Gaurav Fawks AI in Wien zu gründen.

© zVg – Neha Agarwal und Arun Gaurav.

Das Wiener KI-Startup entwickelt eine eigene Speech-Engine zur Kundenkommunikation: eine KI, die Telefonanrufe im Kundensupport wie ein Mensch führen soll und sich an Unternehmen richtet. Erste Tests mit zahlenden Kund:innen laufen bereits.

aws-Förderung

Dafür erhielt das Startup eine Förderung in Höhe von 300.000 Euro von der Austria Wirtschaftsservice (aws) im Rahmen des Förderprogramms aws Preseed | Deep Tech. Damit soll die Kerntechnologie mit dem Codenamen HIVE vom Konzept zu einem produktionsreifen Prototyp weiterentwickelt werden. Im vergangenen Jahr wurde Fawks AI zudem für den ersten Venture-Cake-Jahrgang von weXelerate, dem Wiener Startup-Accelerator, als eines von acht Startups bei 150 Bewerbungen ausgewählt. Ein möglicher Grund dafür: eine sprachliche Besonderheit von Fawks AI.

„Wir haben festgestellt“, präzisiert Agarwal, „dass es bei der deutschen Sprache auf den Dialekt ankommt, etwa Vorarlbergerisch oder Wienerisch. Im Benchmarking lag die Erkennungsrate nur bei 68 Prozent. Wir haben überall gesucht, aber kein Spracherkennungsmodell gefunden, auch nicht in Europa, sondern nur US-Modelle. Wenn ein Anruf zum Beispiel eine Bankangelegenheit betrifft und eine IBAN genannt wird, wird die Nummer nicht korrekt erkannt, und der nächste Workflow wird nicht ausgelöst. Viele große Unternehmen können KI deshalb nicht richtig einsetzen, weil die Spracherkennung nicht gut genug ist.“

Deswegen deckt Fawks AI Standarddeutsch, Wienerisch und Österreichisch-Bairisch ab, und adressiert auch Menschen, die Deutsch nicht als Muttersprache, sondern in der Schule gelernt haben. Künftig möchte man noch Schweizerdeutsch in die Anwendung implementieren.

Damit ist Fawks AI nicht allein und bewegt sich hierzulande in einem Feld, mit großer Konkurrenz wie fonio, KI-Note oder NeedNect. Doch es gibt einen Grund, warum man sich für Wien entschieden hat.

„Ernst genommen“

„Österreich hat uns ernst genommen, bevor es andere taten“, sagt Agarwal. „Die Förderung ist ein Signal, dass die aws bereit ist, anspruchsvolle Ingenieursprobleme zu unterstützen, nicht nur Anwendungen. Europäische KI-Infrastruktur lässt sich nicht mit amerikanischen Standardwerkzeugen aufbauen. Das hat die aws verstanden, und ihre Jury ebenso. Wir sind dankbar für das Vertrauen.“

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