20.05.2026
KI-SERIE

Global AI Clash: Die Zukunft der Arbeit. Wer bildet die KI-Generation von morgen?

Gastbeitrag: Am 20.03.2026 publizierte die US-Administration das "National AI Legislative Framework", das insgesamt einen 7-Punkte-Plan enthält. Mit der KI-Expertin Jeannette Gorzala sehen wir uns in einer Serie die wichtigsten Kernaspekte im Vergleich USA, Europa und Österreich an. Diesmal mit Fokus auf die Bildungs- und KI-Kompetenzstrategie. Wie werden die Skills der Zukunft gebaut?
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Steinberger, Peter Steinberger, OpenClaw, OpenAI
© zVg - Jeannette Gorzala.

Das digitale Zeitalter ist nicht mehr Zukunft, sondern Gegenwart. Doch während Technologien unsere Arbeitswelt revolutionieren, bleiben grundlegende Fragen offen: Wie bereiten wir Arbeitskräfte auf diese Transformation vor? Wie gewährleisten wir, dass niemand auf der Strecke bleibt? Und wie schaffen wir dies in der Geschwindigkeit, die es erfordert? In den USA, Europa und Österreich verfolgen drei unterschiedliche Regionen ambitionierte Wege, um den Zugang zu Bildung und KI-Kompetenzen zu ermöglichen. Doch der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht nur in der Technologie, sondern in der Fähigkeit, diese in die Breite der Gesellschaft zu tragen.

USA: Innovation als treibende Kraft

Die USA sind unbestreitbar ein Hot Spot für Technologieentwicklung und Innovation. Mit ihrem Ansatz, KI-Kompetenz in den Arbeitsmarkt zu integrieren, setzen sie auf Schnelligkeit, Agilität und unternehmerische Dynamik. Das US-System reagiert auf die Herausforderungen der KI-Ära mit einem klaren Fokus auf AI-Readiness, einer frühzeitigen Integration von KI-Wissen in die schulische Bildung, ergänzt durch gezielte Reskilling-Maßnahmen im Erwachsenenalter.

Programme wie „Make America AI-Ready“ nutzen SMS-basierte Kurse, um KI-Wissen in einer Woche auch in abgelegene Gebiete zu bringen und Menschen ohne Internetzugang zu erreichen. Diese Innovation im Bildungsbereich macht deutlich: Der Zugang zu KI-Bildung muss barrierefrei sein, um die gesamte Bevölkerung mitnehmen zu können.

Doch dieser schnelle, marktgetriebene Ansatz hat auch seine Risiken. Während Startups und Technologieunternehmen von der Initiative profitieren, besteht das Risiko, dass sozial und geografisch benachteiligte Gruppen zurückbleiben. Auch wenn die USA die schiere Innovationskraft besitzen, ist ihre Strategie auf schnelle Marktgewinne ausgerichtet.

Europa: Regulatorische Tiefe und soziale Inklusion

Europa verfolgt einen anderen, integrativeren Ansatz. Hier geht es nicht nur darum, Spitzentalente zu fördern, sondern allen Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu grundlegenden KI-Kompetenzen zu ermöglichen. Die Digitalstrategie 2030 und die European Education Area setzen auf die Schaffung eines inklusiven Rahmens.

Der europäische Fokus liegt auf breiter Bildung und sozialen Aspekten. Programme wie der Digital Education Action Plan zielen darauf ab, allen Altersgruppen und sozioökonomischen Schichten die notwendigen digitalen Kompetenzen zu vermitteln. Dabei stehen nicht nur technische Fähigkeiten im Vordergrund, sondern auch ethische Überlegungen, die für die Gestaltung einer verantwortungsvollen KI-Ära entscheidend sind.

Die EU verfolgt einen harmonisierten Ansatz, um Ungleichheiten zu verringern und eine gleiche Teilhabe an den digitalen Möglichkeiten zu gewährleisten. So wird das Digital Competence Framework ständig weiterentwickelt, um KI-Kompetenzen für alle zugänglich zu machen. Dieser europäische Ansatz bietet eine solide Grundlage für eine nachhaltige digitale Zukunft. Doch die Herausforderung bleibt: Wird Europa in der Lage sein, mit der Geschwindigkeit von Technologiemärkten wie den USA mitzuhalten, ohne dabei den sozialen Zusammenhalt zu gefährden?

Österreich: Tradition trifft Innovation

Österreichs Ansatz zur digitalen Bildung ist eine Mischung aus den beiden vorangegangenen Modellen: Einerseits orientiert sich Österreich an den europäischen Vorgaben, andererseits setzt es auf die Stärke des dualen Bildungssystems, das bereits in der Berufsausbildung gut etabliert ist. Mit Initiativen wie der Digitalen Kompetenzoffensive 2030 und dem Bundeswettbewerb KI (Initiative für Schüler:innen KI-Projekte zu entwickeln) ist Österreich gut betreffend KI-Kompetenz positioniert. Hervorzuheben sind auch Pläne für eine Bildungsreform, die beabsichtigt, KI stärker im Schulbereich zu integrieren und ab 2027/28 eine stärkere Gewichtung auf Informatik und digitales Denken zu legen.

Das duale System, das Praxis und Theorie vereint, könnte sich als Vorteil erweisen, um die Kluft zwischen Theorie und Anwendung in der KI-Ausbildung zu überbrücken. Durch die enge Zusammenarbeit von Schulen, Unternehmen und lokalen Bildungseinrichtungen wird eine praxisorientierte Ausbildung gefördert, die den Anforderungen des Arbeitsmarktes Rechnung trägt. Doch hier steht auch Österreich vor der Herausforderung, die nötige Infrastruktur und Weiterbildung für Lehrkräfte sicherzustellen, um eine flächendeckende Umsetzung des digitalen Bildungsplans zu gewährleisten.

Die Zukunft: Ein globaler Wettlauf um Talente

Die Ansätze der USA, Europas und Österreichs sind nicht nur geographisch unterschiedlich – sie spiegeln die zugrunde liegenden Werte und Prioritäten wider. Doch eines haben sie gemeinsam: Alle drei Regionen erkennen die zentrale Bedeutung von Bildung und KI-Kompetenz, um die Arbeitswelt der Zukunft zu gestalten.

Der Vergleich offenbart keine Sieger, sondern komplementäre Stärken in einem globalen Talentewettbewerb. In den USA wird vor allem auf Schnelligkeit und Innovationskraft gesetzt. Hier wird Technologie als Wettbewerbsvorteil angesehen, der durch schnelle Anpassung des Arbeitsmarkts und praxisorientierte Bildungslösungen unterstützt wird. Europa hingegen verfolgt einen systematischeren und inklusiveren Ansatz. Die Herausforderung wird darin bestehen, den Spagat zwischen schnellen technologischen Entwicklungen und sozialer Gerechtigkeit zu meistern.

Es ist klar: Reine Technologieentwicklung reicht nicht aus. Um die Vorteile von KI wirklich ausschöpfen zu können, müssen wir nicht nur in Technologie investieren, sondern auch in den Menschen, der sie anwendet. Der wahre Wert von KI liegt nicht in ihren Outputs, sondern in der Fähigkeit der Menschen, sie zu verstehen, zu gestalten und erfolgreich mit Verantwortung einzusetzen. Führungskräfte, die heute in Bildungspartnerschaften, Reskilling-Programme und hybride Talentmodelle investieren, werden nicht nur als Reaktionskräfte auf Disruption agieren, sondern als aktive Gestalter der KI-getriebenen Wertschöpfung der Zukunft.

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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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