04.10.2024
AUSGEBRANNT

Gerald Zankl über sein Side Hustle: „Man ist gefühlt immer kurz vor dem Burnout“

...nach einem halben Off-Tag hätte er sich allerdings wieder erholt. Das sagt Gerald Zankl von seinem Ex-Side-Hustle und heutigen Scaleup Kickscale. Wie der Gründer und frühere Bitmovin-Sales-Experte ein Side Business neben einem 80-Stunden-Job hochzog und wozu er aus Erfahrung nicht rät.
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Gerald Zankl am Sales Summit in Hamburg (c) Gerald Zankl

“Darf’s ein bisserl mehr sein?” Knapp zwei Minuten nach acht Uhr morgens an einem Samstag ist die Schlange wenig überraschend lang. Es duftet nach Topfengolatschen, Brioche-Kipferln und frisch gebrühtem Kaffee. An der Vitrine können sich hungrige Frühstücksesser kaum satt sehen: Pariser Kipferln, Mohnweckerln, Nusschneckerln und bezuckerte Marillenkrapferl.

“Darf’s ein bisserl mehr sein?”, ertönt es erneut aus der Bäcker-Vitrine. “Äh, nein danke, das war alles. Mit Karte bitte.” Gerald Zankl bleibt wenig Zeit zum Bargeld suchen, geschweige denn zum Frühstücken. Um neun Uhr steht ein Meeting an, bis zwölf will er seine Beratungs-Sessions für die kommende Woche planen.

Anstatt sich neben andere auf die Bäcker-Terrasse zu setzen, geht es für Gerald Zankl an den Schreibtisch. Sales steht an. Oder vielmehr: Sales-Beratung. Denn dafür blieb unter der Woche wenig Zeit. Schließlich hat er einen Full-Time-Job, den er liebt. Genauso wie seinen Side Huste. Also muss der Samstag herhalten.

Zur Verwunderung einiger tut Zankl gerade das, was er genießt: Er genießt es zu arbeiten – wenn auch wenig Raum für samstägliche Frühstücks-Verabredungen oder Bargeldzahlungen bleibt.

Zankls Wochenend- und spätabendliche Working Sessions machten sich bezahlt. Heute, gut vier Jahre später, hat der gebürtige Kärntner sein Business Kickscale, ein Startup für KI-gestützte Kundeneinblicke und Automatisierungen in Verkaufsgesprächen, aufgebaut. Und macht dies nun Vollzeit, mit Lebenspartnerin und jungem Familienzuwachs an der Seite. Das war aber nicht immer so.

Gerald Zankl am Sales Summit in Hamburg (c) Gerald Zankl

Um zu verstehen, warum sich Zankl mehrere Jahre nur für Sport und streng ausgewähltes Socializing von der Arbeit löste und wie ein Side Hustle intensive Liebesbeziehungen im Guten trennen kann, braucht es einen erklärenden Rückblick. Also los.

Gerald Zankl besuchte die HTL Villach in Kärnten, wo er einen der erfolgreichsten österreichischen Tech-Founder, Stefan Lederer, kennenlernte. Lederer baute das auf, was heute als Bitmovin bekannt ist – und lenkt heute eine der weltweit führenden Multimedia-Streaming-Plattformen.

Wir schreiben das Jahr 2011. An der Klagenfurter Alpen-Adria-Universität trifft Zankl seinen späteren Co-Founder Markus Jenul. Schon im Uni-Englischkurs wussten die beiden, dass sie gemeinsam gründen wollen. Was als Business Plan im Uni-Kurs startete, entpuppte sich acht Jahre und einem mehrjährigen Side Hustle später als eigenes Startup.

Damals, als Zankl 2011 mit Jenul ins Gespräch kam, wusste man weder von Kickscale, noch davon, dass Lederers späteres Tech-Startup sowohl Zankl als auch Jenul beheimaten und die globale Streaming-Branche aufwirbeln werde.

Drei Jahre später, 2014, sind Video-Streaming-Plattformen zwar noch nicht ganz “in”. Sie zu nutzen ist in Kenner-Kreisen aber ein geheimer Wettbewerbsvorteil. Im selben Jahr stieg Zankl als Business Development Manager bei Bitmovin ein, das 2013 von Stefan Lederer, Christopher Müller und Christian Trimmer gegründet worden war. Sieben Jahre trieb Zankl dort Vertrieb und Marketing voran.

Das Geschäft kam ins Rollen, Zankl lief mit. Sei es die Begeisterung an seiner Tätigkeit oder die Kunst des Verkaufens, die ihm schon als Student in den Schuhen lag: Der Sales-Experte holte weitere Talente an Bord. Darunter sein bester Uni-Freund Jenul, der später eine wesentliche Rolle in seinem Side Hustle spielen sollte.

“Ich habe das Unternehmen geliebt. Es war wirklich eine Liebesbeziehung. Ich hatte prinzipiell nie den Gedanken, das Unternehmen zu verlassen. Weil das Team der supercoole Wahnsinn war. Bitmovin hat alles erfüllt, was es erfüllen kann und ist auch heute noch ein super Unternehmen.”

Doch viele einst Frisch-Verliebte wissen: Die Rosarote-Brille-Phase vergeht. Irgendwann kehrt aber Alltag und Gewohnheit ein. Ohne es zu wissen, wartete der nächste Streich auf den Entrepreneur: Ein Side Hustle, eine Nebentätigkeit. Etwas, das seinen Karriereweg in einer unverkennbaren Weise pflastern würde und ihn später sogar die Beziehung zu Bitmovin beenden ließ.

Die Kickscale Gründer Markus Jenul, Herwig Gangl und Gerald Zankl (c) Gerald Zankl

“Bitmovin hat sehr gut performt. Immer mehr Leute haben uns gefragt: Wie habt ihr eure Prozesse aufgesetzt? Wie skaliert ihr? Wie akquiriert ihr Kunden? Irgendwann hat Stefan (Anm.: Co-Founder von Bitmovin) in diesen Fragen einfach nur noch auf mich verwiesen. Und so habe ich begonnen, Sales-Beratung zu betreiben”, erinnert sich Zankl.

Durch genau jene Tätigkeit, die er bei Bitmovin täglich perfektionierte, war Zankls Side Business geboren: Die Beratung von Sales-Leuten mit Sales-Strategien. Nicht lange dauerte es, bis er seinen ersten Side-Workshop verrechnete, gemeinsam mit seinem späteren Co-Founder und Bitmovin-Marketingleiter Markus Jenul.

Der Ball kam ins Rollen – nicht zuletzt auf Empfehlung eines Kunden und weiteren späteren Co-Founders, Herwig Gangl. Es wurden Workshops verkauft, Messeauftritte geplant und Abläufe optimiert, um möglichst viel Profit zu erzielen. Und das, obwohl Zankl und Jenul immer noch bei Bitmovin in Führungsrollen tätig waren.

Wir schreiben das Jahr 2019. Der Side Hustle rollte schneller, aber eben auch nur als Side Hustle. Dennoch zählte das Side-Business bereits erste Mitarbeitende. “Einmal in der Woche gab es einen Check-in-Call und ein paar Sachen zum Vorbereiten. Fünf bis zehn Stunden haben wir uns pro Woche dafür rausgenommen.”

Genau jenes Stundenausmaß sieht Zankl auch als “unbedingt notwendig, wenn man ein Side Business hochziehen will. Wenn ich nicht mal eine Stunde pro Tag frei räumen kann, dann sollte ich das Ganze hinterfragen.

Wenn ich nicht mal eine Stunde pro Tag freiräumen kann, dann sollte ich das Ganze hinterfragen

Gerald Zankl zum Thema Side Hustle

Von nur einer Stunde war aber selten die Rede: “Ich habe um acht Uhr morgens zu arbeiten begonnen und um zehn Uhr abends aufgehört”, erzählt Zankl von der Bitmovin-Side-Hustle-Kombi. “Die härteste Zeit mit meinem Side Hustle hatte ich von 2019 bis 2021. Es war nur Arbeit, aber es war notwendig. Es war ein Flow, den ich mit nichts tauschen würde. Wenn du die Vision hast, dass du was Eigenes machen willst, dann solltest du nicht in dem Glauben leben, dass dir das alles zufliegt.”

Wenn du die Vision hast, was Eigenes zu machen, dann solltest du nicht in dem Glauben leben, dass dir alles zufliegt.

Gerald Zankl

Arbeitsfreie Zeit nahm sich Zankl nur für “Sport dazwischen” und manchmal für “Soziales”. Immerhin sind Gründer:innen auch Menschen mit Bedürfnissen wie Sicherheit, Abwechslung, sozialer Austausch und Verbindung.

All diese Bedürfnisse wurden bei Bitmovin und Side Hustle gedeckt – mit Leuten, mit denen sich Zankl am ehesten identifizierte. Gänzlich sozial isoliert habe sich Zankl aber nicht: “Ich habe gewisse Dinge schon gemacht, aber mich auf bestimmte Erlebnisse fokussiert. Das klassische ‘Geh ma einen Kaffee trinken’ gabs halt nur im Business-Kontext. Natürlich habe ich mich mit vielen Leuten ausgetauscht, aber primär nur businessmäßig.”

Dieses klassische ‘Geh ma einen Kaffee trinken’ gab es nur im Business-Kontext.

Gerald Zankl

Für Zankl war das ein Erfolgsrezept, mit dem er an seinem Credo festhielt. Und es brauchte Sozialkontakte, die unterstützen: “Jeden Freitag, Samstag und Sonntag zu socializen geht nicht. Das Umfeld muss verstehen, wenn ich den halben Samstag arbeite und dann schlafe. Sonst verliert man schnell Sozialkontakte. Da hatte ich echt Glück. Sowohl mit den Bitmovin-Gründern, als auch mit meiner Familie, meinen Freunden und meiner Partnerin. Kudos an ihre Geduld mit mir.”

Seine heutige Partnerin und Mutter seines Kindes lernte er in einem terminfreien 22-Uhr-Slot kennen. Dass sein Kalender ein Treffen überhaupt zuließ, sei Glück gewesen, erinnert sich der Vertriebler.

Ein Jahr hielt Zankl diesen Modus durch, den viele als Burnout-ähnlichen Zustand beschreiben würden. Die Sechs- bis Sieben-Tage-Wochen, die 80 bis 100 Arbeitsstunden und ein limitiertes Maß an Ablenkung trugen allmählich Früchte. “Aber es war echt hart”, gibt Zankl zu. “Man ist gefühlt immer kurz vorm Burnout, wenn man zwei Rollen macht. Ich bin halt der Typ, ich brauche einen halben Tag off und dann bin ich wieder zwei Monate weg vom Burnout-Stadium.”

Zur Erholung wurde an einem besagten “halben Tag off” geschlafen. Meistens sonntags, manchmal auch in der U-Bahn auf der Oberseite seines Koffers. “Ich war damals echt durch. Das war schon eine Downside. Ich habe an den Wochenenden gearbeitet und ein bisschen Sport gemacht. Und ansonsten geschlafen.”

Gänzlich befürworten kann Zankl diese Vorgehensweise nicht: “Für mich hat es funktioniert, aber ich bin aus diesem Modus wieder raus. Ich würde nicht sagen, dass das der Blueprint ist, den man für einen coolen Side Hustle braucht.”

Ich würde nicht sagen, dass das der Blueprint ist, den man für einen coolen Side Hustle braucht.

Gerald Zankl

Auf die Frage, ob jeder Mensch einen Side Hustle in dieser Intensität aufbauen könne, antwortet Zankl mit einem klaren “Ja.” Allerdings unter der Voraussetzung: “Du musst Prioritäten setzen.” Die Kunst sei auch, Interessenskonflikte mit zunehmendem Alter geschickt zu lösen: “Du musst zu gewissen Leuten oder Aktivitäten nein sagen. Mit zwei Wochen reinem Urlaub wird’s schwierig.”

Und: “Du musst manchmal über deine Grenzen gehen, um deine Grenzen zu kennen. Man muss seine Zeitressourcen optimal einsetzen, und das haben wir mit unserem Side Hustle sehr gut gemacht. Vielleicht sogar besser als heute, wo wir selbstständig sind. Denn damals hatten wir Druck, da hat niemand getrödelt.”

Der Hustle lohnte sich: Der Glaube an die Nebentätigkeit war so groß, dass man 2020 den Schritt aus dem goldenen Käfig wagte und eine OG gründete: “Herwig Gangl meinte damals zu Markus und mir: ‘Hey, warum gründen wir nicht zu dritt ein Unternehmen?’”

Zuspruch von außen half in der Entscheidungsfindung. “Kudos an Herwig”, meint Zankl dazu heute. Co-Founder Gangl habe die Bitmovin-Hustler dazu gepusht, sich aus ihrem goldenen Käfig in Richtung eigener Gründung zu bewegen. Zankl verließ schließlich im September 2021 Bitmovin, Markus Jenul folgte ein halbes Jahr später.

Die ersten Kickscale Gründer Herwig Gangl, Gerald Zankl und Markus Jenul (c) Gerald Zankl / Kickscale

Im September 2021 gründeten Zankl und Jenul – mit Co-Founder Herwig Gangl und dem ersten Entwickler Fabian Riedlsperger an Bord – das Startup Kickscale. Dabei handelt es sich um eine KI-gestützte Conversation Intelligence Plattform zur Analyse von Kundengesprächen. Der Side Hustle wurde zum Main Hustle. Mit gleicher Ambition, gleichem Arbeitspensum und ähnlicher Vision, aber mit nur einem Fokus.

Gemeinsam perfektionierte man das, was schon seit 2019 als Nebentätigkeit heranwuchs: “Das Consulting Business lief sehr gut und wir erzielten Gewinne, die wir in die Entwicklung unserer Software-Plattform re-investierten.” Doch der Erfolg der besagten Plattform blieb aus, bis sich das Team im September 2023 einen Monat in den USA Inputs holte. Und zur selben Zeit auch “unseren ersten angestellten Entwickler, Fabian Riedlsperger, zum Chief Technology Officer (CTO) und Co-Founder machten.”

Von dort an ging es mit der KI-Plattform aufwärts. Investments folgten im Dezember, beteiligt waren Angels United, Gernot Singer, Michael Kamleitner sowie die Bitmovin-Gründer Stefan Lederer und Chris Müller.

“Wir hatten schon damals Mitarbeiter bei Kickscale, die alles selber planten.” Hier und da musste gekurbelt werden, aber “mit einem laufenden System kommst du über eine Downtime leichter hinweg, als wenn du es ganz alleine machen musst.”

Was Zankl aber wohl mitunter am stärksten am Laufen hält, ist es die Unterstützung seines Co-Gründers Markus Jenul, die eine mehrjährige Geschichte prägt:

“Markus war schon in der Uni jemand, der mich aufgebaut hat. Damals unter anderem nach dem Ende einer zehnjährigen Beziehung zu meiner ersten Freundin. Er war immer eine seelische Stütze. Mit niemandem macht es so viel Spaß, ein Business zu bauen, wie mit Markus. Er ist für mich die wichtigste Person, um Kickscale auch heute weiter zu treiben. Kudos an ihn für die Geduld mit mir und den Impact, den er in unserem Side Hustle erzielt.”

Der Founder widmet einen großen Teil des Kickscale-Erfolgs an Markus Jenul – und äußert im selben Atemzug eine Empfehlung für alle, die sich auf eine ähnliche Reise begeben wollen: “Ich empfehle jedem, einen Side Hustle gemeinsam zu starten. Auch, wenn man sich manchmal streitet. Das gehört dazu, macht das Ganze aber um einiges einfacher.”

Gerald Zankl und Dietmar Sternad bei der Veröffentlichung des Buches
„The Sales Skills“ (c) Gerald Zankl

Neben Co-Founder Jenul spielt auch Zankls Partnerin eine wesentliche Rolle im Balance-Akt zwischen Leben und Business: “Ohne das Verständnis von meinem engen Umfeld – allen voran meine Partnerin – wäre das nicht möglich. Ich hätte ohne sie auch nie einen zweiten Side Hustle – mein The Sales Skills Buch – schreiben können. Und hätte nie fast einen Monat am Stück in Amerika verbracht, während meine Partnerin im sechsten Monat schwanger war. Dafür bin ich extrem dankbar.”

Die obigen Zeilen verraten Vieles, das Lesende, Gründende und Mütter oder Väter von Kindern mitunter etwas verwundern möchte. Doch Zeiten ändern sich und Prioritäten verschieben sich. Nach jahrelangem Hustle hat auch Zankl gemerkt, dass seine Business-Journey andere Wege genommen hat:

“Ich glaube nicht, dass das langfristig zufrieden und glücklich macht, sich so intensiv auf die Arbeit zu fokussieren. Es braucht eine Balance zwischen Beruf, Familie, Freunden und dir selbst. Aber: Verständnis ist bei all dem einfach das Wichtigste. Ehrlicherweise arbeite ich immer noch mindestens 50 Stunden pro Woche, aktuell aber ohne Side-Hustle. Da merkst du, wer deine guten Freunde sind, wenn dir jemand nach einer längeren Kontakt-Pause am Telefon sagt: ‘Oh, wie schön, von dir zu hören!’”

Verständnis ist bei all dem das Wichtigste

Gerald Zankl zum Thema Side Hustle

Seiner anfangs sehr individuellen Sichtweise auf die Balance zwischen Arbeit und Familie ist sich Zankl bewusst. Und suggeriert mitunter auch, dass man als Side-Hustler durchaus eine “spezielle Persönlichkeit” haben sollte.

“Wenn du nicht die leichteste Person bist, ist es schwierig, in gewisse Rahmen zu fallen. Und zugleich auch leichter, nicht nine to five zu arbeiten, weil du Prozesse umdrehen und neu denken willst. Das habe ich von meinem Elternhaus mitbekommen, von unserem Familienunternehmen. Da kann es vorkommen, dass man den Beruf stellenweise der Familie überordnet. Aber du lernst genauso, dass du früher oder später eine Balance finden musst.”

Ein Erfolgsrezept für einen Side Hustle will Zankl schließlich nicht geben. Allerdings weiß der Kärntner aus Erfahrung: “Ein Side Business funktioniert wie eine Anmeldung beim Gym oder Cross Fit: Ich muss mir Termine im Kalender setzen und diese wirklich einhalten.”

Und: “Wenn du nach zwei Jahren noch nicht ready bist, all-in zu gehen, dann machst du es entweder nicht richtig oder willst es nicht. Man fällt schnell wieder in das Sicherheitsnetz des Full-Time-Jobs. Sobald du aber siehst, dass du dir dein eigenes Gehalt auszahlen kannst, auch wenn es gering ist, kommt der Ball ins Rollen. Abspringen musst du aber selbst, und das fällt vermutlich nicht leicht.”

Wenn du nach zwei Jahren nicht all-in gehst, machst du es entweder nicht richtig, oder willst es nicht.

Gerald Zankl

Dass Zankl dabei aus nüchterner Erfahrung spricht, lässt sich auch zahlenmäßig belegen: Als “angestellter Vertriebler” habe er im Jahresbrutto “um die 130.000” verdient. Mit dem Start des eigenen Startups sei er auf 25.000 jährliches Brutto zurückgegangen. “Das muss jedem bewusst sein: Ein guter Angestelltenjob ist anfangs schwer zu übertreffen. Auch für mich war der Absprung schwer.”

Schließlich ist ein Side Hustle ein gewisser Ausnahmezustand für Körper, Psyche und manchmal auch für (Berufs-)Beziehungen. Mittlerweile ist Zankl mit Kickscale einen Schritt weiter: Seinen Main Hustle kombiniert er mit Zeit für Familie und für Projekte wie sein Buch. Mit einem ordentlichen Maß an Hustle-Erfahrung rät er Gründer:innen, die Selbiges versuchen, sowohl Balance, tiefe Beziehungen als auch das ein oder andere Frühstücks-Date zu pflegen. Und schließlich den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, um aus dem Side Hustle einen Main Hustle zu machen.

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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Gerald Zankl über sein Side Hustle: „Man ist gefühlt immer kurz vor dem Burnout“