04.10.2024
AUSGEBRANNT

Gerald Zankl über sein Side Hustle: „Man ist gefühlt immer kurz vor dem Burnout“

...nach einem halben Off-Tag hätte er sich allerdings wieder erholt. Das sagt Gerald Zankl von seinem Ex-Side-Hustle und heutigen Scaleup Kickscale. Wie der Gründer und frühere Bitmovin-Sales-Experte ein Side Business neben einem 80-Stunden-Job hochzog und wozu er aus Erfahrung nicht rät.
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Gerald Zankl am Sales Summit in Hamburg (c) Gerald Zankl

“Darf’s ein bisserl mehr sein?” Knapp zwei Minuten nach acht Uhr morgens an einem Samstag ist die Schlange wenig überraschend lang. Es duftet nach Topfengolatschen, Brioche-Kipferln und frisch gebrühtem Kaffee. An der Vitrine können sich hungrige Frühstücksesser kaum satt sehen: Pariser Kipferln, Mohnweckerln, Nusschneckerln und bezuckerte Marillenkrapferl.

“Darf’s ein bisserl mehr sein?”, ertönt es erneut aus der Bäcker-Vitrine. “Äh, nein danke, das war alles. Mit Karte bitte.” Gerald Zankl bleibt wenig Zeit zum Bargeld suchen, geschweige denn zum Frühstücken. Um neun Uhr steht ein Meeting an, bis zwölf will er seine Beratungs-Sessions für die kommende Woche planen.

Anstatt sich neben andere auf die Bäcker-Terrasse zu setzen, geht es für Gerald Zankl an den Schreibtisch. Sales steht an. Oder vielmehr: Sales-Beratung. Denn dafür blieb unter der Woche wenig Zeit. Schließlich hat er einen Full-Time-Job, den er liebt. Genauso wie seinen Side Huste. Also muss der Samstag herhalten.

Zur Verwunderung einiger tut Zankl gerade das, was er genießt: Er genießt es zu arbeiten – wenn auch wenig Raum für samstägliche Frühstücks-Verabredungen oder Bargeldzahlungen bleibt.

Zankls Wochenend- und spätabendliche Working Sessions machten sich bezahlt. Heute, gut vier Jahre später, hat der gebürtige Kärntner sein Business Kickscale, ein Startup für KI-gestützte Kundeneinblicke und Automatisierungen in Verkaufsgesprächen, aufgebaut. Und macht dies nun Vollzeit, mit Lebenspartnerin und jungem Familienzuwachs an der Seite. Das war aber nicht immer so.

Gerald Zankl am Sales Summit in Hamburg (c) Gerald Zankl

Um zu verstehen, warum sich Zankl mehrere Jahre nur für Sport und streng ausgewähltes Socializing von der Arbeit löste und wie ein Side Hustle intensive Liebesbeziehungen im Guten trennen kann, braucht es einen erklärenden Rückblick. Also los.

Gerald Zankl besuchte die HTL Villach in Kärnten, wo er einen der erfolgreichsten österreichischen Tech-Founder, Stefan Lederer, kennenlernte. Lederer baute das auf, was heute als Bitmovin bekannt ist – und lenkt heute eine der weltweit führenden Multimedia-Streaming-Plattformen.

Wir schreiben das Jahr 2011. An der Klagenfurter Alpen-Adria-Universität trifft Zankl seinen späteren Co-Founder Markus Jenul. Schon im Uni-Englischkurs wussten die beiden, dass sie gemeinsam gründen wollen. Was als Business Plan im Uni-Kurs startete, entpuppte sich acht Jahre und einem mehrjährigen Side Hustle später als eigenes Startup.

Damals, als Zankl 2011 mit Jenul ins Gespräch kam, wusste man weder von Kickscale, noch davon, dass Lederers späteres Tech-Startup sowohl Zankl als auch Jenul beheimaten und die globale Streaming-Branche aufwirbeln werde.

Drei Jahre später, 2014, sind Video-Streaming-Plattformen zwar noch nicht ganz “in”. Sie zu nutzen ist in Kenner-Kreisen aber ein geheimer Wettbewerbsvorteil. Im selben Jahr stieg Zankl als Business Development Manager bei Bitmovin ein, das 2013 von Stefan Lederer, Christopher Müller und Christian Trimmer gegründet worden war. Sieben Jahre trieb Zankl dort Vertrieb und Marketing voran.

Das Geschäft kam ins Rollen, Zankl lief mit. Sei es die Begeisterung an seiner Tätigkeit oder die Kunst des Verkaufens, die ihm schon als Student in den Schuhen lag: Der Sales-Experte holte weitere Talente an Bord. Darunter sein bester Uni-Freund Jenul, der später eine wesentliche Rolle in seinem Side Hustle spielen sollte.

“Ich habe das Unternehmen geliebt. Es war wirklich eine Liebesbeziehung. Ich hatte prinzipiell nie den Gedanken, das Unternehmen zu verlassen. Weil das Team der supercoole Wahnsinn war. Bitmovin hat alles erfüllt, was es erfüllen kann und ist auch heute noch ein super Unternehmen.”

Doch viele einst Frisch-Verliebte wissen: Die Rosarote-Brille-Phase vergeht. Irgendwann kehrt aber Alltag und Gewohnheit ein. Ohne es zu wissen, wartete der nächste Streich auf den Entrepreneur: Ein Side Hustle, eine Nebentätigkeit. Etwas, das seinen Karriereweg in einer unverkennbaren Weise pflastern würde und ihn später sogar die Beziehung zu Bitmovin beenden ließ.

Die Kickscale Gründer Markus Jenul, Herwig Gangl und Gerald Zankl (c) Gerald Zankl

“Bitmovin hat sehr gut performt. Immer mehr Leute haben uns gefragt: Wie habt ihr eure Prozesse aufgesetzt? Wie skaliert ihr? Wie akquiriert ihr Kunden? Irgendwann hat Stefan (Anm.: Co-Founder von Bitmovin) in diesen Fragen einfach nur noch auf mich verwiesen. Und so habe ich begonnen, Sales-Beratung zu betreiben”, erinnert sich Zankl.

Durch genau jene Tätigkeit, die er bei Bitmovin täglich perfektionierte, war Zankls Side Business geboren: Die Beratung von Sales-Leuten mit Sales-Strategien. Nicht lange dauerte es, bis er seinen ersten Side-Workshop verrechnete, gemeinsam mit seinem späteren Co-Founder und Bitmovin-Marketingleiter Markus Jenul.

Der Ball kam ins Rollen – nicht zuletzt auf Empfehlung eines Kunden und weiteren späteren Co-Founders, Herwig Gangl. Es wurden Workshops verkauft, Messeauftritte geplant und Abläufe optimiert, um möglichst viel Profit zu erzielen. Und das, obwohl Zankl und Jenul immer noch bei Bitmovin in Führungsrollen tätig waren.

Wir schreiben das Jahr 2019. Der Side Hustle rollte schneller, aber eben auch nur als Side Hustle. Dennoch zählte das Side-Business bereits erste Mitarbeitende. “Einmal in der Woche gab es einen Check-in-Call und ein paar Sachen zum Vorbereiten. Fünf bis zehn Stunden haben wir uns pro Woche dafür rausgenommen.”

Genau jenes Stundenausmaß sieht Zankl auch als “unbedingt notwendig, wenn man ein Side Business hochziehen will. Wenn ich nicht mal eine Stunde pro Tag frei räumen kann, dann sollte ich das Ganze hinterfragen.

Wenn ich nicht mal eine Stunde pro Tag freiräumen kann, dann sollte ich das Ganze hinterfragen

Gerald Zankl zum Thema Side Hustle

Von nur einer Stunde war aber selten die Rede: “Ich habe um acht Uhr morgens zu arbeiten begonnen und um zehn Uhr abends aufgehört”, erzählt Zankl von der Bitmovin-Side-Hustle-Kombi. “Die härteste Zeit mit meinem Side Hustle hatte ich von 2019 bis 2021. Es war nur Arbeit, aber es war notwendig. Es war ein Flow, den ich mit nichts tauschen würde. Wenn du die Vision hast, dass du was Eigenes machen willst, dann solltest du nicht in dem Glauben leben, dass dir das alles zufliegt.”

Wenn du die Vision hast, was Eigenes zu machen, dann solltest du nicht in dem Glauben leben, dass dir alles zufliegt.

Gerald Zankl

Arbeitsfreie Zeit nahm sich Zankl nur für “Sport dazwischen” und manchmal für “Soziales”. Immerhin sind Gründer:innen auch Menschen mit Bedürfnissen wie Sicherheit, Abwechslung, sozialer Austausch und Verbindung.

All diese Bedürfnisse wurden bei Bitmovin und Side Hustle gedeckt – mit Leuten, mit denen sich Zankl am ehesten identifizierte. Gänzlich sozial isoliert habe sich Zankl aber nicht: “Ich habe gewisse Dinge schon gemacht, aber mich auf bestimmte Erlebnisse fokussiert. Das klassische ‘Geh ma einen Kaffee trinken’ gabs halt nur im Business-Kontext. Natürlich habe ich mich mit vielen Leuten ausgetauscht, aber primär nur businessmäßig.”

Dieses klassische ‘Geh ma einen Kaffee trinken’ gab es nur im Business-Kontext.

Gerald Zankl

Für Zankl war das ein Erfolgsrezept, mit dem er an seinem Credo festhielt. Und es brauchte Sozialkontakte, die unterstützen: “Jeden Freitag, Samstag und Sonntag zu socializen geht nicht. Das Umfeld muss verstehen, wenn ich den halben Samstag arbeite und dann schlafe. Sonst verliert man schnell Sozialkontakte. Da hatte ich echt Glück. Sowohl mit den Bitmovin-Gründern, als auch mit meiner Familie, meinen Freunden und meiner Partnerin. Kudos an ihre Geduld mit mir.”

Seine heutige Partnerin und Mutter seines Kindes lernte er in einem terminfreien 22-Uhr-Slot kennen. Dass sein Kalender ein Treffen überhaupt zuließ, sei Glück gewesen, erinnert sich der Vertriebler.

Ein Jahr hielt Zankl diesen Modus durch, den viele als Burnout-ähnlichen Zustand beschreiben würden. Die Sechs- bis Sieben-Tage-Wochen, die 80 bis 100 Arbeitsstunden und ein limitiertes Maß an Ablenkung trugen allmählich Früchte. “Aber es war echt hart”, gibt Zankl zu. “Man ist gefühlt immer kurz vorm Burnout, wenn man zwei Rollen macht. Ich bin halt der Typ, ich brauche einen halben Tag off und dann bin ich wieder zwei Monate weg vom Burnout-Stadium.”

Zur Erholung wurde an einem besagten “halben Tag off” geschlafen. Meistens sonntags, manchmal auch in der U-Bahn auf der Oberseite seines Koffers. “Ich war damals echt durch. Das war schon eine Downside. Ich habe an den Wochenenden gearbeitet und ein bisschen Sport gemacht. Und ansonsten geschlafen.”

Gänzlich befürworten kann Zankl diese Vorgehensweise nicht: “Für mich hat es funktioniert, aber ich bin aus diesem Modus wieder raus. Ich würde nicht sagen, dass das der Blueprint ist, den man für einen coolen Side Hustle braucht.”

Ich würde nicht sagen, dass das der Blueprint ist, den man für einen coolen Side Hustle braucht.

Gerald Zankl

Auf die Frage, ob jeder Mensch einen Side Hustle in dieser Intensität aufbauen könne, antwortet Zankl mit einem klaren “Ja.” Allerdings unter der Voraussetzung: “Du musst Prioritäten setzen.” Die Kunst sei auch, Interessenskonflikte mit zunehmendem Alter geschickt zu lösen: “Du musst zu gewissen Leuten oder Aktivitäten nein sagen. Mit zwei Wochen reinem Urlaub wird’s schwierig.”

Und: “Du musst manchmal über deine Grenzen gehen, um deine Grenzen zu kennen. Man muss seine Zeitressourcen optimal einsetzen, und das haben wir mit unserem Side Hustle sehr gut gemacht. Vielleicht sogar besser als heute, wo wir selbstständig sind. Denn damals hatten wir Druck, da hat niemand getrödelt.”

Der Hustle lohnte sich: Der Glaube an die Nebentätigkeit war so groß, dass man 2020 den Schritt aus dem goldenen Käfig wagte und eine OG gründete: “Herwig Gangl meinte damals zu Markus und mir: ‘Hey, warum gründen wir nicht zu dritt ein Unternehmen?’”

Zuspruch von außen half in der Entscheidungsfindung. “Kudos an Herwig”, meint Zankl dazu heute. Co-Founder Gangl habe die Bitmovin-Hustler dazu gepusht, sich aus ihrem goldenen Käfig in Richtung eigener Gründung zu bewegen. Zankl verließ schließlich im September 2021 Bitmovin, Markus Jenul folgte ein halbes Jahr später.

Die ersten Kickscale Gründer Herwig Gangl, Gerald Zankl und Markus Jenul (c) Gerald Zankl / Kickscale

Im September 2021 gründeten Zankl und Jenul – mit Co-Founder Herwig Gangl und dem ersten Entwickler Fabian Riedlsperger an Bord – das Startup Kickscale. Dabei handelt es sich um eine KI-gestützte Conversation Intelligence Plattform zur Analyse von Kundengesprächen. Der Side Hustle wurde zum Main Hustle. Mit gleicher Ambition, gleichem Arbeitspensum und ähnlicher Vision, aber mit nur einem Fokus.

Gemeinsam perfektionierte man das, was schon seit 2019 als Nebentätigkeit heranwuchs: “Das Consulting Business lief sehr gut und wir erzielten Gewinne, die wir in die Entwicklung unserer Software-Plattform re-investierten.” Doch der Erfolg der besagten Plattform blieb aus, bis sich das Team im September 2023 einen Monat in den USA Inputs holte. Und zur selben Zeit auch “unseren ersten angestellten Entwickler, Fabian Riedlsperger, zum Chief Technology Officer (CTO) und Co-Founder machten.”

Von dort an ging es mit der KI-Plattform aufwärts. Investments folgten im Dezember, beteiligt waren Angels United, Gernot Singer, Michael Kamleitner sowie die Bitmovin-Gründer Stefan Lederer und Chris Müller.

“Wir hatten schon damals Mitarbeiter bei Kickscale, die alles selber planten.” Hier und da musste gekurbelt werden, aber “mit einem laufenden System kommst du über eine Downtime leichter hinweg, als wenn du es ganz alleine machen musst.”

Was Zankl aber wohl mitunter am stärksten am Laufen hält, ist es die Unterstützung seines Co-Gründers Markus Jenul, die eine mehrjährige Geschichte prägt:

“Markus war schon in der Uni jemand, der mich aufgebaut hat. Damals unter anderem nach dem Ende einer zehnjährigen Beziehung zu meiner ersten Freundin. Er war immer eine seelische Stütze. Mit niemandem macht es so viel Spaß, ein Business zu bauen, wie mit Markus. Er ist für mich die wichtigste Person, um Kickscale auch heute weiter zu treiben. Kudos an ihn für die Geduld mit mir und den Impact, den er in unserem Side Hustle erzielt.”

Der Founder widmet einen großen Teil des Kickscale-Erfolgs an Markus Jenul – und äußert im selben Atemzug eine Empfehlung für alle, die sich auf eine ähnliche Reise begeben wollen: “Ich empfehle jedem, einen Side Hustle gemeinsam zu starten. Auch, wenn man sich manchmal streitet. Das gehört dazu, macht das Ganze aber um einiges einfacher.”

Gerald Zankl und Dietmar Sternad bei der Veröffentlichung des Buches
„The Sales Skills“ (c) Gerald Zankl

Neben Co-Founder Jenul spielt auch Zankls Partnerin eine wesentliche Rolle im Balance-Akt zwischen Leben und Business: “Ohne das Verständnis von meinem engen Umfeld – allen voran meine Partnerin – wäre das nicht möglich. Ich hätte ohne sie auch nie einen zweiten Side Hustle – mein The Sales Skills Buch – schreiben können. Und hätte nie fast einen Monat am Stück in Amerika verbracht, während meine Partnerin im sechsten Monat schwanger war. Dafür bin ich extrem dankbar.”

Die obigen Zeilen verraten Vieles, das Lesende, Gründende und Mütter oder Väter von Kindern mitunter etwas verwundern möchte. Doch Zeiten ändern sich und Prioritäten verschieben sich. Nach jahrelangem Hustle hat auch Zankl gemerkt, dass seine Business-Journey andere Wege genommen hat:

“Ich glaube nicht, dass das langfristig zufrieden und glücklich macht, sich so intensiv auf die Arbeit zu fokussieren. Es braucht eine Balance zwischen Beruf, Familie, Freunden und dir selbst. Aber: Verständnis ist bei all dem einfach das Wichtigste. Ehrlicherweise arbeite ich immer noch mindestens 50 Stunden pro Woche, aktuell aber ohne Side-Hustle. Da merkst du, wer deine guten Freunde sind, wenn dir jemand nach einer längeren Kontakt-Pause am Telefon sagt: ‘Oh, wie schön, von dir zu hören!’”

Verständnis ist bei all dem das Wichtigste

Gerald Zankl zum Thema Side Hustle

Seiner anfangs sehr individuellen Sichtweise auf die Balance zwischen Arbeit und Familie ist sich Zankl bewusst. Und suggeriert mitunter auch, dass man als Side-Hustler durchaus eine “spezielle Persönlichkeit” haben sollte.

“Wenn du nicht die leichteste Person bist, ist es schwierig, in gewisse Rahmen zu fallen. Und zugleich auch leichter, nicht nine to five zu arbeiten, weil du Prozesse umdrehen und neu denken willst. Das habe ich von meinem Elternhaus mitbekommen, von unserem Familienunternehmen. Da kann es vorkommen, dass man den Beruf stellenweise der Familie überordnet. Aber du lernst genauso, dass du früher oder später eine Balance finden musst.”

Ein Erfolgsrezept für einen Side Hustle will Zankl schließlich nicht geben. Allerdings weiß der Kärntner aus Erfahrung: “Ein Side Business funktioniert wie eine Anmeldung beim Gym oder Cross Fit: Ich muss mir Termine im Kalender setzen und diese wirklich einhalten.”

Und: “Wenn du nach zwei Jahren noch nicht ready bist, all-in zu gehen, dann machst du es entweder nicht richtig oder willst es nicht. Man fällt schnell wieder in das Sicherheitsnetz des Full-Time-Jobs. Sobald du aber siehst, dass du dir dein eigenes Gehalt auszahlen kannst, auch wenn es gering ist, kommt der Ball ins Rollen. Abspringen musst du aber selbst, und das fällt vermutlich nicht leicht.”

Wenn du nach zwei Jahren nicht all-in gehst, machst du es entweder nicht richtig, oder willst es nicht.

Gerald Zankl

Dass Zankl dabei aus nüchterner Erfahrung spricht, lässt sich auch zahlenmäßig belegen: Als “angestellter Vertriebler” habe er im Jahresbrutto “um die 130.000” verdient. Mit dem Start des eigenen Startups sei er auf 25.000 jährliches Brutto zurückgegangen. “Das muss jedem bewusst sein: Ein guter Angestelltenjob ist anfangs schwer zu übertreffen. Auch für mich war der Absprung schwer.”

Schließlich ist ein Side Hustle ein gewisser Ausnahmezustand für Körper, Psyche und manchmal auch für (Berufs-)Beziehungen. Mittlerweile ist Zankl mit Kickscale einen Schritt weiter: Seinen Main Hustle kombiniert er mit Zeit für Familie und für Projekte wie sein Buch. Mit einem ordentlichen Maß an Hustle-Erfahrung rät er Gründer:innen, die Selbiges versuchen, sowohl Balance, tiefe Beziehungen als auch das ein oder andere Frühstücks-Date zu pflegen. Und schließlich den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, um aus dem Side Hustle einen Main Hustle zu machen.

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Codesphere-Gründer Elias Schneider | (c) brutkasten / Dervisevic
Codesphere-Gründer Elias Schneider | (c) brutkasten / Dervisevic

„Es hat sich noch nie so echt angefühlt, wirklich eine Alternative zu den US-Hyperscalern bauen zu können”, sagt Elias Schneider, Gründer und CEO von Codesphere, im brutkasten-Talk über die aktuelle Dynamik auf dem europäischen Cloud-Markt. Das deutsche Scaleup will mit seinem Modell den großen US-Anbietern die Stirn bieten.

Deutsche Regierungsinstitutionen als Referenzkunden

„Wir bauen einen virtuellen Cloud-Provider, also nicht den gesamten Stack eines Hyperscalers mit Rechenzentren und Servern, sondern quasi nur die Software“, erklärt Schneider. Damit konnte man bereits denkbar namhafte Kunden gewinnen: Das System kommt etwa in unterschiedlichen souveränen Plattformen der deutschen Bundesregierung zum Einsatz. Über das Plattform-Modell funktioniere das Angebot wie ein App-Store für jegliche Infrastruktur, sagt der Gründer. Damit könne Software beschleunigt beschafft und im kritischen Infrastrukturmarkt betrieben werden.

Dass Codesphere als europäischer Technologieanbieter auch im direkten Wettbewerb mit etablierten US-Konzernen bestehen kann, erläutert Schneider an einer kürzlich erfolgten Großausschreibung: „Wir haben gemeinsam mit der Schwarz-Gruppe, der Telekom und anderen Partnern eine Ausschreibung für die KI-Plattform der deutschen Bundesregierung im Wert von 250 Millionen Euro gewonnen – und das auch gegen Google.“ Die zuletzt gewonnenen Rahmenverträge des Unternehmens beliefen sich auf ein Gesamtvolumen von mehr als 500 Millionen Euro. „Das eigentliche Hauptargument, heute keine europäischen Lösungen zu kaufen, ist, dass sie nicht so viele Managed Services anbieten können wie die US-Hyperscaler. Dieses Bundle aufzubrechen, geht nur mit starken Partnerschaften in Europa und wenn wir es schaffen, dass man alles zusammen macht.“

“Einer unserer größten Skalierungs-Blocker”

Die Motivation für die Nutzung souveräner Plattformen begründet Schneider mit zentralen Sicherheits- und Wirtschaftsfragen. „Es geht einmal um Autonomie und darum, dass die Infrastruktur der kritischen Infrastruktur dem Bund gehört und man nicht von US-Lösungen abgeklemmt werden kann.“ Gleichzeitig schränke die Aufsplitterung des europäischen Marktes das Wachstum heimischer Unternehmen bisher stark ein. In den USA existierten einheitliche politische Interessen und dieselbe Regulatorik für einen riesigen Markt. In Europa gebe es hingegen pro Land, Bundesland und Sektor unterschiedliche politische Interessen sowie abweichende Regeln. „Das ist einer unserer größten Skalierungs-Blocker, weil wir in Europa keinen Markt haben, der groß genug ist, um Unternehmen zu bauen, die 100 oder 1.000 Milliarden wert sind. Und das liegt daran, dass wir zu wenig miteinander arbeiten.“

Elias Schneider (r.) im brutkasten-Studio mit Dejan Jovicevic | (c) brutkasten / Dervisevic

Um diese Hürden zu überwinden, spiele die öffentliche Hand als Auftraggeber eine Schlüsselrolle. Vor der veränderten geopolitischen Lage habe sich Codesphere zunächst auf regulatorisch anspruchsvolle Nischen und die kritische Infrastruktur fokussiert – wie etwa beim Gefängnis-Telefoniedienstleister Lawful Intercept oder der Staatsbank Baden-Württemberg. „Bei der kritischen Infrastruktur konnten Kunden aus regulatorischen Gründen nicht mit US-Anbietern arbeiten, weil es zu unflexibel war.“ Als sich die geopolitische Lage drehte und der Wandel einsetzte, profitierte Codesphere davon, dass das eigene Produkt diese strengen Sicherheitsstandards und Zertifizierungen aus den Nischenprojekten bereits erfüllte und gehärtet war.

Er wünsche sich, dass der Staat jungen Unternehmen frühzeitig als verlässlicher Ankerkunde zur Seite stehe, sagt Schneider. „Der Staat kann sehr helfen, gerade bei frühphasigen Startups, um die Sicherheit aufzubauen, dass das Startup nicht in sechs Monaten pleite ist. Es braucht keine Förderungen, sondern echte Aufträge, die dazu führen, dass man die Referenz hat, um den Rest der kritischen Infrastruktur zu gewinnen.“

“Sollten Importweltmeister von europäischen Lösungen werden”

Kritisch bewertet Schneider die europäische Neigung, digitale Souveränität primär über Regulierungen und Risikovermeidung zu definieren. „Wir denken viel zu viel darüber nach, was schiefgehen könnte, wenn wir in moderne Technologie investieren. Unsere Währung ist viel zu sehr Blame und wir haben viel zu viel Angst, etwas falsch zu machen.“ Anstatt sich lediglich auf Anwendungsschichten oder Regularien wie die DSGVO zu beschränken, müsse Europa mutig in Kerntechnologien wie Cloud-Infrastrukturen, Kernfusion oder eigene KI-Modelle investieren.

Schneider erzählt eine Anekdote: Auf einer Konferenz habe eine Meta-Vertreterin gefordert, Europa solle bloß „Adoption-Weltmeister“ werden, worauf sein Chief of Staff sarkastisch gefragt habe, ob man stattdessen “Importweltmeister” werden wolle. Schneider warnt davor, sich mit einer reinen Konsumentenrolle abzufinden: „Ich glaube schon, dass Deutschland Importweltmeister werden sollte, allerdings von europäischen Lösungen.“ Dafür müsse ein offener Binnenmarkt geschaffen werden, damit globale Player entstehen können.

Von den USA zurück nach Europa

Seinen Firmensitz verlegte Codesphere über einen sogenannten Reverse Flip bewusst von den USA als Europäische Aktiengesellschaft nach Europa zurück – vor allem, weil Schneider durch die geopolitische Wende im europäischen Staats- und Sicherheitssektor eine enorme Marktchance sah. Unabhängig davon bleibe der Kapitalmarkt ein Nadelöhr für das Wachstum europäischer Scaleups. Dabei konnte Codesphere selbst bisher rund 40 Millionen Euro an Gesamtkapital aufnehmen – darunter knapp 30 Millionen Euro in einer Series-A-Finanzierungsrunde unter Führung des Investors Creandum.

Dennoch bestehe beim Thema Wachstumskapital in Europa weiterhin Nachholbedarf: „Wir haben wahrscheinlich ungefähr zehn große europäische Wachstumsinvestoren – das ist schlichtweg zu wenig, um als Gründer echten Wettbewerb in den Verhandlungen zu haben.“ Zwar sei es vorübergehend akzeptabel, internationales Kapital ohne Kontrollrechte zu nutzen, doch brauche Europa nachhaltige eigene Strukturen. „Wir brauchen unbedingt einen europäischen Kapitalmarkt, und zwar so schnell es geht. Wir müssen dahin kommen, dass wir einen Börsengang mit einem attraktiven Bewertungsmultiple machen können, was die Börse in Frankfurt heute nicht bietet.“

Trotz der Herausforderungen blickt Schneider aber optimistisch auf die Zukunft des Standorts. Durch grenzüberschreitende Kooperationen und gemeinsame Beschaffung lasse sich das vorhandene Talent in Europa erfolgreich nutzen. „Wir müssen mehr zusammenarbeiten, uns mehr gegenseitig unterstützen, mehr voneinander einkaufen – sowohl politisch als auch in der Industrie.“ Wenn die Politik helfe, Barrieren abzubauen und grenzüberschreitend zusammenzuarbeiten, könnten in Europa auch echte globale Player skalieren.

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