10.02.2025
TTTECH

Georg Kopetz: „Wir müssen in Europa Börsenplätze digital verbinden“

Interview. Die Fragmentierung des europäischen Kapitalmarktes stellt große Hürden für Tech-Unternehmen dar. TTTech-Mitgründer und CEO Georg Kopetz liefert im Gespräch mit brutkasten einen Vorschlag, wie der Kapitalmarkt gestärkt werden könnte.
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Georg Kopetz, Co-founder und CEO von TTTech | Foto: TTTech/Robert Fritz

Anfang Jänner verkündete TTTech den Verkauf seiner Autosparte TTTech Auto an den niederländischen Chip-Hersteller NXP (brutkasten berichtete). Im Gespräch mit brutkasten erläutert TTTech-Mitgründer und CEO Georg Kopetz, warum das Unternehmen entgegen ursprünglicher Pläne keinen Börsengang (IPO) anstrebte, sondern sich für einen strategischen Exit entschied. Diese Entscheidung fiel vor dem Hintergrund eines angespannten Kapitalmarktumfelds in Europa und der Notwendigkeit, rasch globale Präsenz aufzubauen. Zudem äußert sich Kopetz zur fragmentierten europäische Kapitalmarktsituation und beleuchtet, welche Hürden es aktuell für europäische Tech-Unternehmen bei einem Börsengang gibt.


brutkasten: Sie haben gesagt, dass es wichtig ist, in Zeiten wie diesen ausreichend Eigenkapitalmittel zu haben. Der Venture-Capital-Markt steht aktuell sehr unter Druck. War der Verkauf von TTTech Auto die einzige Option, die TTTech hatte?

Georg Kopetz (TTTech): Nein, gar nicht. Wir haben vor fünf Jahren entschieden, dass die Autosparte von TTTech – um weltweit skalieren zu können – globale Partner braucht. Damals haben wir mit der Konstellation Samsung und Audi begonnen, davor war auch schon Infineon dabei, und später folgte dann die Kapitalerhöhung mit Aptiv. Eigentlich war es schon das Ziel, mit der Autosparte an die Börse zu gehen. Jetzt hat sich das Börsenumfeld aber leider nicht so entwickelt, vor allem in Europa, und es wäre offensichtlich nicht leicht gewesen, an die Börse zu gehen.

Aber wie wir heute gehört haben – der Automobil-Markt, zeigt, dass das Software-defined Vehicle nun Einzug hält. Jetzt passiert die Umstellung. Wenn wir jetzt keine globale Präsenz haben und nicht weltweit wahrgenommen werden, wird unsere Software nicht in die Fahrzeuge integriert werden. Deswegen haben wir geschaut, welcher Partner uns beim Skalieren helfen kann.

Es war auch so, dass Investoren auf Gruppenebene natürlich immer gefragt haben: „Was ist der Wert der TTTech Auto, wo geht die Reise hin und wie geht es weiter?“ Der Verkauf der TTTech-Anteile an der TTTech Auto an NXP hilft sicherlich auch bei der Finanzierung der TTTech-Gruppe. Generell wurde die Entscheidung aber aufgrund der Marktchancen getroffen und nicht wegen irgendwelcher Finanzierungsnöte.

Wir haben ja auch kürzlich das Joint Venture mit dem Verbund angekündigt,  das wir jetzt TTTech Zyne nennen. Dort trägt der Verbund das Energiemarkt-Know-How und die vertriebliche Unterstützung bei, und wir bringen technisches Knowhow, Entwicklungsressourcen und bestehende reife Technologien ein.

Für uns ist Finanzierung über Beteiligungsgesellschaften ein bewährter Weg, den wir in den letzten Jahren gegangen sind und der auch erfolgreich war. Jetzt haben wir zusätzlich die Möglichkeit, auf Gruppenebene neue Finanzinitiativen zu setzen, und das werden wir auch tun.

Unter anderem haben Sie auch angesprochen, dass Europa im Bereich “Safety and Security” ein Alleinstellungsmerkmal hat. Was sind die Gründe dafür?

Georg Kopetz: Die Gründe liegen  in den europäischen Regularien. Wir kritisieren sie oft, zu Recht auch, weil es sehr viele sind. Aber gerade im Bereich Safety haben wir in Europa relativ früh Standards verabschiedet, die inzwischen Weltstandards geworden sind. Im Bereich funktionale Sicherheit haben wir vor 15 Jahren weltweit das erste Steuergerät für mobile Off-Highway-Steuerungen auf den Markt gebracht, das diese Standards erfüllt hat. Wir haben uns also sehr früh damit auseinandergesetzt.

Heute müssen alle Unternehmen, die nach Europa exportieren wollen, diese Safety- und Security-Standards einhalten. Das ist für Europa eine große Chance, sich in diesem Bereich zu differenzieren. Und die führenden Unternehmen im Bereich Safety und Security sitzen in Israel und Europa. Unser Ziel ist es, in diesem Bereich weiter zu investieren, insbesondere auch im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz (AI) in Bezug auf Safety und Security, und das entsprechend zu nutzen.

Ein großes Thema ist natürlich auch Donald Trump und seine Ankündigungen in Bezug auf Handelspolitik und Strafzölle. Sie haben erwähnt, wir müssten „amerikanischer“ werden. Wie passt das zusammen?

Wir sind heute schon mit TTTech sehr stark in den USA vertreten. Wir machen 75 Prozent des Umsatzes im Luft- und Raumfahrtbereich in den USA. Wir haben ein eigenes Büro in Houston, Texas, gegenüber dem NASA-Johnson-Space-Center, und wir haben auch ein Büro in der Nähe von Boston. Uns ist es sehr wichtig, unsere Geschäftsaktivitäten in den USA zu stärken, weil dort sehr viel Optimismus herrscht und viel in Technologie investiert wird. Die amerikanischen Kunden wünschen sich Spitzentechnologien aus Europa, und das ist primär das Wichtigste.

Schwieriger wird es in Bereichen, in denen es in den USA Konkurrenz geben könnte. Da werden die USA vermutlich amerikanische Unternehmen bevorzugen. Aber ich glaube, bei Spitzentechnologien, für die es keine Alternative in den USA gibt, haben europäische Unternehmen  sehr  gute  Chancen. Wir liefern zum Beispiel Netzwerktechnik für das NASA-Artemis Programm, u.a. die Gateway Raumstation und die NASA Orion Raumkapsel oder für Raumfahrtunternehmen im New Space Bereich. Wir wollen also mit unserer Technologie in Amerika punkten.

Besteht die Gefahr, dass TTTech von Strafzöllen betroffen sein könnte, oder umgeht man das, indem man vor Ort in Houston oder Boston produziert?

Die Wertschöpfung wird in den USA sicherlich stärker werden. Aber es ist generell die Frage, wo in einem industriellen Konzern die Wertschöpfung entsteht. Natürlich beeinflusst das auch die Lokalisierung von Arbeitsplätzen. Wir werden sicherlich auch prüfen, wo wir investieren. In Österreich hatten wir in den letzten Jahren einen starken Anstieg der Kosten. Trotzdem werden wir uns nicht von Österreich abwenden. Wir haben unser Headquarter in Österreich und werden das auch nicht in die USA verlagern.

Wenn wir den Weg in Richtung Kapitalmarkt gehen, möchten wir unbedingt versuchen, den europäischen Kapitalmarkt zu stärken. Wir haben in Europa – und speziell in Österreich – im Technologiebereich einfach zu wenige Erfolgsgeschichten an der Börse. Es gibt ein paar Technologieunternehmen an der Börse, wie AT&S, ams Osram, Frequentis oder Kapsch, um nur einige zu erwähnen, aber das sind sicherlich zu wenige. Wir wollen auch dazu beitragen, in Österreich und Europa am Kapitalmarkt etwas aufzubauen.

Für den Luft- und Raumfahrtsektor von TTTech wäre ein IPO also eine Option?

Langfristig ist das eine Option. Wir müssen kapitalmarktfähig sein, um große Investoren zu gewinnen. Das haben wir auch bei der Autosparte gelernt. Kapitalmarktfähigkeit ist ein Muss. Ob wir dann an die Börse gehen oder nicht, hängt vom Umfeld und von unseren Unternehmenszahlen ab. Zurzeit ist beides in Europa schwierig.

Aber wir sehen, dass sich in Europa im Bereich Luft- und Raumfahrt in den nächsten Jahren viel tun wird und wir in Europa mehr Geschäfte generieren werden. Allerdings machen wir 75 Prozent unseres Umsatzes in diesem Bereich in den USA. Ob ein Börsengang möglich wird, ist auch ein wenig eine Glücksfrage und hängt natürlich vom Geschäftsverlauf und vom Marktumfeld ab.

Warum hat man bei TTTech Auto einen strategischen Exit gewählt?

Bei der Autosparte war der Weg über den strategischen Exit an NXP sicherlich besser als ein Börsengang, weil wir über NXP einen breiteren Marktzugang gewinnen werden. Bei einem Börsengang ist nämlich immer die Frage, wer die Aktionäre sind. 

Wenn man in Europa auf die Kapitalmärkte schaut, sind sie natürlich fragmentiert. Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um das zu verbessern?

Georg Kopetz: Ich glaube, die Antworten sind relativ offensichtlich: eine europäische Kapitalmarktunion. Ich finde es immer kurios, dass wir immer noch von verschiedenen Börsenplätzen reden, obwohl wir alle virtuell mit den Wertpapieren handeln. Eigentlich müssten wir über eine digitale Technologieplattform in Europa reden, die von Paris über London, Rom und Mailand bis hin nach Frankfurt reicht – und Wien natürlich auch einschließt. Dort könnte man über eine europäische Technologiebörse nachdenken, statt sich nur national zu definieren. Auch das Vereinigte Königreich könnte man da wieder einbinden. Man bräuchte nur eine digitale Plattform, es kann dann überall  ein Gebäude geben, auf dem „Europäische Technologiebörse“ steht. 

Deswegen müssen wir unbedingt versuchen, in Europa die Börsenplätze digital zu verbinden und pro Aktie und Ticker-Symbol eine weit höhere Liquidität für den Wertpapierhandel zu generieren.. Parallel könnte man natürlich immer noch über eine Quotation in New York nachdenken, falls wir es in Europa nicht schnell genug schaffen. Viele europäische Tech-Unternehmen wie NXP oder Mobileye in Israel sind an der New Yorker Börse,  wegen der Liquidität und der höheren Marktkapitalisierung, die dort erreichbar ist.

Sie haben jetzt neue finanzielle Mittel aus dem Verkauf der TTTech Auto. Reicht das für die Wachstumsziele im Luft- und Raumfahrtsektor oder greift man eventuell wieder auf Venture Capital zurück?

Wir haben schon damals beim Einstieg von Samsung nicht nur eine Kapitalerhöhung in der TTTech Auto getätigt, sondern auch Anteile an der TTTech Auto an Samsung verkauft. Den Verkaufserlös haben wir dann in den Aerospace-Bereich investiert.  Außerdem ist damals auch die B&C-Gruppe als Kernaktionär eingestiegen, und wir haben in den letzten Jahren einige kleinere Kapitalerhöhungen auf Gruppenebene durchgeführt – insgesamt ungefähr 50 Millionen Euro, über die wir nicht aktiv in der Öffentlichkeit kommuniziert haben.

Wir arbeiten kontinuierlich daran, unser Eigenkapital zu stärken, da der Aerospace-Bereich extrem kapitalintensiv ist. Wir haben bisher schon einen dreistelligen Millionenbetrag in die Bereiche Avionik und Raumfahrt investiert. Natürlich möchten wir in Zukunft entweder über einen Börsengang oder über Partnerschaften weiter Kapital aufnehmen. Wir werden auch eigene Mittel einsetzen, wollen jedoch weiterhin den bewährten Weg mit starken Partnern beibehalten.

Sie haben autonome fliegende Drohnen oder Flugtaxis erwähnt. Welche aktuellen Trends sehen Sie im Bereich Luftfahrt?

Es ist ein unglaublich spannendes Thema. Ich war gerade im Jänner auf der CES in Las Vegas -dort hat mir ein großer Technologiekonzern gesagt, er halte selbstfliegende Flugtaxis für den wichtigeren Markt im Vergleich zu humanoiden Robotern, über die gerade alle sprechen. Wir sind im Bereich der Advanced Air Mobility sehr gut aufgestellt und liefern zum Beispiel an Joby – ein Unternehmen, an dem Toyota beteiligt ist und das in New York an der Börse notiert ist – unsere Netzwerktechnik.

Wir wollen diesen Bereich unbedingt weiter stärken. Wie schnell er sich entwickeln wird, ist die Frage, aber rein elektrisch betriebene, nachhaltige und individuelle Mobilität für Distanzen von ein paar hundert Kilometern ist äußerst attraktiv. Ich glaube, dass wir das in den nächsten zehn Jahren sehen werden. Zwar nicht als Massenmarkt, aber doch als einen echten Markt. Dieser ist gerade im Entstehen  und wir möchten schon früh dabei sein – deswegen sind wir  bereits eingestiegen und streben eine weitere Skalierung an.


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Hier eine BU zur Maschine selbst, in zwei Schärfegraden: Variante 1, kompakt für Social: Oft als komplexeste Maschine der Welt bezeichnet: Eine EUV-Anlage von ASML besteht aus rund 100.000 Bauteilen und ist etwa so groß wie ein Bus. | (c) ASML

Es gibt Sätze, die mehr über die Lage Europas verraten als jedes Strategiepapier. Einer davon fiel auf der diesjährigen VivaTech, gesprochen von einem Mann, den man schwer des europäischen Selbstmitleids verdächtigen kann: Christophe Fouquet, CEO von ASML.

Fouquet war nach Paris gekommen, um zu erklären, wie ein Chip überhaupt entsteht, etwas, das fast jede und jeder im Publikum täglich nutzt, ohne es zu kennen. Im Zentrum steht die EUV-Lithografie und die Maschine dahinter, die laut Fouquet das Wall Street Journal im Dezember 2024 „die unverzichtbarste Maschine der Welt“ nannte. Sie überträgt mit Licht feinste Strukturen auf den Wafer, die runde Siliziumscheibe, aus der später die einzelnen Chips geschnitten werden.

ASML ist der einzige Hersteller dieser Anlagen weltweit. Ohne sie entsteht kein einziger der fortschrittlichsten Chips, und ohne diese Chips läuft keine der KI-Anwendungen, über die in Paris vier Tage lang geredet wurde. „KI braucht Chips, und Chips brauchen EUV“, brachte es Fouquet auf der Bühne auf die einfachste Formel. So weit, so beeindruckend. Doch der Satz, der hängen blieb, war ein anderer.

Billionen fließen, aber nicht hierher

Fouquet skizzierte, was viele in der Branche längst als Gewissheit handeln: In den kommenden zwei bis drei Jahren werden Billionen in KI-Infrastruktur investiert, in Rechenzentren, Beschleuniger, Wafer. Es ist die erste Runde eines Aufbaus, der KI in jede Industrie tragen soll. Und dieser Aufbau hat eine klare Geografie. Laut BloombergNEF entstanden Ende September 2025 rund drei Viertel der weltweit im Bau befindlichen Rechenzentrumskapazität in den USA. Allein die fünf größten US-Hyperscaler, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Oracle, haben für 2026 zusammen zwischen 660 und 690 Milliarden Dollar an Investitionen angekündigt, fast eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Fouquets Stegreifzahl von 80 Prozent steht also auf solidem Grund, und sein „Europa ein bisschen“ ebenso.

ASML-CEO Christophe Fouquet (links) und Siemens-Chef Roland Busch bei der VivaTech in Paris, wo beide über KI, Industrie und Europas technologische Wettbewerbsfähigkeit sprachen. (c) LinkedIn Christophe Fouquet / VivaTech

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der Chef von Europas strategisch wertvollstem Technologiekonzern, auf einer europäischen Bühne, vor einem europäischen Publikum, rechnet vor, dass der Kontinent beim wichtigsten Infrastrukturaufbau dieses Jahrzehnts eine Randnotiz ist. Das ist keine Klage eines Subventionsempfängers. Es ist die nüchterne Buchführung dessen, der die Maschinen liefert und daher genau weiß, wohin sie gehen.

Genau hier wird aus einem Technik-Vortrag eine Standortfrage.

Warum ausgerechnet ASML der Hebel ist

Die Wucht der Zahlen, die Fouquet auffuhr, macht klar, worum es geht. Jensen Huangs These „Moore’s Law is dead“ bedeutet in der Praxis: Statt einer Verdopplung der Transistoren alle zwei Jahre verlangt das KI-Zeitalter eine Verzehnfachung. Schon ein einzelner Blackwell-Chip von NVIDIA vereint 208 Milliarden Transistoren. Und der Hunger nach Silizium wächst rasant: Laut ASML beansprucht ein komplettes Blackwell-System heute die Kapazität von rund 50 Wafern, das für 2027 geplante Rubin-Ultra-System soll die fünffache Menge benötigen, also rund 250 Wafer pro System.

(c) ASML

Diese Explosion der Nachfrage trifft auf ein Nadelöhr, und das Nadelöhr heißt ASML. Die Komplexität der Technik ist dabei kein Marketing: Um das nötige EUV-Licht zu erzeugen, beschießt ASML laut Fouquet 60.000 Mal pro Sekunde ein winziges Zinntröpfchen mit Lasern und erzeugt ein Plasma von 220.000 Grad Celsius. Die Spiegel, die das Licht lenken, seien, so Fouquet, tausendmal präziser als jene des Hubble-Teleskops, präzise genug, um vom Boden aus eine Münze auf dem Mond anzupeilen. Vierzig Jahre Entwicklung, 1984 aus einem Joint Venture rund um Philips mit 31 Mitarbeiter:innen hervorgegangen, stecken in diesem Vorsprung. Genau deshalb kann ihn so schnell niemand kopieren, und genau deshalb hängt die Welt an einem einzigen europäischen Unternehmen.

1984 als Joint Venture rund um Philips mit 31 Mitarbeiter:innen gestartet, ist ASML heute Europas wertvollster Technologiekonzern. Im Bild der Hauptsitz im niederländischen Veldhoven. (c) ASML

Das ist die paradoxe Ausgangslage Europas: Es kontrolliert den unverzichtbaren Engpass der KI-Revolution, partizipiert am Wertzuwachs darüber aber nur am Rand.

Die europäische Gegenwette

Dass ASML diese Lücke kennt, zeigt sein eigener Schritt. Im September 2025 führte der Konzern mit 1,3 Milliarden Euro die Series-C-Runde von Mistral an, sicherte sich rund elf Prozent am Pariser KI-Champion und einen Sitz im Strategieausschuss. Bewertung der Runde: 11,7 Milliarden Euro. In Paris erklärte Fouquet die Logik dahinter mit einer These, die man sich merken sollte: Der eigentliche Wert von KI liege nicht im Modell, sondern in den Daten. ASML sitzt auf einem Datenschatz von rund 120 Petabyte, allein in den Fabs der Kund:innen entstehen 15 Terabyte pro Stunde. Mistral bekommt Zugang und bettet eigene Leute bei ASML ein, ASML bekommt maßgeschneiderte Modelle für Design, Fertigung und Forschung.

Im Reinraum von ASML im niederländischen Veldhoven entsteht die EUV-Lithografie, jene Maschine, die laut Fouquet das Wall Street Journal die „unverzichtbarste Maschine der Welt“ nannte. (c) ASML

Es ist, auf dem Papier, die europäische Idealgeschichte: Der Engpass-Monopolist und der Hoffnungsträger der europäischen KI verbünden sich, statt das Geld nach Kalifornien zu tragen. Eine Wette auf Souveränität entlang der gesamten Halbleiter-Wertschöpfungskette.

Nur sollte man sich diese Wette ehrlich ansehen. Mistral ist gegenüber OpenAI und Anthropic weiterhin der kleinere Player, dessen Modelle ihren industriellen Mehrwert erst beweisen müssen. Und die Hardware, auf der am Ende alles läuft, kommt weiterhin von NVIDIA. Europa kontrolliert den Anfang der Kette, die Lithografie, und versucht nun, sich ein Stück der Mitte, die Modelle, zu sichern. Das Ende der Kette, die Beschleuniger und Rechenzentren, in denen das eigentliche Geld verdient wird, liegt anderswo.

Was Fouquets Rechnung für uns bedeutet

Die Botschaft aus Paris ist damit zweischneidig. Europa ist nicht abgehängt, im Gegenteil: Es hält mit ASML den einen Hebel, ohne den die gesamte KI-Welt stillstünde. Aber Hebel und Vorsprung sind nicht dasselbe wie Teilhabe am Wachstum. Solange der Großteil des Geldes anderswo investiert wird, bleibt der Kontinent der unverzichtbare Zulieferer einer Revolution, die anderswo zu Geld gemacht wird.

Die ehrliche Frage, die Fouquets Nebensatz aufwirft, ist nicht, ob Europa mitspielen kann. Es spielt längst mit, an der entscheidendsten Stelle. Die Frage ist, ob es bereit ist, aus einer Position der technologischen Unverzichtbarkeit endlich auch eine Position der wirtschaftlichen Stärke zu machen. Die Antwort darauf wird nicht in Veldhoven oder Paris gegeben, sondern in den Budgets der nächsten zwei, drei Jahre.

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