03.09.2025
HEALTH

Gendermedizin: „Alles, was speziell für die Frau ist und beim Mann nicht existiert“

Frauenkörper funktionieren medizinisch anders, und auch ihre Herzinfarkte, ihre Schlaganfälle und ihre Symptome bei anderen Leiden. Ihre Lebensrealitäten unterscheiden und ihre Bedürfnisse wandeln sich – Fakten, die in der Geschichte der Medizin lange Zeit vernachlässigt wurden. Seit einigen Jahren findet ein Umdenken im Gesundheitswesen statt und die Branche erkennt, dass Frauengesundheit mehr ist als Zyklus, Schwangerschaft und Wechseljahre.
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Gendermedizin
© Natural Cycles/HeldYn - Raoul Scherwitzl CEO und Co-Founder Natural Cycles und Simone Merey Founderin HeldYn.

Alles, was speziell für die Frau ist und beim Mann nicht existiert – so umreißt Raoul Scherwitzl, Doktor der Philosophie, Festkörper- und Materialphysik sowie Co-Founder des Femtech-Startups Natural Cycles, was mit Frauenmedizin gemeint ist. Diese Aussage wird häufig innerhalb gesundheitspolitischer Debatten getätigt, wenn es darum geht, wie Frauenkrankheiten im Gegensatz zum männerzentrierten Usus in der Medizin behandelt werden: oftmals zweitrangig oder als Anhängsel an männerfokussiertem Wissen.


Dieser Text ist im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beschrieb in seinem Werk „Die männliche Herrschaft“ bereits 1998, wie „kulturelle und wissenschaftliche Systeme männliche Normen als allgemeingültig setzen und alles, was weiblich ist, als Abweichung oder Sonderfall markieren“. Sieht man sich die Geschichte der westlichen Medizin an, drängt sich der Eindruck auf, dass Bourdieus Beschreibung für den Gesundheitsbereich ins Schwarze trifft.

Blickt man darüber hinaus durch diverse Berichte der letzten Jahrzehnte, so erkennt man: Bis in die späten 80er-Jahre wurden weibliche Bedürfnisse, psychosoziale Belastungen und Körperbilder in der medizinischen Forschung und Praxis weitgehend ignoriert. Erst eine aufkeimende Frauengesundheitsbewegung durchbrach diese Mauer und etablierte den Begriff „Frauengesundheit“ bzw. „Gendermedizin“. Seitdem schärft sich der Blick auf die Frau und die Gesellschaft hat begonnen, in Publikationen und Debatten genauer hinzusehen – mit einer bewusstseinsschaffenden Agenda, warum dieses Thema wichtig ist.

Andere Verläufe

Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der MedUni Wien, erklärte etwa in einem Gespräch mit dem ORF vor rund vier Jahren sinngemäß, dass Erkrankungen bei Frauen oft mit anderen Symptomen auftreten als bei Männern. So zeigen etwa Herzinfarkte bei Frauen unspezifische Symptome wie Übelkeit oder Atemnot statt der typischen Brustschmerzen; ihre Angiogramme wirken unauffällig; Schlaganfälle werden bei Frauen öfter später diagnostiziert und sie gelangen somit auch später zur Rehabilitation.

In der Ö1-Wissenschaftssendung „Kann Leben retten – neue Erkenntnisse der Gendermedizin“ hieß es im Jänner 2021 zudem paraphrasiert, dass Frauen bei mehreren Wirkstoffklassen (Bluthochdruck, Herzschwäche, Gerinnungspräparate) oft niedrigere Dosierungen benötigen – klinische Studien testen aber überwiegend an Männern.

Die Liste an Beispielen ließe sich noch weiter fortsetzen. Die Zahlen sprechen aber ohnehin für sich: Laut dem „Closing the Women’s Health Gap“-Report von 2024 des Weltwirtschaftsforums, der die Lage in rund 150 Ländern aufzeigt, ist die Zahl der Lebensjahre bei guter Gesundheit von Frauen weltweit im Schnitt um 25 Prozent geringer als bei Männern. Etwas weniger signifikant ist die Diskrepanz in Österreich: Der Österreichische Frauengesundheitsbericht besagt, dass Frauen hierzulande im Durchschnitt 83,7 Jahre alt werden, aber rund 19,3 Jahre in mittelmäßiger bis schlechter Gesundheit verbringen; im Vergleich zu 16,2 Jahren bei Männern.

Frauengesundheit mehr als Reproduktion

„Die Definition von Frauengesundheit wird oft sehr eng gefasst“, erklärt Scherwitzl das Problem; „nämlich als alles, was mit reproduktiver Gesundheit zu tun hat: Menstruationszyklus, Pubertät, Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Unfruchtbarkeit und Wechseljahre. Die klassische Definition spannt sich dabei meist über das reproduktive Zeitfenster einer Frau zwischen etwa 15 und 50 Jahren.“ Dabei werde oft übersehen, dass Frauengesundheit weit mehr umfasse: „Es geht auch darum, den gesamten Gesundheitsbereich aus der Perspektive von Frauen zu betrachten – und das wird bislang kaum getan“, so Scherwitzl.

Ein großes Problem liegt laut dem Wiener Gründer darin, dass die meisten Medikamente auf Basis klinischer Studien mit Männern entwickelt wurden; mit der Annahme, dass sie bei Frauen gleich gut wirken – obwohl Frauen biologisch anders reagieren. Als Beispiel nennt Scherwitzl die Insulinresistenz, die sich bei Frauen im Lauf des Zyklus verändert. „Dies wird aber kaum berücksichtigt“, ergänzt er.

Im Gesundheitswesen fehle es häufig an passenden Tools und Produkten, um Frauen gezielt zu unterstützen. Ein Beispiel hier sei die Hormontherapie in den Wechseljahren, bei der oftmals lediglich hoch dosierte Varianten jahrzehntealter Medikamente zum Einsatz kämen.

„Das Resultat ist, dass sich Frauen häufig selbst um ihre Beschwerden kümmern müssen. Viele suchen zunehmend online nach Hilfe. Große Pharmakonzerne haben diesen Mangel erkannt und investieren inzwischen in Forschung zu Themen wie Endometriose oder Wechseljahre“, sagt Scherwitzl.

Sein Startup Natural Cycles setzt auf ein datenbasiertes Modell mit Körperwerten und Algorithmen, kombiniert mit Aufklärung und individualisierter Medizin; mit dem Ziel, einen Beitrag dazu zu leisten, dass Frauen künftig Zugang zu besser abgestimmten Medikamenten und mehr effektiven Lösungen erhalten.

„In die Köpfe“

„Es muss endlich in die Köpfe kommen, dass der weibliche Körper anders funktioniert als der männliche“, mahnt Simone Mérey in diesem Sinn. Sie ist Founderin des 2022 gegründeten Pflege-Startups HeldYn.

Mérey hat jahrelang im Spital gearbeitet und hatte dabei viel mit Schmerzpatient:innen zu tun. Sie erkannte dabei einen Gender-Bias: Frauen mit Schmerzen wurden oft als „wehleidig“ abgestempelt – veraltete Vorstellungen in den Köpfen der Beteiligten, mit der Folge, dass Patientinnen schnell einmal als depressiv oder psychisch labil eingestuft wurden.

„Dies ist keine akkurate Einschätzung – es ist wissenschaftlich belegt, dass Frauen eine höhere Schmerzgrenze als Männer haben“, betont Mérey. „Hier merkt man, wie soziale Konstrukte wirken: Die Frau wird oft als die gesellschaftlich Schwächere wahrgenommen, obwohl ihr Körper viel aushält, Stichwort Geburt. So kommt es zu falschen Dosierungen und der Vernachlässigung von Symptomen.“

Chance für Healthtech-Akteure?

Eine Vernachlässigung, die Akteuren und Startups im Health-Bereich jedoch eine Chance zu eröffnen scheint. Ähnlich denkt Scherwitzl, der Startups mit „großen Ambitionen“ im Entstehen sieht: „Das Funding ist da“, sagt er. „Vor allem in den letzten fünf Jahren hat sich einiges verbessert. Wenn Investoren merken, dass man hier viel Growth erreichen kann, wird noch mehr Geld fließen.“

Was jedoch aktuell noch fehle, sei der große Erfolg, der beweise, dass es sich lohne, in dieses Feld zu investieren. „Im Pharmabereich gibt es etwa die Pille oder Antidepressiva – im digitalen Bereich bin ich jedoch optimistisch, dass der nächste große Durchbruch bevorsteht“, so Scherwitzl. Der Founder zeigt sich überzeugt, dass es zu jedem pharmazeutischen Ansatz künftig auch eine digitale Alternative geben sollte, mit der Frauen medizinisch besser begleitet werden können.

„Pharmakonzerne wie Bayer, Organon und Merck haben trotz Deinvestitionen weiterhin Pipelines im Bereich Frauengesundheit. Gleichzeitig gibt es Startups wie uns oder Flo in England, das eine neue Version des Kondoms für Frauen entwickelt. Die dänische Cirqle Biomedical arbeitet ebenfalls an einer Alternative zum Kondom, die den Uterus verschließt. Außerdem existieren Startups wie Endogene.Bio, das sich auf Endometriose fokussiert.“

Auch Mérey hat trotz aller Probleme bei der Frauenmedizin einen neuen Tenor in dieser Sache erkannt, der sich vom bisherigen „medizinischen Ratschlag“ an Frauen à la „Man muss da durch“ unterscheide: Das Thema der zweiten Lebenshälfte der Frauen werde mehr diskutiert, Tabuthemen wie Wechseljahre würden aufgebrochen. Mérey: „Der negative Anstrich wird langsam entfernt. Es hat in den letzten Jahren ein Umdenken gegeben.“

Gesundheit hat ein Geschlecht

Dies zeigt sich auch in Initiativen wie dem „Aktionsplan Frauengesundheit“ des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (2018): Auf 96 Seiten werden 17 Wirkungsziele und 40 konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit von Frauen über alle Lebensphasen hinweg behandelt. Zentrale Themen sind gendergerechte Gesundheitsversorgung, Stärkung der Gesundheitskompetenz, Gewaltprävention und die Förderung der psychischen und reproduktiven Gesundheit. Der Plan berücksichtigt zudem soziale Ungleichheiten wie Armut oder Migrationshintergrund und zielt auf intersektionale Gerechtigkeit ab.

Auch international verändert sich die Situation langsam, nachdem Frauen noch in den frühen 1990ern in der medizinischen Forschung von klinischen Studien weitgehend ausgeschlossen waren. In den USA war dies der Startschuss für die Gründung der „Women’s Health Initiative“ 1991 sowie für ein eigenes Forschungsbüro, das Office of Research on Women’s Health. Auf europäischer Ebene gibt es ebenfalls Initiativen wie die „Investition in die Gesundheit der Frau“ des Regionalbüros der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kopenhagen oder die heuer neu gestartete Initiative „MEPs for Women’s Health“ des Europäischen Parlaments.

„In den USA ist das ein großes Thema, und es geht sogar noch einen Schritt weiter: Afroamerikanischen Frauen wird noch weniger zugehört“, erklärt Scherwitzl. „Viele Symptome werden bei Frauen weiterhin nicht wahrgenommen; Studien wurden nur an Männern durchgeführt, obwohl diese kleinen Nuancen speziell bei Frauen existieren. Hier gibt es insgesamt noch viel Arbeit zu tun.“

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Die DropForce-Gründer Jakub Hamdard und Christian Mühl | (c) DropForce
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Es gibt für sie unzählige Einsatzmöglichkeiten, in den vergangenen Jahren dominieren sie aber vor allem eines: die Kriegsberichterstattung. Drohnen sind nicht nur zum Sinnbild für moderne Kriegsführung geworden, sondern auch zu einer Produktkategorie, die europäischen Scaleups mitunter Milliardeninvestments einbringt. Von dieser Kategorie ist das Wiener Startup DropForce aktuell noch weit entfernt, das Konzept, mit dem es antritt, ist aber durchaus ambitioniert und vor allem neu.

Drohne aus dem 3D-Drucker im Van oder Container

„Alle anderen Drohnen-Anbieter haben eine zentrale Fabrik und brauchen für den Bau einer Drohne meistens viel länger als nötig. Wir haben unsere Drohne so konzipiert, dass man sie von überall aus bauen kann”, sagt Jakub Hamdard. Er hat DropForce gemeinsam mit Christian Mühl gegründet. Beide bringen dabei Berufserfahrung aus dem Aerospace-Bereich mit.

Ein weiterer großer Unterschied zu anderen Anbietern: „Bei anderen Drohnen sind die Teile zusammengelötet. Daraus ergeben sich viele Fehlerquellen. Außerdem sind sie stark auf chinesische Bauteile angewiesen, die oft nicht halten, was sie versprechen”, so Hamdard. Die DropForce-Drohne kommt dagegen ohne Löten aus. Die Strukturteile und Module, etwa Kamera-Aufsätze, kommen aus dem 3D-Drucker; Platinen, Motoren und Propeller werden in Europa produziert und vom Startup als Bausatz dazugeliefert. „Man kann die Teile im 3D-Drucker aktuell in ca. 20 Minuten drucken und braucht dann zehn bis 15 Minuten, um die Drohne zusammenzubauen”, sagt der Gründer.

Und dieser Vorgang soll künftig eben nicht in einer einzelnen Fabrik, sondern in kompakten Einheiten direkt beim Kunden passieren, in einem Van oder Container, so die Vision. Denkt man an den DefenseTech-Bereich, heißt das: direkt an der Front. Die Vans bzw. Container sollen dann verkauft, die Produktion lizenziert werden. „Mit dem Van wäre man komplett mobil. Er kann direkt am Einsatzort innerhalb von Minuten Drohnen produzieren, die dann gleich losstarten können”, skizziert Hamdard.

So ein Einsatzort könnte etwa auch der Schauplatz einer Naturkatastrophe sein. In der Kundenansprache fokussiere man aber aktuell primär auf den Verteidigungsbereich. Dort will man, wenn alles nach Plan läuft, um den Jahreswechsel in die ersten Pilotprojekte starten.

Sechsstelliges Investment von BarnVentures und deutscher LNX GmbH

Bereits im Sommer holte sich DropForce für seine Expansionspläne auch ein Investment. BarnVentures rund um Filip Zganjer und die deutsche LNX GmbH stiegen mit einem sechsstelligen Betrag ein und sicherten sich jeweils 20 Prozent am Unternehmen. „Die Idee von einer dezentralen Massenproduktion im Baukasten-System hat mir so gut gefallen. Eine zentrale Produktionsstätte ist in Zeiten wie diesen gefährlich”, kommentiert Zganjer im Gespräch mit brutkasten. Das Startup unterstütze man nun nicht nur mit Geld, sondern auch durch Beratung.

Das Kapital sei bislang vor allem in die Weiterentwicklung, aber auch in Personalkosten geflossen, sagt Hamdard. Zudem sei man aktuell auch im Prozess der Patentanmeldung. Und auch an weiteren Drohnen-Modellen arbeite man bereits. Denn, so die Vision: „Kunden können sich später dann aus einem Portfolio genau die Drohnen aussuchen, die sie gerade brauchen. Wir haben schon einige Ideen, was man machen kann.”

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