11.03.2025
INTERVIEW

„Leute geben uns Kapital, weil sie sehen, dass wir in vielen Dingen anders ticken“

Auf ein Volumen von 28 Millionen Euro kam der Wiener VC Fund F in seinem finalen Closing – um acht Millionen Euro mehr als ursprünglich angepeilt. Wie es zu der Überzeichnung kam, worauf sie beim Investieren besonders achten und wie sie sich in der Ära Trump positionieren, erklären die Gründerinnen Lisa Fassl und Nina Wöss im Interview.
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Die Fund F-Gründerinnen Lisa Fassl und Nina Wöss | (c) Viktoria Waba / brutkasten
Die Fund F-Gründerinnen Lisa Fassl und Nina Wöss | (c) Viktoria Waba / brutkasten

Dieses Interview ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 „Hoch hinaus“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Sie haben große Namen wie Speedinvest oder Calm/Storm in den Schatten gestellt – nicht weniger als 28 Millionen Euro holten Lisa Fassl und Nina Wöss für den ersten Fonds ihrer Venture-Capital-Gesellschaft Fund F herein; deutlich mehr als Speedinvest und Calm/Storm damals jeweils für ihren ersten Fonds aufstellten. Mit dem European Investment Fund (EIF) gelang es zudem, einen institutionellen Kapitalgeber an Land zu ziehen, der in den seltensten Fällen in First-Time-Fonds investiert. Er ist mit zehn Millionen Euro größter Limited Partner (LP).

Dabei hat Fund F eine sehr klare Ausrichtung – oder „These“, wie Fassl und Wöss es nennen: Der VC investiert ausschließlich in Startups, die zumindest eine Frau im Gründungsteam haben. Für die beiden Gründerinnen ist der VC-Fonds ein durchaus logischer Schritt in ihrem Werdegang: Zusammen gründeten sie zuvor bereits die Initiative Female Founders. Und beide brachten einschlägige Erfahrung im Startup-Investment-Bereich mit: Lisa Fassl war unter anderem Geschäftsführerin der aaia (Austrian Angels Investors Association) und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium, Wöss arbeitete sieben Jahre lang in unterschiedlichen Positionen bei Speedinvest – zuletzt als Head of Marketing & Community – und war Vorstandsvorsitzende der AVCO (Austrian Private Equity & Venture Capital Organisation). (Anm.: aaia und AVCO fusionierten 2023 zur Organisa-tion invest.austria).

Fund F ist bereits seit dem ersten Closing 2022 aktiv und hat – Stand Februar 2025 – 14 Investments mit einem Volumen von fünf Millionen Euro getätigt. Worauf sie beim Investieren besonders achten, wie der EIF als Anker-Investor gewonnen werden konnte und wie Fund F sich in der aktuellen globalen politischen Lage positioniert, erklären Fassl und Wöss im Interview.


brutkasten: Im Herbst 2022 hattet ihr mit Fund F das erste Closing, kürzlich folgte das finale Closing. Wie stark hat euch das Fundraising in dieser Zeit bean-sprucht?

Lisa Fassl: Vielleicht sehe ich das im Rückblick ein bisschen durch die rosarote Brille – im Wesentlichen ist es im Fundraising zwischen First Closing und Final Closing um den EIF gegangen und jeder, der den Prozess schon einmal durchgemacht hat, weiß, dass Due Diligence, Kommunikation und Verhandlungen von Verträgen schon Zeit beanspruchen. Aber das war gut gemanagt und hat uns nicht davon abgehalten, unseren Investment-Pace aufrechtzuerhalten. Dann sind noch ein paar individuelle Investor:innen dazuge-kommen – vor allem Frauen. Mit denen war es unkompliziert.

Ihr hattet im Herbst 2022 das erste Closing – von außen betrachtet könnte man sagen, das Timing war für den Start eines neuen VC-Fonds alles andere als gut: Seit Beginn des Ukraine-Kriegs herrscht eine VC-Krise. Wie habt ihr das erlebt? Wie hat euch das beeinflusst?

Lisa Fassl: Man muss eh mit dem arbeiten, was da ist. Wir hatten rückblickend vielleicht den Vorteil, dass wir gar nicht wussten, wie es ist, in einer anderen Phase zu fundraisen. Wir waren auch mit allem, was wir vorher gemacht haben, immer in einem schwierigen Umfeld unterwegs – die Covid-Krise etwa lag auch nicht lange zurück. Wir kennen es also grundsätzlich nicht anders, als in harten Zeiten unternehmerisch zu agieren.

Von vielen anderen VC-Fonds hört man, dass es schwierig ist, an Kapital zu kommen. War es für uns easy? Nein, war es nicht. Aber es ist offensichtlich machbar. Ich glaube, was uns differenziert, ist eine klare Positionierung, eine Abgrenzung und ein USP durch unsere impact-getriebene These und ein Track Record, den wir aufgebaut haben. Leute geben uns Kapital, weil sie sehen, dass wir in vielen Dingen anders ticken als die klassische VC-Szene, aber auch anders ticken als die klassische Impact-Szene. Wir verschmelzen so hoffentlich das Beste aus beiden Welten miteinander. Und wir haben einen positiven Zugang zur Welt, der Nachhaltigkeit, Impact und Returns verbindet.

Gab es auch Fälle, wo diese klare Ausrichtung – also das Commitment von Fund F, nur in Startups zu investieren, die Frauen unter den Gründer:innen haben – auf Ablehnung gestoßen ist?

Lisa Fassl: Es gab ein paar potenzielle LPs (Anm.: Limited Partners), die da eine sehr klare, skeptische Positionierung hatten. Aber auch mit denen sind wir wieder in Gesprächen, denn am Ende des Tages zählt halt einfach die Performance – und ob die These funktioniert oder nicht.

Nina Wöss: Nicht jeder LP passt zu jedem Fonds. Das ist genauso wie beim Investieren in Startups: Manchmal passt man einfach nicht in das Suchschema und manchmal passt auch das Team nicht zum Investor bzw. der Investorin. Das ist auch vollkommen okay. Genauso wie Startups damit umgehen müssen, dass Investor:innen aus verschiedenen Gründen nicht investieren, haben auch wir Neins bekommen; und da waren sicher auch welche dabei, die auf Basis unserer These gekommen sind. Aber ich glaube, das gehört zum Fundraising dazu.

Rein statistisch gesehen gibt es in Europa mehr Deals mit mindestens einer Frau im Gründungsteam als reine Fintech-Deals. Und niemand zweifelt an der Berechtigung eines Fintech-Fonds.

Nina Wöss im Gespräch | (c) Viktoria Waba / brutkasten

Wie wurden diese Neins begründet?

Lisa Fassl: Eine der Grundfragen, die uns immer wieder gestellt werden, ist, ob es denn überhaupt genug Frauen gibt, die Startups gründen. Ich denke, die Frage hat durchaus Berechtigung, weil es einfach ein total verzerrtes Bild am Markt gibt. Die klassischen VC-Fonds oder Angel-Investor:innen sehen nur einen Ausschnitt des Markts. Sie sehen die Deals, die wir sehen, in vielen Fällen gar nicht. Wir haben, glaube ich, mit den Deals, die wir bis jetzt gescreent haben – letztes Jahr waren es etwas mehr als 2.000 –, bewiesen, dass es tatsächlich genug Dealflow gibt.

Nina Wöss: Rein statistisch gesehen gibt es in Europa mehr Deals mit mindestens einer Frau im Gründungsteam als reine Fintech-Deals. Und niemand zweifelt an der Berechtigung eines Fintech-Fonds.

Wie kann man sich eigentlich das Fundraising bei institutionellen Investoren vorstellen? Wie klopft man da an die Tür? Du hast vorher beim EIF schon angesprochen, dass das ein sehr langer Prozess ist. Wie war das dort und wie war es bei den anderen?

Lisa Fassl: Als wir den Fonds konzipiert und mit dem Fundraising angefangen haben, haben uns so gut wie alle Menschen, die selbst bereits Fonds geraist haben, gesagt, man bekommt niemals für den ersten Fonds Geld von institutionellen Investoren. ‚Das machen die nicht. Die backen keinen First-Time-Fund. Don’t even try!‘ Unsere Einstellung war: ‚What can go wrong?‘ Mehr als dass sie Nein sagen, kann nicht passieren. Ich denke, mit dieser Einstellung muss man – unabhängig davon, ob es für einen Fonds oder für ein Startup ist – immer ins Fundraising gehen. Und jetzt haben wir vier institutionelle Investoren und damit eine extrem solide Basis; auch für weitere Fonds.

Im Fall des EIF haben wir einen Vertreter des Fonds bei einem Event kennengelernt, noch bevor wir im Fundraising für Fund F waren. Als es dann später so weit war, haben wir ihm erzählt, dass wir einen Fonds planen – gar nicht unbedingt mit dem Ziel, Kapital zu bekommen. Er hat das Proposal cool gefunden, und dann haben wir uns reingehaut und nicht mehr locker gelassen.

Zu den beiden Banken (Anm.: Raiffeisen-Landesbank Steiermark und Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien) sind wir über das persönliche Netzwerk gekommen. Das waren Kontakte, die es teilweise schon länger gab, etwa über andere Investor:innen. Sie verfolgen beide eine aktive VC-Strategie, sind extrem professionell, wissen, was am Markt passiert und sind sehr hilfreich für uns. Sie helfen etwa auch bei der Due Diligence bei Startups. Bei der aws (Anm.: Venture-Capital-Initiative der Austria Wirtschaftsservice) war es ein klassischer Bewerbungsprozess.

Aber man muss schon sagen: Auf institutioneller Seite, bei Pensionskassen und Co, wartet keiner auf die VCs. Deshalb wäre es extrem wichtig, dass sich die Politik des Themas annimmt. Wir brauchen einen aktiven Kapitalmarkt, denn es gäbe viele Chancen. Es ist unglaublich viel Geld da, aber es liegt in anderen Assetklassen, am Bankkonto oder unter dem Kopfpolster, und wird einfach nicht mobilisiert. Viel Geld wird in Österreich nicht sehr smart und nicht in Innovation investiert, und das ist eine absolute Verschwendung.

Wie kann man sich den Prozess bis zum Closing mit dem EIF vorstellen? Was war da zu tun?

Nina Wöss: Unser Setup war von Anfang an in­ ternational gedacht. Schon als wir das erste Mal mit den Anwält:innen besprochen haben, wie die Ver­träge ausschauen sollen, war klar: Es muss marktgemäß sein. Wir wollen einen ersten und in Zukunft weitere Fonds aufbauen, die sich auf europäischer Ebene matchen können. Das bedeutet auch: Wenn du vor den institutionellen Fonds sitzt, erwarten die, dass du dich ihrem Schema anpasst und nicht um­ gekehrt. Da gehört es auch dazu, von Anfang an zu verstehen, wie ein Reporting aussehen muss und welche Kennzahlen sie wollen.

Man sollte sich also wirklich schlaumachen, vor allem durch Gespräche mit anderen Fondsmanagern, die diesen LP schon an Bord haben, um besser zu verstehen, worauf es ankommt und wie man den eigenen Pitch so präsentiert, dass er für einen institutionellen LP nachvollziehbar ist. Es ist natürlich ein großer Unterschied, ob du an eine Pri­vatperson pitchst, die auf andere Dinge Wert legt, wo du deine Story einfach anders fokussierst. Lang­fristig musst du aber alle an einen Tisch bringen, in einem Fonds, wo für alle die gleichen Regeln gelten.

Kommen wir zur anderen Seite: euren Investments. Wie hat sich das seit dem Start 2022 entwickelt? Und abgesehen vom bekannten Fund-F-Kriterium, dass zumindest eine Frau im Gründungsteam sein muss: Was sind die entscheidenden Faktoren, warum ihr investiert?

Nina Wöss: Wir haben allein 2024 rund 2.000 Startups gescreent, im Jahr davor waren es ungefähr genauso viele. Wir hatten durch unsere Brand von Tag eins an eine sehr starke Exposure und auch einen wirklich guten Dealflow. Bis dato haben wir 14 Investments getätigt.

Zu den Kriterien: Es klingt jetzt abgedroschen, aber es ist das Team. Dadurch, dass wir Preseed­- und Seed­-Investments machen, sind wir sehr oft der erste Fonds, der in ein Startup investiert. Und in einem großen Teil der Fälle arbeiten wir auch mit Gründerinnen und Gründern, die das erste Mal gründen; das heißt, es ist für das Gründungs­team meistens eine komplett neue Situation, in der man aber recht gut die Persönlichkeiten sieht: Wie kommunizieren die Leute? Wie gehen sie mit Stress um? Wie verhalten sie sich, wenn es wirklich um die konkrete Verhandlung der Verträge geht? Da lernst du die Leute schon sehr gut kennen, und das ist uns auch wichtig. Die Gründerinnen und Gründer brauchen eine besondere Resilienz: Trau en wir es den Menschen zu, dass sie in einem teil­weise sehr anstrengenden Umfeld erfolgreich sein können?

Deswegen ist es für uns auch bedeutend, im eigenen Team eine gewisse Diversität zu haben, um verschiedene Backgrounds und Blickwinkel ein­ zubringen. Das Genannte geht natürlich Hand in Hand mit anderen klassischen Faktoren: Natürlich müssen die Skills passen und die Leute im Team müssen sich ergänzen. Es muss einen relevanten Markt geben und das Produkt muss passen. Und man muss es vielleicht noch mal explizit sagen: Wir sind Technologie-Investorinnen. Wir suchen nach skalierbaren, technologiebasierten Businessmodellen.

Die Welt brennt links und rechts und es gibt so viele Probleme, die wirklich Probleme sind – wir backen lieber Startups, die diese Probleme angehen, als ein Nice-to-have oder eine minimale Prozessoptimierung.

Lisa Fassl im Gespräch | (c) Viktoria Waba / brutkasten

Lisa Fassl: Und es müssen Themen sein, die uns interessieren. Wir arbeiten sehr intensiv mit den Gründerinnen und Gründern zusammen. Sobald wir ein Investment zugesagt haben, steht unser Angebot, dass uns die Leute Tag und Nacht anrufen können. Manche machen das tatsächlich, vor allem, wenn es gerade brennt. Wenn wir kein Interesse an den Menschen und an dem, was sie da tun, hätten, würde das nicht funktionieren.

Also würden wir auch keinem Startup Geld geben, das zwar eine extrem tolle API (Anm.: Ap-plication Programming Interface, Programmierschnittstelle) hat, aber bei dem wir überhaupt nicht an das glauben, was es macht; beziehungsweise wenn das unseren Werten absolut nicht entspricht. Um es sehr plakativ zu sagen: Die Welt brennt links und rechts und es gibt so viele Probleme, die wirklich Probleme sind – wir backen lieber Startups, die diese Probleme angehen, als ein Nice-to-have oder eine minimale Prozessoptimierung. Wir haben das Privileg, in einer Funktion zu sein, in der wir tatsächlich etwas verändern können, denn am Ende des Tages sind wir in einem kapitalistischen System. Geld dominiert die Welt und wir können Geld verteilen und damit entscheiden, welche Technologie so unterstützenswert ist, dass sie erfolgreich sein soll. Dieses Privileg nehmen wir extrem ernst. Unsere Investor:innen geben uns das Geld, um etwas Sinnvolles damit zu machen.

Ich habe euch ja vorher die Frage gestellt, ob es LPs gab, die Fund F aufgrund seiner These abgelehnt haben. Jetzt die andere Seite: Gibt es auch Gründerinnen, die kein Investment von euch haben wollen, etwa weil sie befürchten, dass andere dann denken, sie hätten das Kapital nur bekommen, weil sie Frauen sind?

Nina Wöss: Wir waren noch nie in einer Situation, wo wir in einem Gespräch mit dem Team waren und die Personen uns gesagt haben, dass sie aufgrund unserer These kein Investment von uns möchten. Es ist aber natürlich nicht auszuschließen, dass es Teams gibt, die sich deswegen absichtlich nicht melden – es wäre also wohl vermessen zu sagen, dass das nicht vorkommt.

Lisa Fassl: Nachdem wir mit dem Fonds schon zwei Jahre am Markt sind, bekommen wir mittler-weile auch sehr viele Referenzen durch die Gründerinnen, in die wir bereits investiert haben. Das ist sehr wertvoll. Diejenigen, die überlegen, ob sie uns an Bord haben wollen, rufen in der Regel auch mindestens ein Portfolio-Startup von uns an. Das heißt, wir werden schon auch ganz klar geprüft.

An negatives Feedback zu unserer These in direkten Gesprächen könnte ich mich wirklich nicht erinnern. Es ist eher umgekehrt: Diverse Teams sagen, sie wollen diverse Investoren, und sie wollen vor allem auch in ihrem Advisory-Board Frauen haben, um unterschiedliche Meinungen abzubilden. Sie wollen nicht fünf Leute, die gleich aussehen, das Gleiche denken und an den gleichen Unis studiert haben, denn dann bekommen sie auch nur eine Meinung. Sie wollen aber unterschiedliche Meinungen und sich dann ihre eigene bilden und ihre eigenen Company-Werte entwickeln.

Generell hat sich der politische Wind zuletzt global ja ziemlich gedreht: Es gibt wieder viel offenen Chauvinismus, wie er in den vergangenen Jahren nicht so offen gezeigt wurde; Mark Zuckerberg wünscht sich mehr „Male Energy“, Diversity-Programme werden zurückgefahren. Wie positioniert ihr euch in diesem Umfeld?

Nina Wöss: Ich finde, diese teilweise sehr starken Aussagen sollten einen schon als Mensch zum Nachdenken bringen. Mit Fund F und unserer These sehen wir aber bisher, dass sich Europa bei diesen kulturellen Themen ganz anders positioniert und nicht eins zu eins die USA imitiert. Das heißt natürlich nicht, dass diese Dynamiken nicht zu uns durchschlagen können, nachdem US-Konzerne ja auch stark in Europa vertreten sind. Wenn man sich aber ansieht, welche Stakeholder in Europa bei Venture Capital und Technologie eine starke Rolle spielen, sieht man, dass es hier eine politische Steuerung gibt, die nicht in diese Richtung geht. Beim EIF etwa werden aktiv Ziele in den Bereichen Klima und Nachhaltigkeit verfolgt. Ich denke also, dieser politische Umschwung wird nicht so schnell unmittelbare Auswirkungen auf die LP-Basis in Europa haben bzw. uns gefährden.

Es ist gut, dass wir den Fonds geclost haben, bevor diese ganzen Entwicklungen eingesetzt haben. Jetzt können wir arbeiten und zeigen, dass die These hält. Den nächsten und den übernächsten Fonds können wir ohnehin nur aufstellen, wenn uns das gelingt. Und die Unternehmerinnen, mit denen wir arbeiten, werden gute Unternehmen bauen. Und das sehen wir auch bei anderen Fonds, die ähnliche Thesen wie wir verfolgen.

Lisa Fassl: Also um ehrlich zu sein, finde ich das gesamte politische Klima zum Kotzen. Wenn ich mir die Nachrichten ansehe, verstehe ich, warum der Optimismus bei den Leuten sinkt und Politikverdrossenheit und Unzufriedenheit zunehmen! Das Gute ist, dass solche Bewegungen immer auch eine Gegenbewegung auslösen. In den vergangenen Jahren hat sich glücklicherweise doch so viel getan, dass es immer mehr Frauen gibt, die Kapital haben, in Entscheidungspositionen sind und sich das nicht gefallen lassen. Das sieht man in den USA etwa bei Philanthropinnen wie Melinda Gates, die selbst beginnen, Geld anders zu investieren. Die Situation kann also auch ein sehr positives Momentum er-zeugen.

Am Ende des Tages haben wir ein kapitalistisches System und die Performance entscheidet. Und über die Performance sagt ja noch immer jede Statistik, dass diverse Teams besser arbeiten; das Geschlecht ist hier natürlich nur ein Faktor. Das ist die Realität, und das wird sich hoffentlich auch in der Performance unseres Fonds zeigen – und dann ist die Diskussion sowieso komplett obsolet.

Unter Donald Trump dreht sich der Wind ja nicht nur ideologisch – er droht in großem Umfang Zölle an, Handelskriege stehen im Raum. Wie seht ihr österreichische bzw. europäische Startups in dieser neuen internationalen Situation positioniert?

Lisa Fassl: Wir müssen als Europa begreifen, dass Nationalismus und Nationalstaatlichkeit wirklich gar keinen Sinn haben. Das geht sich einfach nicht aus, alleine wenn man sich die Bevölkerungszahlen und entsprechend das Wirtschaftswachstum im globalen Norden ansieht. Wir sind am absteigenden Ast und wir müssen uns wirklich etwas überlegen. Startups und Technologie sind da mitunter die größte Hoffnung, die wir haben. Hier Förderungen zurückzuziehen oder kein öffentliches Kapital mehr in diesen Bereich zu pumpen wäre wirklich sinnlos. Wir können nur überleben, wenn wir jetzt anfangen, wirklich innovativ zu sein, gute Technologien zu bauen und Arbeitsplätze zu schaffen. Und wir müssen uns überlegen, wie wir es schaffen, die smartesten Köpfe aus dem Ausland nach Europa zu holen.

Insgesamt sollten wir uns in Europa überlegen, mit welchen anderen Nationen es Sinn ergibt, zu kollaborieren. Wo gibt es gute Synergien? Wo gibt es vielleicht ein ähnliches Werteverständnis? Ich glaube, was Europa ausmacht, sind starke Werte, die wir hoffentlich nicht verlieren in diesem politischen Klima.

Lisa, als du damals als Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium aufgehört hast, hast du eher resigniert gewirkt. Wie groß siehst du die Chancen dafür, dass die neue Regierung in Reaktion auf Trump, der mit seinen Executive Orders innerhalb von Stunden neue Tatsachen schafft, schnell und politisch richtig handelt?

Lisa Fassl: Der Aspekt, der mich an österreichischer und europäischer Politik wahnsinnig frustriert, ist: Es gibt Interessenspolitik links und rechts und ein Durchsetzen von alteingesessenen, total überholten, nicht mehr zeitgemäßen sogenannten „Werten“, um sich selbst und seine eigene Klientel zu schützen. Das haben auch die zunächst gescheiterten Regierungsverhandlungen wieder gezeigt. Ich würde mir echt wünschen, dass es gelingt, da wirklich einmal drüberzustehen, denn es geht um mehr als um die Befindlichkeiten von ein paar Leuten, die seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Parteien sitzen. Es geht am Ende des Tages um die Zukunft von uns allen, vor allem um die Zukunft der nächsten Generationen.

Es heißt jetzt wirklich, Verantwortung für das Land zu übernehmen. Jede Situation ist managebar; man muss es aber machen, muss Entscheidungen treffen. Und wir wissen aus dem unternehmerischen Kontext: Keine Entscheidung zu treffen und keine Verantwortung zu übernehmen ist auch eine Entscheidung – nämlich die schlechteste von allen.

Es ist in diesen Zeiten schwierig, um einen Ausblick zu bitten. Ich mache es trotzdem, aber nur bezogen auf Fund F: Wenn ihr drei große Ziele nennen müsst, für welche entscheidet ihr euch?

Lisa Fassl: Das größte Ziel ist es, einen der am besten performenden europäischen VC-Fonds zu bauen. Und das nicht mit der – unter Anführungszeichen – „Einschränkung auf Gender“, sondern im Vergleich zu allen anderen VCs im Early-Stage-Bereich. Wir wollen, auch mit den geplanten Folge-Fonds, die Nummer eins werden.

Nina Wöss: Ein weiteres Ziel ist natürlich, dass wir die Wunschinvestorinnen der Startups, die unserer These entsprechen, werden. Wenn sie eine Kapitalrunde raisen, sollen sie Fund F unbedingt dabeihaben wollen – egal, wie viele andere Angebote sie haben und von wem die sind; weil sie mit uns arbeiten wollen.

Lisa Fassl: Als drittes Ziel nenne ich unsere Vision auf Metaebene: ein gleichberechtigtes europäisches Tech-Ökosystem. Davon sind wir leider noch weit entfernt.

Ihr habt die Folge-Fonds angesprochen. Wie lautet da der Plan?

Nina Wöss: Unsere Investmentphase endet im vierten Quartal 2026 und dann soll der nächste Fonds kommen. Das ist ein ganz klares Ziel. Und der wird größer werden als der aktuelle; dazu gibt es auch schon die ers-ten Gespräche. Es ist wie bei Startups: We’re always fundraising.

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Hilla Haddad Chmelnik, Co-Founderin & CEO von Moonshot

Hilla Haddad Chmelnik, Mitgründerin von Moonshot, will die Weltraum-Logistik mit ihrem 25-köpfigen Team vorantreiben. Statt auf teure chemische Raketen setzt das israelische DeepTech-Startup auf elektromagnetische Beschleunigung. Im brutkasten-Interview spricht die ehemalige „Iron Dome“-Projektleiterin über das enorme Potenzial im All, das Scheitern in Simulatoren und was Europa von Israels Innovationskraft lernen kann.

Sie sind Luft- und Raumfahrttechnikerin, waren Projektleiterin beim Iron Dome und Generaldirektorin im israelischen Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Technologie. Jetzt haben Sie Moonshot gegründet, ein Unternehmen, das Transporte im All per elektromagnetischer Beschleunigung statt mit klassischen Raketen anpackt. Sie sitzen da ja wirklich genau an der Schnittstelle von SpaceTech, DeepTech, Verteidigung und Politik. Wenn wir mal aufs große Ganze schauen: Wo steht SpaceTech gerade allgemein?

Für mich sind das gar keine getrennten Dinge. SpaceTech oder eigentlich der Weltraum an sich ist einfach die nächste Stufe für die Menschheit. Um Quantentechnologie, Energie oder KI wirklich weiterzuentwickeln, müssen wir ins All. Der Weltraum ist eine ganz eigene Domäne. Das ist im Grunde wie beim Internet: Wir sagen heute ja auch nicht „Internet-Tech“, das Internet ist einfach die Basis für alles andere.

Die Erde wird langsam ziemlich voll, und uns gehen hier die Ressourcen aus. Selbst wenn wir über Quantencomputing oder Smartphones reden: Dafür brauchen wir Seltene Erden. Und davon haben wir auf der Erde schlicht nicht genug.

Und Sie glauben fest daran, dass wir diese Stoffe im All finden?

Naja, sie kamen ja ursprünglich von dort, also werden wir sie auch dort finden. Wir wissen, dass es sie auf dem Mond gibt und auf Meteoriten. Und das Thema Energie ist im All ein Selbstläufer, es gibt dort keine Atmosphäre, die Sonne scheint also ununterbrochen. Deshalb reden wir ja auch über Rechenzentren im Weltraum. Warum sollte man das tun? Weil uns auf der Erde der Strom ausgeht, selbst wenn wir über Atomkraft nachdenken.

Bei erneuerbaren Energien auf der Erde hat man immer Probleme mit der Atmosphäre und dem Tag-Nacht-Wechsel. Im All hat man diese Sorgen nicht, dafür eben andere. Aber da der Zugang zum All in den letzten zehn Jahren so viel billiger geworden ist, und die Preise fallen weiter, sind die Wege jetzt frei. Wenn wir erst mal dort sind, entsteht da eine völlig neue Industrie. Alles, was Sie genannt haben, Quanten, Cyber, Mobile, Verteidigung, wird eine Anwendung im All brauchen. Deswegen ist das Ding so riesig. Und deshalb ist der SpaceX-Börsengang auch so eine Riesensache: Es ist das Fundament, die nackte Infrastruktur.

Und wo hakt sich Moonshot da ein? Welches Problem löst ihr genau?

Bei uns dreht sich alles um die Lieferkette. Es ist reine Logistik. Die Straße ins All steht ja jetzt. Und weil es diese Straßen gibt, wird es dort oben immer mehr Infrastruktur geben. Ganz egal, ob das eine private Raumstation als Fabrik ist, ein Rechenzentrum oder ein Satellit: Sie alle brauchen eine funktionierende Lieferkette. Irgendwer muss die Rohstoffe, das Wasser oder die Ersatzteile ja hochbringen. Genau das macht Moonshot.

Sie bauen also sozusagen den Lastwagen für den Weltraum? Über welchen Zeithorizont reden wir da eigentlich?

Wir bauen eher das FedEx fürs All. Wir peilen den Anfang der 30er-Jahre an, also so 2030, 2032 wollen wir ins All. Wenn man heute Fracht hochschicken will, muss man bei den aktuellen Preisen immer den ganzen Truck buchen, also eine komplette Falcon-Rakete oder ein ganzes Starship. Jedes Mal, wenn man ins All will, muss man 21 Tonnen bei einer Falcon oder 100 Tonnen bei einem Starship mitnehmen.

Wenn Sie da oben aber schon metaphorisch gesagt Ihren Kaffeeladen haben und eigentlich nur jede Woche frische Bohnen brauchen, mieten Sie ja nicht jedes Mal den ganzen Sattelschlepper. Sie brauchen einen Paketdienst, eben wie FedEx. Moonshot nutzt dafür eine ganz andere Physik: Wir arbeiten mit elektromagnetischen Beschleunigern, nicht mit chemischen Raketen. Dadurch schaffen wir dieselben Preise, aber eben für kleine Pakete. Wir schicken 200 oder 300 Kilo zum gleichen Kilopreis hoch wie das Starship. Man bestellt einfach eine Lieferung.

Sind Sie damit nicht ein Konkurrent für SpaceX?

Nein, überhaupt nicht. Wir ergänzen uns perfekt. Wir brauchen SpaceX ja, damit sie immer mehr Masse ins All schießen. Und je mehr Masse die hochbringen, desto mehr Kunden haben wir am Ende. Das ist eigentlich genau das Gegenteil von Konkurrenz. Wir wollen, dass die chemischen Raketen so oft wie möglich fliegen.

Denken Sie an einen Umzug von Europa in die USA: Es ist völlig klar, dass Sie selbst in der Business Class nach New York fliegen. Aber es macht überhaupt keinen Sinn, Ihr Sofa im Flugzeug neben sich zu setzen. Das schicken Sie im Frachtcontainer. Im Moment sind die chemischen Raketen im All die Business Class. Sie sind teuer. Und obwohl es billiger ist als vor 20 Jahren, zahlt man für jedes Kilo exakt dasselbe. Das heißt, das Kilo Astronaut, das Teuerste, was man hochschicken kann, kostet im Transport genauso viel wie das Kilo Wasser, das er trinkt. Wenn wir also einen guten Preis für das Kilo Astronaut haben, zahlen wir für das Wasser schlicht viel zu viel.

Mit unserer Technologie bei Moonshot werden wir niemals Astronauten transportieren können. In einem Frachtcontainer reist man ja auch nicht nach New York, es ist zu heiß, dauert zu lange, das hält kein Mensch aus. Unsere Anlage arbeitet mit extremen Kräften von bis zu 800 G. Das überlebt kein Mensch und auch keine empfindliche Elektronik. Aber Wasser, Treibstoff, mechanische Bauteile oder Ersatzteile wie Solarpaneele stecken das locker weg.

Wir trennen diese Fracht also von den teuren Raketen. Die Raketen bleiben für die Menschen und die feine Sensorik. So baut man eine echte Industrie auf. Eine hochentwickelte Wirtschaft braucht Häfen, Schienen, Lkw und Flugverkehr. Wenn eine Insel nur ein einziges Transportmittel hat, wird die Wirtschaft dort nie richtig laufen. Und genau das machen wir im All: Wir bauen die nächste Logistikebene neben den klassischen Raketen auf.

Entwickeln Sie diese elektromagnetische Beschleunigung eigentlich komplett neu oder nutzen Sie bestehende Technologien?

Wir bauen natürlich unsere eigene Technologie, aber wir machen keine Grundlagenforschung. Bei uns ist das reines Engineering. Die Wissenschaft dahinter hat sich im letzten Jahrzehnt quasi von selbst entwickelt, durch die erneuerbaren Energien, durch die Medizintechnik. Die Basiskomponenten wie Kondensatoren, Schalter oder spezielle Materialien, die extreme Kräfte und Hitze aushalten, gibt es alle schon auf dem Markt, und sie sind viel billiger geworden. Vor zehn Jahren hätten wir uns an diese Sache gar nicht herangewagt, weil die Technik noch nicht so weit war.

Jetzt nehmen wir diese Komponenten, die gar nicht primär für uns entwickelt wurden, und fügen sie in unserer Maschine zusammen. Wir erfinden also keine neuen Kondensatoren, sondern kaufen sie von der Stange und passen sie so an, dass sie genau unsere Spezifikationen erfüllen und bezahlbar bleiben. Es ist also kein neues wissenschaftliches Rätsel, sondern clevere Ingenieursarbeit und Integration.

Wie viel von diesem Ingenieur-Know-how bringen Sie aus Ihrer Zeit beim Iron Dome mit? Hilft Ihnen diese militärische Erfahrung bei Ihrem heutigen Projekt?

Der entscheidende Punkt ist eigentlich die ganze Philosophie der israelischen Verteidigungsindustrie. Mein Chefingenieur hat das David’s Sling-Programm geleitet, eine andere Kollegin kommt aus dem Arrow-Raketenprogramm. Die wahre Kunst in Israels Verteidigungssektor ist es, hochkomplexe Hardware und Luftfahrtsysteme extrem billig, wahnsinnig schnell und fast ohne reale Systemtests zu bauen. Und das liegt schlicht daran, dass Israel klein ist, wir haben gar keinen Platz für riesige Testgelände. Deshalb haben wir über die Jahrzehnte hinweg ganz andere Methoden entwickelt als die Amerikaner oder Europäer: Wir setzen massiv auf Simulatoren.

Sie setzen also voll auf digitale Zwillinge?

Genau. Wir bauen hochkomplexe digitale Zwillinge des gesamten Systems. Die testen wir dann im Labor im ganz kleinen Maßstab. Weil wir das so akribisch machen, können wir uns blind auf unsere Simulatoren verlassen. Wenn wir das finale, echte System bauen, wissen wir fast schon, dass es funktioniert. Reale Systemtests heben wir uns wirklich nur für den allerletzten Schritt auf. Denn wenn wir in Israel ein echtes System testen, ist das kein Experiment mehr, da muss es klappen. Wir haben weder das Geld noch den Platz für Fehler, und uns schaut ständig jeder auf die Finger. Als ich beim Iron Dome war, war praktisch jeder reale Test ein Volltreffer.

Elon Musk hat völlig recht, wenn er sagt: Wenn ein realer Test klappt, war es eigentlich kein richtiger Test, weil man nur durch Fehler lernt. Also machen wir unsere Fehler in den Simulatoren. Und genau das ist auch das Fundament von Moonshot. Wir arbeiten mit Ingenieuren zusammen, die genau diese Schule durchlaufen haben. Wir bauen ein kleines Labormodell mit gerade mal sechs Zentimetern Durchmesser und eineinhalb Metern Länge. Damit schießen wir 300 Gramm mit 100 Metern pro Sekunde ab. Aber damit beweisen wir exakt die Präzision im Mikrosekundenbereich, die Latenz und die Kontrollierbarkeit, die wir später im Großen brauchen. Wir machen das so, weil wir in Israel wegen unserer Größe gar keine andere Wahl hatten.

Schauen wir mal auf die nackten Zahlen: Wie zieht man so ein DeepTech-Startup für Weltraum-Logistik strategisch hoch? Wie viel Geld braucht man für die R&D-Phasen, wie sieht Ihr Team aus und wie lief die erste Finanzierung?

Wir sind zu dritt im Gründerteam. Am Anfang brauchten wir gar nicht so viel Geld. Unsere These war einfach: Wenn wir ein bisschen Startkapital kriegen, können wir in Israel ein großartiges Team aufbauen. Solche Leute sind schwer zu kriegen, man braucht ganz spezielle Talente. Aber wir wussten, dass Israel ein riesiges Reservoir für genau diese Talente ist. Wenn das Geld da ist, können wir sie anheuern.

Und was heißt „ein bisschen Startkapital“ im SpaceTech-Bereich?

In unserer Pre-Seed-Runde waren das 2,5 Millionen Dollar. Für Weltraumverhältnisse ist das tatsächlich wenig. Dazu kamen noch 1,5 Millionen von der israelischen Innovationsbehörde, das war unser Fundament fürs erste Jahr. Gerade haben wir unsere Seed-Runde mit rund 14 Millionen Dollar abgeschlossen. Damit finanzieren wir die Fertigstellung unseres ersten echten Produkts: die EMA (Electromagnetic Mass Accelerator). Das ist ein Beschleuniger mit 30 Zentimetern Durchmesser. Damit testen wir nicht nur unsere Simulatoren, sondern bringen auch direkt ein Produkt auf den Markt, das für den Verteidigungssektor extrem spannend ist, weil es als Testumgebung für Hyperschall-Technologie dient.

Das Verteidigungsministerium hat zu uns gesagt: „Dass ihr irgendwann ins All wollt, ist super. Aber im Moment brennen wir darauf, mit eurem Beschleuniger Hyperschall-Tests superschnell und billig durchzuführen.“ Wir feilen gerade am Vertrag, um dieses Labor gemeinsam mit ihnen aufzubauen. Für das Weltraumprojekt reicht uns eine EMA-Geschwindigkeit von 1.000 Metern pro Sekunde, aber das Ministerium braucht 2.000 Metern pro Sekunde. Die Anlage wird deshalb 25 Meter lang sein statt der geplanten 7 Meter. Mit den 14 Millionen Dollar kommen wir erst mal ein Jahr aus. Danach gehen wir in die nächste Runde.

Welches Volumen peilt ihr für die nächste Runde an und was wollt ihr damit machen?

Wir planen eine Runde von etwa 20 bis 30 Millionen Dollar. Damit wollen wir die finalen Bausteine für unseren großen Beschleuniger im All entwickeln, den Magnetar. Wichtig ist: Das Geld fließt nicht in die riesigen Baukosten der Anlage, sondern in die reine Technologie. Die massiven Errichtungskosten für das finale System, das wir übrigens in Alaska aufbauen wollen, kommen später direkt von den Kunden und Partnern, sobald die Technik steht.

Ihre ersten Kunden sind also vor allem Regierungen?

Es geht vor allem um Gelder aus Verteidigungsbudgets. In den USA unterschreibt man heute oft gar nicht direkt bei der Regierung, sondern bei privaten Firmen, die wiederum über staatliche Programme bezahlt werden. Es läuft also im Rahmen von Regierungsprojekten. In Israel arbeiten wir direkt mit dem Verteidigungsministerium zusammen, weil das Projekt dort als strategisches, nationales Gut gilt. Das Ministerium sichert den Zugang, damit die großen Player wie IAI (Israel Aerospace Industries) oder Rafael das System uneingeschränkt nutzen können.

Zum Schluss noch ein Blick auf Europa: Wir diskutieren hier ja ständig über mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und das Problem, dass geniale Forschung viel zu selten den Weg in den Markt findet. Israel gilt da weltweit als das absolute Vorbild beim Technologietransfer. Was kann Europa von Israel lernen, wenn es darum geht, Forschung in Produkte zu verwandeln und Richtlinien zu schaffen, die Startups wie Ihres überhaupt erst ermöglichen?

Niemand wünscht sich Krieg, das ist klar. Aber der fundamentale Unterschied ist schlicht: Wir müssen innovativ sein, um zu überleben. In Europa gibt es diesen existenziellen Druck zum Glück nicht. Ihr müsst also andere Wege und Motive finden, um diesen Zug zu entwickeln und Länder wie Österreich oder Deutschland haben dafür ja durchaus gute, eigene Strukturen.

Aber der wahre Kern unseres Erfolgs und unserer Resilienz ist einfach, dass wir keine andere Wahl haben. Wir müssen abliefern, und zwar extrem schnell. Und es muss auf Anhieb funktionieren. Beim Iron Dome haben uns damals fast alle Experten weltweit gesagt, das sei technisch unmöglich. Aber wenn du in Israel lebst und ständig Raketen aus dem Gazastreifen angeflogen kommen, akzeptierst du die Aussage „das geht nicht“ einfach nicht. Es muss gehen. Und genau dieser Druck zwingt dich dazu, einen Weg zu finden, wie es klappt. Das ist es, was uns voranbringt.

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