11.03.2025
INTERVIEW

„Leute geben uns Kapital, weil sie sehen, dass wir in vielen Dingen anders ticken“

Auf ein Volumen von 28 Millionen Euro kam der Wiener VC Fund F in seinem finalen Closing – um acht Millionen Euro mehr als ursprünglich angepeilt. Wie es zu der Überzeichnung kam, worauf sie beim Investieren besonders achten und wie sie sich in der Ära Trump positionieren, erklären die Gründerinnen Lisa Fassl und Nina Wöss im Interview.
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Die Fund F-Gründerinnen Lisa Fassl und Nina Wöss | (c) Viktoria Waba / brutkasten
Die Fund F-Gründerinnen Lisa Fassl und Nina Wöss | (c) Viktoria Waba / brutkasten

Dieses Interview ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 „Hoch hinaus“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Sie haben große Namen wie Speedinvest oder Calm/Storm in den Schatten gestellt – nicht weniger als 28 Millionen Euro holten Lisa Fassl und Nina Wöss für den ersten Fonds ihrer Venture-Capital-Gesellschaft Fund F herein; deutlich mehr als Speedinvest und Calm/Storm damals jeweils für ihren ersten Fonds aufstellten. Mit dem European Investment Fund (EIF) gelang es zudem, einen institutionellen Kapitalgeber an Land zu ziehen, der in den seltensten Fällen in First-Time-Fonds investiert. Er ist mit zehn Millionen Euro größter Limited Partner (LP).

Dabei hat Fund F eine sehr klare Ausrichtung – oder „These“, wie Fassl und Wöss es nennen: Der VC investiert ausschließlich in Startups, die zumindest eine Frau im Gründungsteam haben. Für die beiden Gründerinnen ist der VC-Fonds ein durchaus logischer Schritt in ihrem Werdegang: Zusammen gründeten sie zuvor bereits die Initiative Female Founders. Und beide brachten einschlägige Erfahrung im Startup-Investment-Bereich mit: Lisa Fassl war unter anderem Geschäftsführerin der aaia (Austrian Angels Investors Association) und Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium, Wöss arbeitete sieben Jahre lang in unterschiedlichen Positionen bei Speedinvest – zuletzt als Head of Marketing & Community – und war Vorstandsvorsitzende der AVCO (Austrian Private Equity & Venture Capital Organisation). (Anm.: aaia und AVCO fusionierten 2023 zur Organisa-tion invest.austria).

Fund F ist bereits seit dem ersten Closing 2022 aktiv und hat – Stand Februar 2025 – 14 Investments mit einem Volumen von fünf Millionen Euro getätigt. Worauf sie beim Investieren besonders achten, wie der EIF als Anker-Investor gewonnen werden konnte und wie Fund F sich in der aktuellen globalen politischen Lage positioniert, erklären Fassl und Wöss im Interview.


brutkasten: Im Herbst 2022 hattet ihr mit Fund F das erste Closing, kürzlich folgte das finale Closing. Wie stark hat euch das Fundraising in dieser Zeit bean-sprucht?

Lisa Fassl: Vielleicht sehe ich das im Rückblick ein bisschen durch die rosarote Brille – im Wesentlichen ist es im Fundraising zwischen First Closing und Final Closing um den EIF gegangen und jeder, der den Prozess schon einmal durchgemacht hat, weiß, dass Due Diligence, Kommunikation und Verhandlungen von Verträgen schon Zeit beanspruchen. Aber das war gut gemanagt und hat uns nicht davon abgehalten, unseren Investment-Pace aufrechtzuerhalten. Dann sind noch ein paar individuelle Investor:innen dazuge-kommen – vor allem Frauen. Mit denen war es unkompliziert.

Ihr hattet im Herbst 2022 das erste Closing – von außen betrachtet könnte man sagen, das Timing war für den Start eines neuen VC-Fonds alles andere als gut: Seit Beginn des Ukraine-Kriegs herrscht eine VC-Krise. Wie habt ihr das erlebt? Wie hat euch das beeinflusst?

Lisa Fassl: Man muss eh mit dem arbeiten, was da ist. Wir hatten rückblickend vielleicht den Vorteil, dass wir gar nicht wussten, wie es ist, in einer anderen Phase zu fundraisen. Wir waren auch mit allem, was wir vorher gemacht haben, immer in einem schwierigen Umfeld unterwegs – die Covid-Krise etwa lag auch nicht lange zurück. Wir kennen es also grundsätzlich nicht anders, als in harten Zeiten unternehmerisch zu agieren.

Von vielen anderen VC-Fonds hört man, dass es schwierig ist, an Kapital zu kommen. War es für uns easy? Nein, war es nicht. Aber es ist offensichtlich machbar. Ich glaube, was uns differenziert, ist eine klare Positionierung, eine Abgrenzung und ein USP durch unsere impact-getriebene These und ein Track Record, den wir aufgebaut haben. Leute geben uns Kapital, weil sie sehen, dass wir in vielen Dingen anders ticken als die klassische VC-Szene, aber auch anders ticken als die klassische Impact-Szene. Wir verschmelzen so hoffentlich das Beste aus beiden Welten miteinander. Und wir haben einen positiven Zugang zur Welt, der Nachhaltigkeit, Impact und Returns verbindet.

Gab es auch Fälle, wo diese klare Ausrichtung – also das Commitment von Fund F, nur in Startups zu investieren, die Frauen unter den Gründer:innen haben – auf Ablehnung gestoßen ist?

Lisa Fassl: Es gab ein paar potenzielle LPs (Anm.: Limited Partners), die da eine sehr klare, skeptische Positionierung hatten. Aber auch mit denen sind wir wieder in Gesprächen, denn am Ende des Tages zählt halt einfach die Performance – und ob die These funktioniert oder nicht.

Nina Wöss: Nicht jeder LP passt zu jedem Fonds. Das ist genauso wie beim Investieren in Startups: Manchmal passt man einfach nicht in das Suchschema und manchmal passt auch das Team nicht zum Investor bzw. der Investorin. Das ist auch vollkommen okay. Genauso wie Startups damit umgehen müssen, dass Investor:innen aus verschiedenen Gründen nicht investieren, haben auch wir Neins bekommen; und da waren sicher auch welche dabei, die auf Basis unserer These gekommen sind. Aber ich glaube, das gehört zum Fundraising dazu.

Rein statistisch gesehen gibt es in Europa mehr Deals mit mindestens einer Frau im Gründungsteam als reine Fintech-Deals. Und niemand zweifelt an der Berechtigung eines Fintech-Fonds.

Nina Wöss im Gespräch | (c) Viktoria Waba / brutkasten

Wie wurden diese Neins begründet?

Lisa Fassl: Eine der Grundfragen, die uns immer wieder gestellt werden, ist, ob es denn überhaupt genug Frauen gibt, die Startups gründen. Ich denke, die Frage hat durchaus Berechtigung, weil es einfach ein total verzerrtes Bild am Markt gibt. Die klassischen VC-Fonds oder Angel-Investor:innen sehen nur einen Ausschnitt des Markts. Sie sehen die Deals, die wir sehen, in vielen Fällen gar nicht. Wir haben, glaube ich, mit den Deals, die wir bis jetzt gescreent haben – letztes Jahr waren es etwas mehr als 2.000 –, bewiesen, dass es tatsächlich genug Dealflow gibt.

Nina Wöss: Rein statistisch gesehen gibt es in Europa mehr Deals mit mindestens einer Frau im Gründungsteam als reine Fintech-Deals. Und niemand zweifelt an der Berechtigung eines Fintech-Fonds.

Wie kann man sich eigentlich das Fundraising bei institutionellen Investoren vorstellen? Wie klopft man da an die Tür? Du hast vorher beim EIF schon angesprochen, dass das ein sehr langer Prozess ist. Wie war das dort und wie war es bei den anderen?

Lisa Fassl: Als wir den Fonds konzipiert und mit dem Fundraising angefangen haben, haben uns so gut wie alle Menschen, die selbst bereits Fonds geraist haben, gesagt, man bekommt niemals für den ersten Fonds Geld von institutionellen Investoren. ‚Das machen die nicht. Die backen keinen First-Time-Fund. Don’t even try!‘ Unsere Einstellung war: ‚What can go wrong?‘ Mehr als dass sie Nein sagen, kann nicht passieren. Ich denke, mit dieser Einstellung muss man – unabhängig davon, ob es für einen Fonds oder für ein Startup ist – immer ins Fundraising gehen. Und jetzt haben wir vier institutionelle Investoren und damit eine extrem solide Basis; auch für weitere Fonds.

Im Fall des EIF haben wir einen Vertreter des Fonds bei einem Event kennengelernt, noch bevor wir im Fundraising für Fund F waren. Als es dann später so weit war, haben wir ihm erzählt, dass wir einen Fonds planen – gar nicht unbedingt mit dem Ziel, Kapital zu bekommen. Er hat das Proposal cool gefunden, und dann haben wir uns reingehaut und nicht mehr locker gelassen.

Zu den beiden Banken (Anm.: Raiffeisen-Landesbank Steiermark und Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien) sind wir über das persönliche Netzwerk gekommen. Das waren Kontakte, die es teilweise schon länger gab, etwa über andere Investor:innen. Sie verfolgen beide eine aktive VC-Strategie, sind extrem professionell, wissen, was am Markt passiert und sind sehr hilfreich für uns. Sie helfen etwa auch bei der Due Diligence bei Startups. Bei der aws (Anm.: Venture-Capital-Initiative der Austria Wirtschaftsservice) war es ein klassischer Bewerbungsprozess.

Aber man muss schon sagen: Auf institutioneller Seite, bei Pensionskassen und Co, wartet keiner auf die VCs. Deshalb wäre es extrem wichtig, dass sich die Politik des Themas annimmt. Wir brauchen einen aktiven Kapitalmarkt, denn es gäbe viele Chancen. Es ist unglaublich viel Geld da, aber es liegt in anderen Assetklassen, am Bankkonto oder unter dem Kopfpolster, und wird einfach nicht mobilisiert. Viel Geld wird in Österreich nicht sehr smart und nicht in Innovation investiert, und das ist eine absolute Verschwendung.

Wie kann man sich den Prozess bis zum Closing mit dem EIF vorstellen? Was war da zu tun?

Nina Wöss: Unser Setup war von Anfang an in­ ternational gedacht. Schon als wir das erste Mal mit den Anwält:innen besprochen haben, wie die Ver­träge ausschauen sollen, war klar: Es muss marktgemäß sein. Wir wollen einen ersten und in Zukunft weitere Fonds aufbauen, die sich auf europäischer Ebene matchen können. Das bedeutet auch: Wenn du vor den institutionellen Fonds sitzt, erwarten die, dass du dich ihrem Schema anpasst und nicht um­ gekehrt. Da gehört es auch dazu, von Anfang an zu verstehen, wie ein Reporting aussehen muss und welche Kennzahlen sie wollen.

Man sollte sich also wirklich schlaumachen, vor allem durch Gespräche mit anderen Fondsmanagern, die diesen LP schon an Bord haben, um besser zu verstehen, worauf es ankommt und wie man den eigenen Pitch so präsentiert, dass er für einen institutionellen LP nachvollziehbar ist. Es ist natürlich ein großer Unterschied, ob du an eine Pri­vatperson pitchst, die auf andere Dinge Wert legt, wo du deine Story einfach anders fokussierst. Lang­fristig musst du aber alle an einen Tisch bringen, in einem Fonds, wo für alle die gleichen Regeln gelten.

Kommen wir zur anderen Seite: euren Investments. Wie hat sich das seit dem Start 2022 entwickelt? Und abgesehen vom bekannten Fund-F-Kriterium, dass zumindest eine Frau im Gründungsteam sein muss: Was sind die entscheidenden Faktoren, warum ihr investiert?

Nina Wöss: Wir haben allein 2024 rund 2.000 Startups gescreent, im Jahr davor waren es ungefähr genauso viele. Wir hatten durch unsere Brand von Tag eins an eine sehr starke Exposure und auch einen wirklich guten Dealflow. Bis dato haben wir 14 Investments getätigt.

Zu den Kriterien: Es klingt jetzt abgedroschen, aber es ist das Team. Dadurch, dass wir Preseed­- und Seed­-Investments machen, sind wir sehr oft der erste Fonds, der in ein Startup investiert. Und in einem großen Teil der Fälle arbeiten wir auch mit Gründerinnen und Gründern, die das erste Mal gründen; das heißt, es ist für das Gründungs­team meistens eine komplett neue Situation, in der man aber recht gut die Persönlichkeiten sieht: Wie kommunizieren die Leute? Wie gehen sie mit Stress um? Wie verhalten sie sich, wenn es wirklich um die konkrete Verhandlung der Verträge geht? Da lernst du die Leute schon sehr gut kennen, und das ist uns auch wichtig. Die Gründerinnen und Gründer brauchen eine besondere Resilienz: Trau en wir es den Menschen zu, dass sie in einem teil­weise sehr anstrengenden Umfeld erfolgreich sein können?

Deswegen ist es für uns auch bedeutend, im eigenen Team eine gewisse Diversität zu haben, um verschiedene Backgrounds und Blickwinkel ein­ zubringen. Das Genannte geht natürlich Hand in Hand mit anderen klassischen Faktoren: Natürlich müssen die Skills passen und die Leute im Team müssen sich ergänzen. Es muss einen relevanten Markt geben und das Produkt muss passen. Und man muss es vielleicht noch mal explizit sagen: Wir sind Technologie-Investorinnen. Wir suchen nach skalierbaren, technologiebasierten Businessmodellen.

Die Welt brennt links und rechts und es gibt so viele Probleme, die wirklich Probleme sind – wir backen lieber Startups, die diese Probleme angehen, als ein Nice-to-have oder eine minimale Prozessoptimierung.

Lisa Fassl im Gespräch | (c) Viktoria Waba / brutkasten

Lisa Fassl: Und es müssen Themen sein, die uns interessieren. Wir arbeiten sehr intensiv mit den Gründerinnen und Gründern zusammen. Sobald wir ein Investment zugesagt haben, steht unser Angebot, dass uns die Leute Tag und Nacht anrufen können. Manche machen das tatsächlich, vor allem, wenn es gerade brennt. Wenn wir kein Interesse an den Menschen und an dem, was sie da tun, hätten, würde das nicht funktionieren.

Also würden wir auch keinem Startup Geld geben, das zwar eine extrem tolle API (Anm.: Ap-plication Programming Interface, Programmierschnittstelle) hat, aber bei dem wir überhaupt nicht an das glauben, was es macht; beziehungsweise wenn das unseren Werten absolut nicht entspricht. Um es sehr plakativ zu sagen: Die Welt brennt links und rechts und es gibt so viele Probleme, die wirklich Probleme sind – wir backen lieber Startups, die diese Probleme angehen, als ein Nice-to-have oder eine minimale Prozessoptimierung. Wir haben das Privileg, in einer Funktion zu sein, in der wir tatsächlich etwas verändern können, denn am Ende des Tages sind wir in einem kapitalistischen System. Geld dominiert die Welt und wir können Geld verteilen und damit entscheiden, welche Technologie so unterstützenswert ist, dass sie erfolgreich sein soll. Dieses Privileg nehmen wir extrem ernst. Unsere Investor:innen geben uns das Geld, um etwas Sinnvolles damit zu machen.

Ich habe euch ja vorher die Frage gestellt, ob es LPs gab, die Fund F aufgrund seiner These abgelehnt haben. Jetzt die andere Seite: Gibt es auch Gründerinnen, die kein Investment von euch haben wollen, etwa weil sie befürchten, dass andere dann denken, sie hätten das Kapital nur bekommen, weil sie Frauen sind?

Nina Wöss: Wir waren noch nie in einer Situation, wo wir in einem Gespräch mit dem Team waren und die Personen uns gesagt haben, dass sie aufgrund unserer These kein Investment von uns möchten. Es ist aber natürlich nicht auszuschließen, dass es Teams gibt, die sich deswegen absichtlich nicht melden – es wäre also wohl vermessen zu sagen, dass das nicht vorkommt.

Lisa Fassl: Nachdem wir mit dem Fonds schon zwei Jahre am Markt sind, bekommen wir mittler-weile auch sehr viele Referenzen durch die Gründerinnen, in die wir bereits investiert haben. Das ist sehr wertvoll. Diejenigen, die überlegen, ob sie uns an Bord haben wollen, rufen in der Regel auch mindestens ein Portfolio-Startup von uns an. Das heißt, wir werden schon auch ganz klar geprüft.

An negatives Feedback zu unserer These in direkten Gesprächen könnte ich mich wirklich nicht erinnern. Es ist eher umgekehrt: Diverse Teams sagen, sie wollen diverse Investoren, und sie wollen vor allem auch in ihrem Advisory-Board Frauen haben, um unterschiedliche Meinungen abzubilden. Sie wollen nicht fünf Leute, die gleich aussehen, das Gleiche denken und an den gleichen Unis studiert haben, denn dann bekommen sie auch nur eine Meinung. Sie wollen aber unterschiedliche Meinungen und sich dann ihre eigene bilden und ihre eigenen Company-Werte entwickeln.

Generell hat sich der politische Wind zuletzt global ja ziemlich gedreht: Es gibt wieder viel offenen Chauvinismus, wie er in den vergangenen Jahren nicht so offen gezeigt wurde; Mark Zuckerberg wünscht sich mehr „Male Energy“, Diversity-Programme werden zurückgefahren. Wie positioniert ihr euch in diesem Umfeld?

Nina Wöss: Ich finde, diese teilweise sehr starken Aussagen sollten einen schon als Mensch zum Nachdenken bringen. Mit Fund F und unserer These sehen wir aber bisher, dass sich Europa bei diesen kulturellen Themen ganz anders positioniert und nicht eins zu eins die USA imitiert. Das heißt natürlich nicht, dass diese Dynamiken nicht zu uns durchschlagen können, nachdem US-Konzerne ja auch stark in Europa vertreten sind. Wenn man sich aber ansieht, welche Stakeholder in Europa bei Venture Capital und Technologie eine starke Rolle spielen, sieht man, dass es hier eine politische Steuerung gibt, die nicht in diese Richtung geht. Beim EIF etwa werden aktiv Ziele in den Bereichen Klima und Nachhaltigkeit verfolgt. Ich denke also, dieser politische Umschwung wird nicht so schnell unmittelbare Auswirkungen auf die LP-Basis in Europa haben bzw. uns gefährden.

Es ist gut, dass wir den Fonds geclost haben, bevor diese ganzen Entwicklungen eingesetzt haben. Jetzt können wir arbeiten und zeigen, dass die These hält. Den nächsten und den übernächsten Fonds können wir ohnehin nur aufstellen, wenn uns das gelingt. Und die Unternehmerinnen, mit denen wir arbeiten, werden gute Unternehmen bauen. Und das sehen wir auch bei anderen Fonds, die ähnliche Thesen wie wir verfolgen.

Lisa Fassl: Also um ehrlich zu sein, finde ich das gesamte politische Klima zum Kotzen. Wenn ich mir die Nachrichten ansehe, verstehe ich, warum der Optimismus bei den Leuten sinkt und Politikverdrossenheit und Unzufriedenheit zunehmen! Das Gute ist, dass solche Bewegungen immer auch eine Gegenbewegung auslösen. In den vergangenen Jahren hat sich glücklicherweise doch so viel getan, dass es immer mehr Frauen gibt, die Kapital haben, in Entscheidungspositionen sind und sich das nicht gefallen lassen. Das sieht man in den USA etwa bei Philanthropinnen wie Melinda Gates, die selbst beginnen, Geld anders zu investieren. Die Situation kann also auch ein sehr positives Momentum er-zeugen.

Am Ende des Tages haben wir ein kapitalistisches System und die Performance entscheidet. Und über die Performance sagt ja noch immer jede Statistik, dass diverse Teams besser arbeiten; das Geschlecht ist hier natürlich nur ein Faktor. Das ist die Realität, und das wird sich hoffentlich auch in der Performance unseres Fonds zeigen – und dann ist die Diskussion sowieso komplett obsolet.

Unter Donald Trump dreht sich der Wind ja nicht nur ideologisch – er droht in großem Umfang Zölle an, Handelskriege stehen im Raum. Wie seht ihr österreichische bzw. europäische Startups in dieser neuen internationalen Situation positioniert?

Lisa Fassl: Wir müssen als Europa begreifen, dass Nationalismus und Nationalstaatlichkeit wirklich gar keinen Sinn haben. Das geht sich einfach nicht aus, alleine wenn man sich die Bevölkerungszahlen und entsprechend das Wirtschaftswachstum im globalen Norden ansieht. Wir sind am absteigenden Ast und wir müssen uns wirklich etwas überlegen. Startups und Technologie sind da mitunter die größte Hoffnung, die wir haben. Hier Förderungen zurückzuziehen oder kein öffentliches Kapital mehr in diesen Bereich zu pumpen wäre wirklich sinnlos. Wir können nur überleben, wenn wir jetzt anfangen, wirklich innovativ zu sein, gute Technologien zu bauen und Arbeitsplätze zu schaffen. Und wir müssen uns überlegen, wie wir es schaffen, die smartesten Köpfe aus dem Ausland nach Europa zu holen.

Insgesamt sollten wir uns in Europa überlegen, mit welchen anderen Nationen es Sinn ergibt, zu kollaborieren. Wo gibt es gute Synergien? Wo gibt es vielleicht ein ähnliches Werteverständnis? Ich glaube, was Europa ausmacht, sind starke Werte, die wir hoffentlich nicht verlieren in diesem politischen Klima.

Lisa, als du damals als Startup-Beauftragte im Wirtschaftsministerium aufgehört hast, hast du eher resigniert gewirkt. Wie groß siehst du die Chancen dafür, dass die neue Regierung in Reaktion auf Trump, der mit seinen Executive Orders innerhalb von Stunden neue Tatsachen schafft, schnell und politisch richtig handelt?

Lisa Fassl: Der Aspekt, der mich an österreichischer und europäischer Politik wahnsinnig frustriert, ist: Es gibt Interessenspolitik links und rechts und ein Durchsetzen von alteingesessenen, total überholten, nicht mehr zeitgemäßen sogenannten „Werten“, um sich selbst und seine eigene Klientel zu schützen. Das haben auch die zunächst gescheiterten Regierungsverhandlungen wieder gezeigt. Ich würde mir echt wünschen, dass es gelingt, da wirklich einmal drüberzustehen, denn es geht um mehr als um die Befindlichkeiten von ein paar Leuten, die seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Parteien sitzen. Es geht am Ende des Tages um die Zukunft von uns allen, vor allem um die Zukunft der nächsten Generationen.

Es heißt jetzt wirklich, Verantwortung für das Land zu übernehmen. Jede Situation ist managebar; man muss es aber machen, muss Entscheidungen treffen. Und wir wissen aus dem unternehmerischen Kontext: Keine Entscheidung zu treffen und keine Verantwortung zu übernehmen ist auch eine Entscheidung – nämlich die schlechteste von allen.

Es ist in diesen Zeiten schwierig, um einen Ausblick zu bitten. Ich mache es trotzdem, aber nur bezogen auf Fund F: Wenn ihr drei große Ziele nennen müsst, für welche entscheidet ihr euch?

Lisa Fassl: Das größte Ziel ist es, einen der am besten performenden europäischen VC-Fonds zu bauen. Und das nicht mit der – unter Anführungszeichen – „Einschränkung auf Gender“, sondern im Vergleich zu allen anderen VCs im Early-Stage-Bereich. Wir wollen, auch mit den geplanten Folge-Fonds, die Nummer eins werden.

Nina Wöss: Ein weiteres Ziel ist natürlich, dass wir die Wunschinvestorinnen der Startups, die unserer These entsprechen, werden. Wenn sie eine Kapitalrunde raisen, sollen sie Fund F unbedingt dabeihaben wollen – egal, wie viele andere Angebote sie haben und von wem die sind; weil sie mit uns arbeiten wollen.

Lisa Fassl: Als drittes Ziel nenne ich unsere Vision auf Metaebene: ein gleichberechtigtes europäisches Tech-Ökosystem. Davon sind wir leider noch weit entfernt.

Ihr habt die Folge-Fonds angesprochen. Wie lautet da der Plan?

Nina Wöss: Unsere Investmentphase endet im vierten Quartal 2026 und dann soll der nächste Fonds kommen. Das ist ein ganz klares Ziel. Und der wird größer werden als der aktuelle; dazu gibt es auch schon die ers-ten Gespräche. Es ist wie bei Startups: We’re always fundraising.

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Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren | (c) Sabine Klimpt

Im Hochsommer, vor genau 15 Jahren, reiste ich zum ersten Mal nach China. In dieser schicksalshaften Woche lernte ich nicht nur meine Frau kennen, sondern auch einen nahezu perfekt anmutenden europäischen Exportmarkt mit einer Milliarde Menschen, stark steigenden Einkommen und niedriger Marktsättigung.

Das Straßenbild der 25-Millionen-Metropole Schanghai war unübersehbar von europäischen Autos geprägt. Volkswagen stand damals mit rund einem Fünftel Marktanteil am Zenit seiner Dominanz im wichtigsten Automarkt der Welt. Wer sich einen Audi, BMW oder Mercedes leisten konnte, hatte es im Reich der Mitte geschafft und stellte das zur Schau.

Heute ist die Welt eine andere. Meine damalige Freundin ist längst meine Ehefrau mit österreichischer Staatsbürgerschaft. China hat uns technologisch vielfach überholt und seine Importabhängigkeit radikal reduziert. Die Handelsströme sprechen eine deutliche Sprache, denn das EU-Defizit im Warenhandel mit China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro, plus 18 Prozent binnen eines Jahres.

Die Zahl neuer chinesischer Marken und Modelle ist überwältigend – heimische Hersteller halten inzwischen rund 70 Prozent des chinesischen Pkw-Marktes. Volkswagen, jahrelang Marktführer in China, liegt heute mit knapp elf Prozent hinter BYD und Geely. Credit: Thomas Reiter 

Im Vergleich zu Europa punktet China heute mit moderner Infrastruktur, seiner Vorreiterrolle bei erneuerbaren Energien und sichtbarem Wohlstandszuwachs. Auch das leistungsorientierte Bildungssystem rückt an die Weltspitze. Jährlich schließen 3,5 Millionen Menschen ein MINT-Studium ab, fast die Hälfte aller Patentanmeldungen weltweit kommt aus China.

Nicht zufällig heißt die erste chinesische Hochgeschwindigkeitsbaureihe auf eigenen Schutzrechten „Fuxing“ – Verjüngung, Wiedererstarken. Ihre Vorgängerin „Hexie“, Harmonie, fuhr noch mit Lizenztechnologie von Siemens, Alstom und Kawasaki.

Rushhour in Schanghais U-Bahn: rund zehn Millionen Fahrgäste täglich – und kaum eine Hand ohne Smartphone. Credit: Thomas Reiter

Auf den Trikots chinesischer Spitzensportler steht „Glory of China“, und BYD, mittlerweile weltgrößter Hersteller reiner Elektroautos, trägt „Build Your Dreams“ im Namen. Dieses Mindset verrät viel über ein Land.

China ist nicht perfekt. Aber es steht heute eher für den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Milliardär als Donald Trumps „Make America Great Again“.

Tencent East China Headquarters in Schanghai: Der Konzern hinter der Super-App WeChat zählt 1,42 Milliarden aktive Nutzer im Monat – mehr, als die EU und die USA zusammen Einwohner:innen haben. Credit: Thomas Reiter 

Ich schreibe diese Zeilen am Rückflug von China nach Österreich. Das Europäische Forum Alpbach steht heuer unter dem Motto „How Europe Wins“ und benennt die neue Realität. In einer Welt, in der alle anderen schneller und entschlossener handeln, ist offen, ob Europa in den entscheidenden Fragen noch gewinnen kann. Die Antwort steckt bereits in der Diagnose. Europa muss schneller und entschlossener werden.

Entschieden wird das nicht auf Konferenzen. Europa braucht nicht die nächste Arbeitsgruppe, sondern konkrete Vorhaben mit Datum, Budget und Verantwortlichen, die dafür geradestehen. Ein Plan ist immer nur so gut wie seine Ausführung. Umsetzungsgeschwindigkeit muss das Maß aller Dinge sein.

Zwei Beispiele. Die beschlossene Senkung der Lohnnebenkosten – der Dienstgeberbeitrag sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent, rund zwei Milliarden Euro Entlastung – wirkt erst ab 2028. Die von der Kommissionspräsidentin persönlich unterstützte „EU Inc.“ liegt seit März als Vorschlag am Tisch, anwendbar frühestens 2028. Der Kontinent scheint viel Zeit zu haben. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Wucht der Veränderung

BYD hat seinen Absatz in fünf Jahren verzehnfacht, auf 4,6 Millionen Fahrzeuge. Und China ist längst der größte Autoproduzent der Welt. 34,5 Millionen gebaute, acht Millionen exportierte Fahrzeuge allein 2025. Bei Photovoltaikmodulen hält es 85 Prozent Weltmarktanteil, bei Batteriezellen rund 70 Prozent. Veränderung war nie schneller, mit einem hohen Preis für Sieger:innen und Verlierer:innen – die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz noch gar nicht eingerechnet.

Botengänge im Hotel erledigt längst der Roboter: 2024 wurden 54 Prozent aller Industrieroboter weltweit in China installiert. Credit: Thomas Reiter 

Wir leben in Österreich weit über unseren Verhältnissen, ohne dafür eine Sensorik zu haben. Zwei Rezessionsjahre, zwölf Prozent Minus bei der abgesetzten Industrieproduktion seit 2021, 25.000 verlorene Industriejobs in zwei Jahren, 6.810 Firmenpleiten im Vorjahr, eine Schuldenquote, die 2027 auf 85 Prozent zusteuert, ein offenes EU-Defizitverfahren. Wer sagt, unser Pensionssystem sei gesichert, rechnet mit Annahmen von gestern. Gut ein Viertel des Bundesbudgets fließt in Pensionen, und 2040 kommen auf einen Menschen im Pensionsalter nur noch zwei im Erwerbsalter – 1950 waren es sechs.

Es mangelt nicht an Lösungen und Wissen, sondern an Bereitschaft – genauer gesagt an den Möglichkeiten einer Dreierkoalition und an den Abläufen zwischen Wien und Brüssel. Was die Politik nicht richten wird, müssen Unternehmerinnen und Unternehmer leisten. Und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich ihres Beitrags bewusst sind.

Der Weg zu neuem Wachstum ist machbar

Vorziehen statt ankündigen. Der Dienstgeberbeitrag, den Arbeitgeber zusätzlich zum Bruttolohn an den Familienlastenausgleichsfonds zahlen, sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent. Das entlastet die Betriebe brutto um rund zwei Milliarden Euro. Ein Prozentpunkt weniger Lohnnebenkosten bringt laut EcoAustria 10.000 bis 12.000 Jobs. Wirksam wird die Senkung aber erst 2028. Wer heuer um Aufträge und Fachkräfte kämpft, hat davon nichts. Also vorziehen auf Mitte 2027, gegenfinanziert aus der Föderalismusreform.

Schnellere Genehmigungen. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung dauerte im Zehnjahresschnitt 22,6 Monate. Fast zwei Jahre bereitliegendes Kapital ohne Baustart, während andere Standorte in Monaten entscheiden.

Deshalb sollte nach zwölf Monaten ohne Bescheid die Bewilligung automatisch gelten. Nötig ist der Druck, denn Bürokratie kostet die Unternehmen laut KMU Forschung Austria 21,1 Milliarden Euro und 320 Millionen Arbeitsstunden jährlich, die Leistung von fast 200.000 Vollzeitkräften – ohne Mehrwert für Kund:innen.

Kapital statt Sparbuch. Österreichs Risikokapital brach 2025 um 56 Prozent auf 253 Millionen Euro ein, während europaweit zehn Billionen Euro niedrig verzinst auf Konten liegen. Es braucht eine KESt-Befreiung nach Behaltefrist und Pensionskassen, die heimische Innovation finanzieren dürfen.

Arbeit muss sich lohnen. Mit 47,1 Prozent Abgabenbelastung liegt Österreich laut OECD auf Rang vier. Dazu ein faktisches Antrittsalter unter 62 Jahren bei steigender Lebenserwartung. Dänemark und die Niederlande koppeln ihr Pensionsalter an sie, das schafft Planbarkeit und hält das Thema aus dem Wahlkampf.

Verwertung statt Förderung. Österreich investiert 3,34 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung, EU-weit Platz drei, im Innovation Scoreboard nur Rang acht. Wir finanzieren Forschung erstklassig und übersetzen sie zweitklassig in Produkte. Förderungen sollten daher an Marktergebnisse gekoppelt werden, nicht an gut geschriebene Anträge.

Mehr denn je zählen Leistung und Einsatz statt Hoffnung auf einen Staat, der selbst eine Verschlankung braucht.

Europäischer Exportschlager: Das größte Legoland der Welt steht seit 2025 nicht in Dänemark, sondern in Schanghai. Credit: Thomas Reiter

Das ist kein Grund für Pessimismus. Europa hat schon große Träume verwirklicht, und keiner davon war einfach oder unumstritten. CERN entstand 1954, neun Jahre nach dem Krieg, als zwölf Staaten ein gemeinsames Labor bauten, in dem Jahrzehnte später das World Wide Web erfunden wurde. Airbus startete 1970 als Konsortium gegen eine amerikanische Dominanz, die als unangreifbar galt, und lieferte 2025 mit 793 Maschinen mehr Verkehrsflugzeuge aus als Boeing mit 600.

Erasmus wurde 1987 erst nach langem Streit über Rechtsgrundlage und Finanzierung beschlossen, begann mit rund 3.000 Studierenden und hat seither mehr als zehn Millionen Menschen in einem anderen EU-Mitgliedstaat ausgebildet. Binnenmarkt und Währungsunion galten als zu groß zum Funktionieren, heute zahlen rund 360 Millionen Menschen in 21 Ländern mit derselben Währung, seit Jänner auch die Bulgaren.

Nicht die Aufgaben sind größer geworden, sondern unsere Bereitschaft kleiner, den Status quo zu verändern, uns festzulegen und unsere Zukunft aktiv zu gestalten. Jacques Delors legte 1985 ein Weißbuch mit 282 Einzelmaßnahmen vor und schrieb einen Stichtag hinein, den 31. Dezember 1992. Jede Maßnahme hatte einen Termin, und die Einheitliche Europäische Akte ersetzte für den Binnenmarkt die Einstimmigkeit durch Mehrheitsentscheidungen. Der Stichtag wurde bis auf wenige Ausnahmen gehalten.

Träume verwirklichen sich nicht durch Absichtserklärungen und Diskussionen, sondern durch Menschen, die täglich daran arbeiten und dafür geradestehen. Wir müssen es unseren Eltern und Großeltern nur gleichtun.


Über den Autor:

Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren. www.reiterpr.com

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