29.10.2025
EY-STUDIE

Für 28 Prozent belanglos: Nachhaltigkeit wird für Österreichs Unternehmen unwichtiger

Für 28 Prozent der heimischen Unternehmen mit über 100 Mitarbeitenden spielen Umweltthemen nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Das zeigt das EY Sustainability Barometer 2025.
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Symbolbild mangelnde Nachhaltigkeit - EY Sustainability Barometer
Bild: KI-generiert

Während in der Forschung weitgehend Einigkeit herrscht, dass die Klimakrise umgehendes und weitreichendes Handeln erfordert, wird das Thema von Österreichs Unternehmen tendenziell wieder aufs Abstellgleis geschoben. Das zeigt der EY Sustainability Barometer 2025, für den Vertreter:innen von 200 österreichischen Unternehmen aller Branchen ab 100 Mitarbeitenden von Juli bis August 2025 befragt wurden.

Nachhaltigkeit für 10 Prozent sehr wichtig, für 28 Prozent belanglos

Hatte 2024 noch fast ein Viertel (23 Prozent) der Befragten angegeben, dass Klimaschutz und Nachhaltigkeit das Handeln und Agieren in ihrem Unternehmen stark beeinflussen, waren es heuer nur mehr zehn Prozent. Dem gegenüber stehen ganze 28 Prozent der Unternehmen, bei denen Umweltthemen nach eigenen Angaben nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle bei Entscheidungsprozessen spielen.

Deutlich weniger Nachhaltigkeits-Abteilungen, aber häufiger Chefsache

Und weiter: Fast vier von zehn Unternehmen (38 Prozent) verfügten 2024 noch über eine eigene Nachhaltigkeits-Abteilung, was sich 2025 auf weniger als ein Viertel (22 Prozent) verringert hat. Und in 44 Prozent der Unternehmen wurde dieses Jahr ein Nachhaltigkeits-Management-Plan erstellt – 2024 waren es noch 54 Prozent. Dafür wurden vermehrt eigene Stellen geschaffen (25 vs. 17 Prozent). Außerdem: In knapp der Hälfte der befragten Unternehmen (47 Prozent) ist 2025 der Vorstand bzw. die Geschäftsführung für das Thema zuständig – im Vergleich zu nur 34 Prozent im Jahr 2024.

Unterschiede zwischen Unternehmensgrößen und Branchen

Österreichische Unternehmen sind in Sachen Nachhaltigkeit auch keineswegs eine homogene Gruppe. Je größer die Unternehmen sind, desto größer auch die Rolle der Nachhaltigkeit, wird bei EY betont. Und auch zwischen den Branchen gibt es erhebliche Unterschiede. So ist der Stellenwert von Nachhaltigkeit in der Konsumgüterherstellung am höchsten (29 Prozent „sehr hoch“), in der Baubranche am geringsten (5 Prozent „sehr hoch“).

Drei Viertel wollen Treibhausgase reduzieren, aber nur zwei Prozent haben 1,5 °C-Ziel

Weiters ist das Thema Nachhaltigkeit nur bei 51 Prozent der Unternehmen ein vollkommen integrierter Bestandteil der Unternehmensstrategie – auch hier gab es einen Rückgang (2024: 55 Prozent). Aber: Der Anteil an Unternehmen, die das Thema zumindest teilweise integriert haben, ist gleichzeitig um vier Prozent gestiegen. Und knapp drei Viertel (73 Prozent) der Unternehmen haben sich zumindest ein Ziel zur Reduktion von Treibhausgasemissionen gesetzt – neun Prozent mehr als im Vorjahr. Dafür haben sich nur zwei Prozent der Unternehmen 2025 ein 1,5 °C-Ziel gesetzt. 2024 waren es noch 30 Prozent.

Sowohl Strategie als auch Vorgaben spielen eine Rolle

Und wovon hängt es vor allem ab, wie wichtig Nachhaltigkeit im Unternehmen genommen wird? Leitlinien des Headquarters sind laut EY Sustainability Barometer der größte Einflussfaktor auf Nachhaltigkeitsmaßnahmen – in neun von zehn Unternehmen (92 Prozent) wirken sie sich sehr oder eher stark auf die Umsetzung aus. Gleichzeitig spielt die persönliche Überzeugung der Entscheidungsträger:innen eine zentrale Rolle bei der strategischen Ausrichtung (80 Prozent), gefolgt von gesetzlichen Vorgaben und Regulierungen (79 Prozent). Drei Viertel sehen eine strategische Notwendigkeit zur Sicherung von Wachstum und Profitabilität (76 Prozent) sowie eine starke Anforderung durch Konsument:innen und Abnehmer:innen (74 Prozent).

„Wer hier nur oberflächlich agiert, wird scheitern“

Zu diesem Gegensatz zwischen Pflichterfüllung und Strategie erläutert Peter Linzner, Partner bei EY denkstatt: „Nachhaltigkeit ist längst kein Trend mehr, sondern ein strategisches Werkzeug für langfristige Wettbewerbsfähigkeit – wer hier nur oberflächlich agiert, wird scheitern. An größeren Unternehmen können wir erkennen, dass Unternehmen, die Nachhaltigkeit als Compliance-Übung verstehen, stark mit Ressourcenproblemen und inhaltlichen Schwierigkeiten kämpfen, während jene, die das Thema als Innovationstreiber nutzen, ihre Konzepte abgestimmt auf Kundenanforderungen systematisch weiterentwickeln und dadurch echte Marktvorteile schaffen.“

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Vlnr: Mag. Markus Manz (CEO SCCH Innovations GmbH) und die Gründer*innen von LUML, Nikita Gonchar, Oleh Kostromin und Iryna Kondrashchenko | (c) SCCH

Das Software Competence Center Hagenberg forscht als COMET-Zentrum seit Jahren für Industriepartner wie Siemens, Bosch oder Fronius. Mit der SCCH Innovations GmbH will das oberösterreichische Forschungszentrum seine Ergebnisse zusätzlich auch selbst in Unternehmen überführen, statt sie ausschließlich an Auftraggeber weiterzugeben. „Es war mir immer ein besonderes Anliegen, dass die Ergebnisse unserer Forschung nicht mit dem Abschluss eines Forschungsprojekts enden, sondern ihren Weg in die wirtschaftliche Anwendung finden“, sagt Markus Manz, CEO der SCCH Innovations GmbH.

Rund 30 Unternehmen als Ziel

Im Gespräch mit brutkasten formuliert Manz ein ambitioniertes Zielbild: Rund 30 Beteiligungen sollen bis 2030 und darüber hinaus realisiert bzw. aufgebaut  werden. Die Vision beschreibt er als Unendlichsymbol (∞), welches das Forschungs- und das Gründerökosystem iterativ verbindet. Tiefe Technologien aus der angewandten Forschung sollen in Unternehmensgründungen überführt werden, die Rückflüsse daraus wiederum die Forschung speisen. Es gehe dabei nicht darum, eine App zu entwickeln, betont Manz, sondern darum, tiefe Technologien aus der eigenen Forschung mit Industriepartnern und Universitäten in Unternehmensgründungen zu bringen. Ein vergleichbares Modell, bei dem ein angewandtes Forschungszentrum eine eigene Beteiligungsgesellschaft betreibt, kenne er aus seiner Recherche nicht.

Die Gesellschaft soll zu Beginn mit rund 500.000 Euro kapitalisiert werden. Große Einzelinvestments sind damit nicht geplant: Die Ticketgröße für Erstinvestments liegt laut Manz bei maximal 100.000 Euro. Das Startkapital soll Gründer:innen helfen, die erste Phase zu überbrücken, Förderungen einzureichen und das Produkt weiterzuentwickeln. Noch heuer sind drei weitere Beteiligungen geplant, zwei davon im Deep-Tech-Bereich und eine im Dienstleistungsbereich, um schneller rekapitalisieren zu können.

Die Wege in den Markt

Die SCCH Innovations GmbH verfolgt mehrere Beteiligungsmodelle. Bei klassischen Spinoffs aus Forschungsprojekten setzt das Forschungszentrum bewusst auf externe, erfahrene Gründer:innen statt auf die eigenen Forscher:innen. Diese erhalten die Mehrheit der Anteile, während sich das SCCH einen bis zu einem vereinbarten Unternehmenswert nicht verwässerbaren Minderheitsanteil sichert. Dazu kommen Joint Ventures mit Unternehmenspartnern, etwa die gemeinsam mit TÜV AUSTRIA gegründete TRUSTIFAI, der österreichische Prüf- und Zertifizierungshub für KI-Systeme, sowie strategische Beteiligungen ohne Kapitalfluss.

Das vierte Modell heißt Research for Equity: Das SCCH bringt Forschungs- und Entwicklungsleistungen in ein Startup ein und erhält dafür, ganz oder teilweise anstelle einer klassischen Vergütung, Unternehmensanteile. „Mit diesen unterschiedlichen Modellen schafft die SCCH Innovations GmbH neue Möglichkeiten für den Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft“, so Manz.

Erste Beteiligungen

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt die erste Beteiligung der neuen Gesellschaft. Oleh Kostromin, Data Scientist am SCCH, hat gemeinsam mit Iryna Kondrashchenko und Nikita Gonchar die LUML FlexCo gegründet. Die entwickelte Plattform soll Data Scientists helfen, Machine-Learning-Modelle schneller in die Praxis zu bringen, und ist von Anfang an darauf ausgelegt, dass Menschen und KI-Agenten gemeinsam an ML-Projekten arbeiten. „LUML läuft auf der Infrastruktur des jeweiligen Unternehmens. Die Daten und Modelle verlassen die Unternehmensumgebung nicht“, sagt Kostromin.

An LUML hält die SCCH Innovations GmbH auf brutkasten-Nachfrage fünf Prozent, als reine strategische Beteiligung ohne Kapitalfluss. Laut Manz bringt das SCCH dafür vor allem Zugang zu seinem Industrienetzwerk, eine gemeinsame Vermarktungskampagne und Mitarbeiterstunden ein und setzt die Plattform in eigenen Forschungsprojekten ein. Zusätzliches Kapital habe das Startup nicht benötigt, weil das Produkt bereits fertig entwickelt war. Der bewusst niedrige Anteil soll LUML für spätere Investoren attraktiv halten. Das Wachstum soll vorerst gebootstrapped erfolgen, je nach Entwicklung sind laut SCCH aber auch eigene Finanzierungsrunden denkbar.

Das SCCH gehört als Mitglied des UAR Innovation Network zu den Beteiligungsgesellschaften der Upper Austrian Research GmbH und beschäftigt derzeit rund 130 Mitarbeiter:innen. Bereits im Jänner hatte sich das Forschungszentrum am KI-Spin-off Responsible Annotation Services beteiligt (brutkasten berichtete) und hält weitere Beteiligungen, die zukünftig auf die SCCH Innovations GmbH übertragen werden sollen.

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