30.09.2025
FROM SCIENCE TO BUSINESS | NACHLESE

Der Pfad der Verwertung: Von der Erfindungsmeldung bis zum Spin-off

Österreichische Hochschulen bringen viele Ideen hervor – doch wie gelingt es, dass daraus Patente oder sogar Spin-offs entstehen? Und welche Rolle spielt dabei die Industrie? Genau darum geht es in der zweiten Folge unserer Serie "From Science to Business".
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v.l. Martin Ellmerer (MedLifeLab, Medizinische Universität Innsbruck), Sara Matt (Universität Innsbruck), Leo Capari (tecnet equity) und Andreas Liebminger (Takeda) | (c) brutkasten

Am zweiten Round Table diskutieren Sara Matt (Leiterin der Transferstelle Wissenschaft–Wirtschaft–Gesellschaft, Universität Innsbruck), Leo Capari (Technologietransfer Manager, tecnet equity), Martin Ellmerer (Executive Manager Business Development & Creation, MedLifeLab, Medizinische Universität Innsbruck) und Andreas Liebminger (Head of Global Pharmaceutical Sciences R&D für plasmabasierte Therapien, Takeda). Im Zentrum steht der konkrete Transferpfad: von Erfindungsmeldungen und IP-Fragen über Scouting-Initiativen bis hin zu Spin-off-Entscheidungen und Industriekooperationen.


Wie beginnt der Weg?

Der Transferpfad beginnt früher, als viele denken: Lange bevor Spin-offs gegründet oder Patente angemeldet werden, entscheidet sich, ob aus einer Idee überhaupt ein Innovationsprojekt entsteht. Genau in dieser Phase braucht es Strukturen, die Forschende abholen, Orientierung geben und erste Weichen stellen. Doch wie sieht dieser Einstieg konkret aus – und wer unterstützt dabei, wenn aus einem wissenschaftlichen Geistesblitz ein verwertbarer Ansatz werden soll?

An der Universität Innsbruck ist der Einstieg bewusst niedrigschwellig gehalten: Forschende mit einer Idee wenden sich an die Erfindungsberatung im Projektservicebüro. Dort helfen Expert:innen, die Erfindungsmeldung aufzusetzen, Formalitäten wie Diensterfindung oder Miturheberschaft zu klären, mögliche Industriepartner:innen einzubeziehen – und eine erste Verwertungsstrategie zu skizzieren. „Wir kümmern uns von der ersten Erfindungsmeldung bis hin zum Abschluss der Verwertung – Gründung, Lizenzvergabe, Patentverkauf – und begleiten auf dem ganzen Weg“, sagte Sara Matt beim Round Table.

Das MedLifeLab ist der Innovationshub der Medizinischen Universität Innsbruck und befindet sich zu 100 Prozent im Eigentum der MedUni. Die Einrichtung soll die Verwertung von Forschungsergebnissen beschleunigen und gezielt Spin-off-Potenziale heben. Dazu setzt MedLifeLab auf aktives Scouting: Forschungsgruppen mit hohem Innovationspotenzial werden gezielt angesprochen. „Wir haben uns an den klassischen Technologietransfer der MedUni Innsbruck angedockt und bilden ein Team, das die Erfindungsmeldungen behandelt. Ab Herbst starten wir zusätzlich Scouting-Initiativen: Wir gehen aktiv auf erfolgreiche Forscher:innengruppen zu und evaluieren gemeinsam mit externen Partnern wie Ascenion oder dem HealthHub Tirol, welche Kommerzialisierungsmöglichkeiten es gibt“, erklärte Martin Ellmerer.

vl.l. Martin Pacher (brutkasten), Martin Ellmerer (MedLifeLab, Medizinische Universität Innsbruck), Sara Matt (Universität Innsbruck), Leo Capari (tecnet equity), Andreas Liebminger (Takeda) | (c) brutkasten

Ausschlaggebend ist dabei nicht nur der technologische Reifegrad und das Marktpotenzial, sondern vor allem eine Schlüsselfrage: Steht ein Gründer:innenteam bereit? „Im Life-Science-Bereich ist die Mindset-Bildung ein großes Thema. Viele Forscher:innen wollen an der Universität bleiben. Wir brauchen Matchmaking, also externe Personen, die in Spin-offs unternehmerische Rollen übernehmen“, so Ellmerer.

Schon in dieser frühen Phase ist auch tecnet equity eingebunden – eine niederösterreichische Technologietransfer- und Beteiligungsgesellschaft, die Forschungsgruppen an Hochschulen in Niederösterreich beim Schritt in die Verwertung begleitet. In diesem Kontext agiert tecnet jedoch nicht als Investor, sondern als Impulsgeber. Noch bevor eine formelle Erfindungsmeldung vorliegt, bietet tecnet Workshops, Awareness-Formate und Schulungsprogramme an. “Wir setzen vor der Erfindungsmeldung an: Awareness für Verwertung und Entrepreneurial Mindset. Im Herbst rollen wir das tecnet Sciencepreneurship Education-Programm mit sechs Modulen aus – vom Impact-Verständnis bis zu Transfer- und Verwertungsstrategien für Forschende“, erklärte Leo Capari.

Wie funktioniert dieser Prozess eigentlich in der Industrie – und unterscheidet er sich stark von den Abläufen an Universitäten? Takeda ist mit rund 4.500 Mitarbeitenden einer der größten pharmazeutischen Arbeitgeber Österreichs und betreibt an den Standorten Wien, Linz und Orth an der Donau Forschung, Entwicklung und Produktion. „Das läuft bei uns eigentlich sehr ähnlich wie an der Universität: Wir haben eine Innovation Notification, also eine Ideenmeldung. Die geht an die IP-Abteilung, dort wird sie geprüft und bewertet. Wenn es sinnvoll ist, machen wir daraus ein Patent“, erklärte Andreas Liebminger. Ein weiteres Thema sei das Tagesgeschäft: „Da entsteht viel IP, das nicht in Projekten geplant ist. Wir haben einen Prozess, um sicherzustellen, dass das nicht durch den Rost fällt.“ Publikation spielt auch in der Industrie eine Rolle – allerdings unter klaren Bedingungen. „Publikation kann es bei uns geben – aber erst, wenn umfassender Patentschutz besteht. Das muss man von Anfang an klar abstimmen, sonst gibt es falsche Erwartungen“, betonte Liebminger.

Mindset & Kultur: Warum der Hirschindex allein nicht genügt

Doch selbst wenn Technologien vielversprechend sind, entscheidet oft nicht nur die Idee, sondern das Mindset über den weiteren Weg: Sind Forschende bereit, in ein Spin-off zu gehen – oder bleiben sie lieber in der akademischen Laufbahn? Und wie lässt sich verhindern, dass wissenschaftliche Karrieren ausschließlich über Zitationszahlen gemessen werden, während Impact und Verwertung zu kurz kommen?

Martin Ellmerer von MedLifeLab bringt es auf den Punkt: Viele Wissenschaftler:innen haben ihr Herz in der Lehre oder Grundlagenforschung – aber nicht zwingend im Gründen. Wenn Technologiepotenzial entsteht, fehlt es oft an unternehmerischer Begleitung oder Teamverstärkung. „Im Life-Science-Bereich ist die Mindset-Bildung ein Thema. Viele Forscher:innen wollen an der Universität bleiben. Wir brauchen Matchmaking, also externe Personen, die in Spin-offs unternehmerische Rollen übernehmen“, sagt er.

Auch Leo Capari von tecnet equity macht deutlich, dass sich die Maßstäbe ändern müssen. Der Hirschindex sei heute zwar „Maß aller Dinge“ – aber eben nicht das einzige Maß. „Wir wecken zusätzlich die Awareness für Impact und Verwertung: Protect and Publish“, so Capari. Die Forschung sollte nicht nur zitiert, sondern auch praktisch wirksam sein.

An der Universität Innsbruck versucht man, diesen Wandel institutionell abzusichern: durch Fortbildungen über alle Karrierestufen hinweg, Best Practices aus erfolgreichen Gründungen sowie Mentoring und Networking. Forschungskarrieren sollen nicht nur an Zitationszahlen gemessen werden, sondern auch daran, welche gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz die Arbeit entfaltet.  “Es gibt langfristig nur eine begrenzte Anzahl an akademischen Stellen, und rund 80 Prozent bekommen keine. Genau diese 80 Prozent müsste man viel früher darauf hinweisen, dass es auch andere Karrierewege gibt. Entrepreneurial Education eröffnet neue Möglichkeiten – und Unternehmertum sollte viel früher als attraktive Option sichtbar werden“, sagt Sara Matt.

Lizenzieren oder Gründen? Der Pfad zur Verwertung

Ist eine vielversprechende Technologie identifiziert, steht bald eine entscheidende Weichenstellung an: Soll sie über eine Lizenz verwertet oder in ein eigenes Spin-off ausgegründet werden? Von dieser Entscheidung hängt ab, wie schnell, in welcher Struktur und mit welchen Partner:innen eine Innovation den Weg in den Markt findet.

Am MedLifeLab erfolgt dieser Prozess über Stufen. Im Erstgespräch werden Markt, Team und Skalierung diskutiert. Dann kommt eine Peer-Prüfung – hier arbeitet die MLL mit der Ascenion GmbH zusammen – die Relevanz, Schwachstellen und Potenziale beleuchtet. Je nach Ergebnis wird eine Lizenz vergeben oder eine Ausgründung angestrebt. „Es geht auf jeden Fall um die Qualität und nicht um die Quantität. Wir tendieren nicht dazu, möglichst schnell zu gründen, sondern nehmen uns an der Universität bewusst Zeit, um Risiken zu mitigieren – lieber eine Ausgründung ein halbes Jahr später, dafür mit besseren Ergebnissen“, sagte Martin Ellmerer.

Zur Frage der IP-Zuteilung gilt grundsätzlich: Die Universität bleibt Inhaberin. Bei Lizenzen reicht eine exklusive Nutzungsvereinbarung, bei einem Spin-off kann – unter klaren Bedingungen und Sicherung des Weiterforschungsrechts – auch eine Übertragung erfolgen. „Grundsätzlich bleibt das IP an der MedUni Innsbruck. Bei Lizenzierungen gibt es ein Spektrum bis zur exklusiven weltweiten Lizenz. Bei Spin-offs kann – abhängig von Team und Investor:innenbedürfnissen – eine Übertragung ins Startup verhandelt werden. Das Recht der Universität, im Gebiet weiterzuforschen, bleibt immer bestehen“, betont Ellmerer.

v.l. Martin Pacher (brutkasten), Martin Ellmerer (MedLifeLab, Medizinische Universität Innsbruck), Sara Matt (Universität Innsbruck) | (c) brutkasten

Ein prägnantes Beispiel aus der Universität Innsbruck ist das Spin-off ParityQC, das ein Betriebssystem für Quantencomputer entwickelt. Zunächst versuchte man, geeignete Lizenznehmer zu finden. Da die Angebote nur aus den USA kamen und auch nicht gut genug waren, fiel dann doch die Entscheidung zur Gründung. Von Beginn an war ein Investor an Bord, der das IP im Unternehmen verankert sehen wollte – daher wurde es ins Startup übertragen. Ob IP im neuen Unternehmen liegt oder lizenziert wird, hängt stark von der jeweiligen Situation und auch vom Reifegrad der Technologie ab. Bei ParityQC wurde von allen Gesellschafter:innen dieser Weg begrüßt.

Die Universität legt dabei Wert auf eine faire Verteilung von Chancen und Risiken, klare Governance und investierbare Strukturen. Besonders die Gestaltung des Cap Tables entscheidet darüber, ob Investor:innen einsteigen. Hier warnt Sara Matt eindringlich vor typischen Fehlern: „Genauso schlecht wie ein Professor mit 25 Prozent, der im Spin-off nicht mehr aktiv ist, ist es, wenn man zehn Kolleg:innen mit auf die Erfindungsmeldung schreibt und dann alle in die Gesellschaft mitaufnimmt. Das ist genauso uninvestierbar – vielleicht sogar noch schlimmer, wenn dann so viele und vor allem unerfahrene Personen in der Gesellschaft sind. Es braucht eine handlungsfähige Struktur und klare Rollen.“

Auch aus Industrie-Sicht ist für eine Kooperation eine klare IP- und Beteiligungsstruktur unverzichtbar. „Das Schwierigste in Verträgen ist oft die Kontraktfähigkeit und die IP-Zuordnung: Wer ist die bindende Entity? Wie sind Background-, Foreground- und Joint-IP definiert? Klarheit darüber entscheidet über Speed“, so Andreas Liebminger von Takeda. Unklare Zuständigkeiten ziehen Verhandlungen in die Länge; im Extremfall ist erst ein eigenes Spin-off notwendig, damit überhaupt ein Vertrag abgeschlossen werden kann.

Governance & Beteiligung: Wie Unis zur Partnerin werden

Damit Spin-offs nicht in bürokratischen Reibungsverlusten stecken bleiben, braucht es institutionelle Strukturen, die sowohl Flexibilität als auch Rückbindung gewährleisten. MedLifeLab ist zu 100 Prozent im Eigentum der Medizinischen Universität Innsbruck. “Unser Setup mit der MedLifeLab GmbH, der engen Anbindung ans Rektorat und einem Beirat gibt uns die operative Geschwindigkeit, die Startups brauchen“, sagt Martin Ellmerer.

Auch die Universität Innsbruck selbst operiert über eine Holdingstruktur: Diese ist ebenfalls eine 100-prozentige Tochter, beteiligt sich an kommerziellen Spin-offs und ist mit Beirat und Unirat sowie der Geschäftsführung im Rektorat eng verzahnt. Rückmeldungen zu Beschlussanträgen in den Spin-offs erfolgen in der Regel binnen 14 Tagen. Fehlende Geschwindigkeit ist vor allem in der Gründungsphase ein Thema und den Universitäten wird oft vorgeworfen zu langsam zu sein. Aber viele Verzögerungen in der Gründung entstehen gar nicht durch die Uni sondern auch durch unerfahrene Gründer:innenteams – etwa wenn Cap Tables, Gesellschaftsverträge oder Rollenverteilungen noch unklar sind.

Leo Capari verweist auf internationale Modelle wie die TU München, die Entscheidungen in zwölf Wochen trifft. „Klarheit und Geschwindigkeit beim IP sind zentral. Fast-Track-Prozesse – etwa eine 12-Wochen-Entscheidung – schaffen Regeln und Tempo für Industrie, Universität und Gründer:innen“, betont er. Auch in Innsbruck wäre eine Art Fast-Track für Standardfälle denkbar, etwa mit einem 10-Prozent-Anteil der Universität, der später bewertet wird. Einige Gründer:innen ziehen allerdings externe und nicht immer in Gründungs- und IP-Fragen erfahrene Berater:innen, hinzu, was Prozesse verlängern kann.

Industrie als Partner: Takeda und der große Blick

Welche Rolle spielt die Industrie, wenn aus Forschungsergebnissen marktfähige Innovationen werden sollen? Takeda Österreich zeigt, dass es dabei nicht nur um klassische Partnerschaften geht, sondern um aktives Mitgestalten – von Patentsponsoring bis hin zu gemeinsamen Formaten mit Universitäten.

v. l. Leo Capari (tecnet equity), Andreas Liebminger (Takeda) | (c) brutkasten

Die Standorte in Wien, Linz und Orth an der Donau bilden ein Netzwerk, das Forschung und Entwicklung ebenso umfasst wie Produktion, Qualitätssicherung, Vertrieb und Marketing. “Damit sind wir in Österreich einer der größten pharmazeutischen Arbeitgeber”, sagt Andreas Liebminger.

Um die Nähe zur Wissenschaft zu fördern, setzt Takeda auf Formate wie Speed-Datings an der Uni Wien, Science Days mit LISAvienna oder frühzeitige Patentsponsorings. In Einzelfällen hat das Unternehmen sogar die gesamte Patentierung übernommen, um sicherzustellen, dass gute Ideen nicht an fehlenden Ressourcen scheitern. Doch für Takeda zählt vor allem eines: Verlässlichkeit, Geschwindigkeit und IP-Klarheit. 

Auch das Spannungsfeld zwischen Publikation und Patent ist für Takeda relevant. Publikationen sind ausdrücklich erwünscht, allerdings erst dann, wenn der Patentschutz vollständig gesichert ist. „Publikation kann kommen – aber erst, wenn umfassender Patentschutz besteht. Das muss man frühzeitig transparent abstimmen, um falsche Erwartungen zu vermeiden“, so Liebminger. In Kollaborationen muss daher früh geklärt werden, wie wissenschaftliche Publikationsziele und exklusive Verwertungsinteressen miteinander in Einklang gebracht werden.

👉 Diese Schnittstellen zwischen Industrie und Wissenschaft werden wir in Folge 5 von From Science to Business noch vertiefen – mit weiteren Einblicken, wie Unternehmen und Forschungseinrichtungen gemeinsam Innovationen vorantreiben.

Herausforderungen und Potenziale am Standort Österreich

Von der ersten Erfindungsmeldung bis zur Ausgründung haben wir den Transferpfad verfolgt – doch welche Rahmenbedingungen entscheiden letztlich darüber, ob daraus Erfolgsgeschichten werden? Am Standort Österreich zeigen sich sowohl klare Potenziale als auch strukturelle Hürden.

Herausforderungen gibt es vor allem bei den Proof-of-Concept-Mitteln. Gerade in kapitalintensiven Domänen wie Life Sciences, Chemie oder Physik fehlen oft die Ressourcen, um spannende Ideen zur nächsten Stufe zu bringen. „Mehr Proof-of-Concept-Mittel wären hilfreich, besonders für teurere Vorhaben in Pharma, Physik oder Chemie. Ein uni-interner PoC-Topf vergrößert den Pool potenzieller Gründer:innen und ist auf jeden Fall zu empfehlen“, sagt Sara Matt.

Zugleich muss sich das Mindset weiterentwickeln: Forschung soll nicht nur zitiert werden, sondern Wirkung entfalten. Entrepreneurial Education, Impact-Reflexion und Karrieremodelle, die Verwertung als legitimen Weg verstehen, sind dafür essenziell. „Wir müssen Entrepreneurial Education früher und breiter setzen. 80 Prozent bekommen langfristig keine akademische Stelle; Unternehmertum sollte als attraktive Karriereoption sichtbar werden“, betont Matt.

Geschwindigkeit und Klarheit sind ein weiterer Schlüssel. Wenn „Protect and Publish“ zur Routine wird und Fast-Track-IP-Modelle existieren, lassen sich Reibungsverluste minimieren. „Klarheit und Geschwindigkeit beim IP sind zentral. Fast-Track-Prozesse – etwa eine 12-Wochen-Entscheidung – schaffen Regeln und Tempo für Industrie, Universität und Gründer:innen“, sagt Leo Capari. Einheitliche IP-Verständnisse und klar definierte Vertragspartner:innen sind notwendig, um Prozesse nicht künstlich aufzuhalten.

Auch investierbare Strukturen sind zentral. Saubere Cap Tables, Beteiligungen mit aktiven Rollen und klare Governance sind entscheidend, um externe Mittel zu gewinnen. Wenn Hochschulen als Partnerinnen auftreten und Prozesse transparent gestalten, wächst das Vertrauen bei Investor:innen.

Und schließlich bleibt Internationalität ein Schlüsselfaktor. Spin-offs müssen von Anfang an global denken – in Märkten, Regulierung und Finanzierung. „Spin-offs sollten von Beginn an international denken – nicht nur regional. Benchmarks wie Boston oder Cambridge zeigen, was Governance, Speed und Fördervolumen leisten können“, betont Andreas Liebminger von Takeda. Industriepartner:innen sollten proaktiv angesprochen werden, statt in Warteposition zu verharren.


Diese Themen werden in „From Science to Business“ behandelt:

Folge 1: Status quo der Spin-offs in ÖsterreichStrukturen, Leistungsvereinbarungen, Beteiligungsgesellschaften und Mindset-Veränderungen an Hochschulen.
Folge 2: Von der Idee zum Patent und Spin-offWie Universitäten und Industrie den Transferpfad gestalten, inkl. IP- und Scouting-Prozesse.
Folge 3: Life Sciences im FokusLange Entwicklungszyklen von Medikamenten, hohe Investitionskosten und wie MedLifeLab und Takeda Spin-offs und Innovationen unterstützen.
Folge 4: Finanzierung von DeepTech-Spin-offsHerausforderungen langer Entwicklungszyklen, Evergreen-Fonds, Co-Investments und Investorensicht.
Folge 5: Kooperationen als ErfolgsfaktorVon der Idee zum globalen Skalieren. Wie Universitäten, Inkubatoren und Industriepartner Innovationen gemeinsam entwickeln.
Folge 6: Gründungsmindset an Hochschulen stärkenBest Practices, Infrastruktur und Anreizsysteme, um mehr Spin-offs bis 2030 zu ermöglichen.

„From Science to Business“ setzen wir gemeinsam mit unseren Partnern AplusB (Academia plus Business)Austria Wirtschaftsservice (aws)MedLifeLab Innovation Hub (Medizinische Universität Innsbruck), Noctua Science VenturesJKU – LIT Open Innovation Center (Johannes Kepler Universität Linz), OÖ HightechFondsSpin-off AustriaTakedatecnet equityThe Spinoff Factory (Technische Universität Wien), Universität Innsbruck und WU (Wirtschaftsuniversität Wien) um.

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Die Fahne der EU (c) Adobe Stock

Im aktuellen „European Innovation Scoreboard 2026“ der Europäischen Kommission behauptet sich Österreich im oberen europäischen Mittelfeld. Mit einer Innovationsleistung von 113 Prozent des EU-Durchschnitts im Jahr 2026 belegt das Land wie schon im Vorjahr den achten Rang unter den EU-Mitgliedstaaten und verbleibt in der Klasse der sogenannten „Strong Innovators“. Langfristig verzeichnet Österreich zwar einen Zuwachs der Innovationskraft von 8,9 Prozentpunkten gegenüber dem Basisjahr 2019, im Vergleich zu 2025 gab der nationale Gesamtindex jedoch um 2,3 Prozentpunkte nach. Diese Abschwächung spiegelt eine wirtschaftliche Dynamik wider, die infolge anhaltender externer Schocks und gestiegener Betriebskosten an internationaler Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hat.

Im Schatten der Spitzenreiter

Angeführt wird das europäische Gesamtklassement unverändert von der Schweiz, die mit 141,3 Prozent des EU-Durchschnitts den innovativsten Standort des Kontinents darstellt. Innerhalb der EU-Grenzen sichert sich erneut Schweden die Spitzenposition (139 Prozent), gefolgt von Dänemark und den Niederlanden. Finnland, das in den Vorjahren fest zur Spitzengruppe der „Innovation Leaders“ zählte, verlor an Schwung und stürzte in die Leistungsklasse Österreichs ab.

Im Vergleich mit dem größten Handelspartner Deutschland (EU-Rang 9) hat Österreich zwar knapp die Nase vorn. Einige Diskrepanzen: Während Deutschland bei den forschungsbezogenen Staatsausgaben im öffentlichen Sektor auf Platz 5 liegt, belegt Österreich hier den hervorragenden dritten Platz. Bei der direkten und indirekten steuerlichen Forschungsförderung für Betriebe verweist Österreich den Nachbarn (Deutschland Rang 23) mit dem vierten Platz klar auf die hinteren Ränge.

Die Achillesferse: Wagniskapital und Skalierungsbarrieren

Für die heimische Startup- und Scaleup-Szene liefert das Scoreboard eine ernüchternde Bilanz in puncto Wachstumsfinanzierung. Als chronischer Schwachpunkt erweist sich einmal mehr der Bereich Venture Capital: Bei den Wagniskapital-Investitionen erreicht Österreich magere 47,9 Prozent des EU-Durchschnitts und belegt im EU-Vergleich lediglich Platz 15.

Diese strukturelle Finanzierungslücke schlägt sich auch im komplementären „European Startup and Scaleup Scoreboard“ (ESSS) nieder: Zwar wird Österreich dort mit 113,8 Prozent des EU-Durchschnitts auf Rang 10 als „High-performing“ eingestuft, die Erhebung attestiert dem Standort jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen einer hohen Startup-Dichte pro Kopf und einer gleichzeitig unterdurchschnittlichen Zahl an schnell wachsenden Unternehmen („Centaurs“ und „Unicorns“). Bereits im Zuge des letztjährigen Rankings stand die stagnierende Entwicklung im Fokus der Kritik, insbesondere im Hinblick auf strukturelle Finanzierungshemmnisse (brutkasten berichtete).

Spürbarer Rückgang bei KMU-Innovationen trotz starker Schutzrechte

Sorge bereiten zudem die Innovationsaktivitäten im KMU-Bereich. Der Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU), die Produkt- oder Geschäftsprozessinnovationen einführen, ist mittelfristig deutlich zurückgegangen – ausgewiesen wird ein Minus von 24,4 Prozentpunkten bei Produkt- bzw. 21,2 Prozentpunkten bei Prozessinnovationen seit dem Jahr 2019. Demgegenüber steht eine traditionelle Stärke bei der Sicherung von geistigem Eigentum, wo Österreich im Bereich der intellektuellen Vermögenswerte im EU-Vergleich den hervorragenden zweiten Platz belegt.

Doch auch dieses Fundament zeigt Ermüdungserscheinungen: Seit 2019 verzeichneten die Designanmeldungen einen spürbaren Rückgang um 49,7 Prozentpunkte, während Patentanmeldungen (-16,8 Prozentpunkte) und Markenanmeldungen (-11,1 Prozentpunkte) ebenfalls schrumpften. Positiv hervorzuheben ist die enge Vernetzung im System bei den öffentlich-privaten Co-Publikationen (EU-Rang 3), wenngleich die Jobmobilität von hochqualifizierten Fachkräften in Wissenschaft und Technologie im Jahresvergleich um empfindliche 32,4 Prozentpunkte einbrach.

Das Transferproblem: Viel Input, zu wenig messbarer Output

Ein altbekanntes, strukturelles Paradoxon des österreichischen Innovationssystems bleibt die mangelnde Effizienz im Transfer von Forschungserfolgen in den Markt. Während das Land beim reinen Innovations-Input die dritthöchsten Investitionen in der EU verzeichnet, reicht es beim tatsächlichen Output nur für Rang 8. Besonders deutlich wird dies bei den Verkäufen von Marktneuheiten und firmeninternen Innovationen, bei denen das Land seit 2025 einen spürbaren Rückgang verzeichnet. Dem Standort gelingt es somit unzureichend, seine enormen Forschungsförderungen und Investitionen in marktfähige, produktivitätssteigernde Produkte zu übersetzen.

Digitalisierung und weitere Kernbereiche im Überblick

In den weiteren Dimensionen des Scoreboards zeichnet sich ein differenziertes Bild ab:

  • Digitalisierung (Rang 14): Ein widersprüchliches Feld. Die Verfügbarkeit von High-Speed-Internet hinkt mit Rang 23 im EU-Vergleich hinterher, hat sich jedoch seit 2019 um 174,7 Prozentpunkte verbessert.
  • Forschungssysteme & Human Ressources: Österreich verfügt über ein hochattraktives akademisches System (Rang 8), getragen von einem sehr hohen Anteil ausländischer Doktoratsstudierender (Rang 5). Bei den Human Ressources insgesamt reicht es wegen einer im EU-Vergleich geringeren Akademikerquote jedoch nur für Rang 14.
  • Nachhaltigkeit & Außenhandel: Während der heimische Öko-Innovations-Index mit 177,1 Prozent weit über dem EU-Schnitt von 127,5 Prozent liegt (beides gemessen an 2019), ist der konsumbedingte Treibhausgas-Fußabdruck fast 20 Prozent zu hoch. Zudem schwächelt Österreich massiv beim Export wissensintensiver Dienstleistungen.

Das politische Spannungsfeld: „Champions League“ vs. „Ergebnisverwaltung“

Die Interpretation des achten Platzes sorgt auf nationaler Ebene für teils konträre Statements von Politik und Wirtschaft. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer unterstreicht: „Das European Innovation Scoreboard zeigt klar: Österreich investiert überdurchschnittlich in Forschung und Innovation. Beim Output schöpfen wir dieses Potenzial aber noch nicht ausreichend aus.“ Mit Platz 3 beim Input und Platz 8 beim Output könne man sich nicht zufriedengeben; man müsse exzellente Forschung schneller in marktfähige Produkte übersetzen.

Innovationsminister Peter Hanke betont wiederum die Stabilität in einem wirtschaftlich anspruchsvollen Umfeld: „Platz 8 im European Innovation Scoreboard ist ein starkes Zeugnis für den Innovationsstandort Österreich. Dieses Ergebnis kommt nicht von ungefähr: Es ist der Verdienst unserer Unternehmen, Forschungseinrichtungen und der vielen klugen Köpfe in diesem Land.“ Er verweist auf das massive staatliche Investment von 5,5 Milliarden Euro durch den FTI-Pakt bis 2029. Stefan Harasek, Präsident des Patentamts, hält fest: „Diese starke Platzierung bestätigt einmal mehr: Österreich zählt in der sich nur zögerlich erholenden Wirtschaftsdynamik zu den Innovationsmotoren Europas und muss sich auch im internationalen Vergleich nicht verstecken.“

Eine gänzlich andere Tonlage schlägt die Industriellenvereinigung (IV) ein. Generalsekretär Christoph Neumayer warnt vor Selbstzufriedenheit: „Der Abstand zur europäischen Spitze droht zum Dauerzustand zu werden. Wir stecken mit Platz 8 im Mittelfeld fest.“ Wer ein „Innovation Leader“ werden wolle, müsse deutlich dynamischer agieren und an Geschwindigkeit zulegen. Neumayer zieht dabei einen sportlichen Vergleich heran: „Wer an die Spitze will, darf nicht nur auf Ergebnisverwaltung spielen. Champions entstehen durch Geschwindigkeit und Angriff, nicht in der Defensive.“

Auch Jochen Danninger, Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), mahnt zur Bewegung: „Österreich behauptet sich im European Innovation Scoreboard 2026 erneut auf Rang 8 […] gleichzeitig zeigt das aktuelle Ergebnis aber auch, dass wir uns auf diesem Erfolg nicht ausruhen dürfen.“ Der Vergleich mit 2023 – als Österreich noch bei knapp 120 Prozent des EU-Schnitts lag – zeige deutlich, dass zusätzliche Dynamik notwendig sei, um den Anschluss an die europäische Spitzengruppe nicht zu verlieren.

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