30.09.2025
FROM SCIENCE TO BUSINESS | NACHLESE

Der Pfad der Verwertung: Von der Erfindungsmeldung bis zum Spin-off

Österreichische Hochschulen bringen viele Ideen hervor – doch wie gelingt es, dass daraus Patente oder sogar Spin-offs entstehen? Und welche Rolle spielt dabei die Industrie? Genau darum geht es in der zweiten Folge unserer Serie "From Science to Business".
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v.l. Martin Ellmerer (MedLifeLab, Medizinische Universität Innsbruck), Sara Matt (Universität Innsbruck), Leo Capari (tecnet equity) und Andreas Liebminger (Takeda) | (c) brutkasten

Am zweiten Round Table diskutieren Sara Matt (Leiterin der Transferstelle Wissenschaft–Wirtschaft–Gesellschaft, Universität Innsbruck), Leo Capari (Technologietransfer Manager, tecnet equity), Martin Ellmerer (Executive Manager Business Development & Creation, MedLifeLab, Medizinische Universität Innsbruck) und Andreas Liebminger (Head of Global Pharmaceutical Sciences R&D für plasmabasierte Therapien, Takeda). Im Zentrum steht der konkrete Transferpfad: von Erfindungsmeldungen und IP-Fragen über Scouting-Initiativen bis hin zu Spin-off-Entscheidungen und Industriekooperationen.


Wie beginnt der Weg?

Der Transferpfad beginnt früher, als viele denken: Lange bevor Spin-offs gegründet oder Patente angemeldet werden, entscheidet sich, ob aus einer Idee überhaupt ein Innovationsprojekt entsteht. Genau in dieser Phase braucht es Strukturen, die Forschende abholen, Orientierung geben und erste Weichen stellen. Doch wie sieht dieser Einstieg konkret aus – und wer unterstützt dabei, wenn aus einem wissenschaftlichen Geistesblitz ein verwertbarer Ansatz werden soll?

An der Universität Innsbruck ist der Einstieg bewusst niedrigschwellig gehalten: Forschende mit einer Idee wenden sich an die Erfindungsberatung im Projektservicebüro. Dort helfen Expert:innen, die Erfindungsmeldung aufzusetzen, Formalitäten wie Diensterfindung oder Miturheberschaft zu klären, mögliche Industriepartner:innen einzubeziehen – und eine erste Verwertungsstrategie zu skizzieren. „Wir kümmern uns von der ersten Erfindungsmeldung bis hin zum Abschluss der Verwertung – Gründung, Lizenzvergabe, Patentverkauf – und begleiten auf dem ganzen Weg“, sagte Sara Matt beim Round Table.

Das MedLifeLab ist der Innovationshub der Medizinischen Universität Innsbruck und befindet sich zu 100 Prozent im Eigentum der MedUni. Die Einrichtung soll die Verwertung von Forschungsergebnissen beschleunigen und gezielt Spin-off-Potenziale heben. Dazu setzt MedLifeLab auf aktives Scouting: Forschungsgruppen mit hohem Innovationspotenzial werden gezielt angesprochen. „Wir haben uns an den klassischen Technologietransfer der MedUni Innsbruck angedockt und bilden ein Team, das die Erfindungsmeldungen behandelt. Ab Herbst starten wir zusätzlich Scouting-Initiativen: Wir gehen aktiv auf erfolgreiche Forscher:innengruppen zu und evaluieren gemeinsam mit externen Partnern wie Ascenion oder dem HealthHub Tirol, welche Kommerzialisierungsmöglichkeiten es gibt“, erklärte Martin Ellmerer.

vl.l. Martin Pacher (brutkasten), Martin Ellmerer (MedLifeLab, Medizinische Universität Innsbruck), Sara Matt (Universität Innsbruck), Leo Capari (tecnet equity), Andreas Liebminger (Takeda) | (c) brutkasten

Ausschlaggebend ist dabei nicht nur der technologische Reifegrad und das Marktpotenzial, sondern vor allem eine Schlüsselfrage: Steht ein Gründer:innenteam bereit? „Im Life-Science-Bereich ist die Mindset-Bildung ein großes Thema. Viele Forscher:innen wollen an der Universität bleiben. Wir brauchen Matchmaking, also externe Personen, die in Spin-offs unternehmerische Rollen übernehmen“, so Ellmerer.

Schon in dieser frühen Phase ist auch tecnet equity eingebunden – eine niederösterreichische Technologietransfer- und Beteiligungsgesellschaft, die Forschungsgruppen an Hochschulen in Niederösterreich beim Schritt in die Verwertung begleitet. In diesem Kontext agiert tecnet jedoch nicht als Investor, sondern als Impulsgeber. Noch bevor eine formelle Erfindungsmeldung vorliegt, bietet tecnet Workshops, Awareness-Formate und Schulungsprogramme an. “Wir setzen vor der Erfindungsmeldung an: Awareness für Verwertung und Entrepreneurial Mindset. Im Herbst rollen wir das tecnet Sciencepreneurship Education-Programm mit sechs Modulen aus – vom Impact-Verständnis bis zu Transfer- und Verwertungsstrategien für Forschende“, erklärte Leo Capari.

Wie funktioniert dieser Prozess eigentlich in der Industrie – und unterscheidet er sich stark von den Abläufen an Universitäten? Takeda ist mit rund 4.500 Mitarbeitenden einer der größten pharmazeutischen Arbeitgeber Österreichs und betreibt an den Standorten Wien, Linz und Orth an der Donau Forschung, Entwicklung und Produktion. „Das läuft bei uns eigentlich sehr ähnlich wie an der Universität: Wir haben eine Innovation Notification, also eine Ideenmeldung. Die geht an die IP-Abteilung, dort wird sie geprüft und bewertet. Wenn es sinnvoll ist, machen wir daraus ein Patent“, erklärte Andreas Liebminger. Ein weiteres Thema sei das Tagesgeschäft: „Da entsteht viel IP, das nicht in Projekten geplant ist. Wir haben einen Prozess, um sicherzustellen, dass das nicht durch den Rost fällt.“ Publikation spielt auch in der Industrie eine Rolle – allerdings unter klaren Bedingungen. „Publikation kann es bei uns geben – aber erst, wenn umfassender Patentschutz besteht. Das muss man von Anfang an klar abstimmen, sonst gibt es falsche Erwartungen“, betonte Liebminger.

Mindset & Kultur: Warum der Hirschindex allein nicht genügt

Doch selbst wenn Technologien vielversprechend sind, entscheidet oft nicht nur die Idee, sondern das Mindset über den weiteren Weg: Sind Forschende bereit, in ein Spin-off zu gehen – oder bleiben sie lieber in der akademischen Laufbahn? Und wie lässt sich verhindern, dass wissenschaftliche Karrieren ausschließlich über Zitationszahlen gemessen werden, während Impact und Verwertung zu kurz kommen?

Martin Ellmerer von MedLifeLab bringt es auf den Punkt: Viele Wissenschaftler:innen haben ihr Herz in der Lehre oder Grundlagenforschung – aber nicht zwingend im Gründen. Wenn Technologiepotenzial entsteht, fehlt es oft an unternehmerischer Begleitung oder Teamverstärkung. „Im Life-Science-Bereich ist die Mindset-Bildung ein Thema. Viele Forscher:innen wollen an der Universität bleiben. Wir brauchen Matchmaking, also externe Personen, die in Spin-offs unternehmerische Rollen übernehmen“, sagt er.

Auch Leo Capari von tecnet equity macht deutlich, dass sich die Maßstäbe ändern müssen. Der Hirschindex sei heute zwar „Maß aller Dinge“ – aber eben nicht das einzige Maß. „Wir wecken zusätzlich die Awareness für Impact und Verwertung: Protect and Publish“, so Capari. Die Forschung sollte nicht nur zitiert, sondern auch praktisch wirksam sein.

An der Universität Innsbruck versucht man, diesen Wandel institutionell abzusichern: durch Fortbildungen über alle Karrierestufen hinweg, Best Practices aus erfolgreichen Gründungen sowie Mentoring und Networking. Forschungskarrieren sollen nicht nur an Zitationszahlen gemessen werden, sondern auch daran, welche gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz die Arbeit entfaltet.  “Es gibt langfristig nur eine begrenzte Anzahl an akademischen Stellen, und rund 80 Prozent bekommen keine. Genau diese 80 Prozent müsste man viel früher darauf hinweisen, dass es auch andere Karrierewege gibt. Entrepreneurial Education eröffnet neue Möglichkeiten – und Unternehmertum sollte viel früher als attraktive Option sichtbar werden“, sagt Sara Matt.

Lizenzieren oder Gründen? Der Pfad zur Verwertung

Ist eine vielversprechende Technologie identifiziert, steht bald eine entscheidende Weichenstellung an: Soll sie über eine Lizenz verwertet oder in ein eigenes Spin-off ausgegründet werden? Von dieser Entscheidung hängt ab, wie schnell, in welcher Struktur und mit welchen Partner:innen eine Innovation den Weg in den Markt findet.

Am MedLifeLab erfolgt dieser Prozess über Stufen. Im Erstgespräch werden Markt, Team und Skalierung diskutiert. Dann kommt eine Peer-Prüfung – hier arbeitet die MLL mit der Ascenion GmbH zusammen – die Relevanz, Schwachstellen und Potenziale beleuchtet. Je nach Ergebnis wird eine Lizenz vergeben oder eine Ausgründung angestrebt. „Es geht auf jeden Fall um die Qualität und nicht um die Quantität. Wir tendieren nicht dazu, möglichst schnell zu gründen, sondern nehmen uns an der Universität bewusst Zeit, um Risiken zu mitigieren – lieber eine Ausgründung ein halbes Jahr später, dafür mit besseren Ergebnissen“, sagte Martin Ellmerer.

Zur Frage der IP-Zuteilung gilt grundsätzlich: Die Universität bleibt Inhaberin. Bei Lizenzen reicht eine exklusive Nutzungsvereinbarung, bei einem Spin-off kann – unter klaren Bedingungen und Sicherung des Weiterforschungsrechts – auch eine Übertragung erfolgen. „Grundsätzlich bleibt das IP an der MedUni Innsbruck. Bei Lizenzierungen gibt es ein Spektrum bis zur exklusiven weltweiten Lizenz. Bei Spin-offs kann – abhängig von Team und Investor:innenbedürfnissen – eine Übertragung ins Startup verhandelt werden. Das Recht der Universität, im Gebiet weiterzuforschen, bleibt immer bestehen“, betont Ellmerer.

v.l. Martin Pacher (brutkasten), Martin Ellmerer (MedLifeLab, Medizinische Universität Innsbruck), Sara Matt (Universität Innsbruck) | (c) brutkasten

Ein prägnantes Beispiel aus der Universität Innsbruck ist das Spin-off ParityQC, das ein Betriebssystem für Quantencomputer entwickelt. Zunächst versuchte man, geeignete Lizenznehmer zu finden. Da die Angebote nur aus den USA kamen und auch nicht gut genug waren, fiel dann doch die Entscheidung zur Gründung. Von Beginn an war ein Investor an Bord, der das IP im Unternehmen verankert sehen wollte – daher wurde es ins Startup übertragen. Ob IP im neuen Unternehmen liegt oder lizenziert wird, hängt stark von der jeweiligen Situation und auch vom Reifegrad der Technologie ab. Bei ParityQC wurde von allen Gesellschafter:innen dieser Weg begrüßt.

Die Universität legt dabei Wert auf eine faire Verteilung von Chancen und Risiken, klare Governance und investierbare Strukturen. Besonders die Gestaltung des Cap Tables entscheidet darüber, ob Investor:innen einsteigen. Hier warnt Sara Matt eindringlich vor typischen Fehlern: „Genauso schlecht wie ein Professor mit 25 Prozent, der im Spin-off nicht mehr aktiv ist, ist es, wenn man zehn Kolleg:innen mit auf die Erfindungsmeldung schreibt und dann alle in die Gesellschaft mitaufnimmt. Das ist genauso uninvestierbar – vielleicht sogar noch schlimmer, wenn dann so viele und vor allem unerfahrene Personen in der Gesellschaft sind. Es braucht eine handlungsfähige Struktur und klare Rollen.“

Auch aus Industrie-Sicht ist für eine Kooperation eine klare IP- und Beteiligungsstruktur unverzichtbar. „Das Schwierigste in Verträgen ist oft die Kontraktfähigkeit und die IP-Zuordnung: Wer ist die bindende Entity? Wie sind Background-, Foreground- und Joint-IP definiert? Klarheit darüber entscheidet über Speed“, so Andreas Liebminger von Takeda. Unklare Zuständigkeiten ziehen Verhandlungen in die Länge; im Extremfall ist erst ein eigenes Spin-off notwendig, damit überhaupt ein Vertrag abgeschlossen werden kann.

Governance & Beteiligung: Wie Unis zur Partnerin werden

Damit Spin-offs nicht in bürokratischen Reibungsverlusten stecken bleiben, braucht es institutionelle Strukturen, die sowohl Flexibilität als auch Rückbindung gewährleisten. MedLifeLab ist zu 100 Prozent im Eigentum der Medizinischen Universität Innsbruck. “Unser Setup mit der MedLifeLab GmbH, der engen Anbindung ans Rektorat und einem Beirat gibt uns die operative Geschwindigkeit, die Startups brauchen“, sagt Martin Ellmerer.

Auch die Universität Innsbruck selbst operiert über eine Holdingstruktur: Diese ist ebenfalls eine 100-prozentige Tochter, beteiligt sich an kommerziellen Spin-offs und ist mit Beirat und Unirat sowie der Geschäftsführung im Rektorat eng verzahnt. Rückmeldungen zu Beschlussanträgen in den Spin-offs erfolgen in der Regel binnen 14 Tagen. Fehlende Geschwindigkeit ist vor allem in der Gründungsphase ein Thema und den Universitäten wird oft vorgeworfen zu langsam zu sein. Aber viele Verzögerungen in der Gründung entstehen gar nicht durch die Uni sondern auch durch unerfahrene Gründer:innenteams – etwa wenn Cap Tables, Gesellschaftsverträge oder Rollenverteilungen noch unklar sind.

Leo Capari verweist auf internationale Modelle wie die TU München, die Entscheidungen in zwölf Wochen trifft. „Klarheit und Geschwindigkeit beim IP sind zentral. Fast-Track-Prozesse – etwa eine 12-Wochen-Entscheidung – schaffen Regeln und Tempo für Industrie, Universität und Gründer:innen“, betont er. Auch in Innsbruck wäre eine Art Fast-Track für Standardfälle denkbar, etwa mit einem 10-Prozent-Anteil der Universität, der später bewertet wird. Einige Gründer:innen ziehen allerdings externe und nicht immer in Gründungs- und IP-Fragen erfahrene Berater:innen, hinzu, was Prozesse verlängern kann.

Industrie als Partner: Takeda und der große Blick

Welche Rolle spielt die Industrie, wenn aus Forschungsergebnissen marktfähige Innovationen werden sollen? Takeda Österreich zeigt, dass es dabei nicht nur um klassische Partnerschaften geht, sondern um aktives Mitgestalten – von Patentsponsoring bis hin zu gemeinsamen Formaten mit Universitäten.

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Die Standorte in Wien, Linz und Orth an der Donau bilden ein Netzwerk, das Forschung und Entwicklung ebenso umfasst wie Produktion, Qualitätssicherung, Vertrieb und Marketing. “Damit sind wir in Österreich einer der größten pharmazeutischen Arbeitgeber”, sagt Andreas Liebminger.

Um die Nähe zur Wissenschaft zu fördern, setzt Takeda auf Formate wie Speed-Datings an der Uni Wien, Science Days mit LISAvienna oder frühzeitige Patentsponsorings. In Einzelfällen hat das Unternehmen sogar die gesamte Patentierung übernommen, um sicherzustellen, dass gute Ideen nicht an fehlenden Ressourcen scheitern. Doch für Takeda zählt vor allem eines: Verlässlichkeit, Geschwindigkeit und IP-Klarheit. 

Auch das Spannungsfeld zwischen Publikation und Patent ist für Takeda relevant. Publikationen sind ausdrücklich erwünscht, allerdings erst dann, wenn der Patentschutz vollständig gesichert ist. „Publikation kann kommen – aber erst, wenn umfassender Patentschutz besteht. Das muss man frühzeitig transparent abstimmen, um falsche Erwartungen zu vermeiden“, so Liebminger. In Kollaborationen muss daher früh geklärt werden, wie wissenschaftliche Publikationsziele und exklusive Verwertungsinteressen miteinander in Einklang gebracht werden.

👉 Diese Schnittstellen zwischen Industrie und Wissenschaft werden wir in Folge 5 von From Science to Business noch vertiefen – mit weiteren Einblicken, wie Unternehmen und Forschungseinrichtungen gemeinsam Innovationen vorantreiben.

Herausforderungen und Potenziale am Standort Österreich

Von der ersten Erfindungsmeldung bis zur Ausgründung haben wir den Transferpfad verfolgt – doch welche Rahmenbedingungen entscheiden letztlich darüber, ob daraus Erfolgsgeschichten werden? Am Standort Österreich zeigen sich sowohl klare Potenziale als auch strukturelle Hürden.

Herausforderungen gibt es vor allem bei den Proof-of-Concept-Mitteln. Gerade in kapitalintensiven Domänen wie Life Sciences, Chemie oder Physik fehlen oft die Ressourcen, um spannende Ideen zur nächsten Stufe zu bringen. „Mehr Proof-of-Concept-Mittel wären hilfreich, besonders für teurere Vorhaben in Pharma, Physik oder Chemie. Ein uni-interner PoC-Topf vergrößert den Pool potenzieller Gründer:innen und ist auf jeden Fall zu empfehlen“, sagt Sara Matt.

Zugleich muss sich das Mindset weiterentwickeln: Forschung soll nicht nur zitiert werden, sondern Wirkung entfalten. Entrepreneurial Education, Impact-Reflexion und Karrieremodelle, die Verwertung als legitimen Weg verstehen, sind dafür essenziell. „Wir müssen Entrepreneurial Education früher und breiter setzen. 80 Prozent bekommen langfristig keine akademische Stelle; Unternehmertum sollte als attraktive Karriereoption sichtbar werden“, betont Matt.

Geschwindigkeit und Klarheit sind ein weiterer Schlüssel. Wenn „Protect and Publish“ zur Routine wird und Fast-Track-IP-Modelle existieren, lassen sich Reibungsverluste minimieren. „Klarheit und Geschwindigkeit beim IP sind zentral. Fast-Track-Prozesse – etwa eine 12-Wochen-Entscheidung – schaffen Regeln und Tempo für Industrie, Universität und Gründer:innen“, sagt Leo Capari. Einheitliche IP-Verständnisse und klar definierte Vertragspartner:innen sind notwendig, um Prozesse nicht künstlich aufzuhalten.

Auch investierbare Strukturen sind zentral. Saubere Cap Tables, Beteiligungen mit aktiven Rollen und klare Governance sind entscheidend, um externe Mittel zu gewinnen. Wenn Hochschulen als Partnerinnen auftreten und Prozesse transparent gestalten, wächst das Vertrauen bei Investor:innen.

Und schließlich bleibt Internationalität ein Schlüsselfaktor. Spin-offs müssen von Anfang an global denken – in Märkten, Regulierung und Finanzierung. „Spin-offs sollten von Beginn an international denken – nicht nur regional. Benchmarks wie Boston oder Cambridge zeigen, was Governance, Speed und Fördervolumen leisten können“, betont Andreas Liebminger von Takeda. Industriepartner:innen sollten proaktiv angesprochen werden, statt in Warteposition zu verharren.


Diese Themen werden in „From Science to Business“ behandelt:

Folge 1: Status quo der Spin-offs in ÖsterreichStrukturen, Leistungsvereinbarungen, Beteiligungsgesellschaften und Mindset-Veränderungen an Hochschulen.
Folge 2: Von der Idee zum Patent und Spin-offWie Universitäten und Industrie den Transferpfad gestalten, inkl. IP- und Scouting-Prozesse.
Folge 3: Life Sciences im FokusLange Entwicklungszyklen von Medikamenten, hohe Investitionskosten und wie MedLifeLab und Takeda Spin-offs und Innovationen unterstützen.
Folge 4: Finanzierung von DeepTech-Spin-offsHerausforderungen langer Entwicklungszyklen, Evergreen-Fonds, Co-Investments und Investorensicht.
Folge 5: Kooperationen als ErfolgsfaktorVon der Idee zum globalen Skalieren. Wie Universitäten, Inkubatoren und Industriepartner Innovationen gemeinsam entwickeln.
Folge 6: Gründungsmindset an Hochschulen stärkenBest Practices, Infrastruktur und Anreizsysteme, um mehr Spin-offs bis 2030 zu ermöglichen.

„From Science to Business“ setzen wir gemeinsam mit unseren Partnern AplusB (Academia plus Business), Austria Wirtschaftsservice (aws), MedLifeLab Innovation Hub (Medizinische Universität Innsbruck), Noctua Science Ventures, JKU – LIT Open Innovation Center (Johannes Kepler Universität Linz), OÖ HightechFonds, Spin-off Austria, Takeda, tecnet equity, The Spinoff Factory (Technische Universität Wien), Universität Innsbruck und WU (Wirtschaftsuniversität Wien) um.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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