14.05.2024
KOOPERATION

„Wir müssen die Zerstörung auf der Erde eindämmen, bevor wir zum nächsten Planeten weiterziehen“

Man nehme Sand, Staub und Bauabfälle, gebe die Zutaten in einen 3D-Drucker und revolutioniere damit die Bauindustrie. Wie Freia Ruegenberg mit ihrem Startup ParaStruct an der Klimakrise schrauben will und warum sich ihre Technologie auch für außerirdisches Leben eignet.
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Freia Ruegenberg, Co-Founderin des DeepTech-Startups ParaStruct (c) Festakt 2022, Freia Ruegenberg

Plastikmüll ist sexy, aber Bauabfall nicht? Wenn es um Nachhaltigkeit und die Folgen der Klimakrise geht, weiß Freia Ruegenberg so viel wie wenige andere. Und darunter auch, dass Bauabfall durchaus sexy sein kann – oder es sein muss. Die studierte Chemikerin unterrichtete nach ihrer Promotion an der Innsbrucker Universität – mit dem Ziel, unseren Planeten zu retten. Später wurde sie unerwartet zur Startup-Gründerin. Dem Klima zuliebe versucht sie nun, in der Baubranche mitzumischen.

ParaStruct am 4GameChangers Festival

Ruegenberg will Sichtbarkeit für ein Thema schaffen, das in der Öffentlichkeit nicht wirklich präsent ist: “Das Thema Plastikmüll ist in aller Munde – und sehr populär. Aber die Bauindustrie spielt auch ihre Rolle im Klimawandel – und zwar eine nicht unwesentliche. Wir alle wohnen und leben in Gebäuden, wir nutzen und bauen Gebäude. Auch, wenn das Thema nicht so sexy ist wie andere Nachhaltigkeitsthemen. Eine nachhaltige Baubranche ist wichtiger denn je.”

Als Co-Founder und Chief Scientific Officer des DeepTech-Startups ParaStruct wird Ruegenberg am heute beginnenden 4GameChangers Festival in Wien vertreten sein. Das Panel „Innovations Changing The World” findet auf der Silent Stage am heutigen Dienstag, den 14. Mai, um 15.10 Uhr statt. Sprechen wird sie über ihr Startup ParaStruct und dessen Beitrag zu einer nachhaltigen Baubranche. Gestreamt werden kann das 4GameChangers Festival für alle, die nicht dabei sein können, auch auf Joyn.

Im Interview mit brutkasten spricht sie über ihren unerwarteten Weg in das Startup-Leben, über Abfallprodukte der Baubranche und was sie aus Sand und Staub im 3D-Drucker zaubern kann, um die Welt zu retten. Stichwort Welt: Auch für außerirdisches Leben könnte ParaStruct interessant sein.


brutkasten: Wie bist du dazu gekommen, ParaStruct zu gründen?

Freia Ruegenberg: Meine Geschichte ist nicht die lineare Startup-Gründer:innen-Geschichte. Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass ich Co-Founderin eines Startups werde, hätte ich gelacht und den Vogel gezeigt.

Ich komme nicht aus einer unternehmerischen Familie, ich habe Chemie studiert und mich auf Materialwissenschaften spezialisiert. Das Studium habe ich aus der Motivation heraus angefangen, mit meiner Arbeit zu mehr Nachhaltigkeit beizutragen. Dazu motiviert hat mich unter anderem der Film “Plastic Planet”. Schon damals habe ich mir gedacht: Es ist total krass, dass es solche Abfallmengen gibt. Wir müssen da auf jeden Fall nach einer Lösung suchen.

Nach dem Film “Plastic Planet” hast du also begonnen, Chemie zu studieren?

Genau. Zu diesem Zeitpunkt war für mich Chemie genau das Richtige. Spezialisiert habe ich mich auf anorganische Chemie. Dort habe ich auch promoviert und war nach meinem Studium an der Universität Innsbruck in der Lehre tätig.

Wann kam es dann zur Gründung von ParaStruct?

Ziemlich unerwartet: Der Hauptgründer Georg Breitenberger ist damals auf mich und meinen Kollegen zugekommen, weil er zu dem Zeitpunkt nach Projektpartner:innen gesucht hat. Er wollte die Recyclingfähigkeit von mineralischen Bindemitteln untersuchen. Die Idee von ParaStruct gibt es also schon länger – und wurde anfangs von Georg Breitenberger als Einzelunternehmen geführt. Der Fokus lag damals auf 3D-Druck und der Verwertung von Abfällen mit 3D-Druck. In weiterer Folge bin ich mit Kilian Rießbeck ins Unternehmen eingestiegen. Darüber bin ich sehr glücklich, weil ich jetzt meiner ursprünglichen Motivation der Abfallvermeidung nachgehen kann.

Wie und welchen Abfall vermeidet ParaStruct?

Im Grunde entwickeln wir eine Lösung, mit der die Bauindustrie – aber auch andere herstellende Industrien – ihre drei größten Probleme beseitigen oder zumindest mildern können.

Was sind die drei größten Probleme der herstellenden Industrien?

Erstens die Ressourcenknappheit bzw. -abhängigkeit. Gerade die Bauindustrie braucht Materialien, die häufig nur an einem bestimmten Ort und in begrenzter Verfügbarkeit vorkommen – und deshalb immer knapper werden.

Das zweite Problem sind die Treibhausgasemissionen: Die Bauindustrie ist einer der größten Emittenten von Treibhausgasen überhaupt – hier vor allem bei der Herstellung von Zement, der enorm CO2-intensiv ist.

Das dritte Problem sind Abfallmengen: Statistiken des BMK (Anmerkung: Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie) zeigen, dass etwa drei Viertel der in Österreich anfallenden Abfälle allein aus der Bauindustrie – also von Abbruchmaterialien und Bauabfällen – kommen.

Mit ParaStruct wollen wir genau diese drei Probleme angehen. Und es ist auch irgendwo paradox, dass Industrien sehr große Mengen an Abfallmaterialien produzieren und dann einem Mangel an Ressourcen und Rohstoffen gegenüberstehen. Das heißt: Das Logische ist natürlich, Abfallmaterialien besser nutzbar zu machen.

Wie können wir uns das vorstellen – welche Abfälle recycelt ihr?

Wir bieten eine kreislauffähige Lösung für ansonsten nicht mehr nutzbare Abfällen und Nebenprodukte: Das sind häufig Sande, Stäube und Material, dass in unterschiedlichen Verarbeitungsschritten übrigbleibt. Gerade die sind für die Industrie nicht mehr nutzbar, weil sie eben zum Beispiel aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften nicht weiterverwendet werden können. Wir aber machen sie mit unserem 3D-Drucker wieder nutzbar.

Das heißt, ihr recycelt Staub und Sand mit 3D-Druckern?

Genau, unter anderem. 3D-Druck ist dabei aber, sagen wir mal, eine Option und keine Notwendigkeit. Die Abfallmaterialien können auch konventionell verarbeitet werden. Aber 3D-Druck bietet sich insofern an, als dass man funktionale und ästhetisch anspruchsvolle Bauteile herstellen kann – und man spart Ressourcen, denn: 3D-Druck durch die additive Fertigung Material-sparender und auch automatisierbar, was auch ein Weg sein kann, um mit dem Fachkräftemangel umzugehen. Aktuell arbeiten wir an unserer ersten größeren Pilotanlage mit einem Maschinenbaupartner. Diese Anlage wird dann in der Lage sein, großformatige Muster mit zu drucken. Auch erste Kund:innen sind bereits interessiert.

Für welche Branchen eignen sich die recycelten Materialien von ParaStruct?

Unter anderem für die Bauindustrie – darunter Holzbau und Stahlindustrie. Wir sind Technologieanbieter – das heißt: Wir entwickeln den Prozess und die Materialmischung und können auch geeignete Anwendungen für die jeweilige Industrie entwickeln. Und durch unseren Recyclingprozess sind alle so hergestellten Bauprodukte voll kreislauffähig.

Zum Beispiel für ein Holzbauunternehmen, das Schalungen für den Bau herstellt. Dafür schauen wir uns an: Welche Produkte stellt das Unternehmen bereits her? Und wir versuchen dann, aus den Abfällen, die dieses Unternehmen produziert, entsprechende Produkte herzustellen. Das heißt, für Holzunternehmen können wir eine 3D-gedruckte, recyclefähige Schalung produzieren. Wir greifen also nicht in den Kernprozess der Unternehmen ein, sondern erweitern ihre Angebotspalette um ein nachhaltiges Produkt.

Es gibt aber auch andere Industrien, zum Beispiel die Stahlindustrie, die mit mineralischen Abfällen aus der Stahlproduktion zu kämpfen haben. Grundsätzlich eignen sich alle Industrien, die mit Verfahren oder Fertigungsprozessen arbeiten, in denen Materialien zerkleinert werden, die dann in Form von Sanden oder feinen Stäuben übrig bleiben und somit eben nicht mehr nutzbar und wertlos sind, deponiert oder abtransportiert werden müssen. Das findet man auch bei Steinbrüchen oder Schotterwerken in der Rohstoffgewinnung.

ParaStruct hat sich auch mit dem Ziel auseinandergesetzt, extraterrestrischen Raum bewohnbar zu machen. Wie wollt ihr das angehen?

Bei extraterrestrischen Räumen sprechen wir ja auch von Planetenoberflächen – wie der Oberfläche von Mars oder Mond. Wenn wir die besiedeln wollen, müssen wir mit speziellen Herausforderungen zurechtkommen. Zum einen möchte man die Materialien, die vor Ort sind, nutzen, weil man ja nicht beliebig viel dorthin transportieren kann. Auf Mond oder Mars haben wir auch extreme Bedingungen, die sehr feine Stäube und Sande auf der Oberfläche verursachen. Genau das ist ja unser Ausgangsmaterial für den 3D-Druck. Das heißt, wir können Mondstaub zu modularen Baukomponenten mit unserem 3D-Druck umwandeln – und zwar materialsparend und automatisierbar.

Siehst du Potential in der Besiedelung von außerirdischem Raum?

Meine Meinung zum Leben oder der Forschung auf anderen Planeten ist: Man muss die Fühler in alle Richtungen ausstrecken. Ich sehe unseren Auftrag jetzt primär auf der Erde: Zuerst müssen wir die Probleme, die wir hier haben, bewältigen. Der Fokus sollte aktuell auf dem Planeten Erde liegen.

Die Raumforschung ist natürlich für sehr viele Entdeckungen und Entwicklung verantwortlich, die wir jetzt auch auf der Erde nutzen. Forschung ist immer wichtig, egal mit welchem Ziel sie gemacht wird. Allerdings sehe ich persönlich kurz- bis mittelfristig mehr Potenzial darin, die Zerstörung auf unserem Planeten Erde einzudämmen, anstatt zum nächsten Planeten weiterzuziehen. Bis wir so weit sind, dass wir auch nur einen Teil der aktuell acht Milliarden auf der Erde lebenden Menschen auf andere Planeten verfrachten können, wird das noch eine ganze Weile dauern. Wir sollten nicht zu viel Zeit damit verschwenden, andere Planeten bewohnbar zu machen, sondern viel eher diesen wunderschönen Planeten erhalten.

Wie schätzt du die Chancen ein, die Folgen des Klimawandels auf der Erde einzudämmen?

Ich bin realistisch: Wir merken die Folgen des Klimawandels jetzt schon. Und das wird in Zukunft noch schlimmer werden. Trotzdem glaube ich, dass die Menschheit es schaffen könnte, den Planeten Erde als lebenswerten Planeten zu erhalten. Aber natürlich müssen wir da sofort anfangen. Am besten schon vorgestern – je schneller, desto besser.

Wo muss besonders viel getan werden?

Kurz gesagt: Überall. Aber: Etwa 40 Prozent des CO2-Ausstoßes kommen von der Bauindustrie – je nach Statistik und was dort alles mit berücksichtigt wird. Die Bauindustrie ist neben Verkehr und Landwirtschaft einer der größten Player im Klimawandel – und heute eines der größten Gewerbe überhaupt, wo was passieren kann und muss. Ich bin gegen die Einstellung „…ja aber der andere Sektor, das andere Land ist viel schlimmer“. Wir müssen alle Bereiche anfassen und Dinge sofort ändern – aber die Bauindustrie ist sicher eine der wichtigsten. Und: Wir sind ja Gott sei dank nicht das einzige Startup, das sich mit Innovation in der Bauindustrie oder mit CO2-Einsparungen beschäftigt. Da liegt viel Potenzial in der Startup-Szene und das muss genutzt werden.


*Disclaimer: Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem 4GameChangers Festival 2024.

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Hilla Haddad Chmelnik, Co-Founderin & CEO von Moonshot

Hilla Haddad Chmelnik, Mitgründerin von Moonshot, will die Weltraum-Logistik mit ihrem 25-köpfigen Team vorantreiben. Statt auf teure chemische Raketen setzt das israelische DeepTech-Startup auf elektromagnetische Beschleunigung. Im brutkasten-Interview spricht die ehemalige „Iron Dome“-Projektleiterin über das enorme Potenzial im All, das Scheitern in Simulatoren und was Europa von Israels Innovationskraft lernen kann.

Sie sind Luft- und Raumfahrttechnikerin, waren Projektleiterin beim Iron Dome und Generaldirektorin im israelischen Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Technologie. Jetzt haben Sie Moonshot gegründet, ein Unternehmen, das Transporte im All per elektromagnetischer Beschleunigung statt mit klassischen Raketen anpackt. Sie sitzen da ja wirklich genau an der Schnittstelle von SpaceTech, DeepTech, Verteidigung und Politik. Wenn wir mal aufs große Ganze schauen: Wo steht SpaceTech gerade allgemein?

Für mich sind das gar keine getrennten Dinge. SpaceTech oder eigentlich der Weltraum an sich ist einfach die nächste Stufe für die Menschheit. Um Quantentechnologie, Energie oder KI wirklich weiterzuentwickeln, müssen wir ins All. Der Weltraum ist eine ganz eigene Domäne. Das ist im Grunde wie beim Internet: Wir sagen heute ja auch nicht „Internet-Tech“, das Internet ist einfach die Basis für alles andere.

Die Erde wird langsam ziemlich voll, und uns gehen hier die Ressourcen aus. Selbst wenn wir über Quantencomputing oder Smartphones reden: Dafür brauchen wir Seltene Erden. Und davon haben wir auf der Erde schlicht nicht genug.

Und Sie glauben fest daran, dass wir diese Stoffe im All finden?

Naja, sie kamen ja ursprünglich von dort, also werden wir sie auch dort finden. Wir wissen, dass es sie auf dem Mond gibt und auf Meteoriten. Und das Thema Energie ist im All ein Selbstläufer, es gibt dort keine Atmosphäre, die Sonne scheint also ununterbrochen. Deshalb reden wir ja auch über Rechenzentren im Weltraum. Warum sollte man das tun? Weil uns auf der Erde der Strom ausgeht, selbst wenn wir über Atomkraft nachdenken.

Bei erneuerbaren Energien auf der Erde hat man immer Probleme mit der Atmosphäre und dem Tag-Nacht-Wechsel. Im All hat man diese Sorgen nicht, dafür eben andere. Aber da der Zugang zum All in den letzten zehn Jahren so viel billiger geworden ist, und die Preise fallen weiter, sind die Wege jetzt frei. Wenn wir erst mal dort sind, entsteht da eine völlig neue Industrie. Alles, was Sie genannt haben, Quanten, Cyber, Mobile, Verteidigung, wird eine Anwendung im All brauchen. Deswegen ist das Ding so riesig. Und deshalb ist der SpaceX-Börsengang auch so eine Riesensache: Es ist das Fundament, die nackte Infrastruktur.

Und wo hakt sich Moonshot da ein? Welches Problem löst ihr genau?

Bei uns dreht sich alles um die Lieferkette. Es ist reine Logistik. Die Straße ins All steht ja jetzt. Und weil es diese Straßen gibt, wird es dort oben immer mehr Infrastruktur geben. Ganz egal, ob das eine private Raumstation als Fabrik ist, ein Rechenzentrum oder ein Satellit: Sie alle brauchen eine funktionierende Lieferkette. Irgendwer muss die Rohstoffe, das Wasser oder die Ersatzteile ja hochbringen. Genau das macht Moonshot.

Sie bauen also sozusagen den Lastwagen für den Weltraum? Über welchen Zeithorizont reden wir da eigentlich?

Wir bauen eher das FedEx fürs All. Wir peilen den Anfang der 30er-Jahre an, also so 2030, 2032 wollen wir ins All. Wenn man heute Fracht hochschicken will, muss man bei den aktuellen Preisen immer den ganzen Truck buchen, also eine komplette Falcon-Rakete oder ein ganzes Starship. Jedes Mal, wenn man ins All will, muss man 21 Tonnen bei einer Falcon oder 100 Tonnen bei einem Starship mitnehmen.

Wenn Sie da oben aber schon metaphorisch gesagt Ihren Kaffeeladen haben und eigentlich nur jede Woche frische Bohnen brauchen, mieten Sie ja nicht jedes Mal den ganzen Sattelschlepper. Sie brauchen einen Paketdienst, eben wie FedEx. Moonshot nutzt dafür eine ganz andere Physik: Wir arbeiten mit elektromagnetischen Beschleunigern, nicht mit chemischen Raketen. Dadurch schaffen wir dieselben Preise, aber eben für kleine Pakete. Wir schicken 200 oder 300 Kilo zum gleichen Kilopreis hoch wie das Starship. Man bestellt einfach eine Lieferung.

Sind Sie damit nicht ein Konkurrent für SpaceX?

Nein, überhaupt nicht. Wir ergänzen uns perfekt. Wir brauchen SpaceX ja, damit sie immer mehr Masse ins All schießen. Und je mehr Masse die hochbringen, desto mehr Kunden haben wir am Ende. Das ist eigentlich genau das Gegenteil von Konkurrenz. Wir wollen, dass die chemischen Raketen so oft wie möglich fliegen.

Denken Sie an einen Umzug von Europa in die USA: Es ist völlig klar, dass Sie selbst in der Business Class nach New York fliegen. Aber es macht überhaupt keinen Sinn, Ihr Sofa im Flugzeug neben sich zu setzen. Das schicken Sie im Frachtcontainer. Im Moment sind die chemischen Raketen im All die Business Class. Sie sind teuer. Und obwohl es billiger ist als vor 20 Jahren, zahlt man für jedes Kilo exakt dasselbe. Das heißt, das Kilo Astronaut, das Teuerste, was man hochschicken kann, kostet im Transport genauso viel wie das Kilo Wasser, das er trinkt. Wenn wir also einen guten Preis für das Kilo Astronaut haben, zahlen wir für das Wasser schlicht viel zu viel.

Mit unserer Technologie bei Moonshot werden wir niemals Astronauten transportieren können. In einem Frachtcontainer reist man ja auch nicht nach New York, es ist zu heiß, dauert zu lange, das hält kein Mensch aus. Unsere Anlage arbeitet mit extremen Kräften von bis zu 800 G. Das überlebt kein Mensch und auch keine empfindliche Elektronik. Aber Wasser, Treibstoff, mechanische Bauteile oder Ersatzteile wie Solarpaneele stecken das locker weg.

Wir trennen diese Fracht also von den teuren Raketen. Die Raketen bleiben für die Menschen und die feine Sensorik. So baut man eine echte Industrie auf. Eine hochentwickelte Wirtschaft braucht Häfen, Schienen, Lkw und Flugverkehr. Wenn eine Insel nur ein einziges Transportmittel hat, wird die Wirtschaft dort nie richtig laufen. Und genau das machen wir im All: Wir bauen die nächste Logistikebene neben den klassischen Raketen auf.

Entwickeln Sie diese elektromagnetische Beschleunigung eigentlich komplett neu oder nutzen Sie bestehende Technologien?

Wir bauen natürlich unsere eigene Technologie, aber wir machen keine Grundlagenforschung. Bei uns ist das reines Engineering. Die Wissenschaft dahinter hat sich im letzten Jahrzehnt quasi von selbst entwickelt, durch die erneuerbaren Energien, durch die Medizintechnik. Die Basiskomponenten wie Kondensatoren, Schalter oder spezielle Materialien, die extreme Kräfte und Hitze aushalten, gibt es alle schon auf dem Markt, und sie sind viel billiger geworden. Vor zehn Jahren hätten wir uns an diese Sache gar nicht herangewagt, weil die Technik noch nicht so weit war.

Jetzt nehmen wir diese Komponenten, die gar nicht primär für uns entwickelt wurden, und fügen sie in unserer Maschine zusammen. Wir erfinden also keine neuen Kondensatoren, sondern kaufen sie von der Stange und passen sie so an, dass sie genau unsere Spezifikationen erfüllen und bezahlbar bleiben. Es ist also kein neues wissenschaftliches Rätsel, sondern clevere Ingenieursarbeit und Integration.

Wie viel von diesem Ingenieur-Know-how bringen Sie aus Ihrer Zeit beim Iron Dome mit? Hilft Ihnen diese militärische Erfahrung bei Ihrem heutigen Projekt?

Der entscheidende Punkt ist eigentlich die ganze Philosophie der israelischen Verteidigungsindustrie. Mein Chefingenieur hat das David’s Sling-Programm geleitet, eine andere Kollegin kommt aus dem Arrow-Raketenprogramm. Die wahre Kunst in Israels Verteidigungssektor ist es, hochkomplexe Hardware und Luftfahrtsysteme extrem billig, wahnsinnig schnell und fast ohne reale Systemtests zu bauen. Und das liegt schlicht daran, dass Israel klein ist, wir haben gar keinen Platz für riesige Testgelände. Deshalb haben wir über die Jahrzehnte hinweg ganz andere Methoden entwickelt als die Amerikaner oder Europäer: Wir setzen massiv auf Simulatoren.

Sie setzen also voll auf digitale Zwillinge?

Genau. Wir bauen hochkomplexe digitale Zwillinge des gesamten Systems. Die testen wir dann im Labor im ganz kleinen Maßstab. Weil wir das so akribisch machen, können wir uns blind auf unsere Simulatoren verlassen. Wenn wir das finale, echte System bauen, wissen wir fast schon, dass es funktioniert. Reale Systemtests heben wir uns wirklich nur für den allerletzten Schritt auf. Denn wenn wir in Israel ein echtes System testen, ist das kein Experiment mehr, da muss es klappen. Wir haben weder das Geld noch den Platz für Fehler, und uns schaut ständig jeder auf die Finger. Als ich beim Iron Dome war, war praktisch jeder reale Test ein Volltreffer.

Elon Musk hat völlig recht, wenn er sagt: Wenn ein realer Test klappt, war es eigentlich kein richtiger Test, weil man nur durch Fehler lernt. Also machen wir unsere Fehler in den Simulatoren. Und genau das ist auch das Fundament von Moonshot. Wir arbeiten mit Ingenieuren zusammen, die genau diese Schule durchlaufen haben. Wir bauen ein kleines Labormodell mit gerade mal sechs Zentimetern Durchmesser und eineinhalb Metern Länge. Damit schießen wir 300 Gramm mit 100 Metern pro Sekunde ab. Aber damit beweisen wir exakt die Präzision im Mikrosekundenbereich, die Latenz und die Kontrollierbarkeit, die wir später im Großen brauchen. Wir machen das so, weil wir in Israel wegen unserer Größe gar keine andere Wahl hatten.

Schauen wir mal auf die nackten Zahlen: Wie zieht man so ein DeepTech-Startup für Weltraum-Logistik strategisch hoch? Wie viel Geld braucht man für die R&D-Phasen, wie sieht Ihr Team aus und wie lief die erste Finanzierung?

Wir sind zu dritt im Gründerteam. Am Anfang brauchten wir gar nicht so viel Geld. Unsere These war einfach: Wenn wir ein bisschen Startkapital kriegen, können wir in Israel ein großartiges Team aufbauen. Solche Leute sind schwer zu kriegen, man braucht ganz spezielle Talente. Aber wir wussten, dass Israel ein riesiges Reservoir für genau diese Talente ist. Wenn das Geld da ist, können wir sie anheuern.

Und was heißt „ein bisschen Startkapital“ im SpaceTech-Bereich?

In unserer Pre-Seed-Runde waren das 2,5 Millionen Dollar. Für Weltraumverhältnisse ist das tatsächlich wenig. Dazu kamen noch 1,5 Millionen von der israelischen Innovationsbehörde, das war unser Fundament fürs erste Jahr. Gerade haben wir unsere Seed-Runde mit rund 14 Millionen Dollar abgeschlossen. Damit finanzieren wir die Fertigstellung unseres ersten echten Produkts: die EMA (Electromagnetic Mass Accelerator). Das ist ein Beschleuniger mit 30 Zentimetern Durchmesser. Damit testen wir nicht nur unsere Simulatoren, sondern bringen auch direkt ein Produkt auf den Markt, das für den Verteidigungssektor extrem spannend ist, weil es als Testumgebung für Hyperschall-Technologie dient.

Das Verteidigungsministerium hat zu uns gesagt: „Dass ihr irgendwann ins All wollt, ist super. Aber im Moment brennen wir darauf, mit eurem Beschleuniger Hyperschall-Tests superschnell und billig durchzuführen.“ Wir feilen gerade am Vertrag, um dieses Labor gemeinsam mit ihnen aufzubauen. Für das Weltraumprojekt reicht uns eine EMA-Geschwindigkeit von 1.000 Metern pro Sekunde, aber das Ministerium braucht 2.000 Metern pro Sekunde. Die Anlage wird deshalb 25 Meter lang sein statt der geplanten 7 Meter. Mit den 14 Millionen Dollar kommen wir erst mal ein Jahr aus. Danach gehen wir in die nächste Runde.

Welches Volumen peilt ihr für die nächste Runde an und was wollt ihr damit machen?

Wir planen eine Runde von etwa 20 bis 30 Millionen Dollar. Damit wollen wir die finalen Bausteine für unseren großen Beschleuniger im All entwickeln, den Magnetar. Wichtig ist: Das Geld fließt nicht in die riesigen Baukosten der Anlage, sondern in die reine Technologie. Die massiven Errichtungskosten für das finale System, das wir übrigens in Alaska aufbauen wollen, kommen später direkt von den Kunden und Partnern, sobald die Technik steht.

Ihre ersten Kunden sind also vor allem Regierungen?

Es geht vor allem um Gelder aus Verteidigungsbudgets. In den USA unterschreibt man heute oft gar nicht direkt bei der Regierung, sondern bei privaten Firmen, die wiederum über staatliche Programme bezahlt werden. Es läuft also im Rahmen von Regierungsprojekten. In Israel arbeiten wir direkt mit dem Verteidigungsministerium zusammen, weil das Projekt dort als strategisches, nationales Gut gilt. Das Ministerium sichert den Zugang, damit die großen Player wie IAI (Israel Aerospace Industries) oder Rafael das System uneingeschränkt nutzen können.

Zum Schluss noch ein Blick auf Europa: Wir diskutieren hier ja ständig über mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und das Problem, dass geniale Forschung viel zu selten den Weg in den Markt findet. Israel gilt da weltweit als das absolute Vorbild beim Technologietransfer. Was kann Europa von Israel lernen, wenn es darum geht, Forschung in Produkte zu verwandeln und Richtlinien zu schaffen, die Startups wie Ihres überhaupt erst ermöglichen?

Niemand wünscht sich Krieg, das ist klar. Aber der fundamentale Unterschied ist schlicht: Wir müssen innovativ sein, um zu überleben. In Europa gibt es diesen existenziellen Druck zum Glück nicht. Ihr müsst also andere Wege und Motive finden, um diesen Zug zu entwickeln und Länder wie Österreich oder Deutschland haben dafür ja durchaus gute, eigene Strukturen.

Aber der wahre Kern unseres Erfolgs und unserer Resilienz ist einfach, dass wir keine andere Wahl haben. Wir müssen abliefern, und zwar extrem schnell. Und es muss auf Anhieb funktionieren. Beim Iron Dome haben uns damals fast alle Experten weltweit gesagt, das sei technisch unmöglich. Aber wenn du in Israel lebst und ständig Raketen aus dem Gazastreifen angeflogen kommen, akzeptierst du die Aussage „das geht nicht“ einfach nicht. Es muss gehen. Und genau dieser Druck zwingt dich dazu, einen Weg zu finden, wie es klappt. Das ist es, was uns voranbringt.

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