02.06.2025
TRACTIVE

„Fokus, Fokus, Fokus“: Michael Hurnaus über schnelle Entscheidungen und nachhaltiges Wachstum

Zwölf Jahre nach der Gründung knackte das oberösterreichische Scaleup Tractive die 100 Millionen Euro Annual Recurring Revenue (ARR). Welche Entscheidungen auf diesem Weg ausschlaggebend waren und welche Learnings er mitgenommen hat, erzählt Gründer und CEO Michael Hurnaus beim BMT-Event.
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Tractive-Gründer und -CEO Michael Hurnaus (m.) auf der Bühne des BTM-Events, gemeinsam mit Florian Gschwandtner (l.) und Martin Kaswurm (r.). © Jakob Kotzmuth

Was 2012 in dem kleinen Ort Pasching begann, ist heute ein österreichisches Vorzeige-Scaleup. Nur ein Jahr nach der Gründung brachte Tractive sein erstes Produkt auf den Markt. Zwölf Jahre später, 2024, zeigte sich das Resultat in beeindruckenden Zahlen: 100 Millionen Euro Annual Recurring Revenue (ARR) und über eine Million zahlende Abonnent:innen. Die Rede ist von Tractive rund um Gründer und CEO Michael Hurnaus. Mittlerweile zählt das oberösterreichische Scaleup zu den globalen Vorreitern für Haustier-GPS-Tracker.

Bevor Hurnaus das Startup gründete, war er in den USA als Technical Program Manager bei Tech-Unternehmen wie Microsoft und Amazon tätig. Auf der Bühne des BTM-Events, gehostet von Florian Gschwandtner und Martin Kaswurm, erzählt er von seiner Motivation: “Mit Tractive habe ich es geschafft, meine Passionen zu vereinen – auf der einen Seite die Passion für Haustiere, auf der anderen Seite die Passion für Subscription-Modelle und für Abomodelle”. Heute beschäftigt das Unternehmen über 300 Mitarbeiter:innen, betreibt einen Standort in den USA und wächst weiter.

Florian Gschwandtner und Martin Kaswurm luden vergangene Woche zu in ihrem ersten BTM-Event in die Ottrakringer Brauerei ein. © Jakob Kotzmuth

Das Erfolgsgeheimnis

Eines der Erfolgsgeheimnisse hinter dem Paschinger Scaleup sei das Recurring-Business-Modell. Schon von Anfang an setzte Tractive auf Abonnements. Der eigentliche GPS-Tracker allein bringe nämlich kaum Gewinn, verrät Hurnaus. (Mehr dazu in diesem brutkasten-Artikel). 

Gerade in Krisenzeiten wie der Covid-Pandemie erwies sich dieses Modell als besonders resilient. „Es ist immer wichtig vorauszuschauen: Wo könnte es Risiken geben? Wir haben schon immer ein bestimmtes geopolitisches Risiko gesehen mit China. Covid hat uns auch viel gelehrt über die Supply Chain, wie schwierig es sein kann und dass man immer eine zweite Optionen haben muss”, so der Gründer. Als die ersten Störungen in der Lieferkette auftraten, reagierte Tractive schnell und bestellte kurzerhand eine Million Chips auf Vorrat. Eine Entscheidung, die viel Mut erforderte, erzählt Hurnaus.

Auch auf die jüngste Ankündigung von US-Präsident Trump, die Zölle drastisch zu erhöhen, war Tractive vorbereitet. “Wir haben in China produziert, sind dann vor zwei Jahren ausgewichen. Als vor drei Jahren schon die China-Zölle auf uns schon zugetroffen haben, haben wir dann in Malaysia und Vietnam eine Produktion aufgebaut. Kurz bevor Trump Präsident geworden ist, haben wir angefangen in Europa zu produzieren”, schildert er. 

Man muss auch mal Nein sagen

Doch was braucht es wirklich, um ein Unternehmen wie Tractive aufzubauen und dauerhaft erfolgreich zu bleiben? Für Hurnaus gibt es eine klare Antwort: „Fokus, Fokus, Fokus”. Und vor allem: Nein sagen zu verlockenden Ideen. “Wir haben ganz lange in den ersten Jahren gehardert und überlegt, ob wir das auch für Kinder, Fahrräder, Reisekoffer oder Autos machen sollten. Die Ideen waren da und wir haben die App, die Technologie. Es wäre so leicht gewesen, aber da hat uns Hansi [Anm. Hansi Hansmann] immer wieder gesagt: ‘Sagt’s nein, langfristig macht der Fokus euch zu den Besten in einer Nische’”, erzählt Hurnaus auf der BTM-Bühne.

„Speed matters“

Das zweite große Learning für Hurnaus lautet: „Speed matters“. Dabei gehe es nicht um Überstunden, sondern um Entscheidungskraft. „Auch wenn man nicht 100 Prozent der nötigen Information hat, muss man schon Entscheidungen treffen und schnell agieren. Nur so kann man vorne mitspielen. Das ist auch etwas, das ich sehr viel im Unternehmen predige. Wir pushen sehr stark bei Tractive, dass die Leute sich trauen, Entscheidungen zu treffen. Es ist oft viel teurer, eine Entscheidung später zu treffen als sie einfach direkt zu treffen”, sagt er gegenüber brutkasten. 

Ausdauer und Mindset

Rückblickend sei auch ein entscheidender Faktor gewesen, keine externe Investoren an Bord zu holen, so Hurnaus. „Man hat ein bisschen mehr das Mindset von ‘Ich muss sparen’ und ‘Ich muss auch wirklich Geld verdienen’. Wir haben von Anfang an schauen müssen, wie wir Umsatz und Gewinn machen können. Irgendwann nach zwölf Jahren hat man das wirklich in der DNA.“

Dafür brauche man als Gründer:in aber viel Ausdauer, “um zu verstehen, dass viele Sachen auch nicht funktionieren. Wir bringen ein Produkt raus, es wird aber nicht angenommen oder es funktioniert nicht so wie es soll und wir machen es wieder neu. Das tut manchmal schon weh, aber es ist extrem wichtig für die Entwicklung”, erzählt Hurnaus.

2025: Wachstum von 40 Prozent erwartet

Nach zwölf Jahren knackte Hurnaus mit diesem Erfolgskonzept die 100 Millionen Euro ARR. Das sei aber längst nicht das Ende der Reise, sagt er. “Wir wachsen weiter. Wir fokussieren uns jetzt ganz stark auf Gesundheits-Tracking und frühzeitige Erkennung von Krankheiten”. Seit Anfang des Monats hat der GPS-Tracker von Tractive nämlich neue Funktionen: Er kann nun die Gesundheit der Haustiere überwachen, um so frühzeitig gesundheitliche Probleme und Risiken zu erkennen – brutkasten berichtete. 

Für dieses Jahr erwarte man sich ein Wachstum von 30 bis 40 Prozent – das entspräche einem ARR von bis zu 140 Millionen Euro. “Nächstes Jahr wollen wir wieder wachsen – wir sind noch in einer frühen Phase, denn der Markt ist unendlich groß. Es macht uns allen noch Spaß. Drum werden wir das noch ein bisschen machen”. 

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Das Gründerteam von vioom: Lucia Studer und Ronny Türtscher | (c) vioom

Wer auf dem Land lebt, kennt das Problem: Der nächste Bus fährt erst in zwei Stunden und ohne eigenes Auto wird selbst der Weg zum Arzt oder zum Einkaufen zur Herausforderung. Diese Erfahrungen hat auch das Gründerteam des Vorarlberger Startups vioom gemacht. Sie kommen aus dem Großen Walsertal, wo öffentliche Verkehrsverbindungen teilweise nur im Zwei-Stunden-Takt angeboten werden.

„Wir haben als Jugendliche immer Autos gestoppt“, erzählt Mitgründer und Co-CEO Ronny Türtscher. Aus Bedarfserhebungen zur Mobilität in der Region, die Türtscher selbst begleitete, entstand schließlich die Idee zu vioom.

Hinter dem Startup steht die im Februar 2026 gegründete VAREO Innovations GmbH mit Sitz in Ludesch. Als CEOs fungieren Ronny Türtscher und Lucia Studer. Das Gründerteam bringt nach eigenen Angaben gemeinsam mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung mit.

Personen- und Warentransporte gemeinsam organisieren

Vioom setzt auf sogenannte On-Demand-Mobilität: Fahrgäste können über eine App eine Strecke innerhalb eines festgelegten Gebiets buchen. Das System organisiert daraufhin ein verfügbares Shuttle. Anders als bei klassischen Anrufsammeltaxis sollen die Fahrzeuge zusätzlich regionale Waren transportieren. „Wir versuchen, die Ausnutzung so hoch wie möglich zu halten und diese Wege von A nach B mit mehreren Erlösströmen zu gestalten“, sagt Türtscher. So könnte ein Shuttle beispielsweise eine Gemüsekiste bei einem Bauernhof abholen, anschließend einen Fahrgast vom Bahnhof transportieren und die Ware danach bei einem Hotel abliefern.

Ziel ist es, Leerfahrten zu reduzieren und Fahrzeuge auch außerhalb der Stoßzeiten auszulasten. Gleichzeitig soll das Angebot bestehende Bus- und Bahnverbindungen ergänzen und insbesondere die sogenannte „First und Last Mile“, also den Weg zur beziehungsweise von der nächsten Haltestelle, abdecken. Durch die gemeinsame Nutzung der Fahrzeuge und eine bessere Anbindung an den öffentlichen Verkehr sollen zudem CO₂-Emissionen reduziert werden. Die Regionen entscheiden dabei selbst, wann Personen- beziehungsweise Warentransporte angeboten werden. Die Durchführung übernehmen beispielsweise regionale Taxiunternehmen. Vioom selbst stellt keine Fahrzeuge oder Fahrpersonal bereit, sondern liefert die Software und begleitet die Umsetzung.

Wie sich die regionale Mobilität rechnen soll

Mit seinem Geschäftsmodell richtet sich vioom an Gemeinden und Regionen. Diese zahlen je nach Modell eine monatliche Gebühr für die Nutzung der Plattform. Zusätzlich erhält das Startup eine Vermittlungsprovision für jede gebuchte Fahrt. Die Fahrgäste und Unternehmen bezahlen für die jeweiligen Personen- oder Warentransporte. Diese Einnahmen fließen grundsätzlich an die Regionen selbst. Die Abrechnung erfolgt vollständig automatisiert über die Plattform.

Durch die Kombination von Personenbeförderung und Warenlogistik sollen die Fahrzeuge besser ausgelastet und zusätzliche Einnahmen erzielt werden. Langfristig will vioom damit die Wirtschaftlichkeit regionaler Mobilitätsangebote verbessern und deren Abhängigkeit von öffentlichen Förderungen verringern.

Technologiepartnerschaft mit ioki

Für die technische Umsetzung arbeitet vioom mit dem Mobilitätstechnologie-Anbieter ioki zusammen. Das Unternehmen ist ursprünglich aus der Deutschen Bahn hervorgegangen und bietet Software für bedarfsgesteuerte Mobilitätsangebote an. Vioom nutzt Teile dieser Technologie und hat darauf aufbauend ein eigenes Logistikmodul entwickelt.

Die Partnerschaft soll auch die Skalierung erleichtern. Für jede Region wird zwar eine individuelle Mobilitätsanalyse durchgeführt, die anschließende Umsetzung erfolgt jedoch über eine standardisierte, anpassbare Plattform.

Eigenfinanziert und erste Pilotprojekte geplant

Bislang wurde vioom vollständig aus Eigenmitteln der CEOs finanziert, mit einem Stammkapital von 12.000 Euro. An der VAREO Innovations GmbH sind die LOONEY GmbH (gehört unter anderem Lucia Studer) mit 66,67 % und scale.out (gehört Ronny Türtscher) mit 33,33 % beteiligt. Für externe Investoren zeigt sich das Unternehmen grundsätzlich offen.

Die größte Herausforderung besteht laut Türtscher darin, erste Referenzprojekte umzusetzen und nachzuweisen, dass die Kombination aus Personen- und Warentransporten tatsächlich wirtschaftliche Vorteile bringt. „Viele Kunden fragen: Was habt ihr schon gemacht und was könnt ihr nachweisen?“, erzählt der Gründer.

Der erste Pilotbetrieb ist derzeit in Vorarlberg in Vorbereitung, ein konkreter Starttermin steht noch nicht fest. Parallel führt vioom Gespräche mit zwei Landkreisen und einer Stadt in Deutschland. Bis Ende 2027 will das Startup drei bis fünf Regionen an die Plattform angebunden haben. Zusätzlich sollen weitere Partnerschaften und Anwendungen, etwa im Tourismus, entstehen.

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