23.05.2022

Wie Gleichstellungspläne die Stellung von Frauen in Forschung & Wissenschaft verbessern können

Am 16. Mai fand auf Einladung der FFG & des BMK im Tech Gate Vienna ein FEMtech Netzwerktreffen statt. Im Zentrum der Veranstaltung stand die Frage, welchen Effekt Gleichstellungspläne auf die Stellung von Frauen in Forschung & Wissenschaft haben können.
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FemTech
(c) Anna Rauchenberger
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Die Europäische Kommission hat mit Horizon Europe, dem EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation, erstmals Gleichstellungspläne als verpflichtendes Kriterium für die Zuerkennung einer Forschungsförderung definiert. Gleichstellung wird damit im Europäischen Forschungsraum zu einem verbindlichen Faktor für die Forschungs- und Innovationspolitik. Doch welchen Effekt haben derartige Gleichstellungspläne auf die strukturelle Stellung von Frauen in der Forschung & Wissenschaft wirklich? Darüber diskutierten Expert:innen am vergangenen Montag beim FEMtech Netzwerktreffen in Wien, das von der FFG und dem BMK organisiert wurde. Die regelmäßig stattfindenden Netzwerktreffen dienen dem Kennenlernen und der Weitergabe von Informationen, die für das Thema Frauen in Forschung und Technologie relevant sind.

Was ein Gleichstellungsplan umfasst?

Am Beginn der Veranstaltung stand eine Keynote der Wiener Soziologin Angela Wroblewski, die beim IHS im Bereich „Higher Education Research“ tätig ist. Zudem ist sie beim Institut für Höhere Studien (IHS) auch Sprecherin für Gleichstellung. Wroblewski hat sich in den letzten 15 Jahren überwiegend mit Gleichstellungspolitik im Bereich „Wissenschaft & Forschung“ auseinandergesetzt und koordinierte zudem von 2017 bis 2021 das EU-geförderte Projekt TARGET (Taking a Reflexive approach to Gender Equality for institutional Transformation).

Angela Wroblewski | (c) Anna Rauchenberger

Im Zuge der Keynote gab die Expertin einen Einblick zu aktuellen Entwicklungen rund um die Gleichstellung im Zuge von Horizon Europe. Seit Jänner 2022 sind antragstellende Institutionen dazu verpflichtet, einen Gleichstellungsplan vorzuweisen. Dabei muss es sich laut der Expertin um ein öffentlich zugängliches Dokument handeln, das neben Zielen auch konkrete Maßnahmen und Ressourcen umfasst.

Um österreichische Hochschul- und Forschungseinrichtungen bei der Erstellung & Umsetzung derartiger Gleichstellungspläne zu unterstützen, hat das Wissenschaftsministerium sowie das BMK gemeinsam mit dem IHS einen neuen Leitfaden entwickelt. In diesem Zusammhang betonte Wroblewski, dass derartige Gleichstellungspläne nicht nach einem „Schema F“ erstellt werden sollten. Vielmehr geht es darum, konkrete Gleichstellungsprobleme der jeweiligen Institutionen kontextspezifisch zu adressieren. Und Wroblewski fügte an: „Ein Gleichstellungsplan erfordert auch das Bekenntnis des Managements zu einem reflexiven Prozess und Strukturwandel in der jeweiligen Organisation“. Zudem müssen Gleichstellungspläne auch mit einem wiederkehrenden Monitoring einhergehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die getroffenen Maßnahmen auch eine längerfristige und nachhaltige Wirkung entfalten.

Erfahrungen aus der Praxis

Was macht einen Gleichstellungsplan schlussendlich auch in der Praxis erfolgreich? Antworten auf diese Frage lieferte eine Podiumsdiskussion im Anschluss. Expert:innen teilten mit den Teilnehmer:innen ihre konkreten Erfahrungen, die sie bei der Erstellung bzw. Umsetzung von Gleichstellungsplänen in ihren jeweiligen Institutionen machten.

Am Podium v.l.: Angela Wroblewski, IHS, Hilde Janssens, ISTA, Heinz Mayer, Joanneum Research, Marie Theres Raberger, AIT, Anita Zieher, Moderation | (c) Anna Rauchenberger

Mit am Podium war unter anderem Marie Theres Raberger, die beim Austrian Institute of Technology (AIT) die Leitung von Recruiting und Personalentwicklung innehat. Wie Raberger erläuterte, hat das AIT bereits seit rund einem Jahr einen Gender Equality Plan implementiert. Alle Genderinitiativen werden dabei von einer eigens dafür eingerichteten Gender Task Force umgesetzt und begleitet. So ergreift das AIT auch aktiv Maßnahmen im Recruiting-Prozess, indem Bewerbungen von Frauen gezielt unterstützt werden. Unter anderem nimmt Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung dafür an zahlreichen Initiativen teil, um junge Frauen für eine Karriere in den Naturwissenschaften zu begeistern. Zudem gibt es für Mitarbeiter:innen eigene Gender- und Inklusionstrainings. Im Zuge der Umsetzung von Maßnahmen bedarf es laut Raberger allerdings auch eines zyklischen Monitorings und der Bereitstellung von ausreichend Ressourcen.

Marie Theres Raberger, AIT | (c) Anna Rauchenberger

Auch das Joanneum Research in Graz hat bereits eine Gleichstellungsplan implementiert, wie Geschäftsführer Heinz Mayer erläuterte. Erste Aktivitäten im Bereich der Gleichstellung setzte die Forschungseinrichtung bereits seit 2003, wobei seit 2016 erstmalig eine Gleichstellungsstrategie erarbeitet wurde. Sie bildet die Basis für den Gleichstellungsplan des Joanneum Research. „Für uns ist das Thema Gender eingebunden in den Bereich Diversität. Daher berücksichtigen wir auch Alter oder unterschiedliche Mitarbeiter:innen-Profile“, so Mayer. Zudem wurde bereits 2017 eine Diversitäts- und Kompetenzstelle eingerichtet. Sie bietet unter anderem Gender Training und die Beratung bei der Erstellung von Förderanträgen an. Auch das Joanneum Research setzt auf ein zyklisches Monitoring, wobei Genderaspekte bei der Teamzusammensetzung von Forschungsprojekten laufend analysiert werden. „Die bewusste Reflexion und die Verankerung im Management hat einen enorme Dynamik innerhalb der Organisation ausgelöst“, so Mayer.

Heinz Mayer, Joanneum Research | (c) Anna Rauchenberger

Ebenfalls am Podium vertreten war Hilde Janssens, die als Good Practice Officer bei Institute of Science and Technology Austria (ISTA) tätig ist. Sie ist innerhalb der Institution für „Equity, Diversity & Inclusion“ sowie Konfliktmanagement zuständig. Das ISTA befindet sich laut Janssens aktuell in der Implementierung eines Gleichstellungsplans, der noch im Juni diesen Jahres veröffentlicht wird. Für dessen Erstellung setzte die Forschungseinrichtung bewusst auf einen Survey, um herauszufinden, wo es noch Aufholbedarf gibt. Zudem wurden auch eigene Arbeitsgruppen gebildet, wobei auch die Administration aktiv mit eingebunden wurde – ein Bereich der laut Janssens noch vorwiegend weiblich besetzt ist. „Wir haben uns auch die Frage gestellt, wie wir mehr Männer in die Administration bekommen“, so die Expertin.

Hilde Janssens, ISTA | (c)

Tipp der Redaktion:

Im Zuge des FEMtech Netzwerktreffen wurde zudem die FEMtech Expertinnendatenbank vorgestellt, die vom BMK betreut wird. In der Datenbank finden sich bereits über 2000 Expertinnen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen mit Schwerpunkt Naturwissenschaft und Technik. Mehr über das Netzwerk könnt ihr auch hier erfahren.


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Das sonnnig-Gründerteam: Roman Öfferlbauer, Jonathan Buchinger und Lukas Hückel © sonnnig

Dort, wo Technik und Unternehmertum zusammenkommen, kann Großes entstehen. So auch an der TU Wien im „Extended Study on Innovation“-Programm, wo sich das Gründer-Trio, bestehend aus Roman Öfferlbauer, Lukas Hückel und Jonathan Buchinger, zum ersten Mal begegnete. Parallel dazu gründete Öfferlbauer 2023 in seinem Heimatort in Niederösterreich eine Energiegemeinschaft, zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema noch jung und „technisch schwierig abzuwickeln“ war, so Öfferlbauer.

Aus improvisierten Tools und selbst geschriebenen Mini-Scripts für den Eigenbedarf wurde ein Jahr später sonnnig. Eine White-Label-Lösung für Abrechnung, Mitgliedermanagement und Datenanalyse von mittlerweile 30 Energiegemeinschaften in ganz Österreich.

Wenn Strom aus der Nachbarschaft kommt

„Unser Blick war eigentlich immer auf Endverbraucher und Verbraucherinnen fokussiert. Also Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden“, erklärt Öfferlbauer im Interview. Eine Mission, die über die letzten zwei Jahre tausende Haushalte in ganz Österreich erreicht hat. Mittlerweile kann man über sonnnig den generierten Strom auch als Mitarbeiter:innen-Benefit oder Spende abgeben. „Im letzten halben Jahr hat sich da aber auch ziemlich viel auf der anderen Seite, also bei den Energieversorgungsunternehmen, getan“, verrät der Co-Founder.

Energieversorgungsunternehmen stünden zunehmend vor einem Einkaufs- und Prognoseproblem. In der Regel verbraucht die Kundschaft ihren Strom nach einem Standardprofil, mit dem der jeweilige Versorger seine Stromeinkäufe prognostiziert. Sind die Abnehmer:innen aber Teil einer Energiegemeinschaft, verschiebt sich dieses Profil radikal: Ein großer Teil des Energiebedarfs wird jetzt von der Energiegemeinschaft gedeckt und nur noch die Restmengen werden durch den Energieversorger geliefert. „Der Energieversorger hat die Energiemenge aber schon im Vorhinein eingekauft“ – und müsse sie kurzfristig wieder verkaufen, erklärt Öfferlbauer. Ein teures Ausgleichsenergie-Problem, das mit wachsendem Energy-Sharing-Anteil immer größer wird.

Sonnnig als potenzieller Partner für Energieversorger

Genau hier setzt das neue Produkt an, für das sonnnig gerade die dritte Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) erhalten hat: eine White-Label-Lösung zum Energy Sharing, die Energieversorger direkt in ihr eigenes Kund:innenportal einbinden können. Im Hintergrund liefert sonnnig die Restlastprognose auf 15-Minuten-Basis, damit Versorger gezielter am Großhandel einkaufen können.

Möglich macht das die Prognosefähigkeit, die sonnnig über Jahre mit echten Energiegemeinschaften aufgebaut hat. Ziel ist es, Versorgern einen besseren Einblick in ihre Stromverläufe zu geben und ihnen zu helfen, selbst ein Geschäftsmodell rund um Energy Sharing aufzubauen, auch als Beitrag zur Kund:innenbindung, erklärt Öfferlbauer. Am Markt kommt das gut an: „Energieversorgungsunternehmen spüren das Problem und sind zunehmend auf der Suche nach Lösungen und neuen Geschäftsmodellen im Energy-Sharing-Bereich, deshalb reden sie auf einmal mit uns“, sagt der Co-Founder. Davor sei die Beziehung eher einseitig gewesen. Zwei Pilotbetriebe hat sonnnig für das geförderte Projekt bereits akquiriert und zeigt sich offen für weitere Kooperationen.

Von First bis Seed: Der aws-Weg

Möglich wurde diese Entwicklung durch drei aufeinanderfolgende aws-Förderungen. Mit aws First Incubator, einem Programm für sehr junge Teams, teils noch vor der Firmengründung, kam das Startup zu ersten Beratungsleistungen und Mentoring. Mit aws Preseed – Innovative Solutions wurde zunächst die inhaltliche und wirtschaftliche Machbarkeit des Vorhabens überprüft und der Proof of Concept entwickelt. Darauf aufbauend unterstützt aws Seedfinancing – Innovative Solutions die Weiterentwicklung bis zum Markteintritt sowie die ersten Skalierungsschritte. In diesem Rahmen werden nun der Aufbau und der Launch des neuen B2B-Produkts finanziert.

Erwarteter Boom durch neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz

Als besondere Meilensteine nennt Öfferlbauer Referenzprojekte mit bekannten Unternehmen wie Hartl Haus, der Nationalbank-Tochter IG Immobilien oder der Volkshilfe Wien sowie die wiederholte Verdopplung des Jahresumsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 hat sich die geteilte Energiemenge, die über sonnnig abgewickelt wurde, laut eigenen Angaben gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Investor:innen hat das fünfköpfige Team bislang bewusst keine an Bord geholt, da laufende Umsätze und eine halbe Million Euro an lukrierten Entwicklungsförderungen das Team organisch tragen.

Rückenwind kommt bald auch auf politischer Ebene: Im Oktober tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft, das Energy Sharing über bilaterale Peer-to-Peer-Verträge statt über eine juristische dritte Instanz wie einen Verein oder eine GmbH erlaubt. Für sonnnig eine freudige Entwicklung: „Das baut natürlich extrem viele Hürden ab. Und deswegen erwarten wir auch einen ziemlichen Boom an neuen Mitgliedern und das nehmen auch Energieversorgungsunternehmen wahr.“


Disclaimer: Der Artikel entstand in Kooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws).

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