20.01.2025
DISKURS

Fehlt es Europa an Gründer:innen?

Trotz ausreichendem Kapital bleibt Europa bei Exit-Summen und Startup-Bewertungen deutlich hinter den USA zurück. Über die Gründe wird aktuell reichlich diskutiert.
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Ein Bild, welches ein Unternehmen aus Europa mit den USA vergleicht
(c) brutkasten

In Fachkreisen kursiert gerade eine Pitchbook-Studie, welche zeigt: trotz genügend Kapital in Europa liegen die Exit-Werte weit unter denen der USA. Auch die Marktwerte der Privatunternehmen sind in Europa weitaus geringer.

So weit, so bekannt. Aktuell diskutiert die Startup-Szene deshalb, ob es Europa an Gründer:innen und an einer Unternehmenskultur mangelt. Nein, sagt Daniel Dippold, Gründer und CEO von EWOR. Seine Gründe sind vielseitig.

„Ökonomisch hinkt Europa den USA hinterher“

Die Pitchbook-Studie zeigt, dass die Exit-Werte der US-amerikanischen Startups und Unternehmen weitaus höher sind als die europäischen. Europa trägt nur 15 Prozent zum Gesamtwert der Venture-Capital-Exits bei. Bei Exits im Wert von über 10 Mrd. Dollar schrumpft dieser Anteil sogar auf 10 Prozent.

Gibt es also außerhalb der USA keine engagierten Gründer:innen?

Daniel Dippold, Gründer und CEO von EWOR, verneint dies einem LinkedIn-Posting. Als Beispiel nennt er unter anderem Pierre Omidyar, der französischen Gründer von eBay, sowie den deutschen Gründer Peter Thiel. Doch die beiden europäischen Unternehmer entschieden sich, ein US-Unternehmen zu gründen. Motive gibt es reichlich.

Als Beispiel nennt Dippold einerseits das nicht-einheitliche, europäische Startup-Ökosystem. Im Gegensatz dazu hat die USA bereits früh auf den Hotspot im Silicon Valley in San Francisco gesetzt, in welchem sich Investor:innen und Gründer:innen niedergelassen haben. Dadurch gibt es starke Ausreißer und Extreme im Venture-Capital, welche die Statistik verzerren (Heavy-Tailed Distribution).

Für Dippold ist San Francisco "das beste Startup-Ökosystem der Welt", weshalb sich Gründer:innen weiterhin dort niederlassen werden. In Europa fehlt es aktuell an solch einem Ort.

Schnelleres Wachstum in den USA

Man darf auch nicht die potenzielle Marktgröße der USA außer Acht lassen. Zusammen mit Kanada bieten sich mit rund 375 Millionen englischsprachige Konsument:innen eine starke, wirtschaftliche Kaufkraft – was sich wiederum auf das Marktwachstum auswirkt. Nach Dippold sind US-Unternehmen wie Uber und AirBnB zwar nach europäischen Vorbildern entstanden, die US-Unternehmen konnten jedoch schnell die nötige Kaufkraft erzielen, um die europäische Konkurrenz aufzukaufen.

Europa hat gemessen an den Einwohner:innen zwar ein weitaus größeres Potenzial, doch ist die Expansion in ein Nachbarland oft mit unterschiedlichen Vorschriften verbunden, was das Marktwachstum wiederum bremst. Als Beispiel nennt Dippold Investitionen in deutsche GmbHs, bei welchen der Aktienkauf, im Gegensatz zu US-amerikanischen Delaware C Corps, wochenlange Verwaltungsverfahren mit sich bringt.

Europa: Nur ein kleiner Teil an Unicorns

Was die Pitchbook-Studie ebenfalls zeigt, ist der Anteil an Unternehmen mit einer Bewertung über einer Millarde Dollar. Europas Privatunternehmen machen nur 16 Prozent der Unicorns aus, während es in den USA 84 Prozent sind. Bei den Decacorns (also Unternehmen mit einer Bewertung über 10 Mrd. Dollar) sind es sogar nur 13 Prozent.

Auch die Geschwindigkeit, in welcher in den USA Unternehmen gegründet werden können, trägt zur Pitchbook-Studie bei. Die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bremst Unternehmer:innen, während eine US-amerikanische Delaware C Corp innerhalb eines Tages online gehen kann.

Dippold kritisiert dabei auch die Umstände, mit welchem ausländischen Investoren in europäische Unternehmen investieren. Er fragt: "Warum ist es für einen deutschen Investor so einfach, eine Delaware C Corp zu gründen, aber für einen US-Investor so schwierig, in eine deutsche GmbH zu investieren?"

Auch David Clark, CIO von VenCap International, meldete sich über LinkedIn zu Wort. Er sieht die Angelegenheit wenig optimistisch. Für Clark liegt den Hauptgrund für die "unterdurchschnittliche Leistung europäischer Unternehmen" bei der Finanzierungslücke. In seiner Stellungnahme hieß es: "Europäische Unternehmen nahmen 26 Prozent des Risiko-Kapitals auf, US-Unternehmen 74 Prozent. Obwohl Europa weniger Kapital erhielt, ist der Anteil des Kapitals immer noch höher als ihr Anteil an den Exit-Werten oder der Anzahl an Unicorns, Pentacorns und Decacorns."

Europäische Unternehmen bekommen weniger Geld als US-Unternehmen, was ihr Wachstum bremst. Investor:innen, die nur in Europa investieren, verpassen nach Clark also Chancen, wenn sie nicht in die erfolgreichen Unternehmen der USA investieren.

Fazit Dippold: Es braucht eine vereinte "EU Inc."

Dippold setzte große Hoffnungen in das Konzept einer "EU Inc.", einer paneuropäische Startup-Gesellschaftsform, für welche sich Unternehmer:innen bereits vergangenen Oktober aussprachen (brutkasten berichtete).

"Wenn es so einfach ist, eine EU Inc. zu registrieren und international zu investieren wie eine Delaware C Corp, können europäische Gründer:innen ihre Unternehmen in den USA gründen, sie aber von Europa aus leiten und verwalten", sagt Dippold.

Um mit den USA mitzuhalten, sollten heimische Gründer:innen deshalb mehr als gefestigte Europäer:innen handeln, und weniger als Staatsangehörige der eigenen Länder.

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Elisabeth Zehetner (Staatssekretärin für Energie, Startups und Tourismus) | Foto: Martin Pacher
Elisabeth Zehetner (Staatssekretärin für Energie, Startups und Tourismus) | Foto: Martin Pacher / brutkasten

Wirklich neu oder gar überraschend ist das jüngste Statement von Startup-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner zum mit „bis zu“ 500 Millionen Euro Volumen geplanten „Start-up & Scale-up Dachfonds“ nicht. Wie mehrere heimische Medien berichten, sagte sie zuletzt gegenüber der APA: „Die Ausschreibung für das Fondsmanagement wird im Herbst stattfinden“ – betraut ist damit die aws. Anders wäre es freilich gar nicht möglich, den bereits zuvor kommunizierten Start der operativen Tätigkeit mit Anfang 2027 zu gewährleisten.

Und auch so könnte es schwer werden. Denn „im Herbst“ ist immer noch eine recht vage Zeitangabe und Ausschreibungsverfahren können bekanntlich auch länger dauern, als erhofft – sofern nicht bereits im Hintergrund Vorentscheidungen getroffen wurden, was hier keineswegs unterstellt werden soll.

Kleiner Pool an erfahrenen Dachfonds-Manager:innen

Der Pool an Personen, die konkrete Erfahrung mit dem Management VC-fokussierter Dachfonds mitbringen, hält sich nämlich europaweit in engen Grenzen. Neben dem European Investment Fund (EIF) als dominierendem Player auf EU-Ebene, gibt es einige nationalstaatliche Fonds, die teilweise auch zum Vorbild für die österreichische Version wurden, und einige private Player, die meist mit deutlich niedrigeren Kapitalvolumina arbeiten. Ein schlagkräftiges Team müsse aktiv mit entsprechenden Incentives abgeworben werden. Die Staatsnähe erschwere die Suche zusätzlich, befürchtet ein Branchenkenner gegenüber brutkasten hinter vorgehaltener Hand.

Keine staatliche Einflussnahme?

Dass es, wie versprochen, tatsächlich keine staatliche Einflussnahme auf den Dachfonds geben werde, glaubt er nämlich nicht. So soll etwa die aws laut einer nicht öffentlichen Präsentation, die dem Insider vorliegt, ins Fundraising eingebunden werden. Und das spreche, kombiniert mit dem geplanten staatlichen Ankerinvestment in Höhe von bis zu 20 Prozent bzw. bis zu 100 Millionen Euro (brutkasten berichtete), gegen völlige Unabhängigkeit.

Und auch die Zielsetzung, den Investmentfokus auf Österreich zu legen, passt nicht ganz mit der Idee zusammen, dass das Fondsmanagement völlig freie Hand haben soll. Zehetner äußerte sich auch hierzu gegenüber der APA: Österreich-Fokus ja, „es gibt aber keine genauen Vorgaben für das Fondsmanagement.“ Hinzu kommt natürlich auch, dass es in Österreich gar nicht so viele VC-Fonds gibt – und noch viel weniger im angestrebten Growth-Stage-Bereich.

Politische Überzeugungsarbeit bei potenziellen LPs

Ist das Management dann einmal aufgestellt, dürfte das Finden geeigneter Limited Partners (LPs), also Kapitalgeber für den Dachfonds, zur nächsten Herausforderung werden. Wirklich attraktiv sei die Beteiligung für die institutionellen Investoren, wie Banken und Versicherungen, die man ansprechen will, nämlich nicht, sagt ein anderer Branchenkenner – ebenfalls off the record. Auch wenn – wie angekündigt – begleitende Gesetze die Situation für die in Sachen Risiko sehr restriktiv geregelten Institutionellen verbessern, gebe es nicht automatisch gute Gründe, die für dieses Investment sprechen.

Die Folge: Es bedürfe auch von politischer Seite Überzeugungsarbeit bei den LPs. Dass man bereits jetzt, bevor das Management überhaupt ausgeschrieben ist, hinter verschlossenen Türen versucht, die großen relevanten heimischen Player zu einem Committment zu bewegen, liegt auf der Hand – schließlich soll das Projekt zum politischen Erfolg werden. Dass darunter die angestrebte Unabhängigkeit abermals leidet, ebenfalls.

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