19.09.2023

Fahrrad-Startup Vello: „Wir haben Wachstum nie über unsere Profitabilität gestellt“

Interview mit Valerie Wolff, Co-Founderin des Wiener Fahrrad-Startups Vello. Wie man einem uncoolen Produkt Coolness verleiht, warum Vello keine Investor:innen hat und über die gemeinsamen Anfänge mit woom bikes, spricht Wolff im Gespräch mit brutkasten.
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Valerie Wolffs Startup hat das Image von Falträdern verändert. Foto: Heinz Stephan Tesarek
Valerie Wolffs Startup hat das Image von Falträdern verändert. Foto: Heinz Stephan Tesarek

Besuch in Vellos Brand Store im fünften Wiener Bezirk. Das Geschäft ist nebenbei auch Büro und Werkstatt. Als der Reporter eintrifft, kommt Valerie Wolff aus der Werkstatt, wo sie ein Rad zur Abholung hergerichtet hat.

BK: Frau Wolff, Sie haben Vello 2017 gegründet. Mit Ausnahme von Großbritannien waren Klapp- und Falträder in Europa damals wenig verbreitet. War das nicht eine riskante Wette gegen den Markt?

Ich war auch skeptisch. Zu der Zeit war maximal ein Prozent der verkauften Räder faltbar. Mit meinem wirtschaftlichen Hintergrund habe ich zu meinem Partner und Co-Gründer Valentin gesagt: Es ist ein Nischenprodukt, wir sollten das nicht machen.

BK: Was sagte ihr Co-Gründer?

Er ist Industriedesigner und erklärte mir, dass das Faltrad die Zukunft sei. Und neben dem Lastenrad das beste Rad für die Stadt. Er hatte wohl recht.

BK: Nicht nur, dass Falträder ein Nischenprodukt waren. Sie galten auch als uncool. Wenn überhaupt hatte die Oma vielleicht eins. Jetzt sind die Räder überall. Vello hatte den Sommer über einen Pop-Up Store im angesagten siebten Bezirk. Wie haben Sie den Imagewechsel geschafft?

Ich glaube, wir haben einen anderen Ansatz gewählt als vorher: Ein gut designtes Faltrad als Lifestyle-Produkt mit top Komponenten, das in Wien gefertigt wird. Früher gab es vor allem Klappräder für die letzte Meile, die schirch waren und nicht gut fuhren. Das war ein Rahmen mit Billigkomponenten aus China, einem Logo drauf und dann wurde alles um 200 Euro verkauft. Die Annahme war, dass Menschen das Rad nur zum Camping mitnehmen und nicht viel Geld ausgeben wollen.

Ich habe den Eindruck, dass sich Investoren in Österreich eher für IT-Startups interessieren, die hoch skalieren können, nicht für Hardware.

Valerie Wolff, Vello bike Co-Founderin

BK: Sie haben mittlerweile knapp 8.000 Räder verkauft, aber noch kein Geld von Investor:innen aufgenommen. Ist das eine bewusste Entscheidung?                                                        

Anfangs habe ich schon Pitch Decks gemacht und bin zu Pitch Events gegangen. 2018 war das. Aber Hardware hat in Österreich nicht die Investor Community, die sagt, ich investiere da richtig Geld. Hardware ist kapitalintensiv. Ich habe auch den Eindruck, dass sich Investoren in Österreich eher für IT-Startups interessieren, die hoch skalieren können, nicht für Hardware.

BK: Können Sie sich vorstellen, zukünftig mit Investor:innen zusammenzuarbeiten, sollte Vello mehr Kapital benötigen?

Wir sind Investoren nicht abgeneigt, wir waren einfach kein typischer VC-Case. Vello wächst 40 bis 80 Prozent pro Jahr und war bisher immer im Plus. Wir haben Wachstum aber nie über unsere Profitabilität gestellt. Deshalb sind wir ein unabhängiges Label, die Firma gehört jeweils zu 50 Prozent mir und meinem Co-Founder. Wenn wir Geld reinholen, schauen wir in erster Linie auf die Community.

BK: Wie funktioniert das?

Wir haben gemerkt, dass wir leichter Geld von der Community bekommen als von Investoren. Jetzt machen wir regelmäßig Crowdfunding-Kampagnen, wo Crowdinvestoren etwa über Conda Zinsen bekommen oder Vergünstigungen, wenn sie Vello-Bikes vorbestellen. Wir haben eine Bank, die hinter uns steht und die Crowd, die Produkte haben will. Eine super Mischung. Und ich bin überzeugt, solange man ein Produkt hat, das die Leute haben wollen, ist es auch möglich Geld reinzuholen.

Klopfen an der Ladentür, wir unterbrechen: Der Brand Store hat heute geschlossen, allerdings ist eine Abholung vereinbart. Wolff lässt den Kunden ein und führt ihn durch die Reihen abholbereiter Räder, die wie Dominosteine nebeneinander stehen. Noch 15 Minuten Interview, verspricht Wolff, dann will sie für den Kunden da sein.

BK: DTC („direct-to-consumer“) und cutting out the middleman“ galt lange als Königsweg im Vertrieb. Unter Fahrradherstellern ist die insolvente niederländische Firma Vanmoof ein Beispiel dafür. Warum gehen Sie einen anderen Weg und kooperieren mit über 100 lokalen Händler:innen?

„Cutting out the middleman“, war auch etwas, das mir bei meinen Investorengesprächen 2018 oft geraten wurde. Weil es mehr Marge verspricht. Wenn man aber ein Fahrrad online kauft und dann ein Problem hat, kümmert sich der lokale Händler oft nicht. „Wurde hier nicht gekauft, machen wir nicht“ oder „die Marke vertreten wir nicht“ kommt dann. Ich bin überzeugt: Man muss immer in erster Linie an die Kunden denken und nicht an sein geiles Produkt. Und bei Problemen brauchst du standardisierte Teile und einen Händler in maximal drei Kilometern Entfernung, damit der Kunde gleich wieder losfahren kann. All das hatte Vanmoof nicht.

Produktion in Taiwan, Montage in Wien: Weil das Know-How in Europa nicht mehr existiert, kommen die Fahrradrahmen aktuell aus Asien. Foto: Heinz Stephan Tesarek

BK: Seit März dieses Jahres fördern Klimaministerium und Handel den Kauf von Falträdern mit bis zu 600€. Wie wirkt sich diese Förderung auf ihr Geschäft aus?

Allein in unseren Brand Stores haben sich die Verkaufszahlen mehr als verdoppelt, gleichzeitig ist unser Team von sieben auf 28 Leute gewachsen. Zu uns kommen jetzt Leute, die wegen der Förderung das Öffi-Ticket überhaupt erst kaufen und das Auto häufiger stehen lassen wollen. Außerdem gibt es viele Menschen, die sich das Faltrad schon seit Jahren anschauen und es gerne hätten, für die es aber einfach zu teuer war. Das sind zum Beispiel junge Menschen. Für diese ist die finanzielle Erleichterung super, weil sie es sich doch irgendwie leisten können.

BK: Mit „woom bikes“ gibt es ein anderes sehr erfolgreiches Fahrrad-Startup aus der Nähe von Wien. Bestehen da Kontakte und tauscht man sich vielleicht sogar mal aus?

Christian (Anmerkung: Woom Co-Gründer Christian Bezdeka) war auch auf der Angewandten, in der Parallelklasse von Valentin. ­Die haben zeitgleich erste Räder entwickelt, sich immer ausgetauscht, ständig auf Messen getroffen und dort gemeinsam ausgestellt. Irgendwann war Christian dann nicht mehr bei den Messen. Woom hat sich von Beginn an ganz anders aufgestellt. Der Bruder von Markus (Anmerkung: Woom Co-Gründer Marcus Ihlenfeld) hat ja fast gleichzeitig mit Österreich auch die USA bespielt.

BK: Allerdings hat Vello mit Ihnen eine Gründerin, die familiäre Anknüpfungspunkte an die USA hat. Würden Sie gerne den US-Markt für Vello aufbauen?

Um das wirklich gut zu machen, müsste man da leben oder einen sehr engagierten Distributor finden. Da sind wir derzeit in Gesprächen.

Punktlandung, 15 Minuten später. Wolff wendet sich wie versprochen dem Kunden zu. Sie hat viele Projekte in der Pipeline. Das Team soll weiter wachsen, denn Ende September beginnt die Auslieferung des zweiten Vello-Rads. Es ist „das beste Rad für die Stadt“, ein Lastenrad. Zum Start gibt es zur Bewerbung eine Kooperation mit René Benkos Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe. Dort soll die edle, teurere Titanversion des elektrischen Lastenrades demnächst ausgestellt werden.

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Ex-Telekom-Austria-CEO Boris Nemšić beim Business Angel Summit in Kitzbühel | Foto: Martin Pacher | brutkasten

Boris Nemšić zählt zu den prägenden Figuren der österreichischen Telekom-Geschichte. 1957 in Sarajevo geboren, kam er 1984 nach Wien, promovierte an der TU Wien und stieg 1997 bei der mobilkom austria ein, die er später als CEO zu einer der führenden Mobilfunkgruppen Zentral- und Osteuropas ausbaute. Bis Anfang 2009 stand er an der Spitze der Telekom Austria Group, danach wagte er den Sprung nach Russland und führte bis 2010 den Telekom-Konzern VimpelCom.

Heute lebt Nemšić in Dubai und ist längst fixer Bestandteil des Startup- und Investoren-Ökosystems: Er ist Industry Advisor bei KKR im Technologie-Bereich, Gründungsmitglied der Austrian Angel Investors Association (aaia) und Aufsichtsrat in mehreren Hightech-Unternehmen, darunter die börsennotierte Frequentis AG. Als Beiratsvorsitzender begleitete er den kroatischen Kommunikationsanbieter Infobip auf dem Weg zum ersten Unicorn des Landes. In Österreich ist er unter anderem am Drohnen-Software-Startup Dimetor, am Fintech Seasonax und am Grazer Video-Tech-Unternehmen eyeson beteiligt.

Beim Business Angel Summit in Kitzbühel saß Nemšić am Panel „Quo vadis Europa und Austria“, das mit der provokanten Frage „Are we fucked?“ eröffnet wurde. Seine Antwort dort machte die Runde, im Gespräch mit brutkasten führt er aus, was er damit meint, warum er das Rennen um generative KI noch nicht verloren gibt und woran seine eigene Initiative gegen SMS-Spam gescheitert ist.


brutkasten: Du bist heuer beim Business Angel Summit und bist in mehrere österreichische Startups investiert. Wie würdest du deine Rolle als Investor selbst beschreiben?

Boris Nemšić: Business-Angel-Investor wäre zu breit als Beschreibung. Was ich für mich selbst gemacht habe, waren frühe Investments, schon in den Zehner-Jahren, in Startups, die in meinem Gebiet tätig sind: Technologie, Telekommunikation, ICT. Dort bilde ich mir ein, dass ich mich ein bisschen auskenne, was nicht immer stimmt. Aber das mache ich mit vollem Herzen. Es geht nicht um ein Finanzinvestment als solches, sondern darum, ob ein Produkt einen Nutzen für die Kunden bringen kann und die Technologie weiterbringt. Und vielleicht ergibt sich auch eine Wertsteigerung.

Gab es in deiner Investorenlaufbahn schon erfolgreiche Exits?

Ich habe bis jetzt größte Misserfolge dokumentiert. (lacht) Die Erfolge kommen noch. Obwohl, ich hatte auch einige, allerdings hauptsächlich in Verbindung mit meiner Tätigkeit für KKR, wo ich Industry Advisor bin und mitinvestieren darf. Das waren durch die Bank hervorragende Investments.

Hast du einen spezifischen Branchenfokus? In welcher Phase steigst du ein?

Natürlich schaue ich, dass ich in einer frühen Phase einsteige, weil da die Tickets so sind, dass ich sie persönlich stemmen und die Chancen ergreifen kann. Es ist hauptsächlich ICT, alles, was sich um die Telekom- oder IT-Industrie dreht. Ich hatte auch positive Exits im Education-Bereich, aber wieder IT-getrieben. Das Gebiet, das mich derzeit sehr interessiert, sind Drohnen. Allerdings Drohnen im Sinne der Kommunikation mit Drohnen, nicht die Drohne selbst. Ein fliegendes Objekt kann fast jeder bauen. Die Frage ist, wie man Drohnen beyond line of sight, also auf lange Distanzen, reguliert und verkehrstechnisch richtig steuert. Man braucht Command and Control. Dass Drohnen inzwischen eher eine Dual-Use- und Defense-Geschichte geworden sind, hat die Geschichte ergeben.

Bei welchem Unternehmen bist du da engagiert?

Bei Dimetor in Österreich, dort bin ich Mitinvestor. Zwei meiner guten Freunde kommen von der gleichen Schule, der TU Wien, junge Doktoranden damals, als ich noch auf der Uni tätig war. Das ist eigentlich ein Brainpool, der fantastisch ist. Wir haben Produkte, die sowohl zivil als auch für Defense möglich sind. Zum Beispiel können wir fliegende SIM-Karten entdecken. Und wenn diese fliegende SIM-Karte in einer Drohne ist, dann kann es unangenehm werden. Wir können das detektieren, und dann kann man entscheiden: Ist das eine freundliche oder eine feindliche? Und dann tut man was damit.

Du lebst aktuell in Dubai. Schaust du dir von dort aus weltweit Startups an oder hast du dennoch einen Österreich-Fokus?

Ich habe vor allem einen Europa-Fokus. Ich habe in Kroatien sehr viel gearbeitet und das erste Unicorn Kroatiens mitbetreut, als wir diese Bewertung bekommen haben. Dubai ist natürlich ein unglaublicher Umschlagplatz. Dort gibt es sehr interessante Firmen, die aus irgendeinem Grund dort ansässig geworden sind. Ich glaube kaum, dass Leute hinkommen und sagen: Ich mache jetzt in Dubai ein Startup, weil Dubai. Das ist nicht der Fall. Dubai hat den Vorteil, sehr nahe an Indien, Bangladesch und Pakistan zu sein, mit einem großen Ingenieurs- und Wissenspool.

Beim Panel „Quo vadis Europa und Austria“ wurdest du gefragt: „Are we fucked?“ Deine Antwort?

Ich habe es ein bisschen frech ausgedrückt: We are not fucked yet. Wir sind im Vorspiel. Das heißt, es kann alles rauskommen. Was ich gemeint habe: Wir nehmen diese Dinge noch nicht ernst. Das ist ein Kritikpunkt, den ich mich traue, sehr laut zu sagen. Was ist Europa? Es ist ein Friedensprojekt. Wir sind reich, wir sind frei, wir sind eigentlich die beste Gegend der Welt. Jeder will zu uns kommen. Und was jetzt passiert, ist: Wir schlafen fast ein und reagieren nicht auf die Entwicklungen, die rund um uns sind. Sind das Kriege? Leider. Sind das Entwicklungen wie AI? Sind das Businessentwicklungen? Am Ende brauchen wir Wachstum, wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft. Was wir als Europa machen, ist hauptsächlich Fokussierung auf Regulierung und Verlangsamung von allem Möglichen. Mich wundert nur, dass sie noch nicht sagen: Ein Fußball darf nicht schneller als sechzig Kilometer pro Stunde fliegen, weil sonst ist es nicht fair. Ich sage das bewusst überspitzt. Es ist traurig, dass wir unsere hervorragenden Ressourcen, unser Wissen, unsere Leute, unser Entrepreneurship verwalten, statt sie freizulassen. Das ist keine Kritik an Österreich. Österreich hat manchmal vernünftige, manchmal supergute Ansätze. Wir können nur als ganzes Europa erfolgreich sein in diesem Rennen.

Kannst du das konkretisieren?

Ich sage es in einer Metapher: In Wien habe ich in der Wohnung meines Sohnes leider fünfzehn Megabit pro Sekunde Internetverbindung. Und er ist weltweit in Competition mit Südkoreanern, die ein Gigabit haben. Wer wird gewinnen? Oder: Wir haben sechzehn Jahre gebraucht, um den Hochspannungsring in Österreich zu schließen. Gott sei Dank ist es, dank dem Verbund und den anderen, zu keinem Blackout gekommen. Wir waren ein paar Mal sehr nahe dran. Warum haben wir das nicht schneller gemacht? Weil wir alles schützen außer den Menschen. Wir schützen jede Pflanze, Hochachtung. Jede Schnecke, Hochachtung. Nur der Mensch, habe ich den Eindruck, ist nicht so wichtig. Ich überspitze ganz bewusst. Da soll man sehr viel pragmatischer sein. Wenn wir schauen, wer heute erfolgreich ist: Es sind die pragmatischen Zugänge, ob in Dubai, in den Emiraten, in China oder in den USA. Ein Problem wird erkannt und die Lösung wird gesucht. Und nicht der Prozess zur Lösung.

Fairerweise muss man sagen: Das sind unterschiedliche politische Systeme. Europa ist eine Demokratie mit 27 Mitgliedstaaten.

Du hast recht. Nur das politische System soll den Menschen dienen und nicht die Menschen behindern. Das ist der große Unterschied. Wir können uns nicht damit rühmen, dass wir ein besseres System haben. Ja, wir haben es. Nur wenn das System uns behindert, dann soll man das System so anpassen, dass es für uns gut ist. Das ist so banal. Aber wir verlieren uns in Parteien, in Strukturen, in Diskussionen. Und im Endeffekt: Ich will Strom haben. Ich will Internet haben. Ich muss Gesundheit haben, Education haben. Es ist keine Ausrede, dass es so lange dauert, weil wir eine Demokratie sind. Das ist eine faule Ausrede, die ich persönlich nicht akzeptieren kann. Noch einmal: Ich lobe keine Diktaturen und Königreiche, bei Gott nicht. Aber wenn man sich anschaut, was in den Emiraten passiert: Es wird ein Ziel gesetzt, das der Wirtschaft, den Menschen, der Entwicklung dient. Und dann wird das durchgezogen.

Wo siehst du das Problem, wenn nicht in einer Fehlkommunikation zwischen Industrie und Politik?

Du bist ja sehr nett. Wenn man Dinge falsch macht, dann sagt man, es ist falsche Kommunikation. Das lasse ich nicht gelten. Die Politik hat alle Möglichkeiten, sich beraten zu lassen, und muss das gesamtheitlicher sehen. Die Politik ist nicht blöd. Sie hat leider oft Partikularinteressen. Und es ist eine nachvollziehbare, aber schwierige Situation, dass immer irgendwo Wahlen sind. Wenn das Interesse an einer Partikularwahl das große ganze Ziel überwiegt, dann haben wir ein Problem. Wenn wir nicht in der Lage sind, das zu lösen, dann werden Systeme, die dieses Problem nicht haben, die Oberhand gewinnen. Schau, was China ist: eine Planwirtschaft, ein Einparteiensystem, alles, was wir eigentlich nicht wollen. Aber die wesentlichen Dinge machen sie richtig. Die haben uns innerhalb von dreißig Jahren in unheimliche Abhängigkeiten gebracht. Unglaublich. Und ich bin sicher, dass das viele Menschen in Europa erkannt haben, nicht heute, sondern vor zwanzig Jahren. Warum reagieren wir nicht? Weil wir kurzfristige Ziele setzen. Das Ziel ist das nächste Quartal, das Ziel ist die nächste Wahl. Statt das große Ganze zu sehen. Wir haben die Wissenschaft, wir haben Hirn, wir haben Geld, wir haben Ressourcen, um breiter und größer zu denken. Nur irgendwo am Weg verlieren wir uns.

Hast du ein Beispiel, wo du selbst an dieser Regulierung gescheitert bist?

Ich habe mich die letzten zwei, drei Jahre mit SMS-Spam beschäftigt. Jeder von uns bekommt irgendwelche blöden SMS, wo oben eine Bank steht, Unicredit oder Bitpanda oder was auch immer, und drinnen steht irgendein Scam. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht: Wie kann man das verhindern? Weißt du, woran ich gescheitert bin? Am deutschen Briefgeheimnis. Das deutsche Briefgeheimnis wird auf SMS angewendet. Wie rückständig und ignorant muss man sein, um das anzuwenden? Es geht darum: Darf ich in den Header der SMS hineinschauen? Wenn dort Unicredit steht und ich erkenne, das ist die falsche Nummer, dann ist es Scam, und dann filtere ich es aus. Es ist so einfach. Die Erklärung ist: Das ist ein Verfassungsgesetz in Deutschland, es geht nicht. Und die Bevölkerung hat Millionen an Schaden. Wen schützen wir jetzt? Die armen Menschen, die auf das reinfallen und Millionen verlieren? Oder wen schützen wir da? Wenn ich krank bin, soll historisch gesehen auch ein Arzt kommen und mir Blut rauslassen statt eine CT zu machen. Ich meine, das ist absurd. Man muss mit der Zeit gehen.

Die Bundesregierung hat einige Maßnahmen für das Innovationsökosystem gesetzt, Stichwort Dachfonds. Wie bewertest du das?

Ich bewerte es positiv, eindeutig positiv. Ich habe mich 2011 als Chef der ÖIAG beworben. Bin es nicht geworden, Gott sei Dank. Eine meiner Thesen damals in meinen Bewerbungsunterlagen war, dass die ÖIAG-Companies, heute ÖBAG, einen Teil ihrer Dividende in einen Forschungsförderungsfonds oder Startup-Fonds einzahlen sollen, damit wir einen Geldpool haben, mit dem wir dieses Ökosystem stärken.

Das war vor fünfzehn Jahren. Jetzt wird genau das diskutiert.

Eben. Wenn eine Idee kommt und man sie fünfzehn Jahre später diskutiert, darf ich ein paar Fragezeichen stellen. Es gibt einen Punkt: Die Zeit kannst du nicht kaufen. Die Zeit kann man fast nie mit Geld erschlagen. Und ich glaube, wir gehen sehr sorglos mit der Zeit um. In der Wirtschaft ist das noch schlimmer.

Gibt es Tipping Points, die schon erreicht sind? In generativer KI etwa haben wir das Rennen doch verloren.

Nein, glaube ich nicht. Da bin ich anderer Meinung als einige Teilnehmer im Panel. Ich bin sicher, dass man das in drei Jahren aufholen kann. Weil das ist pure Force: Du nimmst so viel Geld, baust so viele Data Center. Wir haben die Wissenschaft, wir haben die Leute, die das können. In drei Jahren, so wie DeepSeek das gemacht hat, können wir es schaffen. Das Rennen ist nicht verloren. Es ist nur die Entscheidung, ob man es macht oder nicht. Mir wäre am liebsten, dass wir überhaupt nicht auf die Idee kommen müssen. Nur die Situation ist so, dass irgendjemand in den USA, China oder wo immer sagen kann: Mir gefällt überhaupt nicht, dass Österreich LLMs oder KI hat, ich drehe es ab. Das darf nicht passieren. Das heißt, wir brauchen einen gewissen Grad an Autonomie. Das heißt nicht, dass wir alles nachbilden und doppelt haben müssen. Aber man muss einen gewissen Grad an Selbstständigkeit haben oder mindestens Hebel, um diese Selbstständigkeit erhalten zu können.

In Europa ist nur ASML ein wichtiger globaler Player. Und nachdem er der Einzige ist, ist man erpressbar. Gott sei Dank haben wir das. Aber da sind wir nicht unbedingt die großen Meister. Ich habe noch die Hoffnung, dass sich die KI in eine Richtung entwickelt, dass die Industrievertikalen, die KI anwenden, so stark werden, dass sie sich selbstständig entwickeln. Eine wird in Europa sein, eine in Amerika, eine in Österreich, egal wo. Das wird sich ausgleichen. Aber die Infrastruktur muss man haben. Und auch damit gehen wir nicht besonders proaktiv um. Es ist blöd, dass ein Glasfaseranschluss in Österreich und Deutschland Pi mal Daumen dreitausend Euro kostet und gleichzeitig in Spanien zweihundertsechzig Euro. Es gibt ein paar Gründe dafür, ein paar sind legitim. Aber die Mehrzahl der Gründe ist einfach erfunden. Da sieht man, wie inkonsistent wir agieren.

Du hast sehr viel erreicht in deiner Karriere. Welche Ziele hast du dir noch gesteckt?

Ich habe mir in meiner Karriere, Karriere unter Anführungszeichen, nie persönliche Ziele gesetzt. Ich habe Business-Ziele gesetzt: Wenn ich Vorstand einer Firma bin, will ich diese und jene Ziele erreichen. Aber keine persönlichen Ziele, weil man so offen und so breit sein muss, dass man entscheiden kann, ob man eine Chance wahrnimmt oder nicht. Ich bin nach Russland gegangen, obwohl ich überzeugt bin, dass ich den besten Job in Österreich hatte, zehn Jahre lang.

Beim Summit haben zwölf Startups gepitcht, die noch am Anfang stehen. Was gibst du jungen Unternehmer:innen mit auf den Weg?

Es war interessant, dass die zwölf aus sehr verschiedenen Ecken kommen, was gut ist. Ich persönlich glaube an Startups, die entweder etwas sehr tangibles machen oder ein Businessmodell haben, das global anwendbar ist. Das kann eine kleine Sache sein, aber global anwendbar. Ich hoffe, sie denken in die Richtung, dass sie nicht nur ein kleines Problem lokal lösen, sondern dass ihre Plattform oder ihr Produkt eine globale Anwendung haben kann. Da gibt es viele Chancen, und auch viele Dinge, die man gut überlegen muss.

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