08.02.2022

EY-Barometer: Drei Viertel des Risikokapitals für österreichische Startups kommt aus dem Ausland

Das jüngste "EY Start-up Investment Barometer Österreich 2021" zeigt, dass bei großen Finanzierungsrunden heimische Investor:innen kaum eine Rolle spielen. Mehr als 75 Prozent des Risikokapitals kommen von rein ausländisch besetzten Investorengruppen.
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Florian Haas | EY Head of Startup Austria | (c) Adobestock / EY

2021 war ein Rekordjahr für Startups in Europa und auch in Österreich: Heimische Jungunternehmen erhielten in 131 Finanzierungsrunden Kapitalspritzen in Höhe von 1,23 Milliarden Euro – fast fünf Mal so viel wie im gesamten bisherigen Rekordjahr 2020. Diese Zahlen liefert das jüngste „EY Start-up Investment Barometer Österreich 2021“, das die Beratungsorganisation heute, Dienstag, in Zusammenarbeit mit der Austrian Angel Investors Association (AAIA) und der Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation (AVCO) veröffentlichte.

„Der globale Startup Boom hat 2021 auch in Österreich zu neuen Rekordmarken geführt: Noch nie wurde so viel Geld in heimische Startups investiert und noch nie gab es so viele Millioneninvestments. Das ist einerseits Resultat eines starken Reifeprozesses des heimischen Startup-Ökosystems, andererseits ein Spiegelbild der günstigen Großwetterlage mit viel Liquidität, niedrigen Zinsen und attraktiven Renditen in Europa“, so Florian Haas, Leiter des Startup-Ökosystems bei EY Österreich.


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Ausländische Investorengruppen dominieren

Im Zuge der Erhebung wurde zudem der Frage nachgegangen, woher das Risikokapital stammt. An knapp mehr als jeder zweiten (55 Prozent) Finanzierungsrunde waren österreichische Geldgeber:innen beteiligt rund ein Drittel (32 Prozent) wurde sogar rein von heimischen Investor:innen getragen. An einem Viertel (24 Prozent) waren nur ausländische Investorengruppen beteiligt, bei 22 Prozent wurden keine Angaben zu den Investorengruppen veröffentlicht. Beim Finanzierungsvolumen dominieren ausländische Geldgeber:innen: Mehr als 75 Prozent des Risikokapitals kommen von rein ausländisch besetzten Investorengruppen.

Nur frühphasige Investmentrunden von heimischen Investor:innen getragen

Bei frühphasigen Investmentrunden sind dementsprechend auch klar heimische Investorengruppen führend: Nur in Pre Seed-Finanzierungsrunden (78 Prozent) stellten sie jeweils die Mehrheit der Kapitalgeber:innen. In der Seed-Phase machen österreichische Investorengruppen knapp weniger als die Hälfte (45 Prozent) der beteiligten Geldgeber:innen aus. Mit Anstieg der Runde sinkt der Anteil an heimischen Investor:innen weiter: Bei Series-A-Finanzierungsrunden liegt der Anteil bei knapp mehr als einem Drittel (36 Prozent), bei Series-B- (14 Prozent), Series-C- (keine) und Series-D-Finanzierungsrunden (29 Prozent) liegt der Anteil 2021 deutlich niedriger.

„Gerade bei Finanzierungsrunden ab dem zweistelligen Millionenbereich ist die Abhängigkeit von Geldgeber:innen aus Übersee groß, da es in Österreich kaum Wachstumsfinanzierer:innen gibt. Aktuell gilt: Je größer die Runde, desto weniger Österreich“, so Haas weiter.

(c) EY Start-up Investment Barometer Österreich 2021

Finanzierungsrunden mit mehr als 100 Millionen Euro

An keiner der Finanzierungsrunden in der Größenordnung von mehr als 100 Millionen Euro, bei denen Angaben zu den Investor:innen vorliegen, war laut EY ein:e Inlandsinvestor:in beteiligt – hier könnt ihr über die größten Finanzierungsrunden im Details nachlesen.

Auch bei den Abschlüssen im Umfang zwischen 50 und 100 Millionen Euro lag der Anteil österreichischer Investor:innen mit zwölf Prozent sehr niedrig. Lediglich bei kleineren Finanzierungsrunden im Umfang von bis zu einer Million Euro waren mehrheitlich österreichische Geldgeber:innen beteiligt: So hatten hier immerhin 80 der 109 verzeichneten Investor:innen ihren Hauptsitz in Österreich. Die sechs größten Finanzierungsrunden des Jahres gingen gänzlich ohne österreichische Beteiligung auf Investorenseite über die Bühne.

„Während die Anschubfinanzierung in Österreich insbesondere über Business Angels hervorragend funktioniert, sind heimische Investor:innen bei Millioneninvestments außen vor, während insbesondere Venture Capital Fonds aus den USA und UK sich auf ihrer Einkaufstour Anteile an Österreichs Top-Startups sichern“, so Haas.

Welche Branchen dominieren?

Am größten war der Anteil an heimischen Investorengruppen bei Finanzierungsrunden 2021 im Bereich Hardware, wo laut EY immerhin 62 Prozent der hier bei den acht Finanzierungsrunden beteiligten namentlich bekannten Investor:innen aus Österreich stammen. Knapp dahinter folgt der Bereich Health mit 61 Prozent österreichischen Investorengruppen. Am niedrigsten war 2021 der Anteil der Inlandsinvestoren in den Bereichen FinTech und Mobility: Hier hatte jeweils nicht einmal jede:r vierte beteiligte Investor:in seinen Firmenhauptsitz in Österreich.

Die volkswirtschaftliche Relevanz | Statements von AAIA und AVCO

Die AAIA und AVCO nehmen die jüngsten Ergebnisse zum Anlass und unterstreichen erneut ihre Forderungen, die in einem gemeinsamen Positionspapier im Mai 2021 präsentiert wurden – angefangen von der Einführung eines Beteiligungsfreibetrags bis hin zur Schaffung eines Dachfonds zur Stärkung des Kapitalmarktes.

Nina Wöss, Vorstandsvorsitzende der Avco, betont: „Wollen wir die heimischen Leitbetriebe von morgen aufbauen und nachhaltig Arbeitsplätze in Österreich sichern, so ist eine Stärkung des vorbörslichen Kapitalmarkts essenziell. Institutionelle Investoren wie Pensionskassen, Versicherungen und Banken spielen hier eine tragende Rolle. Was es dafür braucht ist ein Dachfonds sowie die Schaffung von attraktiven rechtlichen Rahmenbedingungen für Fonds-Manager:innen“.

Laura Egg, Managing Director AAIA ergänzt abschließend: „Solange hier fast ausschließlich ausländische Investor:innen zum Zug kommen, fließt auch bei einem Exit der Großteil der Gewinne nicht nach Österreich zurück und kann somit nicht hier reinvestiert werden. Weiters verlagern sich auch zunehmend die wirtschaftliche Leistung und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu anderen Standorten. Solange dieser Kreis der Wertschöpfung nicht in Österreich geschlossen werden kann, wird die langfristige Wirtschaftsleistung leiden“.


Die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst:

Gesamtwert der Investitionen in österreichische Start-ups steigt 2021 auf die neue Rekordhöhe von 1,23 Milliarden Euro – rund fünf Mal so viel wie 2020

An 55 Prozent der Finanzierungsrunden waren österreichische Investor:innen beteiligt – ein Drittel wurde rein von heimischen Geldgeber:innen getragen 

Bei großen Finanzierungsrunden spielen heimische Investor:innen aber kaum eine Rolle: Mehr als 75 Prozent des Risikokapitals kommen von rein ausländisch besetzten Investorengruppen 

Je größer die Runde, desto weniger sind österreichische Investor:innen beteiligt: Bei den sechs größten Deals war kein:e heimische:r Investor:in involviert

„Positives Momentum des Start-up Ökosystems mit dringend notwendigen Anreizen für Risikokapital-Investitionen von Privatpersonen und institutionellen Investor:innen nutzen“
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Apollo, KI, Altgiechisch, Mistral
© Österreichische Nationalbibliothek/ÖAW/Daniel Hinterramskogler - Papyrus aus der römischen Kaiserzeit mit einer griechischen Geburtsanzeige, von Apollo rekonstruiert (Römisches Ägypten, 149 n. Chr.) und Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW.

In Museen und Bibliotheken weltweit lagern hunderttausende Inschriften und über eine Million Papyrusfragmente aus der Antike. Der Großteil des Materials ist fragmentarisch und schwer lesbar. „92 Prozent der Papyri warten bis heute auf ihre Entzifferung. Ein gigantischer, unerschlossener Schatz der Geschichte“, heißt es per Aussendung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Genau hier möchte Apollo ansetzen.

Apollo: „Neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe“

Entwickelt wurde das Large Language Model (LLM) in einer Kooperation zwischen der ÖAW und den europäischen KI-Unternehmen Mistral AI und SAIL Reply. Am gestrigen Mittwoch präsentierten die Forschungspartner die erste Stufe des Apollo-KI-Systems, das ab sofort der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

„Apollo zeigt, was europäische Zusammenarbeit leisten kann, wenn KI, die gezielt an wissenschaftliche Anforderungen angepasst werden kann, auf jahrhundertealtes wissenschaftliches Wissen trifft“, sagt Guillaume Lample, Co-Founder und Chief Scientist von Mistral. „Indem Mistrals Technologie dabei hilft, Texte wiederherzustellen, die seit zweitausend Jahren nur fragmentarisch überliefert sind, eröffnet sie ein neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe – und das ist erst der Anfang.“

600 Millionen Wörter

Die meisten Texte der Antike sind nur unvollständig überliefert und es fehlen einzelne Wörter oder sogar ganze Textpassagen. Das Sprachmodell Apollo könne fehlende Inhalte von Fragmenten eigenständig ergänzen und dabei helfen, das Verständnis und die historische Einordnung eines Schriftstückes zu verbessern.

Obwohl für das Training der KI in Altgriechisch nur 600 Millionen Wörter zur Verfügung standen – mehrere zehn Milliarden Wörter gelten üblicherweise als der Standard für LLMs – sei eigenen Angaben nach Apollo treffsicher.

„Bei einem vorhandenen Originaltext auf Papyrus erreicht das Modell bei maskierten, also bewusst versteckten Passagen eine Trefferquote von rund 80 Prozent“, erklärt Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW und Mastermind hinter dem Projekt. Bei tatsächlich unbekannten Textlücken bewerteten internationale Fachexpert:innen, die das KI-System im Rahmen einer Blindstudie evaluiert haben, Apollos Vorschläge in 77 Prozent der Fälle als mindestens ebenso gut wie durch Menschen vorgenommene Ergänzungen und in 16–20 Prozent der Fälle sogar besser, heißt es.

Apollo erkennt Sprachstufen

Besonders beeindruckend sei zudem, wie präzise Apollo zwischen verschiedenen Sprachstufen des Griechischen unterscheiden kann, betont Dolganov: „Unser LLM kann mit vergleichsweise geringem Wissen über einen Kontext weitreichende Schlüsse ziehen. Anhand von Satzbau und Vokabular erkennt Apollo präzise, ob ein Text zum Beispiel aus Homers ‚Odyssee‘ stammt, und ergänzt ihn im passenden Sprachregister.“

Als Beweis zeigte Dolganov bei der Präsentation von Apollo etwa eine antike Geburtsurkunde, die vollständig rekonstruiert wurde. Zudem wurde eine beim Ausbruch des Vesuvs verkohlte Schriftrolle an entscheidenden Stellen „vollständig lesbar gemacht“. Und mit der Rekonstruktion einer fragmentarischen Inschrift aus dem Schwarzmeerraum hat sich der Forscherin zufolge belegen lassen, dass in einer bestimmten Region bereits römisches Recht galt. Die Aussendung sprach hierbei von einer „weitreichenden Erkenntnis, die durch einen Beleg für die römische Prostitutionssteuer untermauert wird.“

Weitere Stufen geplant

„Mithilfe der KI entsteht ein neues Bild der antiken Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, da sich viele Erkenntnisse erst aus der Masse der Dokumente ergeben – etwa bei Steuerquittungen“, präzisiert Dolganov.

Und Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ergänzt: „Apollo bringt die Erforschung von historischen Schriftstücken und Dokumenten in ein neues Zeitalter. Der Einsatz des neuen Sprachmodells wird völlig neue Forschungsfragen zulassen und unser historisches Wissen erweitern. Wir sind stolz, dass die ÖAW gemeinsam mit dem europäischen KI-Unternehmen Mistral diese wegweisende Technologie entwickelt hat. Für die Zukunft streben wir eine vertiefte Zusammenarbeit mit Mistral an.“

© ÖAW/Daniel Hinterramskogler – Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, bei der öffentlichen Vorstellung von Apollo.

Der ersten Stufe des Modells sollen bald noch weitere folgen. „Das Ziel ist ambitioniert, aber machbar“, wie Dolganov betont: Die KI soll künftig unerschlossene Papyri sowohl entziffern als auch rekonstruieren können. Geplant ist außerdem eine Erweiterung, mit der das Modell thematische und semantische Suchen in der gesamten griechischen Textüberlieferung durchführen sowie Parallelstellen suchen soll und so die passende Evidenz für Ergänzungsvorschläge gleich mitliefert.

Dolganov, die ÖAW und Mistral wollen jedoch bei Altgriechisch nicht aufhören. Aufbauend auf den Erfahrungen soll die KI künftig auch mit einem lateinischen Textkorpus trainiert werden. Dafür stehen dann rund zwölf Milliarden Wörter zur Verfügung. Was für das Projekt noch fehlt, sei ein passender Name.

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