19.09.2025
GASTBEITRAG

Experte der WU Executive Academy: „Fehler werden so lange gedreht, bis keiner mehr weiß, wie sie aussahen“

In seinem Gastbeitrag nimmt Christof Miska von der WU Executive Academy ein paar "besonders absurde Leadership-Fehler" unter die Lupe.
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Christof Miska | Foto: WU Executive Academy

Christof Miska, wissenschaftlicher Leiter des Master-Studiengangs Leadership und Unternehmensführung der WU Executive Academy, zeigt die größten Leadership-Fehler auf, die zwar „lustig klingen, aber in der Realität alles andere als witzig sind“.

Am Ende des Beitrags findet sich auch eine sogenannte „Best-of-Böse“-Checkliste zu den häufigsten Leadership-Fehlern. Der Gastbeitrag ist Teil der Serie „Management by Känguru – die größten Führungsfehler“ der WU Executive Academy und soll Führungsverhalten und Leadership humorvoll aber lehrreich unter die Lupe nehmen.


Die größten Führungsfehler

  1. Management by Rubik’s Cube

Probleme werden so lange gedreht und gewendet, bis keiner mehr weiß, wie sie ursprünglich aussahen, geschweige denn, wie sie gelöst werden können – Wenn eine Führungskraft ständig analysiert, sich sprichwörtlich im Kreis dreht und endlos herumprobiert – in der Hoffnung, dass die Lösung irgendwann zufällig aufpoppt -, ist das in der Regel kein gutes Zeichen, um zu einer validen Entscheidung zu kommen. Das Team beobachtet fasziniert, wie sich die Dinge fast stündlich verändern, aber Ergebnisse? Leider nein.

Leadership-Learning: Schieben Sie Entscheidungen nicht ewig vor sich her, sondern wägen Sie die wichtigsten Parameter ab, holen Sie sich zusätzlichen Input – dort wo nötig – und treffen Sie dann eine Entscheidung innerhalb eines klar definierten Zeitfensters. Vergessen Sie nie: Perfektion ist der Feind des Fortschritts. Setzen Sie auf Prototypen und kleine Piloten, um Neues auszuprobieren, anstatt immer gleich alles auf einmal verändern zu wollen. Kommunizieren Sie klar und transparent, warum Sie eine Entscheidung getroffen haben – das schafft Akzeptanz und Vertrauen im Team und motiviert nachhaltig.

  1. Management by Krokodil

Bis zum Hals im Sumpf stecken – aber das Maul groß aufreißen – ein Führungsstil, der von persönlichen Unzulänglichkeiten, Problemen und Schuldzuweisungen gekennzeichnet ist. Selbst wenn der eigene Anteil an der Misere überdeutlich ist, wird trotzdem die Klappe weit aufgerissen – am liebsten für große Ankündigungen und harsche Kritik an anderen.

Leadership-Learning: Machen Sie einen ehrlichen Situations-Check: Wo stehen wir bei unseren Projekten, Vorhaben und Change-Prozessen wirklich? Welche Faktoren liegen in meiner Verantwortung (als Führungskraft) und wofür sind andere verantwortlich? Kommunizieren Sie diese Verantwortlichkeiten auch klar im Team. Ersetzen Sie Schuldzuweisungen durch lösungsorientierte Fragen wie „Was brauchen wir, um hier rauszukommen?” oder „Welche Ressourcen fehlen, um das Projekt erfolgreich zu Ende zu bringen?“ und trainieren Sie aktives Zuhören, indem Sie einen Raum schaffen, in dem das Team ohne Angst vor Angriffen sprechen kann.

  1. Management by Netflix-Cliffhanger

Nach jedem Meeting bleiben mehr Fragen als Antworten; die Spannung ist unerträglich – Manche Führungskräfte neigen dazu, Meetings wie Serienepisoden zu inszenieren: Das Team hofft auf Aufklärung, bekommt aber stattdessen nur kryptische Cliffhanger-Hinweise auf „Staffel 2”. Gleichzeitig werden Entscheidungen auf die lange Bank geschoben und wichtige Themen bleiben unbearbeitet – Spannung pur, aber keine Handlung.

Leadership-Learning: Damit ihr Team nicht das Gefühl hat, „im falschen Film zu sein“, empfiehlt es sich, jedes Meeting mit konkreten To-dos, klar definierten Verantwortlichkeiten und realistischen Deadlines zu beenden. Setzen Sie auf kurze Feedbackschleifen, statt Themen monatelang offenzuhalten und vermeiden Sie unnötige Geheimniskrämerei – Transparenz ist weder Spoiler noch strategischer Fehler, sondern ein Zeichen von Führungsqualität.

  1. Management by Kirchenorgel

An den wichtigsten Stellen sitzen die größten Pfeifen – Bei diesem Führungsstil dröhnt die Führungskraft auf voller Lautstärke durchs Unternehmen. Sie produziert dabei Töne, die eindrucksvoll wirken sollen, aber am Ende nur ein lautes Durcheinander ergeben. Und die größten Pfeifen? Sitzen in der Regel ausgerechnet an den entscheidenden Stellen. Das Team wird regelmäßig mit monumentalen Ansagen beschallt – aber strategisches Handeln, Weitblick und echte Führungsqualität? Fehlanzeige.

Leadership-Learning: Identifizieren Sie daher, wer in Ihrem Team die „lautesten Protagonisten“ sind – und welche Stärken ungenutzt bleiben. Aber scheuen Sie nicht davor zurück, ruhig auch mal selbstkritisch zu sein. Fördern Sie bewusst leise Stimmen: Fragen Sie im Meeting gezielt introvertierte Teammitglieder nach ihrer Perspektive. Fix in der Meeting-Agenda verankerte Feedbackrunden oder flexible Espresso-Talks zwischendurch ermöglichen es allen, auf Augenhöhe mitzuspielen – nicht nur den Lautstarken.

  1. Management by YOLO

You Only Lead Once – Strategie, Struktur und Planung sind völlig überbewertet – Jeden Tag überrascht der Chef mit einer neuen, spontanen Idee: „Das versuchen wir jetzt einfach mal!” Alles wird ausprobiert, ohne zu prüfen, ob es zur Unternehmensvision passt. Das Team schwankt zwischen Abenteuerlust und Erschöpfung – wie auf einem wackeligen Surfbrett im Sturm. Mutig sein ist gut, aber hier wird Leichtsinn zur Führungsphilosophie.

Leadership-Learning: Um nicht in Aktionismus zu verfallen, braucht es vor allem eine klare strategische Richtung als Leitplanke. Fragen Sie vor jedem Experiment kritisch: Passt dieser Ansatz wirklich zu unseren Werten und Zielen? Statt das gesamte Unternehmen in einen chaotischen Großversuch zu stürzen, lohnt es sich, neue Ideen zunächst in kleinen Pilotprojekten zu testen. Gleichzeitig ist eine gelebte Fehlerkultur entscheidend: Ermutigen Sie Ihr Team, Neues auszuprobieren – aber schärfen Sie auch das Bewusstsein, wann gesunder Mut in gefährlichen Leichtsinn kippt. Lernen Sie aus Fehltritten und teilen Sie diese Learnings offen. Und vergessen Sie nicht: Während Veränderung wichtig ist, braucht jedes Team auch Stabilität. Halten Sie bewährte Prozesse als Fundament intakt, um dem Neuen einen sicheren Rahmen zu geben.

  1. Management by Zirkusdirektor

Alle rennen herum, keiner weiß warum – Hauptsache Show – In der Manege steppt der Bär, das Team springt sprichwörtlich durch brennende Reifen, und der Zirkusdirektor sonnt sich im Applaus. Alles wirkt aufregend, groß und spektakulär, aber am Ende fragt sich jeder: Was war eigentlich der Sinn dieser Vorstellung?

Leadership-Learning: Damit Ihnen und Ihrem Team dieses Szenario erspart bleibt, sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Team klare Ziele und Rollen definieren – so weiß jeder, woran er ist, warum er etwas tut und welchen Beitrag er damit zum großen Ganzen leistet. Setzen Sie gezielt Prioritäten und sagen Sie auch mal bewusst Nein zu unnötigen „Show-Einlagen”, die nicht auf Ihre Unternehmensstrategie einzahlen. Dazu gehört auch, dass Sie nicht nur glänzende Präsentationen, sondern vor allem nachhaltige Ergebnisse belohnen und vor den Vorhang holen.

  1. Management by Sofa

Haben wir immer schon so gemacht, machen wir immer so, werden wir auch immer so machen – Die Führungskraft sitzt gemütlich auf dem Erfolgssofa vergangener Jahre, nippt am Kaffee und genießt den Blick zurück: „Hat doch immer funktioniert, warum also etwas ändern?” Während draußen Märkte und Technologien im Sturmlauf sind, bleibt innen alles beim Alten. Mut für Neues? Fehlanzeige. Das Sofa ist so bequem, dass niemand merkt, wie es langsam Staub ansetzt – bis das Geschäftsmodell völlig eingerostet und überholt ist.

Leadership-Learning: Selbst, wenn man am richtigen Weg ist, wird man überrollt, wenn man einfach nur dasitzt. Management by Sofa funktioniert in unserer BANI-Welt nicht mehr. Fragen Sie sich daher regelmäßig: Was von unserem Erfolg verdanken wir dem Marktumfeld gestern – und was brauchen wir für morgen? Initiieren Sie Trend- und Kundenanalysen, um frühzeitig Veränderungen zu erkennen, investieren Sie in Strategic Foresight Szenarien und ermutigen Sie Ihr Team, alte Prozesse zu hinterfragen und eigene Innovationsvorschläge einzubringen. Verlassen Sie dabei bewusst Ihre Komfortzone: Kleine Pilotprojekte helfen, Neues zu testen, ohne das so lieb gewordene Sofa gleich abzufackeln. Feiern Sie Erfolge der Vergangenheit, das ist gut und wichtig. Aber nutzen Sie sie als Sprungbrett, um Neues auszuprobieren, nicht als Dauerlagerplatz.

  1. Management by Lasagne

Schicht um Schicht werden Regeln und Prozesse gestapelt – bis keiner mehr den Durchblick hat – Nicht umsonst hat die österreichische Regierung vor kurzem ein Staatssekretariat für Deregulierung ins Leben gerufen, denn nicht nur in staatsnahen Unternehmen gibt es zu viele Regeln, Prozesse und Vorschriften. Was nicht verwunderlich ist, denn es kommen in der Regel neue dazu – selten bis gar nicht bestehende weg. Jede neue Vorgabe wird einfach oben draufgelegt – bis aus der Organisation eine unübersichtliche Struktur-Lasagne wird. Das Team kämpft sich mühsam durch die Bürokratie-Schichten und hofft, am Ende auf ein Stück Klarheit zu stoßen.

Leadership-Learning: Um dem Schichtaufbau der Bürokratie-Lasagne zu entkommen, lohnt es sich, bestehende Regeln immer wieder auf den Prüfstand zu stellen: Schafft diese Vorgabe wirklich Mehrwert – oder verkompliziert sie nur unnötig? Zusätzlich helfen regelmäßige „Prozess-Frühjahrsputzaktionen“ mit dem Team, um Altlasten aufzudecken und doppelte Strukturen zu beseitigen. Dabei kann es hilfreich sein, alle Abläufe in drei Kategorien einzuordnen: “Muss”, “Kann” und “Weg damit”. Und nicht zuletzt gilt: Setzen Sie auf Empowerment statt Überregulierung. Vertrauen Sie Ihrem Team, geben Sie Verantwortung ab – und erleben Sie, wie weniger Kontrolle oft zu mehr Engagement und besseren Ergebnissen führt.

  1. Management by Bullshit-Bingo

Disruptiv, Holokratie, alles ist BANI – Buzzwords und heiße Luft à la „Wir müssen die Transformation gestalten“ oder „Unser Unternehmen sollte agiler werden“ fliegen durchs Büro wie Konfetti auf einer Faschingsparty – aber was sie bedeuten, weiß niemand so genau. Das Team spielt heimlich Bullshit-Bingo – jedes Mal, wenn die Lieblings-Modewörter des Chefs fallen, wird ein Feld abgehakt. Nach zehn Minuten sind alle Felder voll, aber die Frage bleibt: Wovon war hier eigentlich die Rede? Statt Orientierung gibt es Worthülsen, statt echter Strategie nur Schlagwort-Schlachten.

Leadership-Learning: Um aus dem Buzzword-Dschungel herauszufinden, ist vor allem eines entscheidend: Klartext sprechen. Verwenden Sie nur Begriffe, die wirklich alle im Team verstehen – und erklären Sie sie direkt, wenn sie notwendig sind. Ein lapidares „Wir machen das jetzt agil“ ersetzt keine konkrete Anleitung und führt nur zu Verwirrung. Setzen Sie auf Inhalte statt Phrasen, und formulieren Sie greifbar, was genau Sie erreichen wollen. Zeigen Sie Ihrem Team klar auf, wie der Weg dorthin aussehen kann und welche Schritte notwendig sind. Dabei gilt: Agilität, Scrum oder Design Thinking sind keine Wundermittel, sondern Werkzeuge – Mittel zum Zweck, die sinnvoll eingesetzt werden müssen. Echte Führung bedeutet, Dialog zu schaffen und Orientierung zu geben, nicht Schlagworte abzufeuern.


Best-of-Böse-Checkliste: Sind auch Sie gefährdet?

Hand aufs Herz, machen Sie den Führungskräfte-Selbsttest: 

  • Reden Sie öfter, als Sie zuhören?
  • Fühlen Sie sich ohne Excel-Tabelle leicht orientierungslos?
  • Schalten Sie bei Entscheidungen manchmal schneller auf Rot als auf Grün?
  • Wirken Ihre Meetings bisweilen mehr wie eine Keynote als ein Arbeitsgespräch?
  • Hoffen Sie bei großen Projekten manchmal insgeheim noch auf ein Wunder?
  • Besteht die Möglichkeit, dass Ihr Team heimlich Bullshit-Bingo mit Ihren Lieblings-Buzzwords spielt?
  • Ist Ihnen die Pflege Ihres Kalenders wichtiger als die Menschen, die drinstehen?
  • Wird aus Ihrem Mut zu neuen Ideen manchmal ein „YOLO“-Moment?

Sie mussten bei mehr als 3 Punkten innerlich nicken?

Nicht schlimm. Das ist kein Urteil – sondern eine Einladung, es bewusster und besser zu machen. Gute Führung heißt nicht perfekt sein, sondern nie aufhören zu lernen und dabei gemeinsam mit dem Team zu wachsen.

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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Experte der WU Executive Academy: „Fehler werden so lange gedreht, bis keiner mehr weiß, wie sie aussahen“

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