11.02.2022

European Venture Sentiment Index: „Stimmung der Investoren wird skeptischer“

Am Freitag wurden die neuesten Zahlen des European Venture Sentiment Index (EVSI) von Venionaire Capital veröffentlicht. Der Stimmungsindikator deutet auf zunehmende Übertreibungen des Marktes hin und zeigt immer mehr Skepsis der Investoren.
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Berthold- Baurek-Karlic_VentureCapital_c_Rene-Wallentin

Der aktuelle Quartalsbericht des European Venture Sentiment Index (EVSI) von Venionaire Capital gibt einen EU-weiten Einblick in die Stimmung des Venture Capital Marktes für das vierte Quartal 2021. Im jüngsten Befragungszeitraum zeigt der EVSI laut den Analysten von Venionaire Capital wieder eine deutliche Diskrepanz zwischen den Erwartungen des Vorquartals und dem aktuellen Index: Die Investoren schätzten die Lage vor drei Monaten also schlechter ein als bei der jüngsten Befragung.

Zunehmende Vorsicht der Anleger

Die Spanne zwischen dem tatsächlichen Index und dem Indexausblick bleibt im dritten Quartal in Folge relativ groß, was auf eine zunehmende Vorsicht der Anleger hindeutet, die früher oder später offenbar einen Einbruch befürchten. Dies spiegelt sich auch in einem schwächeren Ausblick für Q1 2022 des Stimmungsindex wider.

(c) Venionaire Capital

Die Analyse des Experten | Berthold Baurek-Karlic, Gründer von Venionaire Capital

„Wir sehen große Transaktionen und eine steigende Anzahl von europäischen Unicorn-Bewertungen in der gesamten Europäischen Union. Führende Investoren beginnen aber sich zu fragen, ob dies hauptsächlich dem billigen Geld geschuldet ist und ob die Qualität der heutigen Unicorns noch mit jener der Vorjahre vergleichbar ist. Aus unserer Sicht gibt es definitiv überhöhte Bewertungen, da sich Startups in frühen Entwicklungsphasen sehr ambitionierte Ziele gesetzt haben – dennoch kommen sie damit bis dato noch durch. Ich würde die Situation noch nicht als Blase bezeichnen. Aber das globale Phänomen des billigen Geldes wird mit höheren Zinssätzen zur Bekämpfung der Inflation enden. Daher erwarte ich 2022 eine gesunde Korrektur.“

Verdopplung der „Unicorns“ 

2021 war laut dem EVSI zweifellos ein rekordverdächtiges Jahr für europäisches Risikokapital. Indikatoren wie Investitionsvolumen, Anzahl der Deals, Mega-Deals und neue Unicorns erreichten Rekordstände. Auch bewies der europäische Risikokapitalmarkt in der Corona-Pandemie erneut seine Resilienz gegen Krisen. Die Analysten von Venionaire beobachteten viele erfolgreiche, große Finanzierungsrunden, die auf reges Interesse von Private Equity und institutionellen Investoren stießen. 2021 erreichte die  Anzahl der „Mega-Runden“ (also Deals über 100 Mio. USD) 307 gegenüber 98 im Jahr 2020. Auch verdoppelten sich die europäischen Unicorns (also Unternehmen mit Bewertungen von über einer Milliarde Dollar) auf 150 „Einhörner“.

Schwächerer Ausblick für Q1/2022

Der jüngste Index Q4/2021 zeigt nun jedoch wieder einen deutlich schwächeren Ausblick für das Folgequartal Q1/2022. Die Investmentprofis zeigen sich laut EVSI besonders wachsam gegenüber steigender Inflation, hohen Marktbewertungen, steigendem Wettbewerb um die besten Deals und schwindendem Interesse an Frühphasen-Investments. Erste Sorgen kommen auch rund um Lieferketten-Probleme und einen möglichen Einbruch des Wirtschaftswachstums auf. All das wird laut den Studienautoren zur realen Bedrohung für die Märkte.

 „Aktienmärkte, Beteiligungskapital und Venture-Capital-Investments werden von  diesen Makro-Effekten betroffen sein. Etablierte Platzhirsche im Risikokapitalmarkt  sollten die Schwierigkeiten besser meistern, da ihre Fonds prall gefüllt sind. Neue  Fonds werden es im Fundraising deutlich schwerer haben“, schließt Baurek-Karlic.


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Die beiden kokei-Geschäftsführer Nima Derakhshan und Alexander Groll am Standort des übernommenen Transportbetriebs Winkler F & S Transport in Hörsching. | (c) kokei

Die klassische Unternehmensnachfolge innerhalb der Familie verliert in Österreich zunehmend an Bedeutung. Eine aktuelle Studie von Creditreform Österreich und CH Consult zeigt: 45 Prozent der befragten Unternehmen benötigen bis 2030 eine Nachfolgelösung. Bereits 40 Prozent planen dabei eine Übergabe außerhalb der Familie, etwa durch den Verkauf an Investoren oder die Übernahme durch das Management.

Genau hier setzt die 2025 gegründete kokei Nachfolge GmbH an. Ein bekanntes Gesicht der österreichischen Startup-Szene hat die Idee dazu ins Rollen gebracht: Daniel Horak, Mitgründer der Finanzierungsplattform CONDA. Durch Gespräche mit Unternehmen wurde er auf die zunehmende Nachfolgeproblematik im österreichischen Mittelstand aufmerksam. Gemeinsam mit Alexander Groll, Nima Derakhshan und Dirk Littig entwickelte sich daraus das heutige Geschäftsmodell. Das Wiener Unternehmen will profitable österreichische KMU übernehmen und langfristig weiterführen. Anders als klassische Private-Equity-Gesellschaften setzt kokei dabei nicht auf einen gewinnbringenden Weiterverkauf.

Erste Übernahme eines Transportbetriebs

Mit der Winkler F & S Transport GmbH aus Hörsching hat kokei seine erste Beteiligung übernommen. Der auf spezialisierte Stück- und WAP-Frachten ausgerichtete Transportbetrieb beschäftigt 55 Mitarbeitende und verfügt über rund 40 Fahrzeuge. „Aus unserer Sicht ist Winkler eben ein Hidden Champion in einer attraktiven Nische“, sagt kokei-Mitgründer und Co-CEO Nima Derakhshan. Der Familienbetrieb in zweiter Generation sei bereits profitabel und verfüge über weiteres Wachstumspotenzial.

Da die Kinder des bisherigen Eigentümers Felix Winkler andere berufliche Interessen verfolgen, fehlte dem Familienbetrieb in zweiter Generation eine interne Nachfolge. Trotz weiterer Kaufangebote habe sich Winkler bewusst für kokei entschieden, erklärt Derakhshan. Von den konkreten Übernahmegesprächen bis zum Abschluss verging etwas mehr als ein Jahr.

Digitalisierung und neue Geschäftsführung bei Winkler

Die operative Geschäftsführung hat kokei-Co-CEO Alexander Groll übernommen, Felix Winkler bleibt während einer Übergangsphase weiterhin eingebunden. Seit der Übernahme im Frühjahr 2026 hat kokei bei Winkler bereits Veränderungen angestoßen. Dazu zählen ein neues Transportmanagementsystem, digitalisierte Prozesse und eine Neuausrichtung des Fahrer-Recruitings. Auch der Einstieg in die E-Mobilität wird vorbereitet.

Langfristig will kokei zentrale Dienstleistungen für sämtliche Beteiligungen aufbauen. Bereiche wie Personalwesen, IT, Marketing, Controlling und Recht sollen künftig unternehmensübergreifend unterstützt werden. Dadurch sollen sich die übernommenen Betriebe stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können.

Auch bei der Geschäftsführung verfolgt kokei einen operativen Ansatz. Während Groll den ersten Betrieb selbst leitet, sollen künftig weitere Geschäftsführer eingesetzt werden. Dafür steht das Team bereits mit potenziellen Kandidaten in Kontakt. Auch geeignete Mitarbeitende aus den übernommenen Unternehmen kommen infrage. Das Wiener Unternehmen will dabei weiterhin eng in die operative Entwicklung eingebunden bleiben.

Zwei bis drei weitere Übernahmen pro Jahr geplant

Bei weiteren Übernahmen ist kokei grundsätzlich branchenoffen. Gesucht werden profitable österreichische KMU mit einem EBITDA ab rund 500.000 Euro, idealerweise einer Million Euro. Die Umsatzrentabilität sollte mindestens zehn Prozent betragen. Die Umsatzobergrenze liegt bei rund 30 Millionen Euro. Sanierungsfälle schließt kokei grundsätzlich aus.

Für die Auswahl nutzt das Unternehmen einen standardisierten Kriterienkatalog. Potenzielle Übernahmekandidaten werden anhand verschiedener Faktoren mit Punkten bewertet. Erfüllt ein Unternehmen die Anforderungen, folgt eine vertiefte Prüfung. Aktuell befindet sich kokei laut Derakhshan mit rund vier Unternehmen in konkreten Gesprächen. Wöchentlich würden etwa ein bis zwei weitere Betriebe geprüft. Mittelfristig strebt das Team durchschnittlich zwei bis drei Übernahmen pro Jahr an.

Langfristige Beteiligungen statt schneller Weiterverkauf

Die Beteiligungen werden gemeinsam mit einem Netzwerk langfristig orientierter Co-Investoren finanziert. Diese werden für jede Transaktion individuell ausgewählt. Dabei achtet kokei insbesondere auf unternehmerische Erfahrung und Interesse an der jeweiligen Branche.

Eine feste Exit-Strategie verfolgt kokei nicht. Stattdessen sollen die übernommenen Unternehmen langfristig gehalten werden und durch laufende Gewinnausschüttungen Erträge für die Investoren erwirtschaften. Einen späteren Verkauf schließt Derakhshan bei einem außergewöhnlich attraktiven Angebot allerdings nicht grundsätzlich aus.

„Wir wollen ein Portfolio von Unternehmen aufbauen. Nach dem Prinzip eines unternehmerischen Zinshauses: stabile Erträge, langfristige Wertsteigerung“, sagt Derakhshan. Durch die langfristigen Beteiligungen an unterschiedlichen österreichischen KMU sollen deren Gewinne Dividendeneinnahmen ermöglichen. Potenzial sieht Derakhshan jedenfalls genug. Eine Herausforderung sei weniger die rechtliche Situation als vielmehr die heimische Unternehmenskultur. Der Verkauf eines Familienunternehmens an Dritte werde hierzulande teilweise noch skeptisch gesehen. Dabei könne eine externe Übernahme eine sinnvolle Alternative zur klassischen Familiennachfolge darstellen.

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