19.06.2019

Was hinter Estlands AI-Masterplan steckt

Estland zählt mit seinem E-Government-System zu den fortschrittlichsten Ländern der Welt. Derzeit sorgt der geplante Einsatz von Künstlicher Intelligenz im öffentlichen Dienst für internationales Aufsehen. Im Gespräch mit dem brutkasten spricht Estlands "Chief Data Officer" Ott Velsberg über die künftigen "Use-Cases" und welche Vorteile die Bürger dadurch haben sollen.
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(c) fotolia / Everst: Estland hat rund 1,3 Millionen Einwohner

„Wakanda“ ist im Marvel-Universum ein hochentwickeltes Land, dessen technologischer Vorsprung dem Rest der Weltgemeinschaft verborgen blieb. Weniger geheim verhält es sich bei Estland. Der baltische Staat hat für all seine 1,3 Millionen Einwohner seit 2002 digitale IDs und seit 2005 Online-Voting eingeführt. Zudem hat der Staat am Baltischen Meer Internetzugang zum Menschenrecht erklärt und führt seit über zehn Jahren digitalisierte Gesundheitsdaten auf der Blockchain. Nun wurde der 28-jährige Ott Velsberg als „Chief Data Officer“ damit beauftragt, AI in alle möglichen Bereiche des öffentlichen Dienstes zu implementieren. Seine Heimat soll so Vorreiter-Nation in Sachen Künstlicher Intelligenz werden.

+++ Neue Arbeitswelten durch KI: Wie sich Arbeit in den nächsten Jahren verändert +++

50 AI-Use-Cases geplant

„Estland hat bereits 16 ‚AI-Use-Cases‘ im öffentlichen Sektor, mit dem Ziel diese Zahl bis Ende des nächsten Jahres auf über 50 zu steigern“, erzählt Velsberg dem brutkasten. „Zudem haben wir viele weitere aktuelle Projekte. AI wird bereits in verschiedenen Bereichen genutzt – etwa um Anomalien bei unserem ‚Data Exchange Layer‘ zu erkennen, Satelliten-Bilder zu analysieren, Verkehrsströme auszumachen, Arbeitslosen passende Jobs vorzuschlagen oder für Transkriptionen bei Gericht, Spitälern und im Parlament. Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten und Themenbereiche: Bildung und Weiterbildung etwa oder Verbrechensprävention, illegale Preisabsprachen oder im Bereich von Sozialleistungen.“

Datenspeicherung in letzten zehn Jahren gestiegen

Um Vorreiter zu werden, hat die estnische Regierung mit der „AI acceleration strategy“ (auch Kratt-Strategy genannt) einen eigenen Masterplan ins Leben gerufen. Velsberg argumentiert, dass die Datenmenge, die sowohl im öffentlichen, als auch im privaten Sektor gesammelt wurde, in den letzten zehn Jahren dramatisch zugenommen hat. Aufgrund aktueller Technologien lege die Herausforderung nicht mehr darin, Datenmengen zu sammeln und zu speichern. Stattdessen stelle sich die Frage, was mit den Daten geschehen soll und wie sie genutzt werden können. Die größte Herausforderung bestehe darin, Daten in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft effektiv und ethisch korrekt einzusetzen.

Bedürfnisse mittels AI antizipieren

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(c) Velsberg – Ott Velsberg: „AI-Systeme sind in manchen Fällen überlegener“.

Der Tech-Plattform „Sifted“ erzählte Velsberg vor kurzem, dass das eigentliche Ziel sei, die estnische Regierung mehr „responsive“ für das Alltagsleben der Bürger zu machen. Velsberg visiert ein System an, in dem öffentliche Institutionen die Bedürfnisse der Menschen antizipieren und aktiv darauf antworten, sei es im Bildungsbereich oder bei der Führerscheinausbildung.

AI sagt voraus, wann Menschen einen Arzt brauchen

Das bedeutet, dass Eltern keinen Schulplatz mehr für ihre Kinder beantragen müssen, sondern dies automatisch erfolgt. Dafür könnten laut Velsberg auch Daten wie Geburtenstatistiken aus Krankenhäusern herangezogen werden. Dieser Prozess soll mit Ende des Jahres bereits automatisiert werden. Auch komplexere Themenbereiche, wie die Prognose, wann Menschen einen Arzt brauchen, soll in die Arme einer Künstlichen Intelligenz gelegt werden.

Kooperation mit Microsoft

In Kooperation mit Microsoft und der Weltbank arbeitet Estland bereits an einer Lösung, wie Gesundheitsdaten eingesetzt werden können, damit Ärzte vorab erkennen, wann ein Arztbesuch für den Patienten nötig ist. Dabei wird davon ausgegangen, dass Patienten mit einer Behinderung oder einer Herzkrankheit viel häufiger zum Arzt gehen müsse, während jemand mit Diabetes einmal im halben Jahr eine Untersuchung braucht. Die KI soll Ärzte dabei unterstützen, ihre Patientenlisten und die Zeit effektiver zu verwalten.

Keine AI-Diktatur

Zudem sei eine personalisierte Sportberatung für Jugendliche in Planung. Sie soll auf das jeweilige Entwicklungsstadium der Person eingehen und passende Übungen vorschlagen. Velsberg betont, dass es sich hier nicht um eine AI-Diktatur handle, sondern die Bürger selbstbestimmt auf die Vorschläge reagieren können. Die Regierung würde den Leuten nicht sagen, was sie tun sollen.

„KI funktioniert nur in einem begrenzten Bereich“

Darauf angesprochen und seitdem bekannt wurde, was Estland plant, habe Velsberg gemerkt, dass es außerhalb seiner Heimat mehr Sorgen im Umgang mit AI gebe. Ein besonders kritischer Bericht vom 25. März rund um die Pläne, AI-Gerichtsentscheide fällen zu lassen, hebt sich besonders hervor. Seine Antwort darauf: „Alle Beispiele, bei denen AI in Verwendung kommt, sind sehr eng gefasst. Künstliche Intelligenz funktioniert nur in einem begrenzten Bereich. Demgemäß sollten wir an der ‚education‘ arbeiten. Leute sollten die Logik hinter den Systemen verstehen“, lässt Velsberg jene wissen, die AI ablehnen.

Zehn Millionen Euro Fonds

Laut dem „Chief Data Officer“ seien der „Gesundheitsbereich“ und die „Sportberatung“ vorerst nur zwei von vielen Bereichen, die er testen möchte. Für diese Pläne verfügt die Regierung in Estland über einen zehn Millionen Euro schweren von Fonds“, mit dem innovative Projekte, einschließlich KI-Projekte, unterstützt werden. Sie umfassen beispielsweise die automatisierte Transkription und Spracherkennung bei Gericht, maschinelles Lernen, um die effizientesten Routen für Eisbrecher zu berechnen oder die Arbeitssuche.

AI als besserer „Job-Tinder“

Jobcenter wurden in Estland mit einer AI ausgestattet, die die Arbeitserfahrung des Einzelnen heranzieht um den passenden Job zu finden. Bis dato sei die Erfolgsquote in Sachen Jobsuche bei der AI größer, als jene, bei der Menschen direkt beteiligt waren, so Velsberg. 72 Prozent jener Personen, die von der Künstlichen Intelligenz einen Arbeitsvorschlag bekamen, wären ein halbes Jahr später noch immer angestellt gewesen. Bei der Jobvermittlung durch Beamte würde die Erfolgsquote lediglich 58 Prozent betragen.

Baltikum als neues Ziel von Google

Die Digitalisierungskompetenz Estlands zieht große Player an. So wurde am 6. Juni bekannt, dass Google mit dem B2B-SaaS-FinTech Wise Guys eine Partnerschaft eingegangen ist, um das baltische Startup-Ökosystem zu unterstützen. „Wir freuen uns sehr, mit Startup Wise Guys zusammenzuarbeiten, um das baltische Startup-Ökosystem auszubauen. Mit dem Programm ‚Powered by Google Developers Launchpad‘ sollen Startup-Ökosysteme auf der ganzen Welt durch erstklassige Accelerators gestärkt werden“, sagt Vytautas Kubilius, Country Manager bei Google im Baltikum.

Dienstleistungen des Staates und Privatsektors auf neues Niveau bringen

Am selben Tag als die Partnerschaft bekannt wurde, hat das e-Estonia-Council die „Kratt-Strategy“ genehmigt. Ministerpräsident Jüri Ratas erläuterte damals: „Ich freue mich sehr, dass sowohl der öffentliche als auch der private Sektor großes Interesse gezeigt haben. Auf diese Weise können die Dienstleistungen des Staates und des Privatsektors auf ein völlig neues Niveau gebracht werden. Estland kann weiterhin Vorreiter für unsere Partner in Europa und der Welt sein.“

Government CIO Siim Sikkut spricht über Estlands AI-Strategie

Beginn vor 20 Jahren

Diese technologische Akzeptanz der estnischen Bevölkerung und das digitale Entwicklungsstadium, in dem sich das Land befindet, kamen nicht von heute auf Morgen, erzählt Velsberg abschließend. Und erinnert sich an die Anfänge: „Es begann alles vor 20 Jahren. Damals versprach die Regierung einen PC für jeden Klassenraum, sowie Computer-Trainings. Es hat eine lange Zeit gedauert, uns dorthin zu bringen, wo wir jetzt sind.“


⇒ Zur Homepage der estnischen Regierung

⇒ Aussendung zum Tallin Digital Summit 2018

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Marie Pierer, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore, und Nino Groß, Head of Brand & Communications bei Instahelp | © Niki Pommer
Marie Pierer, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore, und Nino Groß, Head of Brand & Communications bei Instahelp | © Niki Pommer

Bunt, warm, lebendig und offen: So beschreibt Instahelp seinen neuen Auftritt. Die 2015 gegründete Plattform für Online-Therapie und psychologische Beratung hat gemeinsam mit Studio Furore Logo, Typografie, Farbwelt, Fotografie und Illustration neu entwickelt. Entstanden ist laut Aussendung alles in Graz.

Der Auftritt soll laut Aussendung ein Gegenentwurf zur häufig cleanen und zurückhaltenden Ästhetik des Gesundheitsbereichs sein. Das in der Aussendung als „schnell“ beschriebene Logo rückt ein Kernattribut der Plattform ins Zentrum: den garantierten Erstkontakt mit Psycholog:innen binnen 24 Stunden.

Nino Groß, seit Jänner Head of Brand & Communications bei Instahelp, formulierte laut Aussendung den Markenauftrag, das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

Über sein Netzwerk kam er laut Aussendung mit Marie Pierer in Kontakt, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore. brutkasten hat bei beiden nachgefragt, was Gründer:innen und Marketingverantwortliche aus dem Projekt lernen können.

1. Die Marke laufend hinterfragen

„Man sollte wohl nie damit aufhören, seine Marke kritisch zu betrachten. Auch, wenn man etwas Ikonisches geschaffen hat“, sagt Groß. Spätestens wenn Markenelemente nicht mehr praktikabel oder im Kontext des Zeitgeists nicht mehr zielführend seien, sei es an der Zeit, etwas zu verändern.

Bei Instahelp sei die Ausgangssituation ideal gewesen: ein starkes Fundament und zehnjähriges Bestehen. „Die Grundidee war von Beginn weg, auf dem Bestehenden aufzubauen und es in die Zukunft zu tragen“, so Groß. Die Marke solle Strahlkraft über den Health-Bereich hinaus bekommen.

„Sei mutig.“: Der neue Auftritt von Instahelp soll laut Aussendung nicht klinisch oder distanziert wirken, sondern nahbar und selbstbewusst | © Studio Furore / Instahelp

2. Mit den W-Fragen beginnen

Als erste Best Practice nennt Groß die strategische Annäherung mit den wichtigsten W-Fragen: „Wozu machen wir das, wo wollen wir damit hin, welche Ziele soll die Marke erreichen, die sie bislang noch nicht erreicht hat?“

Pierer beschreibt den Ausgangspunkt ihrer Arbeit so: „Am Anfang steht für uns immer die Frage: Was wollen wir eigentlich vermitteln, wen wollen wir erreichen und was sollen Menschen fühlen, wenn sie mit der Marke in Berührung kommen?“

Darauf aufbauend entwickle Studio Furore ein Konzept mit einer klaren Herleitung. Daraus entstehe Schritt für Schritt die Brand Identity, von Logo, Farben, Typografie und Bildwelt bis hin zu Layoutsystem, Gestaltungselementen und Tonalität. Ziel sei ein Aha-Moment, „bei dem man versteht, warum etwas genau so gestaltet ist“.

3. Innen- und Außenperspektive zusammenbringen

Groß steuerte das Projekt in Abstimmung mit der Geschäftsführung und entwickelte das markenstrategische Konzept. Eingebunden waren außerdem die internen Design-Verantwortlichen, die den bisherigen Markenauftritt verantwortet hatten, sowie der CTO.

Diesen Mix zählt Groß zu den Best Practices des Projekts. Es gehe darum, jene, die den Markenkern gebaut haben, mit jenen zusammenzubringen, die ihn weiterentwickeln werden. „Diesen Wissenstransfer braucht es.“ Ebenso wichtig sei, offen und ohne Tabus zu diskutieren, was bleiben darf und was gehen muss. „Greift man die gesamte Identität an, ist das ein schmaler Grat.“

Dass die Entscheidungen im Unternehmen schnell fielen, hat Groß nach eigenen Angaben beeindruckt. Die Marke habe in ihrer Erscheinungsform seit zehn Jahren bestanden. „Von daher ist das keine kleine Intervention, wenn man an die gesamte Identität geht.“

4. Bei der Agentursuche das eigene Netzwerk nutzen

„Wir haben mehrere Angebote eingeholt, das sollte man immer“, sagt Groß. Ausschlaggebend sei im Endeffekt der persönliche Kontakt gewesen. Er kenne die Köpfe hinter Studio Furore schon lange und habe von ihnen nie etwas gesehen, das ästhetisch und handwerklich nicht auf sehr hohem Niveau gewesen sei.

Bei einem Mittagessen mit Pierer und Fotograf Kurt Bauer, der für die Bildwelt verantwortlich zeichnete, sei ihm nach ein paar Sätzen klar gewesen: „Die spüren die Marke.“

Startups und kleineren Unternehmen rät Groß, nach Möglichkeit persönliche Kontakte anzuzapfen, also Personen mit Erfahrung und guten Drähten in die Kreativwirtschaft. „Das spart einerseits Zeit und schützt vor Leerläufen. Andererseits ist es enorm wichtig für die qualitative Einschätzung.“

Der neue Markenauftritt von Instahelp: Die Bildwelt stammt von Fotograf Kurt Bauer | © Studio Furore / Instahelp

5. Konventionen brechen, wenn sie dem Ziel im Weg stehen

Die neue Marke tritt bunt und warm statt klinisch auf. „Ich sehe das eigentlich weniger als Mut, sondern vielmehr als Notwendigkeit“, sagt Pierer dazu. Psychische Themen seien gesellschaftlich schon stark mit Schwere und Unsicherheit behaftet. „Wie soll man Hoffnung vermitteln oder ein Gefühl des Aufatmens schaffen, wenn die Gestaltung genau diese Schwere noch verstärkt?“

Verharmlosen dürfe man das Thema dadurch nicht. „Aber ernst zu nehmen bedeutet nicht automatisch, dass etwas klinisch, kühl oder schwer aussehen muss.“ Dabei müsse jedes Element eine klare Bedeutung haben. „Es geht nicht einfach darum, ein schönes Logo oder eine bestimmte Farbe zu wählen. Die Gestaltung muss in sich stimmig sein und eine Geschichte erzählen.“

Für Pierer hat das Projekt auch eine persönliche Seite. In der Aussendung schildert sie, nach der Geburt ihres ersten Kindes selbst schwierige psychische Phasen erlebt zu haben. „Wenn ich damals von einem Angebot wie Instahelp gewusst hätte, wäre mir der Weg zur Unterstützung mit Sicherheit leichter gefallen.“

6. Mit kleinem Budget: wenige Dinge richtig machen

Startups mit kleinem Budget rät Pierer, sich am Anfang klar darüber zu werden, wofür man steht und was man vermitteln möchte. „Man braucht nicht sofort ein riesiges Branding oder unzählige Gestaltungselemente. Man braucht ein gutes Konzept.“

Ein durchdachtes Logo, eine passende Farb- und Typografiewelt und eine konsistente Bildsprache könnten schon viel bewirken. Pierer rät davon ab, Trends oder andere Marken zu kopieren, nur weil sie gerade gut funktionieren. Man solle herausfinden, was einen selbst besonders macht, und das konsequent sichtbar machen.

Außerdem solle das Erscheinungsbild flexibel bleiben und mit dem Unternehmen wachsen können. „Eine gute Markenidentität muss nicht von Anfang an riesig sein. Sie muss vor allem eine klare Idee haben.“

Die neue Markenidentität von Instahelp ist laut Aussendung inzwischen vollständig ausgerollt. Die Plattform arbeitet nach eigenen Angaben mit mehr als 400 Psycholog:innen und hat bis dato rund 450.000 Beratungen durchgeführt.

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