05.12.2025
INTERVIEW

„Es ist unmöglich, einen Fonds zu timen“

3VC-Gründer und -Partner Peter Lasinger im Interview über Anschlussfinanzierung und was auf politischer Ebene dafür getan werden kann.
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3VC-Gründer und -Partner Peter Lasinger | (c) Lorin Canaj
3VC-Gründer und -Partner Peter Lasinger | (c) Lorin Canaj

Dieser Artikel ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von November 2025 “Verantwortung” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In einem Land, in dem Venture-Capital-Fonds für die Pre-Seed- und Seed-Phase klar dominieren, ist 3VC eine der wenigen Ausnahmen. 2017 als capital300 gestartet – das Rebranding zu 3VC erfolgte 2020 – investiert der Wiener VC vorwiegend ab Series-A-Kapitalrunden. Der erste Fonds hatte ein Volumen von 50 Millionen Euro; mit ihm gelang eine Unicorn-Rate von rund einem Drittel.

2022 startete der zweite Fonds unter für die VC-Welt durchaus widrigen Umständen, er erreichte ein Volumen von 150 Millionen Euro (brutkasten berichtete damals). Wir sprachen mit Gründer und Partner Peter Lasinger über die schwierigen vergangenen Jahre, Anschlussfinanzierung in Österreich und notwendige politische Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene.

brutkasten: Die vergangenen Jahre waren bekanntlich schwer für den gesamten Risikokapitalsektor. Wie ist es euch gegangen?

Peter Lasinger: Ich würde sagen, es lief überraschend gut. Allerdings ist ein Fonds immer nur so gut wie das unterliegende Portfolio, und natürlich gibt es dort alle möglichen Aufs und Abs. Es war keineswegs einfach; es gab wirklich etliche Schwierigkeiten. Alles begann mit Covid, und seitdem ist es eine Achterbahnfahrt. Das Hauptlob gebührt den Unternehmern, die wir finanzieren. Es gab viel Arbeit im Portfolio. Was uns dabei geholfen hat, ist unser selektiver Ansatz mit einem sehr fokussierten Portfolio – Stand heute unterstützen wir 20 Unternehmen.

Es hat überall irgendwo gebrannt und wir haben versucht, Lösungen zu finden. Ich muss aber sagen: Es gab keinen einzigen Fallout im Portfolio. Das war möglich, weil einige Teams da richtig reingebissen haben.

Das Umfeld ist jedoch immer noch ambivalent. Wir sind noch nicht über den Berg. Es gibt auf der einen Seite eine positive Zukunftssicht zu allem, was KI betrifft; auf der anderen Seite gibt es aber einen großen Bereich, wo es immer noch extrem schwierig ist, sowohl Finanzierung zu finden als auch Liquidität als Fonds zusammenzubekommen. Das berichten auch alle anderen Fonds. In den USA geht es vielleicht ein bisschen leichter.

Du hast gesagt, es gab keinen einzigen Ausfall. Mit dem ersten Fonds hattet ihr eine Unicorn-Rate von einem Drittel. Ich nehme an, zuletzt ist es schwieriger gewesen, mit dem zweiten Fonds solche Bewertungen im Portfolio zu erreichen, oder liege ich da falsch?

Der zweite Fonds ist erst im dritten Jahr, es ist also noch zu früh. Wir haben zwar schon erste Wertentwicklungen, die Unicorns des ersten Fonds sind geblieben, aber sind diese Wertsteige-rungen so weiter gegangen? Nein, weil die Bewertungen damals zur Zeit des ersten Fonds extrem hoch waren. Die Hälfte der Firmen hat nur zwei Jahre gebraucht, um in diese Bewertungen hineinzuwachsen. Beim zweiten Fonds haben wir dann in einer Phase begonnen zu investieren, in der die Valuations und Erwartungen wieder geschrumpft sind.

Das Ganze dreht sich jetzt wieder. Mit KI-nativen Unternehmen sind wieder extrem hohe Erwartungshaltungen verbunden, die mit extrem hohen Bewertungen einhergehen. Das führt dazu, dass man sehr schnell sogenannte „Papierwerte“ hat. Ob diese sich realisieren oder ob es ein böses Erwachen gibt, wird sich wahrscheinlich in den nächsten zwei bis vier Jahren zeigen.

Das ist nichts Neues – leider ist unser Geschäft so. Es ist zyklisch; und es ist unmöglich, einen Fonds zu timen. In einem Zyklus von zehn bis 14 Jahren pro Fonds wird man immer Ups and Downs haben. Man hat entweder Glück, dass man Dinge in einem Hoch verkaufen kann, oder man hat das Pech, dass es genau umgekehrt ist. Die großen ausländischen Fonds vor allem in den USA, mit extrem viel Kapital sind hier im Vorteil.

Es ist schon am Aktienmarkt fast unmöglich, das zu timen, und bei uns noch mehr. Deshalb fokussieren wir uns wirklich darauf, solide Unternehmensentwicklungen zu fördern und die Risiken zu minimieren. Wir versuchen, dass diese Unternehmen self-sustained werden und nicht abhängig davon sind, was der Kapitalmarkt gerade macht. Das ist ein Auf und Ab, und nur weil etwas hoch bewertet ist und dann wieder weniger, sagt das wenig aus. Das ist nicht unbedingt ein Grund zur Panik.

Das Lamento, dass es in Österreich an Anschlussfinanzierung mangelt, ist allgegenwärtig, aber es traut sich trotzdem kaum jemand drüber. Ihr aber schon – das braucht auch entsprechendes Kapital. Was hat euch ursprünglich dazu bewogen, in den Late-Stage-Bereich zu gehen und nicht wie fast alle anderen in Österreich im Early-Stage-Bereich zu bleiben?

Es gab zwei Aspekte: Der erste war unsere Wahrnehmung, dass es in Österreich und den umliegenden Ländern relativ viel Finanzierung in den Seed-Phasen gibt. Es gibt super Angebote und man kann sich über verschiedenste Töpfe, sowohl Public Money als auch Private Money, sehr gut finanzieren. Die zweite Wahrnehmung hatten wir selbst als Unternehmer, dass nicht nur das Kapital, sondern auch das Know-how für die Skalierungsphase fehlt. Was mache ich nach der Series A oder noch später, wenn ich Product-Market-Fit habe und wirklich expandieren möchte? Da gibt es echt wenig.

Wir haben das alles selbst erlebt und können Unternehmen hier unterstützen. Es braucht auch in dieser Phase immer noch Hands-on-Unterstützung; es ist nicht so, dass da bereits alles von selbst läuft, sondern man kann noch viele Dinge falsch machen. Diese Aufbauphase, wo man das Team von 50 auf 200 oder 300 Leute und das Geschäftsmodell von fünf auf 50 bis 60 Millionen Umsatz skaliert, ist schon noch eine sehr kritische Phase. Sie ist noch sehr abhängig von einzelnen Personen und im Speziellen von den Gründerteams. Wir haben also gesagt: Ja, mehr Kapital, aber fokussiert, weil wir unternehmerisch arbeiten wollen. Wir wollen also auch nicht massenweise Investments machen.

Und warum dann nicht noch später? In den Series-B und -C-Phasen gibt es ein sehr starkes internationales Angebot. Wenn du einmal 30 oder 40 Millionen Euro Umsatz erreicht hast, brichst du durch eine Schallmauer und wirst sichtbar für sehr viele internationale Investoren, die dich dann auch sehr gut finanzieren können. Dann geht es eigentlich um Cost of Capital: Wer kann dann günstiger solche Kapitalmengen lukrieren und investieren? Da sind wir in Europa schon noch im Nachteil. Für uns ist es viel schwerer, diese Mittel in der Größenordnung aufzustellen. Es ist schwerer zu investieren und es ist dann schwerer zu verwerten, weil wir einfach nicht die Aktienmärkte haben, die entsprechend große Summen absorbieren und wieder zurückspielen können.

Siehst du nach dem, was du gesagt hast, eigentlich eine Perspektive, dass in Österreich oder Europa ein Fonds entstehen kann, der dieses extreme Volumen hat, um Series-D-Finanzierungen et cetera machen zu können, wie es beispielsweise US-Fonds oder eine japanische Softbank tun?

Ich glaube, da geht es darum, woher die Mittel kommen. Es gibt durchaus Beispiele etwa im nordischen Bereich, zum Beispiel EQT. Die investieren nur im Later-Stage-Bereich und können sich über Pensionskassen et cetera gut finanzieren. Sie haben Milliarden under Management und ein entsprechend starkes Deployment.

Im Normalfall sind die Later-Stage-Runden europäischer Scaleups aber immer noch sehr US-dominiert – Targets gibt es genug. Wenn man den Trend drehen will, muss es gelingen, den Full Cycle zu schließen. Das Kapital muss originär aus der Region stammen und dann von einem regionalen Manager verwaltet oder investiert werden. Und wenn es Rückflüsse gibt, müssen diese auch wieder hier in der Region landen, inklusive Steueraufkommen und allem, was dazugehört. Ansonsten gibt es langfristig keinen wirklichen Benefit davon. Die Kapitalvermögen gibt es ja in Europa. Aber die werden ihrerseits oft in US-Fonds investiert.

Ist dieser Full Circle unmöglich? Nein, sicher ist er möglich. Aber ich glaube, es ist tatsächlich schwer zu bewerkstelligen, und ich sehe diesen originären Pool of Capital nicht wirklich. Ich glaube auch nicht, dass der Staat das alleine machen kann. Es gibt den European Investment Fund, EIF, der der größte Kapitalgeber in Kontinentaleuropa ist. Ohne den gäbe es die gesamte VC- und Private-Equity-Szene in Europa gar nicht. Aber irgendwo muss dann auch privates Kapital in größeren Dimensionen mobilisiert werden.

Die Bundesregierung verfolgt mit dem geplanten Dachfonds ja genau dieses Ziel, privates Kapital für die Anschlussfinanzierung zu mobilisieren. Glaubst du, dass man mit dem anvisierten Gesamtvolumen von maximal 500 Millionen Euro dieses Ziel erfüllen kann?

Es ist sehr schwer zu sagen, weil es auf die genaue Ausgestaltung ankommt. Es hängt etwa davon ab, wer den Dachfonds managt, mit welchen Zielen und mit welchen Einschränkungen. Deutschland hat das recht erfolgreich mit dem Wachstumsfonds umgesetzt, der über eine Milliarde Euro hatte und dann entsprechend mehr Kapital mobilisiert hat.

Grundsätzlich ist so etwas immer zu begrüßen, wenn marktüblich investiert wird. Das heißt, der Dachfonds muss wirklich so agieren wie ein anderer Fund of Funds, der returngetrieben ist und entsprechend offen ist. Wenn es zu starke Einschränkungen gibt, wo das Geld zu investieren ist, dann ist das natürlich auch abschreckend für manche Investoren. Denn letztendlich werden wir und andere Fonds an der finanziellen Rendite gemessen und nicht daran, wo wir regional investieren. Da gibt es Zielkonflikte, die man im Setup möglichst vermeiden sollte.

Im Idealfall sollte es einen soliden Anker geben, der wirklich Stabilität gibt. Das mobilisiert dann weiteres Kapital von eher risikoaversen Unternehmen, Pensionskassen, Versicherungen und Banken.

Im Plan der Regierung soll der Staat selbst als Ankerinvestor agieren. Ist das sinnvoll? Die Idee wird in der Startup-Szene ja durchaus auch kritisiert.

Ist es gut, um überhaupt Geld in den Markt zu bringen? Ja. Aber es muss auch hier weiter gedacht werden, damit es nachhaltig ist. Wie verwertet man diese Beteiligungen letztlich? Wo kommen Rückflüsse her? Wenn hier die Antwort lautet: „Durch einen Börsengang in den USA!“, dann ist klar, wo wieder die Wertschöpfung passiert. Auch bei großen strategischen Übernahmen hört man relativ wenig aus Europa. Die meisten Exits gehen irgendwo in die USA. Wenn wir die Unternehmen finanzieren, ist das dann das, was wir wollen?

Aber grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass der Staat als Ankerinvestor auftritt. Ich glaube, in Österreich gäbe es im Venture-Capital-Bereich wenig, wenn es nicht etwa den aws Gründerfonds gegeben hätte oder Fonds wie Speedinvest nicht auch Public Money erhalten hätten. Das gilt vermutlich für Europa insgesamt.

Ich habe jetzt indirekt das große Thema des gemeinsamen europäischen Kapitalmarkts herausgehört. Wie wichtig ist das aus deiner Sicht – und was müsste da passieren?

Der Markt ist ja groß genug, wenn man die Volumina oder das BIP ansieht. Da müsste eigentlich wirklich etwas möglich sein. Aber die Fragmentierung und das Nationalstaatliche sind sicher ein Hemmschuh. Was noch dazukommt: Die wirklich großen Kapitalgeber im Börsenbereich, die etwas bewegen können, sind sehr stark US-dominiert. Eine Harmonisierung des Kapitalmarkts wäre also ein großer Schritt, der Liquidität bringen könnte. Denn nur wenn der Markt groß genug ist, ist er interessant und kann entsprechende Volumina bewegen.

Dann geht es auch darum, welchen Stellenwert wachstumsorientierte Technologieaktien oder Technologieunternehmen im Gesamtportfolio von institutionellen Investoren haben. Solange die Grundeinstellung ist: „Es gibt Immobilien, dann vielleicht Anleihen und dann lange nichts“, wird sich nicht wirklich etwas ändern. Es braucht also eine Änderung der Bereitschaft, aber auch der Vorgaben etwa bei Pensionskassen, entsprechend zu investieren. Um das zu durchbrechen, braucht es viel Zeit und gute Erfolgsbeispiele, die funktionieren. Letztlich sind Pensionskassen auch in den USA ein wesentlicher Treiber des Ganzen. Ich verstehe aber natürlich, warum es bei uns historisch bedingt eine höhere Risikoaversion gibt. Es darf auch nicht passieren, dass bei einem Börsencrash Pensionen vernichtet werden.

Siehst du noch weitere mögliche politische Maßnahmen, sei es auf EU-Ebene oder nationaler Ebene, die ein konkreter Hebel sein könnten, sowohl für den Kapitalmarkt als auch für die Startup-Finanzierung und -Anschlussfinanzierung?

Alles, was auf EU-Ebene vereinfacht und harmonisiert wird, ist wünschenswert. Wie kann man die Eintrittsbarrieren herabsetzen? Wie kann man es Gründern und Teams ermöglichen, möglichst einfach in einem Markt zu wachsen, der ähnlich harmonisiert ist wie der große US-Markt? Alles, was dabei hilft, ist extrem begrüßenswert, etwa die vorgeschlagene „EU Inc“, also das sogenannte „28th Regime“. Eine Schwierigkeit, die ich bei all den Konzepten aber immer noch sehe, ist die steuerliche Komplexität, die einfach bleibt: Nachdem jedes Land seine eigene Steuerhoheit hat und das in naher Zukunft sicher nicht geändert wird, wird man da wenige Möglichkeiten haben.

Es wäre also ideal, wenn man neben dem „28th Regime“ für Unternehmen auch ein EU-Steuerregime schaffen würde. Das würde schon einen riesigen Vorteil in der Expansion bringen, weil man etwa Mitarbeiter in allen Ländern gleich incentivieren könnte. Aktuell gibt es ja viele Fälle, wo die Mitarbeiter selbst überhaupt keine Mitarbeiterbeteiligung wollen, wegen möglicher Steuerfallen. Das ist natürlich Gift für das Ökosystem.

Auch jede politische Maßnahme, die hilft, Transparenz, Klarheit und Planbarkeit zu schaffen, ist sinnvoll; außerdem alles, was einen Anreiz schafft, in eher risikobehaftete Anlageklassen zu investieren. Großbritannien hat das lange mit Steuererleichterungen gut gemacht, das aber zuletzt zurückgenommen. Man gerät nämlich auch schnell in das Fahrwasser, dass man Steuerbegünstigungen nur für Reiche und Ultrareiche macht. Man müsste es so ausgestalten, dass es auch für den Normalbürger attraktiv ist, in Risiko-Assets zu investieren, und nicht nur das Großkapital davon profitiert.

Gegen Ende unseres Interviews möchte ich noch auf eine weitere große Frage kommen: die aktuelle US-Politik. Ist diese eher eine Chance für Europa oder überwiegen die Probleme?

Ich sehe es problematisch, weil die Unsicherheit massiv zugenommen hat. Zu all den anderen Effekten wie Covid, Finanzkrise und Überschuldung kommt jetzt noch politische und wirtschaftliche Unsicherheit hinzu. Das ist grundsätzlich Gift, wenn keiner weiß, ob es morgen einen Zoll gibt oder ob der Kapitalverkehr eingeschränkt wird. Auch werden uns durch die Situation die enormen Abhängigkeiten der EU von den USA vor Augen geführt, etwa in der IT-Infrastruktur oder bei Cloud-Services.

Für Europa ist es aber insofern eine Chance, weil dadurch Braindrain aufgehalten wird. Wenn Forscher Angst haben, ihre Forschung fortsetzen zu können, und sich dann in Europa ansiedeln, ist das natürlich – obwohl es insgesamt negativ ist – im Kleinen vielleicht ein Vorteil, wenn man gewisse Leute halten kann, die man sonst nicht halten könnte. Aber es muss klar sein: Wir bekommen sie ja nur, weil sie nicht dorthin können; nicht, weil wir selbst so attraktiv sind.

Ich glaube, es ist auch eine Chance für die EU, nun zu sagen: Wir können selbstbewusster auftreten. Aber man muss es entsprechend gestalten. Es gibt viele Mechanismen in der EU, die das nicht unbedingt unterstützen. Bei so vielen Einzelinteressen sind wir keine starke Einheit. Das Einstimmigkeitsprinzip ist hier zum Beispiel ein Problem.

Die Welt ist sicher nicht einfacher geworden. Trotzdem bin ich Optimist und sage: Man macht das Beste daraus. Es wäre jetzt ganz verkehrt, den Kopf in den Sand zu stecken. Eigentlich ist jetzt die Zeit, zu sagen: Wir packen an! Und das machen ja zum Glück viele.

Das wäre ein schönes Schlusswort, aber ich habe noch eine Abschlussfrage, nämlich zur Zukunft von 3VC. Was ist hier der Ausblick?

Die Planung ist, dass wir das weiter machen. Wir haben das Team erweitert und werden es weiter erweitern – auch auf Partnerebene. Wir werden weiterhin fokussiert das machen, was wir bislang getan haben: Weniger ist mehr und Qualität vor Quantität. Wir wollen wirklich fokussiert Teams in Europa dabei unterstützen, große Unternehmen zu bauen. Da sind wir auf einem guten Weg, aber stehen gleichzeitig auch noch am Anfang. Wir wollen noch viel mehr Unternehmen unterstützen. Wir haben aber nicht vor, ein Milliardenfonds zu werden. Und wir wissen, dass immer wieder Herausforderungen auf uns zukommen werden. Das ist unser Umfeld, damit rechnen wir – und das müssen wir auch entsprechend begleiten können.

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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