05.12.2025
INTERVIEW

„Es ist unmöglich, einen Fonds zu timen“

3VC-Gründer und -Partner Peter Lasinger im Interview über Anschlussfinanzierung und was auf politischer Ebene dafür getan werden kann.
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3VC-Gründer und -Partner Peter Lasinger | (c) Lorin Canaj
3VC-Gründer und -Partner Peter Lasinger | (c) Lorin Canaj

Dieser Artikel ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von November 2025 “Verantwortung” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In einem Land, in dem Venture-Capital-Fonds für die Pre-Seed- und Seed-Phase klar dominieren, ist 3VC eine der wenigen Ausnahmen. 2017 als capital300 gestartet – das Rebranding zu 3VC erfolgte 2020 – investiert der Wiener VC vorwiegend ab Series-A-Kapitalrunden. Der erste Fonds hatte ein Volumen von 50 Millionen Euro; mit ihm gelang eine Unicorn-Rate von rund einem Drittel.

2022 startete der zweite Fonds unter für die VC-Welt durchaus widrigen Umständen, er erreichte ein Volumen von 150 Millionen Euro (brutkasten berichtete damals). Wir sprachen mit Gründer und Partner Peter Lasinger über die schwierigen vergangenen Jahre, Anschlussfinanzierung in Österreich und notwendige politische Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene.

brutkasten: Die vergangenen Jahre waren bekanntlich schwer für den gesamten Risikokapitalsektor. Wie ist es euch gegangen?

Peter Lasinger: Ich würde sagen, es lief überraschend gut. Allerdings ist ein Fonds immer nur so gut wie das unterliegende Portfolio, und natürlich gibt es dort alle möglichen Aufs und Abs. Es war keineswegs einfach; es gab wirklich etliche Schwierigkeiten. Alles begann mit Covid, und seitdem ist es eine Achterbahnfahrt. Das Hauptlob gebührt den Unternehmern, die wir finanzieren. Es gab viel Arbeit im Portfolio. Was uns dabei geholfen hat, ist unser selektiver Ansatz mit einem sehr fokussierten Portfolio – Stand heute unterstützen wir 20 Unternehmen.

Es hat überall irgendwo gebrannt und wir haben versucht, Lösungen zu finden. Ich muss aber sagen: Es gab keinen einzigen Fallout im Portfolio. Das war möglich, weil einige Teams da richtig reingebissen haben.

Das Umfeld ist jedoch immer noch ambivalent. Wir sind noch nicht über den Berg. Es gibt auf der einen Seite eine positive Zukunftssicht zu allem, was KI betrifft; auf der anderen Seite gibt es aber einen großen Bereich, wo es immer noch extrem schwierig ist, sowohl Finanzierung zu finden als auch Liquidität als Fonds zusammenzubekommen. Das berichten auch alle anderen Fonds. In den USA geht es vielleicht ein bisschen leichter.

Du hast gesagt, es gab keinen einzigen Ausfall. Mit dem ersten Fonds hattet ihr eine Unicorn-Rate von einem Drittel. Ich nehme an, zuletzt ist es schwieriger gewesen, mit dem zweiten Fonds solche Bewertungen im Portfolio zu erreichen, oder liege ich da falsch?

Der zweite Fonds ist erst im dritten Jahr, es ist also noch zu früh. Wir haben zwar schon erste Wertentwicklungen, die Unicorns des ersten Fonds sind geblieben, aber sind diese Wertsteige-rungen so weiter gegangen? Nein, weil die Bewertungen damals zur Zeit des ersten Fonds extrem hoch waren. Die Hälfte der Firmen hat nur zwei Jahre gebraucht, um in diese Bewertungen hineinzuwachsen. Beim zweiten Fonds haben wir dann in einer Phase begonnen zu investieren, in der die Valuations und Erwartungen wieder geschrumpft sind.

Das Ganze dreht sich jetzt wieder. Mit KI-nativen Unternehmen sind wieder extrem hohe Erwartungshaltungen verbunden, die mit extrem hohen Bewertungen einhergehen. Das führt dazu, dass man sehr schnell sogenannte „Papierwerte“ hat. Ob diese sich realisieren oder ob es ein böses Erwachen gibt, wird sich wahrscheinlich in den nächsten zwei bis vier Jahren zeigen.

Das ist nichts Neues – leider ist unser Geschäft so. Es ist zyklisch; und es ist unmöglich, einen Fonds zu timen. In einem Zyklus von zehn bis 14 Jahren pro Fonds wird man immer Ups and Downs haben. Man hat entweder Glück, dass man Dinge in einem Hoch verkaufen kann, oder man hat das Pech, dass es genau umgekehrt ist. Die großen ausländischen Fonds vor allem in den USA, mit extrem viel Kapital sind hier im Vorteil.

Es ist schon am Aktienmarkt fast unmöglich, das zu timen, und bei uns noch mehr. Deshalb fokussieren wir uns wirklich darauf, solide Unternehmensentwicklungen zu fördern und die Risiken zu minimieren. Wir versuchen, dass diese Unternehmen self-sustained werden und nicht abhängig davon sind, was der Kapitalmarkt gerade macht. Das ist ein Auf und Ab, und nur weil etwas hoch bewertet ist und dann wieder weniger, sagt das wenig aus. Das ist nicht unbedingt ein Grund zur Panik.

Das Lamento, dass es in Österreich an Anschlussfinanzierung mangelt, ist allgegenwärtig, aber es traut sich trotzdem kaum jemand drüber. Ihr aber schon – das braucht auch entsprechendes Kapital. Was hat euch ursprünglich dazu bewogen, in den Late-Stage-Bereich zu gehen und nicht wie fast alle anderen in Österreich im Early-Stage-Bereich zu bleiben?

Es gab zwei Aspekte: Der erste war unsere Wahrnehmung, dass es in Österreich und den umliegenden Ländern relativ viel Finanzierung in den Seed-Phasen gibt. Es gibt super Angebote und man kann sich über verschiedenste Töpfe, sowohl Public Money als auch Private Money, sehr gut finanzieren. Die zweite Wahrnehmung hatten wir selbst als Unternehmer, dass nicht nur das Kapital, sondern auch das Know-how für die Skalierungsphase fehlt. Was mache ich nach der Series A oder noch später, wenn ich Product-Market-Fit habe und wirklich expandieren möchte? Da gibt es echt wenig.

Wir haben das alles selbst erlebt und können Unternehmen hier unterstützen. Es braucht auch in dieser Phase immer noch Hands-on-Unterstützung; es ist nicht so, dass da bereits alles von selbst läuft, sondern man kann noch viele Dinge falsch machen. Diese Aufbauphase, wo man das Team von 50 auf 200 oder 300 Leute und das Geschäftsmodell von fünf auf 50 bis 60 Millionen Umsatz skaliert, ist schon noch eine sehr kritische Phase. Sie ist noch sehr abhängig von einzelnen Personen und im Speziellen von den Gründerteams. Wir haben also gesagt: Ja, mehr Kapital, aber fokussiert, weil wir unternehmerisch arbeiten wollen. Wir wollen also auch nicht massenweise Investments machen.

Und warum dann nicht noch später? In den Series-B und -C-Phasen gibt es ein sehr starkes internationales Angebot. Wenn du einmal 30 oder 40 Millionen Euro Umsatz erreicht hast, brichst du durch eine Schallmauer und wirst sichtbar für sehr viele internationale Investoren, die dich dann auch sehr gut finanzieren können. Dann geht es eigentlich um Cost of Capital: Wer kann dann günstiger solche Kapitalmengen lukrieren und investieren? Da sind wir in Europa schon noch im Nachteil. Für uns ist es viel schwerer, diese Mittel in der Größenordnung aufzustellen. Es ist schwerer zu investieren und es ist dann schwerer zu verwerten, weil wir einfach nicht die Aktienmärkte haben, die entsprechend große Summen absorbieren und wieder zurückspielen können.

Siehst du nach dem, was du gesagt hast, eigentlich eine Perspektive, dass in Österreich oder Europa ein Fonds entstehen kann, der dieses extreme Volumen hat, um Series-D-Finanzierungen et cetera machen zu können, wie es beispielsweise US-Fonds oder eine japanische Softbank tun?

Ich glaube, da geht es darum, woher die Mittel kommen. Es gibt durchaus Beispiele etwa im nordischen Bereich, zum Beispiel EQT. Die investieren nur im Later-Stage-Bereich und können sich über Pensionskassen et cetera gut finanzieren. Sie haben Milliarden under Management und ein entsprechend starkes Deployment.

Im Normalfall sind die Later-Stage-Runden europäischer Scaleups aber immer noch sehr US-dominiert – Targets gibt es genug. Wenn man den Trend drehen will, muss es gelingen, den Full Cycle zu schließen. Das Kapital muss originär aus der Region stammen und dann von einem regionalen Manager verwaltet oder investiert werden. Und wenn es Rückflüsse gibt, müssen diese auch wieder hier in der Region landen, inklusive Steueraufkommen und allem, was dazugehört. Ansonsten gibt es langfristig keinen wirklichen Benefit davon. Die Kapitalvermögen gibt es ja in Europa. Aber die werden ihrerseits oft in US-Fonds investiert.

Ist dieser Full Circle unmöglich? Nein, sicher ist er möglich. Aber ich glaube, es ist tatsächlich schwer zu bewerkstelligen, und ich sehe diesen originären Pool of Capital nicht wirklich. Ich glaube auch nicht, dass der Staat das alleine machen kann. Es gibt den European Investment Fund, EIF, der der größte Kapitalgeber in Kontinentaleuropa ist. Ohne den gäbe es die gesamte VC- und Private-Equity-Szene in Europa gar nicht. Aber irgendwo muss dann auch privates Kapital in größeren Dimensionen mobilisiert werden.

Die Bundesregierung verfolgt mit dem geplanten Dachfonds ja genau dieses Ziel, privates Kapital für die Anschlussfinanzierung zu mobilisieren. Glaubst du, dass man mit dem anvisierten Gesamtvolumen von maximal 500 Millionen Euro dieses Ziel erfüllen kann?

Es ist sehr schwer zu sagen, weil es auf die genaue Ausgestaltung ankommt. Es hängt etwa davon ab, wer den Dachfonds managt, mit welchen Zielen und mit welchen Einschränkungen. Deutschland hat das recht erfolgreich mit dem Wachstumsfonds umgesetzt, der über eine Milliarde Euro hatte und dann entsprechend mehr Kapital mobilisiert hat.

Grundsätzlich ist so etwas immer zu begrüßen, wenn marktüblich investiert wird. Das heißt, der Dachfonds muss wirklich so agieren wie ein anderer Fund of Funds, der returngetrieben ist und entsprechend offen ist. Wenn es zu starke Einschränkungen gibt, wo das Geld zu investieren ist, dann ist das natürlich auch abschreckend für manche Investoren. Denn letztendlich werden wir und andere Fonds an der finanziellen Rendite gemessen und nicht daran, wo wir regional investieren. Da gibt es Zielkonflikte, die man im Setup möglichst vermeiden sollte.

Im Idealfall sollte es einen soliden Anker geben, der wirklich Stabilität gibt. Das mobilisiert dann weiteres Kapital von eher risikoaversen Unternehmen, Pensionskassen, Versicherungen und Banken.

Im Plan der Regierung soll der Staat selbst als Ankerinvestor agieren. Ist das sinnvoll? Die Idee wird in der Startup-Szene ja durchaus auch kritisiert.

Ist es gut, um überhaupt Geld in den Markt zu bringen? Ja. Aber es muss auch hier weiter gedacht werden, damit es nachhaltig ist. Wie verwertet man diese Beteiligungen letztlich? Wo kommen Rückflüsse her? Wenn hier die Antwort lautet: „Durch einen Börsengang in den USA!“, dann ist klar, wo wieder die Wertschöpfung passiert. Auch bei großen strategischen Übernahmen hört man relativ wenig aus Europa. Die meisten Exits gehen irgendwo in die USA. Wenn wir die Unternehmen finanzieren, ist das dann das, was wir wollen?

Aber grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass der Staat als Ankerinvestor auftritt. Ich glaube, in Österreich gäbe es im Venture-Capital-Bereich wenig, wenn es nicht etwa den aws Gründerfonds gegeben hätte oder Fonds wie Speedinvest nicht auch Public Money erhalten hätten. Das gilt vermutlich für Europa insgesamt.

Ich habe jetzt indirekt das große Thema des gemeinsamen europäischen Kapitalmarkts herausgehört. Wie wichtig ist das aus deiner Sicht – und was müsste da passieren?

Der Markt ist ja groß genug, wenn man die Volumina oder das BIP ansieht. Da müsste eigentlich wirklich etwas möglich sein. Aber die Fragmentierung und das Nationalstaatliche sind sicher ein Hemmschuh. Was noch dazukommt: Die wirklich großen Kapitalgeber im Börsenbereich, die etwas bewegen können, sind sehr stark US-dominiert. Eine Harmonisierung des Kapitalmarkts wäre also ein großer Schritt, der Liquidität bringen könnte. Denn nur wenn der Markt groß genug ist, ist er interessant und kann entsprechende Volumina bewegen.

Dann geht es auch darum, welchen Stellenwert wachstumsorientierte Technologieaktien oder Technologieunternehmen im Gesamtportfolio von institutionellen Investoren haben. Solange die Grundeinstellung ist: „Es gibt Immobilien, dann vielleicht Anleihen und dann lange nichts“, wird sich nicht wirklich etwas ändern. Es braucht also eine Änderung der Bereitschaft, aber auch der Vorgaben etwa bei Pensionskassen, entsprechend zu investieren. Um das zu durchbrechen, braucht es viel Zeit und gute Erfolgsbeispiele, die funktionieren. Letztlich sind Pensionskassen auch in den USA ein wesentlicher Treiber des Ganzen. Ich verstehe aber natürlich, warum es bei uns historisch bedingt eine höhere Risikoaversion gibt. Es darf auch nicht passieren, dass bei einem Börsencrash Pensionen vernichtet werden.

Siehst du noch weitere mögliche politische Maßnahmen, sei es auf EU-Ebene oder nationaler Ebene, die ein konkreter Hebel sein könnten, sowohl für den Kapitalmarkt als auch für die Startup-Finanzierung und -Anschlussfinanzierung?

Alles, was auf EU-Ebene vereinfacht und harmonisiert wird, ist wünschenswert. Wie kann man die Eintrittsbarrieren herabsetzen? Wie kann man es Gründern und Teams ermöglichen, möglichst einfach in einem Markt zu wachsen, der ähnlich harmonisiert ist wie der große US-Markt? Alles, was dabei hilft, ist extrem begrüßenswert, etwa die vorgeschlagene „EU Inc“, also das sogenannte „28th Regime“. Eine Schwierigkeit, die ich bei all den Konzepten aber immer noch sehe, ist die steuerliche Komplexität, die einfach bleibt: Nachdem jedes Land seine eigene Steuerhoheit hat und das in naher Zukunft sicher nicht geändert wird, wird man da wenige Möglichkeiten haben.

Es wäre also ideal, wenn man neben dem „28th Regime“ für Unternehmen auch ein EU-Steuerregime schaffen würde. Das würde schon einen riesigen Vorteil in der Expansion bringen, weil man etwa Mitarbeiter in allen Ländern gleich incentivieren könnte. Aktuell gibt es ja viele Fälle, wo die Mitarbeiter selbst überhaupt keine Mitarbeiterbeteiligung wollen, wegen möglicher Steuerfallen. Das ist natürlich Gift für das Ökosystem.

Auch jede politische Maßnahme, die hilft, Transparenz, Klarheit und Planbarkeit zu schaffen, ist sinnvoll; außerdem alles, was einen Anreiz schafft, in eher risikobehaftete Anlageklassen zu investieren. Großbritannien hat das lange mit Steuererleichterungen gut gemacht, das aber zuletzt zurückgenommen. Man gerät nämlich auch schnell in das Fahrwasser, dass man Steuerbegünstigungen nur für Reiche und Ultrareiche macht. Man müsste es so ausgestalten, dass es auch für den Normalbürger attraktiv ist, in Risiko-Assets zu investieren, und nicht nur das Großkapital davon profitiert.

Gegen Ende unseres Interviews möchte ich noch auf eine weitere große Frage kommen: die aktuelle US-Politik. Ist diese eher eine Chance für Europa oder überwiegen die Probleme?

Ich sehe es problematisch, weil die Unsicherheit massiv zugenommen hat. Zu all den anderen Effekten wie Covid, Finanzkrise und Überschuldung kommt jetzt noch politische und wirtschaftliche Unsicherheit hinzu. Das ist grundsätzlich Gift, wenn keiner weiß, ob es morgen einen Zoll gibt oder ob der Kapitalverkehr eingeschränkt wird. Auch werden uns durch die Situation die enormen Abhängigkeiten der EU von den USA vor Augen geführt, etwa in der IT-Infrastruktur oder bei Cloud-Services.

Für Europa ist es aber insofern eine Chance, weil dadurch Braindrain aufgehalten wird. Wenn Forscher Angst haben, ihre Forschung fortsetzen zu können, und sich dann in Europa ansiedeln, ist das natürlich – obwohl es insgesamt negativ ist – im Kleinen vielleicht ein Vorteil, wenn man gewisse Leute halten kann, die man sonst nicht halten könnte. Aber es muss klar sein: Wir bekommen sie ja nur, weil sie nicht dorthin können; nicht, weil wir selbst so attraktiv sind.

Ich glaube, es ist auch eine Chance für die EU, nun zu sagen: Wir können selbstbewusster auftreten. Aber man muss es entsprechend gestalten. Es gibt viele Mechanismen in der EU, die das nicht unbedingt unterstützen. Bei so vielen Einzelinteressen sind wir keine starke Einheit. Das Einstimmigkeitsprinzip ist hier zum Beispiel ein Problem.

Die Welt ist sicher nicht einfacher geworden. Trotzdem bin ich Optimist und sage: Man macht das Beste daraus. Es wäre jetzt ganz verkehrt, den Kopf in den Sand zu stecken. Eigentlich ist jetzt die Zeit, zu sagen: Wir packen an! Und das machen ja zum Glück viele.

Das wäre ein schönes Schlusswort, aber ich habe noch eine Abschlussfrage, nämlich zur Zukunft von 3VC. Was ist hier der Ausblick?

Die Planung ist, dass wir das weiter machen. Wir haben das Team erweitert und werden es weiter erweitern – auch auf Partnerebene. Wir werden weiterhin fokussiert das machen, was wir bislang getan haben: Weniger ist mehr und Qualität vor Quantität. Wir wollen wirklich fokussiert Teams in Europa dabei unterstützen, große Unternehmen zu bauen. Da sind wir auf einem guten Weg, aber stehen gleichzeitig auch noch am Anfang. Wir wollen noch viel mehr Unternehmen unterstützen. Wir haben aber nicht vor, ein Milliardenfonds zu werden. Und wir wissen, dass immer wieder Herausforderungen auf uns zukommen werden. Das ist unser Umfeld, damit rechnen wir – und das müssen wir auch entsprechend begleiten können.

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Giacomo Benassi (Kinsect), Matthäus Kircher (Solos) und Manuel Mairinger (Reploid) zeigen, wie Startup-Kollaboration funktionieren kann. © NOI Techpark/Marco Parisi

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Es wurlt in der Larvenkiste des österreichischen Scaleups Reploid: Larven der Schwarzen Soldatenfliege werden hier seit einigen Tagen gemästet. Sie ahnen natürlich nicht, dass sie bald eine wichtige Rolle im Kreislaufkonzept dreier Jungunternehmen spielen werden.

Zuerst aber dorthin, wo alles begonnen hat: an den NOI Techpark in Bozen, Südtirol. Auch hier wurlt es, nur bringen statt Insektenlarven Startups Leben in das 12 Hektar große Innovationsviertel. Aktuell arbeiten 76 Unternehmen, 37 Startups, drei Forschungsinstitute, vier Fakultäten der Freien Universität Bozen und insgesamt 2.400 Menschen hier gemeinsam für nachhaltigen Fortschritt. Man tüftelt in den Laboren an Prototypen, vernetzt sich auf Events, feilt beim Spaziergang über den 2017 eröffneten Campus, der sich inzwischen stark vergrößert und weiterentwickelt hat, an der nächsten Idee. Was Gründer:innen hier aber am meisten schätzen: das weitreichende Netzwerk.

Nicht gesucht – trotzdem gefunden

„Wer am NOI Techpark Fuß fasst, bekommt Zugang zu etablierten Akteuren und Investoren in Südtirol“, erklärt Manuel Mairinger, Managing Director und CEO von Reploid Italia. Das ursprünglich aus Österreich stammende Insekten-Scaleup hat sich bei der Expansion nach Italien wegen der hervorragenden Lage zwischen Österreich und Mailand für das Acceleration & Scale-up Programme des NOI Techpark als Launchpad entschieden. „Das NOI baut als renommierter Partner die Brücke zu potenziellen Kund:innen und Partner:innen, ganz ohne die Hilfe von Plattformen wie LinkedIn“, fügt der Reploid-Italia-CEO hinzu.

Mairinger weiß genau, wovon er spricht. Reploid Italia ist eines von drei am NOI inkubierten Jungunternehmen, die zeigen, wie Startup-Kollaboration funktionieren kann. Initiiert hat die Zusammenarbeit Sonja Tetter vom Team des Start-up Incubator. „Wir arbeiten sehr eng mit unseren Startups zusammen, kennen ihre Geschäftsmodelle, Technologien und Herausforderungen. Deshalb sehen wir relativ früh, wo eine Kooperation wirklich Mehrwert schaffen könnte“, erläutert Tetter. Gemeinsam wollen die drei Unternehmen zur regionalen Kreislaufwirtschaft in Bozen beitragen. Und hier kommt die Larve der Schwarzen Soldatenfliege wieder ins Spiel.

Die Schwarze Soldatenfliege als Gamechanger

Die Larve der Schwarzen Soldatenfliege wird rund 25 Millimeter groß. © Reploid/Fabian Fallend

Nach nur einer Woche sind die Larven laut Reploid mit rund 25 Millimetern ausgewachsen und überzeugen mit innerer Größe: Sie sind sehr reich an tierischem Protein. Das aus ihnen gewonnene Mehl kann einen Proteingehalt von über 62 Prozent aufweisen.

Das macht die Larven zum potenziellen Proteinersatz, vor allem im Futtermittelbereich, etwa für Fische. „Wir züchten Welse, das sind Fleischfresser“, erklärt Matthäus Kircher, Gründer von Solos. Das Südtiroler Startup betreibt Aquaponik und verbindet Fischzucht mit dem Anbau von Kräutern und Salat.

Das Prinzip dahinter: Die Fische reichern das Wasser durch ihre Ausscheidungen mit natürlichen Nährstoffen an, ein Biofilter leitet es ins Pflanzenbecken, wo Salat und Kräuter die Nährstoffe aufnehmen und das Wasser reinigen, bevor es zurück zu den Fischen fließt. So entsteht ein geschlossener Kreislauf im Zeichen der Nachhaltigkeit.

Ein Punkt war Kircher dabei allerdings von Anfang an ein Dorn im Auge: das mit Fischmehl angereicherte Futter. „Bereits vor vier Jahren haben wir uns gefragt, wie wir tierische Proteine ohne Fischmehl verfüttern können“, erzählt er. Insekten bildeten schließlich die Lösung. Eine Studie ergab: Futtermischungen auf Insektenmehlbasis, angereichert mit Spirulina-Algen, lassen den Omega-3-Gehalt im Fischfilet höher ausfallen als bei herkömmlich gefütterten Tieren.

Aus Reststoffen wird Futtermittel

Insektenlarven werden durch die Kooperation zu nachhaltigem Fischfutter © NOI Techpark/Marco Parisi

Hier kommt Reploid ins Spiel: Das Unternehmen implementiert modulare Anlagen, die sogenannten „ReFarm-Units“. Dort verarbeiten Larven der Schwarzen Soldatenfliege regionale Reststoffe zu Insektenprotein und -fett für Futtermittel- sowie Industrieanwendungen. Ein weiteres Nebenprodukt ist der Insektenfraß, also die Ausscheidungen, aus denen organischer Dünger entsteht. Den dritten Baustein liefert Kinsect: Das italienische Startup entwickelt Technologien für die industrielle Zucht der Fliege und liefert Eier sowie Junglarven.

Am Standort von Solos in Tramin greifen so die unterschiedlichen Kompetenzen ineinander: Die von Kinsect bereitgestellten Larven werden in einer Insektenmastanlage von Reploid mit Lebensmittelnebenprodukten wie Apfeltrester, Kartoffelschalen oder Altbrot gefüttert. Solos nutzt sie anschließend als nachhaltiges Futtermittel in der Fischzucht. So soll Fischmehl ersetzt, sollen organische Reststoffe sinnvoll verwertet werden. Neben den ökologischen Vorteilen ergeben sich durch das Vorzeigeprojekt und den realen Usecase natürlich auch wirtschaftliche Vorteile, von denen die drei Startups profitieren.

Drei Ansätze, ein gemeinsamer Nenner

Es ist eine Kooperation im Namen der Kreislaufwirtschaft, die ohne den NOI Techpark nie zustande gekommen wäre. „Am NOI Techpark konnte diese Synergie organisch entstehen“, fasst Kinsect-CEO Giacomo Benassi zusammen. „Dank der Zusammenarbeit im selben Ökosystem konnten wir viel schneller Vertrauen zueinander aufbauen.“ Der NOI Techpark ermöglicht damit nicht nur grenzüberschreitende, sondern auch branchenübergreifende Vernetzungen, die Startups entscheidend weiterbringen.

Und so wurlt es weiter am NOI Techpark. Jedes Jahr kommen neue Startups zur NOI-Community dazu. Für den Herbst-Batch kann man sich noch bis zum 5. Oktober bewerben – vielleicht entsteht daraus bald die nächste erfolgreiche grenzüberschreitende Startup-Kooperation.

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