04.07.2025
EINSAMKEIT

„Es gibt keinen Gründer, der nie einsam war“

Von außen wirkt die Startup-Welt bunt, laut und gut vernetzt. Aber wer gründet, kennt oft auch das Gegenteil.
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(l.n.r.): Paul Lind, Maggie Childs, Kurt Seipel. | © reebuild, Metropole, Kurt Seipel

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Juni 2025 “Neue Welten” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer montags beim Networking auftaucht, dienstags mit anderen Gründer:innen sportelt und mittwochs vor Investor:innen pitcht, wirkt nach außen alles andere als allein. Und doch: Das Gründen kann sich einsamer anfühlen, als es aussieht. „Am Anfang kapselst du dich automatisch ab; nicht, weil du willst, sondern weil du einfach keine Zeit hast“, so Paul Lind, Co-Founder und CEO von reebuild. „Ich glaube, viele, mich eingeschlossen, unterschätzen, wie viel Zeit eine Gründung wirklich frisst.“ Und da die Zeit fehlt, leiden Schlaf, Gesundheit und soziale Kontakte.

Verbindungen ersetzen keine Verbundenheit

Netzwerkveranstaltungen helfen kaum. „Jeder erzählt, wie geil alles läuft, aber keiner spricht über Probleme“, so Lind. Es sei ein bisschen wie eine Fassade. In seiner eigenen Branche, der Bauwirtschaft, erlebt er es anders: „Da reden die Leute offener.“ Mit reebuild haben Lind und sein Team eine Softwarelösung entwickelt, die administrative Prozesse auf Baustellen automatisiert. „In der Baubranche gibt es noch echte Handschlagqualität. Du kannst Kunden sagen: ‚Hey, wir haben da ein Problem‘ – und die Leute sind verständnisvoll und helfen auch gerne“, erzählt Lind. In der Startup-Szene sei das anders; viele seien auf der Suche nach Funding, da wolle niemand sein Image negativ konnotiert haben. Maggie Childs, unter anderem Co-Founderin und CEO von mypaperwork.ai, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: Besonders belastend findet sie die soziale Leere in Momenten, in denen man niemanden zum ehrlichen Austausch hat: „Diese Events sind gut, um Kontakte zu knüpfen. Aber wenn’s dir richtig schlecht geht, ist da oft niemand. Dann merkst du: Du kannst genauso einsam sein unter Tausenden von Menschen.“

Maggie Childs, Co-Founderin von mypaperwork.ai, weiß: „It’s lonely at the top.“ | © Marcella Ruiz Cruz

Arbeitspsychologe Kurt Seipel hat etwa 7.000 Gründungen von Startups begleitet und beobachtet dasselbe Muster: „Viele stellen sich super dar, weil sie Investoren oder die Community überzeugen wollen. Probleme bleiben da eher im Verborgenen.“ Networking sieht er trotzdem als wichtig –solange der Austausch auf Augenhöhe stattfindet. Gründer:innen rät er, sich Verbündete zu suchen, die wirtschaftlich nicht vom Unternehmen profitieren. „Man braucht jemanden, der keinen Nutzen vom Startup hat, aber zuhört“, sagt Seipel.

Viele Gründer:innen kämpfen

Tatsächlich zeigt eine Studie aus England, dass sich drei Viertel der Startup-Gründer:innen einsam fühlen – ein signifikant höherer Anteil als unter den CEOs im Allgemeinen, also jenen Personen, die an der Spitze eines Unternehmens stehen, unabhängig davon, ob sie es gegründet haben oder nicht. Hinter der Untersuchung steckt unter anderem Christina Richardson, Gründerin der Coaching-Community Foundology und Professorin am University College London. Sie und ihr Team haben 400 Founder:innen befragt. Ihr Fazit: Viele Gründer:innen berichten von Problemen mit ihrer mentalen Gesundheit – und nur vier von zehn fühlen sich gut unterstützt.

Derart drastische Beobachtungen hat Arbeitspsychologe Seipel zwar nicht gemacht, aber dass es die Problematik gibt, steht außer Frage. Zudem können Faktoren wie das Fehlen eines geregelten Arbeitslebens, Unsicherheit oder finanzielle Probleme zur Verunsicherung beitragen, die mit sozialer Isolation verbunden sein kann.

Co-Founder:innen als Fels in der Brandung

Zwar kein Allheilmittel, aber ein guter Stützpunkt sind Co-­Founder:innen. Und die haben oft nicht nur einen sozialen Mehrwert: „In Deutschland hat man herausgefunden, dass Gründungen dann am erfolgreichsten sind, wenn es Teamgründungen sind. Sie sind erfolgreicher, weil man sich gegenseitig erdet – wenn die Kommunikation stimmt“, so Seipel.

Arbeitspsychologe Kurt Seipel hat bereits 7.000 Startups begleitet. | © Kurt Seipel

Founderin Maggie Childs hat in der Vergangenheit sowohl alleine als auch im Team gegründet –und spricht von einem enormen Unterschied. „Am Anfang war ich alleinige Gründerin im Sinne von: Ich hatte zwar ein Gründungsteam, aber das waren Angestellte. Ich habe als einzige Gesellschafterin und Geschäftsführerin angefangen. Und das ist schon hart – alles liegt bei dir, alles ist deine Schuld, alles ist dein Problem“, erzählt Childs. Bei mypaperwork.ai, wo Migrationsprozesse einfacher gemacht werden sollen, arbeitet sie mit zwei Co-Foundern zusammen. „Das Schöne an Co-Foundern ist wirklich, dass wir die Bereiche klar verteilt haben, dass wir uns gegenseitig um Rat fragen und ehrlich miteinander reden können, wenn wir überfordert sind.“ Natürlich gebe es auch Nachteile, immerhin muss man in einem Team auch Kompromisse eingehen. Childs nimmt es mit Humor: „Manchmal will ich beide natürlich erwürgen – das sind dann die Momente, in denen ich denke: Ich will es ganz anders machen. Aber ja, besser als alles alleine entscheiden zu müssen ist es auf jeden Fall.“

Auch Paul Lind hat einen Co-Founder und empfindet das als absolute Bereicherung. „Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, Solo-Founder zu sein. Ich bin extrem froh, einen Co-Founder zu haben. Du hast dann irgendwie das Gefühl, ‚gemeinsam einsam‘ zu sein. Vielleicht seid ihr beide unglücklich – aber ihr könnt euch trotzdem gegenseitig pushen. Und das hilft einfach“, erzählt er. Trotzdem bleibe jeder mit manchen Dingen auch allein.

Emotionale Achterbahnfahrt

Dass Childs und Lind so offen damit umgehen, ist in der Szene eher eine Seltenheit. Über mentale Belastung zu sprechen fällt vielen schwer. „Die, die es am meisten bräuchten, sprechen am wenigsten darüber“, meint Childs. Seipel sieht Lichtblicke in kleinen Communitys, die echte Geschichten zulassen – oft aber erst, wenn etwas schiefläuft. Formate wie die Fuckup Nights sind ein gutes Beispiel für dahin gehend sinnvolle Anlaufstellen. „Es gibt Expositionsuntersuchungen, in denen sich gezeigt hat, dass etwa 40 Prozent der Gründerinnen und Gründer nach der Gründung Verhaltensmuster zeigen, die an Burn-out erinnern“, erklärt Seipel. Bei einer solchen Expositionsuntersuchung prüfen Mediziner:innen, ob bestimmte Belastungen – wie zum Beispiel Stress oder Umweltfaktoren – Auswirkungen auf die Gesundheit haben. „Das Ergebnis der Gründer:innen sei aber keine klinische Diagnose, sondern das Ergebnis einer belastenden Zeit“, so Seipel. Nach einer Weile sei bei den Gründer:innen einfach die „Batterie alle“. Dieses Gefühl könne auch mit Depressionen assoziiert sein, die wiederum oft mit Einsamkeit einhergehen. Dass die eigene Gefühlswelt sehr stark mit dem Unternehmen zusammenhängt, kennen auch Gründer:innen. „Gründen ist wie eine Sinuskurve – dein emotionaler Zustand schwankt mit dem Erfolg der Firma“, sagt Paul Lind. „Das Wichtigste ist durchzuhalten – und da ist Einsamkeit, das spürt jeder. Es gibt keinen erfolgreichen Gründer, der nie einsam war“, resümiert Childs.

Freundschaften nicht vernachlässigen

Aber wie bricht man aus dieser Sinuskurve aus? Wer stabilisiert den Rhythmus, fängt die Ausschläge ab? Sowohl Lind als auch Childs finden es wichtig, einen Freundeskreis außerhalb der Startup-Szene zu haben. Das erdet – aber braucht auch Disziplin. „Ich kann nächsten Dienstag nicht spontan auf ein Feierabendbier gehen. Man beschränkt sich als Gründer wahrscheinlich eher auf wirklich enge Freundschaften – und hat weniger Bekannte“, so Lind. Themen aus seinem Startup nehme er auch oft in Freundschaften mit, „aber die besten Freunde verstehen es“. Childs rät, bewusst Netzwerke außerhalb der Szene zu pflegen – echte Freundschaften, die auch in schwierigen Zeiten tragen.

Statt Verdrängung empfiehlt Arbeitspsychologe Seipel: Routinen aufbauen, Erfolge rückblickend anerkennen, kleine Fluchten im Alltag suchen. Burn-out-Tests, psychologische Unterstützung und Resilienztrainings sieht er als wirkungsvolle Tools, wenn man sie zulässt. Das gilt nicht nur für Einsamkeit: Die sieht Seipel nämlich als eines von vielen Problemen, die entstehen, wenn bei Founder:innen immer das Unternehmen an erster Stelle steht. Auch für Maggie Childs liegt ein Schlüssel in der Reflexion – nicht nur beruflich, sondern auch im Umgang mit sich selbst: „Du musst lernen, zwischen Freizeit und Arbeit zu unterscheiden.“

Reden hilft – aber richtig

Genauso wichtig sei die Unterscheidung zwischen Einsamkeit und einem Kommunikationsproblem, findet die mypaperwork-Co-­Founderin. Denn besonders in Momenten der Einsamkeit kann Kommunikation der Schlüssel zur Lösung sein. Wie Maggie Childs sagt: „Diese Einsamkeit kann auch manchmal ein Zeichen sein, dass man besser kommunizieren muss. Man fragt sich vielleicht: Warum versteht niemand meine Entscheidung? Und dann gilt es, sich zu fragen: Was habe ich nicht kommuniziert, was für mich total verständlich ist?“ Durch klare und offene Kommunikation können Missverständnisse vermieden, kann ein besseres Verständnis geschaffen werden – sowohl im Team als auch für die eigene Gefühlswelt. Kommunikation hilft uns so nicht nur, uns mit Freund:innen gut aufgehoben zu fühlen, sondern erleichtert auch das Teilen von Lasten mit Co-­Founder:innen – und beeinflusst, wie wir uns in unserem beruf­lichen Umfeld fühlen.

Wächst das Startup, kann auch ein Team aus mehreren Mitarbeiter:innen das Gefühl des Alleinseins lindern. Die physische Einsamkeit nimmt ab. Gleichzeitig sind auch noch so tolle Arbeitskolleg:innen kein Garant für ein erfülltes Sozialleben – immerhin tragen Gründer:innen für diese auch eine gewisse Verantwortung. „Es ist nicht deine Aufgabe, dass du allen Leuten Stress machst, nur weil du selbst Stress hast. Das heißt aber, dass du mit diesem Stress dann effektiv allein umgehen musst“, sagt Lind.

Paul Lind, Co-Founder von reebuild, will seine sozialen Kontakte nicht vernachlässigen, auch wenn er durch die Gründung viel weniger Zeit hat. | © reebuild

Routinen beibehalten

Trotz der Herausforderungen sind sich Childs und Lind in einem Punkt einig: Dass das Sozialleben leidet, nehmen sie in Kauf – es gehöre einfach dazu. „Durch viele Dinge muss man sich einfach durchbeißen. Aber das heißt nicht, dass man sie ignorieren soll“, so Lind. Dass im Grün­dungsleben vor allem am Anfang von der Work-­Life-Balance nur wenig vom „Life“ übrig bleibt und damit von der „Balance“ keine Rede mehr sein kann, ist ein Preis, den man bezahlt – so empfinden es Childs und Lind. Aber man kann ihn auch in Raten tilgen.

Gründer:innen, so sieht es Kurt Seipel, müssen Resilienz entwickeln – ein Schlüsselwort in vielen Belangen. Im Grunde beschreibt das Konzept psychische Widerstandskraft. Um sie aufzubauen, rät der Psychologe zum Ausgleich. Oft sei der Übergang von Studium oder Anstellung in die Startup-Welt überfordernd. Ein Ausgangspunkt: Was früher gut tat, tut es auch nach der Gründung noch. Hat ein Gründer zuvor viel Sport gemacht, sollte er das nicht aufgeben. Auch Freundschaften helfen, selbst wenn die gemeinsame Zeit weniger wird. Wer gründet, muss also viel aushalten – aber nicht alles allein.

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Toto Wolff
© Sulay Kelly for Mercedes-Benz Grand Prix Ltd. - Toto Wolff.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


brutkasten: Sie haben Mercedes durch eine lange Phase großer Erfolge geführt, dann kamen schwierige Jahre. Was war Ihr wichtigstes Learning darüber, wie Organisationen nach Rückschlägen wieder in die Spur finden?

Toto Wolff: Die Formel 1 ist eine Welt der ständigen Evolution, nichts steht je still. Zum Beispiel haben die Regeländerungen 2022 schonungslos Schwächen in unseren Entwicklungsfähigkeiten und unserem Verständnis offenbart. Wir haben diese Ära klar hinter unseren Wettbewerbern gestartet und es über vier Saisonen hinweg nicht wirklich geschafft, diese Defizite auszubügeln.

Der eine oder andere Rennsieg waren die Highlights, wir haben es geschafft, zweimal in vier Jahren den zweiten Platz in der Konstrukteursmeisterschaft zu erringen; aber wir haben nie um den Titel gekämpft. Wir haben im Hintergrund größere Änderungen in unserer technischen Ausstattung, beim Personal und den Strukturen vorgenommen, um das Team stärker und wettbewerbsfähiger zu machen. Wir haben auch die Führungskultur adaptiert, weil wir das Team motivieren mussten, das begann, sich nach so vielen Jahren des Erfolgs selbst infrage zu stellen. Es war jedenfalls eine wichtige und wertvolle Phase für uns.

Sie sprechen in diesem Sinne wiederholt von einer „No Blame Culture“. Wie baut man eine Kultur auf, in der Fehler nicht versteckt oder angeprangert, sondern als Lernchance genutzt werden?

Es geht hier fast ausschließlich um psychologische Sicherheit. Niemand wird bei der Fehlersuche die Hand heben, wenn er Angst hat, gefeuert zu werden. Wir müssen aber zu unseren Fehlern stehen können. Und das fängt bei den Führungskräften an. Nur so können auch andere zu ihren Fehlern stehen. Eine „No Blame Culture“ funktioniert jedoch nur im Zusammenspiel mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein. Man braucht Teammitglieder, die Verantwortung übernehmen, auch wenn es um Fehler geht.

In der Formel 1 hat jeder Fahrer eigene Ingenieure und Mechaniker. Wie verhindert man, dass interne Konkurrenz gegen die gemeinsame Strategie arbeitet?

Das ganze Team hat das gleiche Ziel: Die Meisterschaft für Mercedes zu gewinnen. Nicht mit dem einen oder anderen Fahrer, sondern für die Marke und das Team. Alle Mitarbeiter sind gleich incentiviert: Ausschlaggebend ist der Gewinn der Konstrukteursmeisterschaft, nicht der Fahrerwertung. Das ist die Grundlage unserer Entscheidungsfindung. Auch die Ingenieure und Mechaniker, die einem der Fahrer zugeteilt sind, arbeiten zuallererst für das Team. Beide Seiten der Garage machen jeden Boxenstopp gemeinsam. Alle technischen Daten werden zwischen den Ingenieuren der Fahrer geteilt, damit wir so wettbewerbsfähig wie möglich sein können. Das Motto ist klar: Das beste Team gewinnt, der beste Fahrer gewinnt; und zwar in dieser Reihenfolge.

Viele Gründerinnen und Gründer kämpfen damit, schnell zu wachsen und dabei die Kultur zu bewahren. Lassen sich Prinzipien aus der Formel 1 auf Startups und Scaleups übertragen?

Wir haben seit dem Cost Cap 2021 starkes Wachstum in der Formel 1 gesehen. Wir mussten uns überlegen, ob wir die Geschäftsfelder erweitern wollen, wie wir es etwa mit unserem Engagement im America’s Cup beim Segeln gemacht haben. Der Headcount ist gewachsen, vor allem in den Support-Bereichen außerhalb der technischen und operationellen Hauptbereiche. Aber dann haben wir uns wieder auf unser Kerngeschäft fokussiert, mit einem klaren Ziel: die Formel-1-Weltmeisterschaft zu gewinnen. Und bei jedem neuen Projekt stellen wir uns die Frage: Bringt uns das Projekt diesem Ziel näher, hilft es uns, Rennen und Meisterschaften zu gewinnen?

Wenn die Antwort Ja ist, dann investieren wir in das Projekt; wenn nicht, dann nicht. Ich denke, es geht vor allem darum, das Hauptziel nicht aus den Augen zu verlieren, da mit dem Unternehmenswachstum viele Elemente komplexer werden. Wenn man in einem so kompetitiven Umfeld wie der Formel 1 tätig ist, dann ist das Hauptziel relativ klar. Aber jedes Startup muss sich ein Ziel geben können und dann genau wie wir darauf fokussieren.

Wie treffen Sie strategische Entscheidungen, wenn nicht alle Informationen vorliegen? Gibt es ein Erfolgsgehmeinis?

Mein Freund und Geschäftspartner Niki Lauda hat immer auf die rasche Entscheidungsfindung gepocht – es ist besser, eine mangelhafte Entscheidung jetzt zu treffen, als darauf zu warten, alle Informationen zusammengetragen zu haben, wenn es dann zu spät ist. Man kann Entwicklungen immer noch korrigieren, wenn eine Entscheidung nicht ganz richtig war. Persönlich versuche ich die Upside und Downside bei den großen Entscheidungen zu erkennen: Wenn ich mit der Downside, dem Worst Case, leben kann, dann gibt es keinen Grund, vor der Entscheidung zurückzuschrecken.

Welche Leadership-Lektion hätten Sie gerne früher gelernt?

Meine wichtigste Erfahrung ist wohl, in Konfliktsituationen neugierig zu bleiben, zu versuchen, die Perspektive der anderen Seite zu verstehen, und auch manchmal zu akzeptieren, dass man nicht einer Meinung ist oder unterschiedliche Interessen hat; ein „agree to disagree“ als Ergebnis zu akzeptieren. Bei Leadership geht es ja vor allem darum, andere Menschen zu verstehen, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen, sie mit etwas zu incentivieren, das für sie auch wirklich relevant ist. Nur wer motiviert ist und sich wohlfühlt, kann 100 Prozent geben. Ziele klar formulieren, Mitarbeitern Verantwortung übertragen, ihnen dabei helfen, Herausforderungen zu meistern, und Ergebnisse offen analysieren – das ist meine Arbeitsweise.

Gibt es Ihrer Ansicht nach die eine Eigenschaft, die erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen? Und welche Fähigkeiten werden durch den zunehmenden Einsatz von KI wichtiger?

Das eigene Geschäft verstehen und die Leute kennen und verstehen, mit denen man arbeitet. Ein großes Ziel verfolgen und das Auge fürs Detail, das Gleichgewicht in allen relevanten Bereichen nicht verlieren. KI wird viel in unserer Welt verändern. Aber sie wird hoffentlich vor allem ein Instrument sein, das den Menschen dabei helfen wird, bessere Entscheidungen zu treffen. Die fähigsten Leute werden das Beste aus AI herausholen, die Stärken nutzen und sich von den Gefahren und Schwächen nicht beeinträchtigen lassen. Wir stehen sicher am Anfang einer rasanten Entwicklung, deren Ergebnis kaum vorhersehbar ist.

Und im Rennsport selbst: Kann KI helfen, die Ideallinie, die optimalen Bremspunkte oder das perfekte Setup zu entschlüsseln?

Wo die richtigen Bremspunkte sind, sollten wir eigentlich schon wissen; auch, dass, wenn es regnet, ein Reifen ohne Profil nicht so toll funktioniert. Aber im Ernst: Wir müssen AI zur Entscheidungsfindung einsetzen, wo hochkomplexe Datenmodelle es verlangen. Aber AI wird in keinem Bereich eigenständig entscheiden. Sie wird immer eine Unterstützung für unsere Ingenieure bleiben; zumindest in absehbarer Zeit.

Welche Innovationen aus dem Motorsport könnten in den kommenden Jahren für andere Industrien relevant werden?

Es gibt in der Geschichte viele Beispiele für Technologietransfer, und das geht auch heute weiter. Wir als Industrie lernen gerade viel über Batteriesysteme, über Steuerungselektronik und elektrische Motoren, aber auch über nachhaltige Treibstoffe und innovative Composite-Materialien; alles wichtige Entwicklungsbereiche für die Automobil- und Transportindustrie.

Es gibt aber auch ganz andere Bereiche, die mit dem Fahrzeug an sich nichts zu tun haben. So haben wir etwa vor ein paar Jahren Pionierarbeit beim Einsatz von 5G-Technologie an der Rennstrecke geleistet. Die Formel 1 ist in ihrer Grundcharakteristik interessant für Entwicklungen unterschiedlicher Technologien, weil sie ein sehr kompetitives Umfeld mit einer enorm hohen Entwicklungsgeschwindigkeit bietet. Das ist für Innovation und Entwicklung wertvoll.

Sie sind ja an mehreren Unternehmen beteiligt. Was sind Ihre Kriterien dabei?

Nuki und Instahelp sind ja nicht mehr Startups im eigentlichen Sinn, beide sind profitabel. Nuki macht über 50 Millionen Euro Umsatz und ist Marktführer in Europa; Instahelp hat seit zwei Jahren einen zweistelligen Millionenumsatz und verdient Geld. Unsere Kriterien waren damals, als wir die beiden Firmen mit unseren Partnern in der Up to Eleven, den Brüdern Martin und Jürgen Pansy und René Berger, gegründet haben, dass wir unsere bestehende Kompetenz bei mobiler Kommunikation, die wir mit sms.at und ucp über Jahre aufgebaut hatten, für innovative Geschäftsmodelle einsetzen wollen.

Dass wir direkt in Startups investiert haben, die wir nicht selbst gegründet haben, ist ja schon lang her; das war zu Zeiten von Marchfifteen beziehungsweise ganz vereinzelt vor über 15 Jahren. Das wichtigste Kriterium war jedenfalls immer, dass die Gründer gute Leute waren, denen man vertrauen kann. Einer davon war übrigens Oliver Holle. Auch heute vertrauen wir ihm, und zwar indem wir bei Speedinvest und damit auch weiterhin indirekt in Startups investieren.

Abschließend: Wie sieht bei Ihnen eigentlich ein Sonntag aus, an dem kein Rennen stattfindet?

Meistens bin ich in Italien, an einer Kartstrecke. Da sind Susie und ich dann die größten Fans unseres jungen Sohns. Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen.


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„Es gibt keinen Gründer, der nie einsam war“

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