04.12.2025
THEMENPARTNERSCHAFT

„Es gibt immer Konflikte um gute Leute“

Das richtige Team ist auch im Corporate Venturing das Um und Auf – die Anforderungen sind dabei so vielseitig wie das breite Feld selbst. Franz Zöchbauer, Managing Director Verbund X, Philippe Thiltges, Founder und CEO whataventure, und Christiane Steurer, Partnerin Akela, diskutierten im brutkasten-Talk über die besten Leute, die stärksten Strategien und die notwendige rechtliche Basis für Venture Building, Venture Clienting und Corporate Venture Capital.
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V.l.n.r.: Christiane Steurer, Philippe Thiltges und Franz Zöchbauer | (c) brutkasten / Haris Dervisevic
V.l.n.r.: Christiane Steurer, Philippe Thiltges und Franz Zöchbauer | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Diese Artikel im Rahmen einer Themenpartnerschaft mit den Partnern der brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von November 2025 “Verantwortung” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.

Die brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ is powered by AKELA, Raiffeisen Bank International AG, UNIQA Insurance Group, Mavie Next, Verbund, whataventure — New business. Powered by entrepreneurs. und Wien Energie GmbH.


„Es kommt darauf an“: Diese Antwort auf die Frage, welche Leute es für Corporate-Venturing-Teams braucht, überrascht wenig – denn das breite Feld enthält Ansätze wie Venture Building, Venture Clienting und Corporate Venture Capital (CVC), die alle sehr unterschiedliche Tätigkeiten umfassen und damit auch sehr unterschiedliche Kompetenzen erfordern. Wer gut im Unternehmensaufbau ist, ist nicht zwingend geeignet für Startup-Scouting; wer Expertise im Bereich Risikokapital mitbringt, ist nicht automatisch auch gut in der Produktentwicklung.

„Im Verbund X Accelerator geht es etwa darum, die Verbund-Welt mit der Startup-Welt zu verbinden. Wir brauchen dort also Leute, die sowohl ein gutes Verständnis für Startups haben und mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren können als auch ein gutes Verständnis für die Business Units im Unternehmen haben. Im Venture Building, wo es darum geht, ein Corporate Startup aufzubauen, braucht es dagegen richtige Unternehmer“, sagt Franz Zöchbauer.

Intern oder extern?

An diesen Anforderungen entscheide sich auch, ob man die richtigen Leute eher intern oder extern finde. „Im Accelerator sind es oft Personen aus dem Unternehmen, die das interne Wissen haben, um die beiden Welten zu verbinden. Die Unternehmer-Persönlichkeiten im Venture Building kommen dagegen oft von außen, weil klassische Corporate-Mitarbeiter selten dieses Mindset mitbringen. Im Team braucht es dann aber auch Leute mit Domain-Expertise, wo sich wieder Mitarbeiter aus dem Corporate anbieten.“ Auch im dritten Feld, Corporate Venture Capital, komme es auf eine „gute Mischung“ aus Verständnis für die Anforderungen des Unternehmens und Venture-Capital-Expertise, die eher extern zu finden sei, an.

Philippe Thiltges stimmt zu und erzählt aus seiner Domäne: „Wenn man ein Venture-Building-Team mit rein oder überwiegend internen Personen zusammenstellt, dann nimmt man die Kultur aus dem Corporate in das Innovationsprojekt bzw. das Venture mit. Typischerweise möchte man dort aber eher eine Startup-Kultur, die durch eine höhere Risikobereitschaft geprägt ist.“ Interne Expert:innen würden dagegen notwendiges Technologie- und Produkt-Know-how einbringen.

Und muss man um die besten Köpfe – intern wie extern – auch manchmal kämpfen? „Es gibt immer Konflikte um gute Leute, aber so ist das Leben“, sagt Franz Zöchbauer. Gerade intern sei es aber wichtig, solche Wechsel zu ermöglichen; denn wenn sich jemand im Unternehmen nicht weiterentwickeln könne, verliere man ihn letztlich viel eher nach außen.

Die Krux mit der Beteiligung

Und das ist freilich nicht die einzige Maßnahme, wenn es um das Halten der besten Mitarbeiter:innen geht. Ein großes Thema ist und bleibt Mitarbeiter:innenbeteiligung; diese ist jedoch im Corporate-Venturing-Kontext noch etwas schwieriger umzusetzen als in anderen Unternehmen, wie Akela-Partnerin Christiane Steurer erläutert: „Das große Thema in der Mitarbeiterbeteiligung ist die ‚Dry Income‘-Problematik, also dass sich das Vermögen auf Mitarbeiterseite erhöht und Steuern anfallen, ohne dass Cash geflossen ist.“

Die 2024 in Österreich parallel mit der neuen Gesellschaftsform FlexCo eingeführten „Unternehmenswertanteile“, die im Einkommensteuergesetz geregelt sind, würden dieses Problem zwar theoretisch lösen, indem laut Regelung Steuern erst beim Exit anfallen (also wenn tatsächlich Geld fließt). Aber: „Wenn das Unternehmen in einen Konzernabschluss einbezogen ist – bzw. auch nur ein Anteilseigner, der mehr als 25 Prozent am Unternehmen hält, in einen Konzernabschluss einbezogen ist –, fällt diese steuerliche Begünstigung weg. Das führt das gesamte Modell der Unternehmenswertanteile für dieses Unternehmen ad absurdum“, so Steurer.

Kurz: Für Corporates und auch für Corporate Startups, selbst wenn diese als FlexCo gegründet wurden, ist das 2024 eingeführte System nicht geeignet. „Das bedeutet, dass sie einmal mehr auf die altbewährten Ausweichmöglichkeiten wie Virtual Shares und Phantom Stock Option Plans zurückgreifen müssen“, resümiert die Juristin.

Philippe Thiltges steht der Incentivierung durch diese Form der Mitarbeiter:innenbeteiligung im Venture-Building-Kontext aber auch skeptisch gegenüber: In der Führungsebene von Corporate Startups zeige es oft große Wirkung, wenn die Personen Anteile nicht einfach erhalten, sondern dafür einzahlen und somit selbst ein Risiko tragen – Stichwort: „Skin in the Game“. „Aus der Erfahrung wissen wir, dass es ein krasser Unterschied ist, ob jemand im Worst Case einen Vorteil verliert oder wirklich investiert ist. Der kämpft dann viel hartnäckiger, wenn es hart auf hart kommt“, so Thiltges. Doch er räumt ein: „Da reden wir von 50.000 bis 500.000 Euro Investment. Dafür muss die Opportunity entsprechend attraktiv sein. Man zahlt keine 100.000 Euro in eine bloße Idee ein. Da muss schon die Umsatzmillion da sein und aufgezeigt werden, dass es 100 Millionen Umsatz werden können.“

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Wiewohl die Debatte rund um den Klimawandel in den vergangenen Jahren nachweislich leiser geworden ist, bleibt die Energiewende großes Ziel – in Österreich und Europa alleine schon wegen der brandaktuellen Frage der Souveränität. Dabei versteht man unter Energiewende keineswegs weltweit das selbe, meint Angela Wilkinson, Secretary General und CEO des World Energy Council (WEC) im Interview.

Wir trafen die Chefin der in London ansässigen Dach-Organisation, die über 3.000 Partner-Organisationen in mehr als 100 Ländern hat, beim Verbund Venture Day 2026 an der WU Wien, wo sie auch eine Keynote hielt und an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Ihre Kernaussage: Die Menschheit brauche in der Energiewende eine positive gemeinsame Vision.


brutkasten: Was macht das World Energy Council eigentlich genau?

Angela Wilkinson: Das World Energy Council wurde vor 100 Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs gegründet. Die ursprüngliche Mission lautete: Wie verhindern wir am Ende der großen Weltreiche eine Situation, in der Nationalstaaten wegen knapper Ressourcen gegeneinander Krieg führen? Das sind die Wurzeln unserer Organisation. Seit 100 Jahren arbeiten und wachsen wir als globale Gemeinschaft – ein verteiltes Netzwerk aus Expertinnen und Experten, Entscheidungsträgern, Unternehmern und Innovatoren, die eine gemeinsame Mission teilen: mehr und bessere Energie für alle Menschen auf der Welt.

Wie kann man sich die konkrete Arbeit des WEC vorstellen?

Wir haben drei Hauptaktivitäten: Erstens erstellen wir Berichte – keine rein technischen Datenstudien wie die IEA (Anm. Internationale Energieagentur), sondern nutzen eigene Frameworks wie den „World Energy Trilemma“-Ansatz. Damit erfassen wir praktische Erfahrungen aus verschiedenen Ländern dazu, wie Regierungen Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit bei der Gestaltung ihrer Energiesysteme in Einklang bringen. Wir analysieren Praxisbeispiele, um Märkte und Politiken zu verbessern.

Zweitens organisieren wir Veranstaltungen: Wir bringen unsere Gemeinschaft aus 120 Ländern zusammen. Unser nächster World Energy Congress findet vom 26. bis 29. April 2027 in Riad statt und führt über 100 Ministerinnen und Minister, mehr als 5.000 CEOs und rund 18.000 Teilnehmende zusammen. Angesichts der globalen Elektrifizierungswelle untersuchen wir, was das System zusammenhält – von Verträgen über Vertrauen, Narrative und Daten bis hin zur Infrastruktur. Wir agieren dabei technologieagnostisch.

Drittens betreiben wir Community Building: Nachhaltige Veränderungen erfordern echte Gemeinschaften. Wie hier beim Ökosystem von Verbund X schafft eine Gemeinschaft das nötige Vertrauen für konstruktive Debatten und arbeitet pragmatisch mit den vorhandenen Stärken, statt in polarisierte Diskussionen zu verfallen.

Sie haben in Ihrer Keynote gesagt, es gebe weltweit recht klare Ziele für die Energiewende, aber es fehle an einer positiven Vision. Können Sie das näher ausführen?

Energiewende ist zu einem der am meisten missverstandenen Begriffe geworden. Europäer verstehen darunter den Verzicht auf fossile Brennstoffe, Golfstaaten das Eliminieren von Treibhausgasemissionen, während man in den USA den Begriff derzeit überhaupt meidet und lieber von „Energieüberfluss“ spricht. Die Realität ist jedoch: Energie ist das Betriebssystem und das Fundament des Ökosystems unserer Zivilisation. Wir sprechen meist nur darüber, was die Zukunft nicht sein soll. Wir führen aber keine inspirierende Debatte mit den Menschen auf der Straße darüber, welche neuen Möglichkeiten ihr Leben verbessern können. Die Energiewende wird zu sehr als Geschichte von Verzicht und Leiden dargestellt.

Sie meinten in Ihrer Keynote auch, es brauche die Aktivierung noch nicht vorhandener Nachfrage…

Es geht darum, Nachfrage als aktiven Gestalter der Energiewende einzubinden, statt nur als deren Folge. Ein Beispiel: Meine 26-jährige Tochter arbeitet in der Modeindustrie und hat per se keinen Bezug zur Energie; aber Branchen wie die Bekleidungsindustrie besitzen reale Stellschrauben. Anstatt nur über Erzeugung, Übertragung und Speicherung zu sprechen und den Endverbraucher zu vernachlässigen, müssen wir in der Energiebranche vom konkreten Nutzen für das tägliche Leben der Menschen aus denken. Wenn Menschen verstehen, wie Energie ihr Leben verbessert, begreifen sie auch deren Wert. Wir brauchen eine Geschichte der Möglichkeiten aus dem Alltag heraus und keine reine Technologie-Story von oben.

Sie sagten in Bezug auf die Energiewende auch: „Moleküle werden bleiben.“ Wie lautet dazu Ihre Prognose?

Selbst wenn wir das Ziel von 50 bis 60 Prozent Elektrifizierung bis 2050 erreichen, bleiben 40 Prozent übrig. Meine Wette gilt sauberen Molekülen – sei es durch CO2-Abscheidung, dekarbonisierte Barrels oder wasserstoffbasierte Treibstoffe. Flüssige und gasförmige Brennstoffe bieten eine Transportfähigkeit, Energiedichte, saisonale Speichermöglichkeit und Flexibilität, die Elektronen und Batterien schlicht nicht haben. Die Zukunft gehört einer Kombination aus Elektronen, Molekülen und Qubits.

Als CEO des World Energy Council haben Sie eine globale Perspektive. Welche Rolle spielen Europa und speziell Österreich in diesem globalen System?

Österreich verfügt mit Initiativen wie dem Verbund X Accelerator über ein starkes Innovations-Ökosystem. Meine Aufgabe besteht darin, solche lokalen Innovatoren auf die globale Bühne zum World Energy Congress zu bringen, damit verschiedene Regionen voneinander lernen können. Verbund X hat Gegenstücke in vielen Ländern. Bottom-up-Initiativen sind hervorragend, aber Bottom-up und Top-down müssen sich treffen, um echte Wirkung zu entfalten.

Zum Abschluss: Wie würden Sie in sehr wenigen Worten die wichtigsten Maßnahmen beschreiben, um die von ihnen skizzierte Vision umzusetzen?

In zwei Begriffen: Energy Literacy und Energy Fluency. Die meisten der neun Milliarden Menschen verstehen das Energiesystem nicht und wissen nicht, woher ihre Energie kommt. Selbst wenn ich in Europa Energieexperten frage, wie viel Energie sie verbrauchen, können es viele nicht beantworten. Wenn wir nicht einmal unseren eigenen Energieverbrauch benennen können – was verwalten wir dann überhaupt?

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