19.03.2026
KSV1870-STATISTIK

Erstmals seit Jahren leichter Rückgang bei Insolvenzen – mit deutlichem Schönheitsfehler

Die aktuelle Hochrechnung des KSV1870 für das erste Quartal 2026 zeigt einen moderaten Rückgang der Unternehmensinsolvenzen um sechs Prozent. Eine Trendumkehr sieht man beim Kreditschutzverband aber noch nicht. Und immer mehr Unternehmen fehlt das notwendige Kapital, um überhaupt ein ordentliches Insolvenzverfahren einzuleiten.
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Firmeninsolvenzen - Pixelrunner - Ein Bild zeigt das Wort
Symbolbild Insolvenz (c) Adobe Stock / Pixel-Shot

Nach konstanten Anstiegen bei den Unternehmensinsolvenzen in den vergangenen Jahren zeichnet sich in der österreichischen Wirtschaft eine leichte Entspannung ab – zumindest bei der reinen Anzahl der Insolvenzfälle. Laut der aktuellen Hochrechnung des KSV1870 mussten im ersten Quartal 2026 insgesamt 1.687 Unternehmen Insolvenz anmelden. Das entspricht einem Rückgang von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Schnitt sind damit täglich knapp 19 Firmen von einer Pleite betroffen.

Trotz dieser positiven Tendenz warnt Karl-Heinz Götze, Leiter KSV1870 Insolvenz, vor verfrühtem Optimismus. Er sehe zwar einen „positiven Funken“. Doch „nichtsdestotrotz ist es deutlich zu früh, von einer Trendumkehr zu sprechen, zumal gerade in den vergangenen Wochen neue Krisenherde aufgetreten sind, die Potenzial haben, negativen Einfluss auf die heimische Wirtschafts- und Insolvenzentwicklung zu nehmen“, so Götze.

Mehr als 40 Prozent der Verfahren mangels Masse nicht eröffnet

Ein besonders kritischer Punkt im Bericht des KSV1870 ist die Qualität der Insolvenzen. Während die Zahl der tatsächlich eröffneten Verfahren um zwölf Prozent sank, stieg die Zahl der Nichteröffnungen mangels Masse um fünf Prozent an. Mittlerweile machen diese Fälle 41 Prozent aller Unternehmensinsolvenzen aus.

Das bedeutet konkret: Vier von zehn insolventen Unternehmen fehlt das Mindestvermögen von 4.000 Euro, um die Kosten des Verfahrens zu decken. Für den Wirtschaftsstandort sei das ein Problem, meint man beim KSV1870. „Wenn die Zahl der nicht eröffneten Verfahren steigt, steigen die finanziellen Verluste der Gläubiger noch weiter, da eine professionelle Aufarbeitung dieser Fälle nicht mehr möglich ist“, sagt Götze. Er sieht hier den Gesetzgeber gefordert, warnt jedoch vor Maßnahmen, die „gesunde“ Unternehmen zusätzlich belasten könnten, wie dies etwa mit dem im Jänner verabschiedeten Betrugsbekämpfungsgesetz 2026 passiert sei.

Weiterhin „Benko-Effekt“ bei den Passiva

Die vorläufigen Passiva sanken im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum ersten Quartal 2025 um 23,6 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro. Diese Summe ist jedoch stark verzerrt- wie schon öfter in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit der Signa-Pleite: Rund die Hälfte der gesamten Schulden entfällt auf einen einzigen Fall – die Insolvenz der Laura Privatstiftung (im Umfeld von Ingeborg und René Benko) mit Passiva von rund einer Milliarde Euro. Ohne diesen Mega-Fall lägen die österreichweiten Passiva bei nur 933 Millionen Euro, was einem Rückgang von 64 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprechen würde.

Neben der Laura Privatstiftung gab es weitere „kleinere“ Großinsolvenzen, allen voran die LL-resources GmbH (131 Mio. Euro Passiva), Domaines Kilger (82 Mio. Euro) und Mediashop (46 Mio. Euro).

Branchen und Bundesländer

Ein Blick auf die Branchen zeigt ein zweigeteiltes Bild. Während die „Sorgenkinder“ der Vorjahre, der Handel (272 Fälle, minus 10 Prozent) und das Baugewerbe (240 Fälle, minus 14 Prozent), spürbare Rückgänge verzeichnen, verschärft sich die Lage in der Gastronomie und Beherbergung (226 Fälle, plus 14 Prozent).

In der Aufschlüsselung nach Bundesländern zeigt sich eine starke Divergenz. Kärnten verzeichnete mit einem Plus von 29,9 Prozent den deutlichsten Zuwachs an Insolvenzen; Salzburg meldete mit einem Minus von 32,5 Prozent den stärksten Rückgang. Wien bleibt mit 638 Fällen der absolute Hotspot des Insolvenzgeschehens, verzeichnete aber einen leichten Rückgang von 7,5 Prozent.

Unsichere Prognose für den Rest des Jahres

Für das restliche Jahr 2026 bleibt der KSV1870 vorsichtig. Globale Spannungen wie der Konflikt im Nahen Osten und der Handelsstreit zwischen Europa und den USA seien unberechenbare Faktoren. Dennoch geht der Verband aktuell davon aus, dass das Vorjahresniveau bei den Fallzahlen bis zum Jahresende wohl nicht überschritten wird. „Aus heutiger Sicht erwarten wir im Jahresverlauf keine eklatanten Verschiebungen bei den Fallzahlen der Unternehmensinsolvenzen“, so Götze.

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Die Eye-Tracking-Brille von Viewpointsystem kommt im Rahmen des EU-Projekts Manufactor in der Industrie zum Einsatz | (c) viewpointsystem
Die Eye-Tracking-Brille von Viewpointsystem kommt im Rahmen des EU-Projekts Manufactor in der Industrie zum Einsatz | (c) viewpointsystem

Einarbeitungszeiten um mehr als 35 Prozent und Fertigungsfehler um 20 Prozent reduzieren; gleichzeitig das Vertrauen der Mitarbeitenden in die eigenen Fähigkeiten um mehr als 20 Prozent steigern und die körperliche und mentale Belastung senken – das sind die ambitionierten Ziele des Projekts Manufactor.

Mit sechs Millionen Euro von Horizon Europe gefördert

14 Partner aus zehn EU-Ländern sind daran beteiligt, darunter Universitäten wie TU Darmstadt (Deutschland) und Universität Uppsala (Schweden), Industriebetriebe wie Hitachi Energy Sweden und Volkswagen Autoeuropa (Portugal) und Startups wie u-sense.it (Italien) und Viscando (Schweden). Mit dem oberösterreichischen Maschinenbauer Fill und dem Wiener Datenbrillen-Startup Viewpointsystem sind auch zwei österreichische Unternehmen bei dem im Rahmen von Horizon Europe mit sechs Millionen Euro geförderten EU-Projekt dabei.

Zusammenführung mehrerer Technologien

Um die zuvor genannten Ziele zu erreichen, sollen im Rahmen des auf drei Jahre angesetzten Forschungs- und Entwicklungsprojekts mehrere Technologien zusammengeführt werden und ein validierter Prototyp entstehen: tragbare Sensoren, XR-Brillen, Eye Tracking, 3D-Bildsensoren, KI-Agenten und Human Digital Twins. „Zusammen liefern sie Informationen über die körperliche und kognitive Situation der Mitarbeitenden und ermöglichen eine situationsgerechte Unterstützung direkt am Arbeitsplatz. Im Mittelpunkt stehen dabei der Mensch und die Frage, wie Technologie ihn bei seiner Arbeit bestmöglich unterstützen kann“, heißt es von Projektpartner Viewpointsystem in einer Aussendung.

Vom Eye-Tracking zum „Human Digital Twin“

Das Wiener Startup steuert als einer von vier zentralen Technologiepartnern eine Weiterentwicklung seiner Eye-Tracking-Brille bei. Die Eye-Tracking- und Kameradaten der Brille sollen im Projektverlauf mit weiteren Sensordaten zusammengeführt werden. Daraus soll ein Echtzeitbild der körperlichen und kognitiven Situation von Mitarbeitenden, also ein sogenannter „Human Digital Twin“ entstehen. KI-Agenten sollen diese Informationen dann nutzen, um die Unterstützung an die jeweilige Situation anzupassen, etwa durch Audioanweisungen oder direkt in der XR-Brille eingeblendete Informationen.

„KI kann ihre Unterstützung an die Person und die jeweilige Situation anpassen“

„Wirklich adaptive Unterstützung beginnt damit, den Menschen hinter der Aufgabe zu verstehen. Eye Tracking gibt uns in Echtzeit Aufschluss über die Aufmerksamkeit und kognitive Belastung eines Menschen“, erklärt Frank Linsenmaier, CTO von Viewpointsystem. „Auf dieser Grundlage kann KI ihre Unterstützung an die Person und die jeweilige Situation anpassen und damit über eine reine Automatisierung von Assistenz hinausgehen.“

Test in der Next World Factory von Fill

Getestet wird das unter anderem bei Industriepartner Fill, konkret im firmeneigenen Ausbildungs- und Lernzentrum Next World Factory. Im Projekt soll untersucht werden, wie adaptive, KI-gestützte Assistenz den Kompetenzerwerb beschleunigen und die sichere Anwendung im Arbeitsalltag unterstützen kann. Martin Muik, Forschung und Entwicklung bei Fill, nennt auch den Fachkräftemangel als Grund für das Projekt. „Mit Manufactor wollen wir erproben, wie intelligente Assistenz das Lernen individueller, effizienter und motivierender gestalten und Menschen dabei unterstützen kann, ihr Potenzial bestmöglich zu entfalten.“

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