27.04.2026
NACHLESE | FOLGE 6

Erfolgsfaktoren von KI-Projekten: „Mut, vielleicht nicht die perfekte Lösung zu haben“

Nachlese. In der neuen Folge von "No Hype KI" wird diskutiert, warum erfolgreiche KI-Projekte nicht nur von Technologie und Daten abhängen, sondern auch von Change-Management, Mut und einer klaren Problemdefinition.
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vl. Moritz Mitterer (ITSV), Kathrin Freihofner (straion), Christian Casari (ONTEC AI) und Hannes Kaufmann (KEBA) | (c) brutkasten
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„No Hype KI“ wird unterstützt von ACPEYITSVKEBA GroupLenovoMicrosoftONTEC AI und der Universität Graz.


„KI ist so eine Silverbullet, von der man glaubt, sie löst alles. Das ist natürlich nicht so. Es ist ein ganz normales Projekt und da gehört auch ganz viel harte Arbeit dazu“, sagt Christian Casari, Head of AI Partnerships & Sales bei ONTEC AI. Aber worin besteht diese harte Arbeit genau? Die Erfolgsfaktoren für die Umsetzung von KI-Projekten im Unternehmen waren das Thema der sechsten Folge der aktuellen Staffel der brutkasten-Serie „No Hype KI“.

Wie transformierend solche Projekte sein können, illustriert Casari an einem Verlagshaus, das sich durch den Einsatz von KI-Agenten wandelte. Basierend auf 20.000 kuratierten Fachartikeln einer Apotheken-Fachzeitschrift beantwortet ein Chatbot nun medizinische Nutzerfragen, etwa zu Medikamenten-Wechselwirkungen, wodurch sich das Unternehmen laut Casari „von einem Informationsdienstleister zu einem Service Provider“ weiterentwickelt.

Die Illusion der perfekten Daten und der 100-Prozent-Automatisierung

Doch der Weg zu derart neuen Geschäftsmodellen ist oftmals steinig, nicht zuletzt wegen der eigenen Datenbasis. In der Praxis sei das Warten auf den perfekten Datensatz laut Casari oft nur eine Ausrede; man müsse mit den vorhandenen Daten starten und diese iterativ verbessern. Dennoch darf der initiale Aufwand nicht unterschätzt werden. Katrin Freihofner, Co-Founderin des Linzer Startups Straion, das Unternehmen mit seiner Plattform hilft, KI-generierten Code gemäß Firmenrichtlinien zu nutzen, gibt offen zu: „Wir haben uns das wesentlich einfacher vorgestellt, Daten zu sammeln. Es braucht viel Bereinigung, damit wir sie wirklich verwenden können.“

Neben der Qualität entscheidet auch die bloße Menge der Daten über Erfolg oder Misserfolg. Hannes Kaufmann, CTO von KEBA Digital, erinnert sich an ein frühes Projekt zur Predictive Maintenance bei Bohrspindeln. Dieses Unterfangen sei schlichtweg daran gescheitert, dass es in der Praxis zu wenige Fehlerfälle – also tatsächliche Bohrbrüche – gab, um das Modell mit ausreichend Trainingsdaten zu füttern.

Auch bei den Erwartungen an die Technologie selbst ist Realismus gefragt. Moritz Mitterer, Aufsichtsratsvorsitzender der ITSV und Generaldirektor-Stellvertreter der ÖGK, erzählt über ein KI-Projekt, in dem jährlich über zehn Millionen Wahlarztrechnungen verarbeitet werden. Obwohl das System seit 2017 im Einsatz ist, habe man keine absolute Vollautomatisierung erreicht. Mitterer bewertet die Situation pragmatisch: „Haben wir Vollautomatisierung? Nein. Aber haben wir einen wesentlich besseren Prozess? Ja. Und das war es eigentlich schon wert“.

Der Faktor Mensch als Zünglein an der Waage

Selbst wenn Datenlage und Automatisierungsgrad stimmen, steht und fällt der Erfolg mit der Belegschaft. Laut Mitterer durchlaufen die Mitarbeitenden klassische Phasen des Change-Managements – von der anfänglichen Verunsicherung bis hin zum Vertrauensaufbau. Eine Anekdote aus seinem Haus verdeutlicht das: Zu Beginn hätten sich Sachbearbeiter:innen sogar gefreut, wenn die KI einen Fehler machte, da sie so ihre eigene Expertise und Unverzichtbarkeit bestätigt sahen.

In der Softwareentwicklung verhält es sich mit der Skepsis ähnlich. Kaufmann rät Führungskräften dazu, ihre Entwickler:innen gezielt dort abzuholen, wo der Leidensdruck am höchsten ist: „Man kann die Entwickler eigentlich mit lästigen Aufgaben abholen, die sie nie machen wollen, wie Unit-Tests oder Dokumentationen“. Wenn der Zeitgewinn spürbar werde, steige die Akzeptanz ganz von selbst. Freihofner nennt einen weiteren psychologischen Hebel für mehr Zustimmung im Team: „Ein wichtiger Faktor ist, dass die Mitarbeitenden die Tools selbst auswählen dürfen und auch zwischen mehreren wählen können, um wirklich ihren Toolstack ganz persönlich zur Verfügung zu haben“.

Make or Buy: Eine strategische Weichenstellung

Eng verbunden mit den personellen Ressourcen ist die weitreichende Frage, ob KI-Lösungen selbst entwickelt („Make“) oder eingekauft („Buy“) werden sollten. Für die österreichische Sozialversicherung ist diese Antwort stark von Regulierungen getrieben: Aufgrund sensibler Gesundheitsdaten und einer extrem hohen Fehlerintoleranz setzt Mitterer bei Kernprodukten auf Eigenentwicklungen im eigenen Haus.

Für mittelständische Unternehmen warnt Casari jedoch vor zu viel Eigenbau bei generalistischen Systemen. Ohne dediziertes KI-Team funktioniere vielleicht ein erster Prototyp, der Weg in den stabilen, produktiven Betrieb sei jedoch eine „ganz andere Nummer“, die oftmals scheitere. Kaufmann differenziert hierbei für die Industrie: Wenn Unternehmen über eigene Data-Science-Teams verfügen, könnten selbsttrainierte Modelle gegenüber Standardlösungen durchaus „die letzten Prozent Mehrwert“ liefern. Dies setze jedoch ein tiefgreifendes Verständnis für den IT-Betrieb und die Wartung der Modelle voraus.

Pragmatismus statt Perfektionismus

Aus all dem leiten sich auch klare Handlungsempfehlungen ab. Technologie darf, so der Konsens der Diskutant:innen, kein Selbstzweck sein. Freihofner warnt eindringlich davor, in technologischen Aktionismus zu verfallen: „Man sollte sich sehr genau überlegen, bevor man ein Projekt anfängt, was wirklich das Problem ist, das man lösen möchte, und nicht krampfhaft alles mit KI lösen“. Es brauche außerdem einen nutzerzentrierten Ansatz, der sich in kleinen, iterativ erreichbaren Zwischenerfolgen beweisen muss, um die Motivation hochzuhalten, meint Casari. Und er spricht einen Appell für mehr Umsetzungswillen aus: Um die Potenziale der Technologie überhaupt heben zu können, brauche es schlichtweg den „Mut, vielleicht nicht die perfekte Lösung zu haben“.

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USB-Stick Erfinder Dov Moran im Interview. (c) LinkedIn/Dov Moran

Mit der Gründung von M-Systems und der Erfindung des USB-Flash-Laufwerks sowie revolutionärer Speicherlösungen schrieb der israelische Halbleiter-Pionier Dov Moran Technologiegeschichte, bevor er sein Unternehmen für rund 1,6 Milliarden US-Dollar an SanDisk verkaufte. Heute lenkt er als Managing Partner beim Deep-Tech-Fonds Grove Ventures als einer der angesehensten Tech-Investoren Israels die Zukunft von KI, Halbleitern, Cloud-Infrastruktur und digitaler Gesundheit.

Der Tech-Pionier und Investor erklärt im Interview, dass im aktuellen KI-Boom vor allem die physische Infrastruktur entscheidend ist und sich Europa statt auf Defense-Tech auf Nischen wie Quantentechnologie konzentrieren sollte. Darüber hinaus empfiehlt er staatliche Unternehmensbeteiligungen nach taiwanesischem Vorbild sowie eine Kultur, die echten Gründergeist und Mut zum Risiko fördert.

brutkasten: Sie haben geholfen, mit dem USB-Flash-Laufwerk eine der am weitesten verbreiteten Technologien der Welt zu erfinden. Wenn Sie zurückblicken: Was unterscheidet bahnbrechende Innovationen von Technologien, die niemals skalieren?

Dov Moran: Zunächst einmal ist der USB-Stick heute ein totes Produkt. Nur noch sehr wenige Menschen benutzen ihn, aber genau das ist das Wesen von Technologie: Man baut etwas auf, und das dient dann als Fundament für etwas Fortschrittlicheres. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich einen kleinen Teil zu dieser Infrastruktur beitragen konnte.

Bei M-Systems haben wir damals allerdings noch andere Dinge erfunden, die ich für fast noch wichtiger halte, auch wenn sie für Endkunden weniger sichtbar waren. Damals gab es zwei Arten von Flash-Speicher: NAND-Flash für reine Daten und NOR-Flash – dominiert von Intel und AMD –, um den Code für das Betriebssystem zu speichern. Das gesamte Marktkonzept sah vor, dass jedes System beide Komponenten benötigt. Wir haben damals eine technologische Lösung gefunden, um den NOR-Flash komplett zu eliminieren und den Code direkt in den NAND-Flash zu integrieren. Unser Weg, dieses Problem zu lösen, hat das NOR-Flash-Geschäft für Intel und AMD grundlegend verändert, aber gleichzeitig in jedem einzelnen Telefon auf der Welt den Platzbedarf reduziert und etwa drei Dollar pro Gerät gespart. Bei rund einer Milliarde produzierten Telefonen pro Jahr haben wir der Welt somit jährlich drei Milliarden Dollar eingespart.

Welche Technologie erinnert Sie heute am meisten an die Anfangstage des Flash-Speichers?

Ich denke, wir sehen derzeit eine grundlegende Wende auf dem Markt – weg von einer rein softwaregetriebenen Welt hin zu einer Welt der Infrastruktur. Marc Andreessen sagte einmal: „Software eats the world.“ Heute geht es jedoch vor allem darum, die richtige Hardware- und Infrastrukturbasis zu schaffen: Wir brauchen die richtigen CPUs, wir müssen das enorme Problem des Energieverbrauchs und der Kühlung lösen und wir müssen Rechenzentren bauen, die deutlich effizienter und effektiver sind.

Was heute an Infrastruktur existiert, kann die weltweite Nachfrage schlichtweg nicht bedienen, wenn bald jeder Mensch KI nutzt, forscht und eigene Agenten baut. Wenn auch nur zehn Prozent der Bevölkerung anfangen, intensiv KI-Agenten zu bauen und zu nutzen, würden unsere heutigen Systeme zusammenbrechen. Die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz steht genau vor solchen fundamentalen technologischen Skalierungsaufgaben.

Alle sprechen über KI. Wo sehen Sie die größten Chancen jenseits der aktuellen KI-Welle beziehungsweise wo sollte sich Europa positionieren?

KI ist eine gewaltige Revolution, die das Leben aller Menschen beeinflussen wird – vom Reinigungspersonal bis hin zum Leiter einer Onkologie-Abteilung, dessen Diagnostik und Behandlungsweisen sich grundlegend verändern werden. Eine so große Transformation bringt natürlich für jeden enorme Chancen mit sich – für Einzelpersonen, Krankenhäuser, das Bildungswesen und für ganze Staaten.

Wenn ein Land wie Österreich entscheidet, in diesen Markt zu investieren, sollte der Fokus auf der Infrastrukturebene oder auf sehr gezielten Nischen liegen, nicht auf reinen Anwendungen. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass Österreich versuchen sollte, im Bereich Defense Tech zu konkurrieren. Dieser Markt erfordert gewaltige Kapazitäten, riesige Budgets und spezifisches Know-how, wie es in den USA oder aufgrund ständiger Konflikte in Israel und der Ukraine existiert.

Man muss Nischen finden, in denen man wirkliche Wettbewerbsvorteile aufbauen kann. Das könnte zum Beispiel die Quantentechnologie sein, die Kombination aus Gesundheitswesen und KI oder hochentwickelte Sensorik für eine bessere medizinische Überwachung von zu Hause aus.

Israel bringt trotz seines relativ kleinen Marktes kontinuierlich globale Technologie-Champions hervor. Was erklärt diesen Erfolg und wie wird Unternehmertum dort gefördert?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Erfindern, Unternehmern und operativen Managern. Viele Erfinder kommen von Universitäten, aber selbst die beste Erfindung oder das beste Patent scheitert, wenn man nicht weiß, wie man ein Unternehmen führt und skaliert. Ich bin der festen Überzeugung, dass Unternehmertum und Innovation viel früher im Bildungssystem verankert werden müssen – spätestens an den weiterführenden Schulen.

Das Bildungssystem muss weg vom reinen Frontalunterricht und Auswendiglernen, hin zu echter Interaktion, Teamwork und praktischer Projektarbeit. Ich bin selbst Verwaltungsratsmitglied einer 150 Jahre alten jüdischen Schulkette namens ORT. Um den Schülern dieses Denken nahezubringen, habe ich ein Buch über Unternehmer geschrieben, das nach jedem Kapitel Diskussionsfragen aufwirft. Ich beginne darin mit Abraham als dem „ersten jüdischen Unternehmer“, der den Monotheismus erfunden hat.

Im Talmud gibt es die Geschichte, dass Abraham die Götzenstatuen im Laden seines Vaters zerstörte, weil er die Logik dahinter hinterfragte, und danach seine Heimat verließ, um ins Ungewisse nach Israel zu ziehen. Genau das passiert vielen Gründerinnen und Gründern: Sie haben eine Vision, jeder sagt ihnen, dass es unmöglich ist, und sie müssen bereit sein, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, um ihr Ziel zu erreichen. Schüler müssen lernen, solche kritischen Fragen zu diskutieren: Was bedeutet es, ins Ungewisse zu gehen? Ist Unternehmertum immer gut oder birgt es auch Risiken? Diese mentale Vorbereitung ist die Basis für eine Innovationskultur.

Was kann Europa und speziell ein Land wie Österreich von der israelischen Innovationskultur und anderen globalen Vorreitern lernen?

Zunächst einmal können auch wir viel von Europa lernen – zum Beispiel, wie man ein Land so lebenswert und friedlich gestaltet. Was die Förderung von Technologie betrifft, lohnt sich für Europa jedoch ein Blick nach Taiwan, speziell auf das ITRI-Institut (Industrial Technology Research Institute).

Der Staat dort verteilt nicht einfach nur passiv Fördergelder an Unternehmen, was oft nicht der klügste Weg ist. Stattdessen definieren kluge Köpfe alle paar Jahre strategische Zukunftsmärkte. So wurde vor Jahrzehnten entschieden, dass der Bau von Halbleiterwerken entscheidend sein wird, woraufhin man gezielt den Gründer von TSMC aus den USA zurückholte. Heute hängt die gesamte Weltwirtschaft von TSMC ab, was für Taiwan zugleich ein enorm starkes sicherheitspolitisches Instrument ist.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist, wie Staaten investieren: Wenn staatliche Innovationsbehörden Unternehmen mit Kapital unterstützen, sollten sie dafür im Gegenzug auch Unternehmensanteile (Equity) erhalten, anstatt nur verlorene Zuschüsse zu verteilen. Der Staat sollte sich als stiller Gesellschafter beteiligen, sich nicht in das operative Tagesgeschäft einmischen, aber bei einem erfolgreichen Exit sein Geld inklusive Rendite zurückerhalten. So kann ein Staat mit Innovation tatsächlich Geld verdienen, das wieder in das Ökosystem zurückfließen kann.

Welchen Rat würden Sie Gründern geben, die heute in Europa Deep-Tech-Unternehmen aufbauen?

Schauen Sie sich genau an, wer in der aktuellen Marktphase wirklich Geld verdient. Im KI-Bereich verlieren viele Software- und Anwendungsunternehmen derzeit Milliarden, während diejenigen, die die Infrastruktur und Hardware bereitstellen – wie Nvidia oder TSMC als deren Auftragsfertiger –, enorm erfolgreich sind.

Wir erleben eine Wende: Es reicht nicht mehr aus, nur auf reine Software-Anwendungen zu setzen. Die wahren Deep-Tech-Chancen liegen heute in der Lösung fundamentaler physischer und technischer Probleme – sei es bei der Energieeffizienz, der Kühlung von Rechenzentren, fortschrittlichen Halbleitern oder auch in der Weltraumtechnologie (Space Tech). Wenn Sie ein Unternehmen aufbauen, fokussieren Sie sich auf diese harten Infrastruktur- und Technologieprobleme, die die Welt zwingend lösen muss.

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