23.12.2025
EXPERIMENT

Leben mit einem humanoiden Roboter: „Ich würde es nicht empfehlen“

Interview. Die Forscherin Emily Kate Genatowski hat ein Experiment gestartet: Sie lebt ein Jahr mit einem humanoiden Roboter zusammen. Im brutkasten-Interview spricht sie über ihre Erfahrungen - und deren breitere gesellschaftliche Bedeutung.
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Emily Kate Genatowski auf der TEDAI Vienna
Emily Kate Genatowski auf der TEDAI Vienna | Foto: TEDAI Vienna

In ihrer Wiener Wohnung hat die Forscherin Emily Kate Genatowski ein Experiment gestartet: Sie teilt ihr Zuhause für ein Jahr mit „Tova“, einem humanoiden Roboter der Firma Unitree. Statt unter sterilen Laborbedingungen untersucht Genatowski die Koexistenz von Mensch und Maschine im wirklichen Leben.

Dabei geht es der Doktorandin nicht primär um die technische Leistungsfähigkeit der Hardware, sondern um die Fragen, wie sich der private Rückzugsort und unsere Routinen verändern, wenn eine verkörperte künstliche Intelligenz plötzlich als Mitbewohner am Frühstückstisch steht. Bei der TEDAI Vienna sprach die aus den USA stammende Forscherin über die Erfahrungen mit dem Experiment.


brutkasten: Was war deine ursprüngliche Motivation, dieses Experiment zu beginnen?

Emily Kate Genatowski: Am Anfang stand etwas sehr Simples: Ich sah auf TikTok ein Video über Firmen, die Haushaltsroboter für den Massenmarkt entwickeln. Ich wollte früh dabei sein, aus reiner Neugier als Konsumentin. 

Ich schrieb den Unternehmen – auch, weil ich einen sehr kleinen Hund habe – und fragte: Wie interagieren die Roboter mit Haustieren? Antwort: Wissen wir nicht. Und mit Babys oder Kleinkindern, die viele meiner Freundinnen haben? Wissen wir nicht. Ich sammle antike, fragile Dinge – wie geht der Roboter damit um? Wissen wir nicht. Gleichzeitig zielten die Firmen auf den Massenmarkt. 

Daraus ergab sich für mich die Erkenntnis einer Forschungslücke: Die Ingenieursarbeit konzentriert sich auf Skills und Funktionalität, während die Frage der Integration in reale Lebenswelten – in Wohnungen, Familien, Nachbarschaften – kaum parallel erforscht wird. Aus dem Konsumenteninteresse wurde so eine Forschungsidee.

Ist dieses „Wir wissen es nicht“ deiner Meinung nach sinnbildlich dafür, wie Technologien oft eingeführt werden – schnell, leistungsfähig, aber mit wenig Blick auf kulturelle und rechtliche Folgen?

Das ist historisch gesehen häufig so: Technologie schreitet voran, Kultur und Recht laufen hinterher. Dann regulieren wir rückwirkend und im Stress. Gerade weil die Entwicklung von Robotik Zeit braucht, haben wir diesmal den Vorteil, vorausdenken zu können. 

Wir sollten heute die Gespräche führen, die uns in einigen Jahren ohnehin aufgedrängt würden – aber ruhig und praktisch statt im Modus des Spektakels. Denn der Diskurs ist derzeit stark von Sensationslust geprägt, egal ob euphorisch oder apokalyptisch. Über Steuern, Haftung, Transportregeln zu sprechen, klingt weniger „sexy“, ist aber genau das, was wir brauchen, wenn Integration gelingen soll. Ich versuche, dem vorauszugehen, damit wir nicht wieder nur hinterherregulieren.

Wer sollte diese Gespräche anstoßen – die Unternehmen, die Politik, die Wissenschaft, die Bürgerinnen und Bürger?

Alle – und ich selbst. Ich mache den Unternehhmen keinen Vorwurf: Sie reagieren auf Anreize, sie sollen gute Produkte bauen und verkaufen. Ich wünsche mir, dass Gesetzgeber früher und neugieriger einsteigen. Gleichzeitig möchte ich mehr Menschen befähigen, sich einzumischen. Weil viele nie mit Robotik in Berührung kommen, glauben sie, ihre Stimme zähle nicht. Um das zu ändern, schaffe ich Erlebnisse. 

Ein Beispiel: In einem beliebten Matcha-Café haben wir als Versuch für einen Tag den Lieblingsbarista vieler junger Stammkundinnen durch den Roboter „ersetzt“. Plötzlich stand Arbeitsverlagerung ganz konkret im Raum – und damit Fragen nach Besteuerung und Regeln. Indem man Routinen unterbricht, bekommen Menschen einen Impuls, ihre Perspektive zu artikulieren. 

Robotik ist eine Systemfrage: Auch wer keinen Roboter besitzt, wird von Standards betroffen sein – kommunal, national, gesellschaftlich. Entsprechend breit müssen die Stimmen sein.

Wird die Debatte deiner Meinung nach derzeit zu sehr von Expertinnen und Experten aus dem Tech-Bereich dominiert?

Natürlich brauchen wir Expertise. Aber bei der Integration sind alle betroffen, und deshalb sollten auch alle gehört werden – auch Menschen, die KI ablehnen, die Angst davor haben oder die schlicht nicht wissen, was sie davon halten sollen. 

Wenn ich mit Kindern, Seniorinnen und Senioren oder erklärten KI-Skeptikern auf der Straße ins Gespräch komme, gewinne ich wertvolle Einsichten. Körperliche Präsenz – ein Roboter, dem man begegnet – verändert die Gesprächsbereitschaft. Viele nehmen dieses Erlebnis mit an den Küchentisch, ins Büro oder zu den Enkeln und diskutieren weiter. Genau das wünsche ich mir.

Seit den rasanten technologischen Entwicklungen  – wie blickst du darauf?

Sicherheit ist eines der wenigen Felder, in dem Befürworter und Kritiker oft gemeinsam am Tisch sitzen. Für mich ist sie Alltag, und zwar in doppelter Hinsicht: Datensicherheit und physische Sicherheit. Ich nenne das gern „globale Verflechtung“. Ich bin US-Amerikanerin, lebe in Europa und arbeite mit einem chinesischen Roboter. 

Um mit der DSGVO und dem EU AI Act konform zu sein, musste ich das System anpassen. Das Ergebnis: deutlich höhere Sicherheit – bei teils geringerer Performance als bei einem identischen Gerät, das in China „out of the box“ genutzt werden würde. Würde ich den Roboter in die USA schicken, käme ein anderer Katalog an Vorgaben dazu. 

Zusätzlich bringt verkörperte Intelligenz physische Risiken mit sich. Deshalb nutze ich ausschließlich den Fernsteuerungsmodus: Der Roboter bewegt sich nicht, wenn ich ihn nicht bewege. Es gibt drei Betriebsarten, aber ich bleibe bewusst im ersten. Das EU-Regelwerk bietet außerdem besonderen Schutz für Kinder und ältere Menschen.

Eine meiner liebsten Erinnerungen ist ein Experiment mit den Kindern einer Kollegin: Wir führten den Roboter spielerisch ein – konnten sie sich wie der Roboter zusammenfalten wie in der Transportbox? Fühlt sich die Maschine eher kalt oder warm an? So entstehen sichere, niedrigschwellige Erstkontakte. Vor diesem Projekt habe ich primär mit großen Sprachmodellen gearbeitet; jetzt trage ich Verantwortung für Körperliches und für Daten – beides gehört zur Sicherheitsfrage.

Werden Kinder, die mit Robotern aufwachsen, natürlicher mit ihnen umgehen als wir?

Das passiert jetzt chon. Ich habe Freunde, die den Roboter nach sechs, sieben Monaten noch nie berührt haben – andere wechseln die Straßenseite. Kinder dagegen sind meist neugierig und unbefangen. Wie bei digitalen Technologien: Wer als „Digital Native“ aufwächst, gewöhnt sich an Neues. Technik wird mit der Zeit gewöhnlich, wie die Konferenzleiterin Alina oft betont. 

Das Telefon, mit dem ich den Roboter steuere, war vor wenigen Jahren für mich ein Geniestreich – heute ist es Alltag. Ich wünsche mir, dass wir vor dieser Gewöhnung die praktischen Fragen klären, ohne in Übertreibungen zu verfallen.

Hat sich der Umgang mit dem Roboter mit der Zeit natürlicher angefühlt – oder bleibt es ungewohnt?

Es bleibt ungewohnt, und das ist in meinem Setup völlig in Ordnung. Ich bin ein Early Adopter und habe mich nicht dafür entschieden, den Roboter zu kaufen um mir Hausarbeit abzunehmen. Mir geht es um Integration, Regeln, Verantwortlichkeiten – das kann ich erforschen, ohne dass er mein Geschirr spült. Ich komme gut ohne diese Funktionen aus. Mir ist wichtiger, wo genau es Probleme gibt: beim Ticket in der Straßenbahn, an der Treppe, bei der Versicherungspolice.

Würdest du unseren Leserinnen und Lesern empfehlen, sich selbst einen Roboter anzuschaffen?

Nein. Ich würde im Moment eher empfehlen, neugierig zu werden – und im Alltag kluge, gern auch witzige Fragen zu stellen. Muss ein Roboter in der Straßenbahn ein Ticket lösen? Wenn ein Roboter bei einer Party die Lieblingsvase einer Freundin umstößt: Wer zahlt? Welche Versicherung greift? Wie besteuert man Roboter-Arbeit? Solche Gespräche bringen uns weiter als die große Erzählung vom Roboterapokalypse- oder Heilsversprechen. Einen Roboter nach Hause holen kann man später immer noch. Bis dahin schaffen wir das Abwaschen selbst.

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© Wiener Börse/Nik Pichler

Österreichische Unternehmen setzten im bisherigen Jahresverlauf 2026 positive Impulse am Kapitalmarkt, auch wenn die Belebung noch nicht alle Marktsegmente erfasste. Wie das aktuelle IPO Barometer der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY zeigt, stehen vier Neuzugänge an der Wiener Börse, ein neuer ATX-Rekord sowie zwei Börsengänge österreichischer Unternehmen im Ausland zu Buche.

Die zwei Auslands-Listings waren das Unternehmen Asta Energy, das im Jänner in Frankfurt an die Börse ging, sowie Innio Jenbacher mit dem Börsengang im Juni an der Nasdaq. Parallel dazu entwickelte sich der heimische Aktienmarkt stark: Der ATX inklusive Dividenden erreichte am 28. September mit 17.618,00 Punkten ein neues Allzeithoch und liegt seit Jahresbeginn mehr als 30 Prozent im Plus.

Vier Neuzugänge an der Wiener Börse

Am österreichischen Kapitalmarkt verzeichnete die Wiener Börse im laufenden Jahr vier Neuzugänge. Mit dem Handelsstart der Biogena Good Vibes AG am 10. September im Segment direct market plus kam der vierte Neuzugang an die Börse – brutkasten berichtete. Dem Listing ging eine außerbörsliche Kapitalerhöhung mit öffentlichem Aktienangebot voraus. Laut Unternehmensangaben zeichneten mehr als 2.300 neue Aktionär:innen Aktien, wobei sich der Mittelzufluss auf fast 18 Mio. Euro belief. Zuvor gingen dieses Jahr die Emerald Horizon AG im standard market (brutkasten berichtete), die FIT Group AG im direct market plus und die K2G Holding AG im direct market an den Wiener Markt.

Ein klassischer IPO eines österreichischen Unternehmens im geregelten Markt wurde im dritten Quartal hingegen nicht verzeichnet. Seit Anfang Juli ist der direct market plus zudem als EU-KMU-Wachstumsmarkt registriert, was insbesondere Wachstumsunternehmen und KMU den Zugang zum Kapitalmarkt erleichtern soll.

„Für nachhaltige Belebung des IPO-Markts braucht es gut vorbereitete Pipeline börsenreifer Unternehmen“

„Das dritte Quartal zeigt ein differenziertes Bild: Ein klassischer IPO im geregelten Markt blieb zwar aus, zugleich belegen die Neuzugänge und insbesondere das zusätzliche Listing von Biogena, dass der Kapitalmarkt auch für österreichische Wachstumsunternehmen eine relevante Finanzierungsoption sein kann. Dass mehr als 2.300 neue Aktionärinnen und Aktionäre gewonnen und fast 18 Millionen Euro eingeworben wurden, ist ein positives Signal für die Mobilisierung privaten Kapitals“, analysiert Martina Geisler, Partnerin und Leiterin IPO bei EY Österreich.

„Für eine nachhaltige Belebung des heimischen IPO-Markts braucht es nun eine gut vorbereitete Pipeline börsenreifer Unternehmen. Entscheidend sind eine überzeugende Equity Story, transparente Governance, realistische Bewertungsvorstellungen und die Bereitschaft, den Kapitalmarkt frühzeitig in die Wachstumsstrategie einzubinden. Der EU-KMU-Wachstumsmarkt kann dabei helfen, die Einstiegshürden für kleinere und mittlere Unternehmen zu senken“, so Geisler weiter.

Wer den Kapitalmarkt in Betracht ziehe, müsse daher „frühzeitig Börsenreife herstellen und seine Equity Story klar auf die Bedürfnisse eines internationalen Investorenkreises ausrichten“, heißt es von EY.

Erweiterung im global market

Neben den Neuzugängen erweiterte die Wiener Börse am 9. September den global market – das Handelssegment für bereits an anderen Börsen notierte internationale Aktien – um 45 Titel aus dem Nasdaq 100 und dem S&P 500. Damit sind dort nun erstmals mehr als 1.000 internationale Wertpapiere in Euro, zu Inlandskonditionen und während der Wiener Börsenzeiten handelbar. Bei diesen Einbeziehungen handelt es sich nicht um österreichische IPOs.

Im weltweiten Vergleich blieben die IPO-Märkte im dritten Quartal 2026 mit 367 Börsengängen nahezu stabil (Vorjahresquartal: 374), während das Emissionsvolumen um 79 Prozent auf 93,3 Mrd. US-Dollar stieg. „Die hohen Emissionsvolumina dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erholung des IPO-Markts noch nicht in der Breite angekommen ist. Das dritte Quartal wurde stark von wenigen sehr großen Transaktionen geprägt“, erläutert Geisler.

Weltweit entfielen im dritten Quartal rund 75 Prozent des Platzierungsvolumens auf die Branchen Advanced Manufacturing und Technology. Getragen werde der Markt laut EY von Equity Stories, die auf kritische Infrastruktur und Energie, KI und Robotik sowie Verteidigung einzahlen.

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