15.07.2025
CORPORATE VENTURING

Eine Frage des Mindsets

Wie gelingt Innovation in etablierten Unternehmen? Hinter allen Maßnahmen und Programmen brauche es vor allem die richtige Einstellung, meinen Stanford-Professor Ilya Strebulaev und McKinsey-Senior-Advisor Alex Dang: das "Venture-Mindset". Im Rahmen der brutkasten-Serie "Corporate Venturing" waren die beiden Autoren gemeinsam mit Franz Zöchbauer, Managing-Director von Verbund X Ventures, zu Gast im brutkasten-Studio.
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vlnr.: brutkasten-CEO Dejan Jovicevic, Stanford-Professor Ilya Strebulaev, McKinsey-Senior-Advisor Alex Dang und Franz Zöch- bauer, Managing-Director von Verbund X Ventures | (c) brutkasten
vlnr.: brutkasten-CEO Dejan Jovicevic, Stanford-Professor Ilya Strebulaev, McKinsey-Senior-Advisor Alex Dang und Franz Zöch- bauer, Managing-Director von Verbund X Ventures | (c) brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Juni 2025 “Neue Welten” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.

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Sie kommen regelmäßig, und sie sind nicht zu überhören: die Rufe nach Innovation in etablierten Unternehmen. Der Wille ist da, das Budget sehr oft auch. Und doch will es vielfach nicht so recht funktionieren. Woran liegt das?

Geht es nach Stanford-Professor Ilya Strebulaev, Professor für Private Equity und Finance an der US-Elite-Uni, und Alex Dang, Senior Advisor bei McKinsey und ehemaliger Senior Product Manager bei Amazon, ist die Antwort einfach: Es ist eine Frage der Einstellung. Die beiden legten mit dem Buch „The Venture Mindset“ eine konkrete Anleitung vor, mit der es gelingen soll. In den USA wurde das Buch zum Bestseller.

Der Grundgedanke ist dabei schnell erklärt: Etablierte Unternehmen müssen Denk- und Entscheidungsweisen von Venture Capitalists – zu deutsch: Risikokapitalinvestor:innen – anwenden, um innovativ zu bleiben und neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Es geht also, wie man bereits erahnen kann, darum, Risiken in Kauf zu nehmen – aber nicht nur; und auch nicht in allen Unternehmensbereichen.

„Im Kerngeschäft, wo man eine gewisse Stabilität und Vorhersehbarkeit hat, ist ein ‚traditionelles Mindset‘ nicht nur anwendbar, sondern sogar empfehlenswert. Überall, wo man es jedoch mit Unsicherheit zu tun hat und nicht vorhersehen kann, was nächstes Jahr passiert, ist das Venture-Mindset entscheidend“, meint Alex Dang im Gespräch mit brutkasten.

„Double down or quit“

Ein Prinzip sei dabei etwa „double down or quit“. Dang erklärt: „Man geht Wetten ein und verfolgt deren Entwicklung mit. Je nachdem werden einige davon gekillt, die anderen verfolgt man umso entschlossener weiter.“ Als Beispiel bringt er den Aufbau der Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS) seines früheren Arbeitgebers Amazon: „Es ist die Profit-Maschine des gesamten Unternehmens geworden. Ob es jetzt ‚New Business‘ oder Kerngeschäft ist, kann man nicht mehr sagen. Aber es ist das, was passiert, wenn man ein neues Geschäftsfeld von innen heraus entwickelt und wachsen lässt.“

Wichtig sei diese „Double down or quit“-Strategie, weil sie gegen „eines der allergrößten Probleme in großen Organisationen“ wirke, erklärt Ilya Strebulaev: die „Escalation of Commitment“, also das Festhalten an Projekten, obwohl diese nicht erfolgreich sind. Ein Projekt nicht aufzugeben, in das bereits viel Geld und Zeit geflossen ist, klinge zunächst nachvollziehbar, „ist es aber nicht – ist es ganz einfach nicht!“, betont Strebulaev. Man müsse erfolglose Projekte loslassen, um Ressourcen für erfolgreiche frei zu machen. Um die Strategie umzusetzen, könne man ebenfalls ein Prinzip aus dem Venture-Capital-Bereich anwenden.

Genau das tut Franz Zöchbauer, Managing Director bei Verbund X Ventures, der Startup-Beteiligungsgesellschaft von Österreichs größtem Energieversorger Verbund. Er nutzt in seiner Organisation aktiv das Buch „The Venture Mindset“, erzählt er im brutkasten-Talk, und er wendet eines der Prinzipien der „Double down or quit“-Strategie an. „Wir haben ein Rotationsprinzip bei Follow-on-Investments: Der Investmentmanager, der die erste Finanzierungsrunde geleitet hat, leitet die zweite nicht mehr, weil er zu ‚verliebt‘ sein und dabei Probleme übersehen könnte“, erklärt Zöchbauer.

Und er berichtet von einem weiteren „The Venture Mindset“-Prinzip, das er direkt anwendet und das „sehr leicht zu implementieren“ sei: „Juniors speak first“. „Zu Beginn eines Meetings schauen alle immer auf mich und warten darauf, dass ich oder ein anderer aus dem Management etwas sagen. Jetzt verweise ich immer auf das Buch und sage, dass ich der Letzte in der Runde bin, der spricht, und die Juniors beginnen. Das bringt andere Perspektiven“, sagt der Verbund-X-Chef. Denn, so die grundlegende Erkenntnis hinter dem Prinzip: Wenn die Seniors bereits ihre Ansichten dargelegt haben, trauen sich die Juniors nicht mehr, entgegengesetzte Meinungen zu äußern.

„Conviction beats Consensus“

Genau diese unterschiedlichen Meinungen stehen im Zentrum eines weiteren Prinzips: „Conviction beats Consensus“. „Ich habe mir die Geschichte einer der bekanntesten Venture-Capital-Firmen mit ihren Hunderten Investments angesehen: Bei jedem einzelnen Investment, das sich als besonders erfolgreich herausstellte, war zu Beginn die Mehrheit der Partner dagegen. Währenddessen wurde kein einziges Investment, bei dem sofort Einigkeit herrschte, zum wirklich großen Deal“, erzählt Ilya Strebulaev.

Alex Dang führt aus: „Wenn du nach Ausreißern suchst, wenn du das nächste Unicorn, das nächste Amazon, Google oder Apple finden willst, muss manchmal eine einzelne Person die Wette machen. Denn per definitionem kann ein Ausreißer nicht von allen verstanden und befürwortet werden, sonst wäre er kein Ausreißer.“

Um dieses Prinzip umzusetzen, brauche es wiederum eine konstruktive Scheiterkultur und ein „Safe Failure Environment“. „Wenn du nie scheiterst, hast du höchstwahrscheinlich nicht in genügend innovative Projekte investiert“, sagt Strebulaev. Dang ergänzt: „Die größte Angst von Venture Capitalists ist nicht, mit den gescheiterten Startups Geld zu verlieren, sondern das nächste Google oder Amazon zu verpassen.“

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Die Gründer Rafael Schwarz und Philipp Linsbichler vor einem Sammelmodul | © Social Cycle

Jeder kennt es: Der Softdrink ist getrunken und übrig bleibt nur die leere Plastikflasche. Was soll man mit ihr machen? Wegwerfen und so Pfandsammlern die Arbeit erschweren oder doch bis zum nächsten Supermarkt gehen und dort die Flasche ordnungsgemäß retournieren? Genau diesem Problem nehmen sich die beiden Gründer von Social Cycle, Rafael Schwarz und Philipp Linsbichler, an. Sie haben ein System zum Pfandsammeln entwickelt, das herkömmliche Pfandringe ersetzen soll. Laut den Gründern ist es u.a. flexibler einsetzbar, sauberer und billiger.

Sammeln mit einer Röhre

Social Cycle setzt auf eine röhrenartige Konstruktion, in die leere Flaschen und Dosen gesteckt werden können. Ihr Sammelsystem ist wesentlich günstiger als herkömmliche Pfandringe. „Unser System kostet zwischen 79 und 99 Euro. Die Pfandringe kosten alleine in der Produktion schon 300 Euro, mit genau der gleichen Kapazität an Flaschen. Außerdem spart man sich die Montage“, sagt der Unternehmensberater. Die Sammelkonstruktionen von Social Cycle werden nämlich nur mit Schellen fixiert, was für zusätzliche Flexibilität sorge. „Du kannst dann einfach die Module z.B. vom Bahnhof abmontieren und dann bei einem Fest montieren“, erklärt Schwarz.

Zudem sei die Reinigung wesentlich einfacher als bei allen anderen Systemen am Markt. Weiters passen die Module laut dem Co-Founder besser ins Stadtbild als bisherige Sammelsysteme. „Wir haben auch das Feedback bekommen, dass es einfach viel besser im öffentlichen Raum ausschaut, was natürlich eins der größten Probleme bei den Pfandringen ist“, erklärt Schwarz.

So sehen die Sammelmodule von Social Cycle aus. | © Social Cycle

Wien als nächstes Ziel

Social Cycle ist bereits an über 150 Standorten in Österreich und Deutschland vertreten, unter anderem in Bregenz, Steyr und Kahl am Main. Nur in Wien fehlen noch jegliche Pfandsammelsysteme. Auf brutkasten-Anfrage erklärt das Büro des Wiener Klimastadtrats Jürgen Czernohorszky (SPÖ), dass Pfandsammelsysteme auch zur „Ablagerung sonstiger Abfälle“ verwendet würden, was zu höheren Reinigungskosten führe.

„Dabei haben wir eben unser System genau so entwickelt, dass es dieses Problem nicht gibt“, erklärt Schwarz. Ab September gebe es erneut Gespräche mit der SPÖ, den NEOS und den Grünen. Der 25-Jährige ergänzt: „Wir rechnen zu 100 Prozent mit einem positiven Ausgang. Wir sind wirklich überzeugt, dass es einfach eine perfekte Lösung auch für Wien ist.“

Dem Büro des Klimastadtrats sind Gespräche im Herbst nicht bekannt. Es erklärt, dass das Einwegpfand u. a. das Ziel verfolge, Getränkeverpackungen in den Recyclingkreislauf zurückzuführen. „Die Einführung von Pfandsammelbehältnissen würde diesem Grundgedanken entgegenstehen, da dadurch ein Anreiz entstehen kann, Pfandgebinde bewusst im öffentlichen Raum zurückzulassen und deren Rückführung auf Dritte zu verlagern“, ergänzt das Büro.

Präsenz in ganz Europa

Das im März 2026 gegründete Unternehmen finanziert sich mittels Bootstrapping. Investoren soll es keine geben. Als Kunden kommen für Social Cycle Städte, Gemeinden und Abfallverbände in Frage. Die Gründer wollen ihr Produkt durch konstantes Feedback verbessern und sich so gegenüber ihrer Konkurrenz durchsetzen. Dabei setzen sie auf Mundpropaganda, Medienberichte und die eigene Kommunikation z.B. mittels Mails. Schwarz und Linsbichler denken trotz langsamen Wachstums bereits an die nächsten großen Schritte. Das Startup soll u.a. nach Holland und Irland expandieren und seine Präsenz in Deutschland verstärken. Schwarz möchte mit dem Pfandsammelsystem auch in Hamburg und Berlin vertreten sein. „Unser Ziel ist es wirklich, dass unsere Module in die Infrastruktur eingebunden sind wie Mistkübel, in ganz Europa“, stellt der Co-Founder fest.

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